Chaos as usual

Chaos as usual

Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Too much information und statistische Normaldepression

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Folgt man dem Soziologen Niklas Luhmann, dann beziehen wir unser Wissen über die Welt aus den Massenmedien: Sie zeigen der Gesellschaft „wie die Welt gelesen wird", was in der Welt von Bedeutung ist. Sie stellen das allgemeine Orientierungswissen bereit. Gleichzeitig begründen die Massenmedien auch eine neue Zeitsemantik: Die Gegenwart verliert ihre Bedeutung, sie schrumpft gleichsam zu einem bloßen Umschlagspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft; sie hat keinen eigenen Raum mehr, keine Dauer und auch keine Stabilität. Mit jeder weiteren Entfaltung der Massenmedien wird die Gesellschaft daher auch unruhiger, unsicherer, unsteter, eiliger - sie wird durch die Massenmedien zunehmend temporalisiert. Die traditionelle Vergangenheits- und Geschichtsorientierung wird durch eine Fixierung auf die Zukunft als primär sinngebendes Element abgelöst, die „Neuheit" als entscheidender Wert entdeckt. Zeit ohne Dauer im „Jetzt" bedeutet aber: „Man hat buchstäblich keine Zeit mehr" - charakteristisch für unsere moderne Gesellschaft.

Folgt man dem Soziologen Niklas Luhmann, dann beziehen wir unser Wissen über die Welt aus den Massenmedien: Sie zeigen der Gesellschaft „wie die Welt gelesen wird“, was in der Welt von Bedeutung ist. Sie stellen das allgemeine Orientierungswissen bereit. Gleichzeitig begründen die Massenmedien auch eine neue Zeitsemantik: Die Gegenwart verliert ihre Bedeutung, sie schrumpft gleichsam zu einem bloßen Umschlagspunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft; sie hat keinen eigenen Raum mehr, keine Dauer und auch keine Stabilität. Mit jeder weiteren Entfaltung der Massenmedien wird die Gesellschaft daher auch unruhiger, unsicherer, unsteter, eiliger – sie wird durch die Massenmedien zunehmend temporalisiert. Die traditionelle Vergangenheits- und Geschichtsorientierung wird durch eine Fixierung auf die Zukunft als primär sinngebendes Element abgelöst, die „Neuheit“ als entscheidender Wert entdeckt. Zeit ohne Dauer im „Jetzt“ bedeutet aber: „Man hat buchstäblich keine Zeit mehr“ – charakteristisch für unsere moderne Gesellschaft.

Bedingt wird diese Temporalisierung nicht alleine durch technische Neuerungen, sondern vor allem durch den „Code“ der Massenmedien, welchen diese heranziehen, um aus der Vielschichtigkeit und Komplexität des Weltgeschehens ihre Nachrichten und Berichte zu selektieren. Er unterscheidet lediglich in „Information“ oder „Nicht-Information“: Was als „Information“ betrachtet wird, kommt für die Berichterstattung in Frage, „Nicht-Informationen“ hingegen bleiben unberücksichtigt. Gleichwohl sind letztere natürlich der Teil der Realität, die zugrundeliegenden Ereignisse haben durchaus stattgefunden; nur sind sie für die Berichterstattung der Massenmedien nach deren eigenen Selektionskriterien nicht geeignet. Indem die Massenmedien diese Auswahl treffen, berichten sie in Wahrheit nicht die Realität, sondern sie „konstruieren“ sie, und zwar nach ihren Vorstellungen. Dabei halten sie sich zwar an eine ganze Reihe von allgemein verbindlichen Richtlinien und Gesetzen, sind natürlich zuvorderst dem „Wahrheitsgebot“ verpflichtet, aber dennoch: Die Schlagzeilen und Titelseiten bestehen nicht alleine aus dem, was „wahr“ ist, sondern gehorchen einer Reihe weiterer, spezifischer Selektionskriterien. Neben „Neuheit“ hat so z.B. auch alles, was nach „Konflikt“ riecht oder sich als spektakuläre Quantität berichten lässt, gut Chancen auf Aufnahme in den Newsflow, von den „Tausenden Todesopfern“ bis zum „10-Prozent-Kurssturz im Dow Jones“.

Indem die Medien ihre Nachrichten also dergestalt selektieren und berichten, werden Informationen „verbraucht“ und sind als solches nicht mehr nutzbar: Eine bereits gebrachte Nachricht ist bekanntlich „Schnee von gestern“. Das System der Massenmedien erzeugt damit seine eigene Dynamik, vernichtet ständig seine eigene Währung und schafft dadurch Bedarf an immer mehr und neuer Münze: Information verursacht Informationsdefizit, die ständige Umwandlung von Information in Nicht-Information verursacht einen Sog, der die Produktion von immer neuen Informationen anheizt. Indem die Massenmedien primär nach dem Kriterium der Neuheit selektieren, und das immer schneller, wird gleichsam „Tempo“ für die Gesellschaft zum Lebensprinzip. Es sind also keineswegs die Inhalte, über die berichtet wird, welche die Zeitsemantik ändern, sondern die Medien selbst, durch die Art und Weise, wie sie berichten. Im Zeitalter der elektronischen Medien und vor allem des Internets erfährt diese Entwicklung ihren vorläufigen Höhepunkt, selbst auf dem entlegendsten Bergbauernhof in den Alpen ist die einstige Beschaulichkeit ohne große Umschweife gegen ein post-modernes Lebensgefühl mit Realtime-Kursen von der New York Stock Exchange perfekt eintauschbar, und das Karibik-Ressort, von dem aus ich diesen Text gerade tippe, verfügt selbstverständlich neben 192 Fernsehkanälen über 4Mbit-Internetanschluß für alle. „Hinter den vieldiskutierten Eigenarten moderner Zeitstrukturen, wie Dominanz des Vergangenheit/Zukunft-Schemas, Uniformisierung der Weltzeit, Beschleunigung, Ausdehnung der Gleichzeitigkeit auf Ungleichzeitiges stehen also vermutlich neben der Geldwirtschaft die Massenmedien“, schreibt Luhmann. Zeit wird zur dominierenden Sinndimension, alles wird immer schneller, die „alten Wahrheiten“ besitzen keine Gültigkeit mehr, die Lebensdauer von Konventionen wird dramatisch verkürzt. Und dies in einem Nachrichtenumfeld, das aufgrund der oben dargestellten Selektionsmechanismen der Massenmedien ohnehin ständig Unruhe erzeugt. Ergebnis: Die Gesellschaft verfällt, in Luhmanns eigenen Worten, in eine Art „statistische Normaldepression“.

Mit einem derartigen Gemütszustand als Handicap, konfrontiert mit einer nicht enden wollenden und immer schneller brandenden Flut erratischer Nachrichten, trifft der moderne Medienkonsument nun Entscheidungen über seine Zukunft; vor allem: Wirtschaftliche Entscheidungen. Für die sind – das wissen wir spätestens seit Keynes – zwar die langfristigen Erwartungen ausschlaggebend. Nur: für deren Bildung verlässt der vernünftige Mensch sich üblicherweise nicht auf Ungewisses, sondern lässt sich in beträchtlichem Maße von Faktoren leiten, hinsichtlich derer er sich einigermaßen zuversichtlich fühlt; und das sehr wohl in dem Wissen, dass sie für das zukünftige Ergebnis einer gegenwärtigen Entscheidung von weniger ausschlaggebender Bedeutung sein mögen, als andere Faktoren, über die unsere Kenntnis jedoch unbestimmt und spärlich ist. Aus diesem Grunde werden aktuelle Gewißheiten unverhältnismäßig in die Bildung unserer langfristigen Erwartungen einbezogen, indem wir unsere gegenwärtige Lage in die Zukunft verlängern, und die solcherart gemachte Projektion nur in dem Maße abändern, in welchem wir hinreichend bestimmte Gründe für die Erwartung einer Änderung haben. Mit anderen Worten: Der Zustand unserer langfristigen Erwartungen stützt sich weniger auf die wahrscheinlichste Voraussage, die wir über die Zukunft machen können, sondern primär auf das Vertrauen, das wir dieser Voraussage entgegenbringen. „Wenn wir große Änderungen erwarten, aber recht unsicher über die genaue Art dieser Änderungen sind, dann wird unser Vertrauen nur schwach sein“, schreibt Keynes.

Wegen der Unsicherheit über die Zukunft steht die Bildung von langfristigen Erwartungen daher ohnehin schon auf einem recht unsoliden Fundament. Doch durch die oben angesprochene „statistische Normaldepression“ und die Temporalisierung der Gesellschaft wird dieses Fundament noch weiter geschwächt: In Abwesenheit einer objektiven Basis für die Einschätzung der Zukunft erfordert nämlich jegliche Notwendigkeit zu längerfristigem Handeln den Rückgriff auf Konventionen oder besser: „Schemata“, wie sie Luhmann nennt, standardisierte, griffige Wahrheiten aus dem Fundus des gesellschaftlichen Hintergrundwissens, wie es durch die Massenmedien auf die oben skizzierte Art und Weise geschaffen wird, und wie es bei Bedarf immer wieder erneut abgerufen werden kann. Üblicherweise wirken derartige Konventionen oder Schemata stabilitätsfördernd, was mitunter an der Börse dazu führt, dass der „Trend“ tatsächlich „your friend“ wird. In dem Ausmaß aber, wie sich durch die Evolution der Massenmedien derartige Schemata als zunehmend kurzlebig herausstellen, ist die Sache aber mitunter schon wieder gelaufen, bevor man richtig von ihr Notiz genommen hat.

Und darin besteht das eigentliche Problem unserer modernen Gesellschaft: Indem wir die Temporalisierung auf die Spitze getrieben haben, alles nur noch in „real-time“ bei globaler Gleichzeitigkeit wahrgenommen wird, erhöhen wir notwendigerweise auch die Volatilität in all den Zusammenhängen, bei denen wir traditioneller Weise auf Beständigkeit setzen: Von der Berufswahl über partnerschaftliche Beziehungen, Hypothekenverträge und Rentensparpläne. Oder anders gesagt: Über die unmittelbare Wirkung, die unsere gegenwärtige, statistische Normaldepression auf die Bildung unserer langfristigen Erwartungen entfaltet, haben wir uns die Krise gewissermaßen selbst „herbeigeschrieben“. Nota bene: Nicht aus böser Absicht oder geheimnisvollen, verschwörerischen Hintergedanken: Sondern weil wir als Medienkonsumenten an immer neueren und immer schnelleren Informationen interessiert sind, als Menschen aber offenbar beides nur bis zu einem gewissen Grad verarbeiten können.

Große Krisenchroniker wie Kindleberger oder Minsky stellten unisono fest, dass sich die Finanzkrisen und Crashs seit Mitte der 80er-Jahre auffallend häufen und an Schwere zunehmen. Beide konnten die aktuelle Krise nicht mehr erleben und die wenige Jahre früher stattfindende Implosion der „New Economy“ auch nicht; aber sie wären wohl selbst verblüfft gewesen angesichts des Umstandes, dass zwei so bedeutende Einbrüche in einem Zeitraum von weniger als 5 Jahren auftreten. Zweifellos ließen sich eine Menge Gründe dafür ausmachen, von der Politik des leichten Geldes über den Leichtsinn gewisser Banker bis hin zu vollständig liberalisierten Finanzmärkten, und eindeutige Kausalitäten lassen sich nur schwer nachweisen. Aber die zunehmende Temporalisierung der Gesellschaft durch die Massenmedien scheint mir ein mindestens ebenso plausibler Grund zu sein. Womöglich leiden wir unter „too much information“, jedenfalls mehr, als für eine gedeihliche Wirtschaftsentwicklung gut wäre. Da wir das System der Massenmedien aber nicht zurückdrehen können, und ziemlich sicher auch nicht wollen, wird sich an diesem Zustand jedoch kaum was ändern. Im Gegenteil: eine weitere Entfaltung der Massenmedien, in welcher konkreten Form auch immer, verspricht sogar ein noch höheres Tempo in sozialen und wirtschaftlichen Vorgängen. Sieht daher in meinen Augen ganz danach aus, als müssten wir uns wohl oder übel auf bleibende wirtschaftliche Volatilität einstellen. Auch in dieser Hinsicht scheint der Weg „zurück in die gute, alte Zeit“ versperrt, die Jahrzehnte alten Paradigmen eines Benjamin Graham oder Warren Buffett unter Umständen obsolet.


57 Lesermeinungen

  1. lemming sagt:

    @devin08 & website
    Da schau...

    @devin08 & website
    Da schau einer an! Da lese ich mit Interesse und Vergnügen Ihre Beiträge und bemerke erst jetzt, dass Sie sie unter der angegebenen URL zu einem zeitüberdauernden Gesamtwerk patchworken. Ein Patchwork mit Tiefensinn und Tiefendimension, ein Oxymoron also. An Ihnen ist ein Chefredakteur verloren gegangen. Einer von denen, die noch wussten, wo’s langgeht. Schade. Aber dann auch wieder nicht… denn diese Sachen mit „dem Wert“, der „Selbstverwertung des Werts“ und dem „Wert außerhalb des Wertes“, die sind dann doch, einfach, nur: schlechte Metaphysik, ein metaphysisches Geräusch im Rauschen der großen Informationskanalisation, das eben – as usual – nur sich selber affirmiert.

  2. Großes Lob an diesen...
    Großes Lob an diesen Artikel.
    kritisieren will ich nur, dass die Darstellung der Medien und der Medienkonsumenten zu homogen ist. Genauso wie sich bei jedem Menschen zu einer anderen Zeit ein Interesse an Informationen anderer Art konstituiert, so entstehen auch die Texte der Schriftsteller je nach Branche und Genre für das er schreibt. Wenn ich für einen Nachrichtensender arbeite, werde ich vermehrt mit brandneuen Nachrichten arbeiten und diese verbreiten, während schon bei Zeitungen die Informationen schon länger aufbereitet und bearbeitet werden können. Bei einer Wochendzeitschrift werde ich als Angestellter viel Ausführlicher recherchieren und Arbeiten.
    Auf der anderen Seite als Medienkonsument suche ich mir je nach Art der Information die ich brauche auch die Informationsquelle, die mir diese Infos am besten gibt. Wenn ich über die aktuelle Lage der Wirtschaftskrise lesen will, nehme ich mir ein Tagesblatt. Wenn ich Wissen zur Wirtschaftskrise haben will kaufe ich mir vielleicht sogar ein Buch darüber usw.
    Wenn ich zu faul bin ein Buch zu lesen werde ich Googeln und Wikipedia benutzen.

  3. Der Norde sagt:

    Klasse, habe seit meinem...
    Klasse, habe seit meinem Studium meinen „Liebling“ Luhmann aus den Augen verloren und ich finde diese Gedankenwelt nach wie vor bestechend.
    NUR: Einen Widerspruch zu Graham und Buffett kann ich beim besten Willen nicht ausmachen. Im Gegenteil. Gerade diese Protagonisten lassen doch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft genau den Platz, der ihnen gebührt. Beispiel? Buffett warnte bereits 1999 in mehreren Interviews und vielzitierten Reden (u.a. vor Bill Gates…), vor der Technologieblase. Dazu las er Unmengen von Zeitungsartikeln und analysierte ganz fundiert die Geschichte der Eisenbahn. Dabei zeigte er auf, dass neue Technologien noch nie ein sich lohnendes Investment waren. Mit anderen Worten: Während die ganze Welt sich in kurzfristigen Börsenmeldungen verlor und spekulierten und während Buffett verlacht wurde, weil er „den Paradigmenwechsel“ verschlafen habe, blieb er ganz ruhig und lies die Finger vom Internethype. Nachzulesen ist das u.a. in der aktuellen Biografie über Buffet („Das Leben ist wie ein Schneeball“)
    Und heute? Wieder wurde Buffett im Herbst letzten Jahres verlacht, weil er Investments tätigte, die in den folgenden Monaten um bis zu 50 Prozent einbrachen. Heute liegen die ersten dieser Investments bereits wieder im Plus.
    Was lernen wir daraus? Genau das, was Sie geschrieben haben: „Temporalisierung“ ist – wenn wir von Investments sprechen – gefährlich. Was zählt ist gutes Handwerk. Und dazu gehört ein Blick in die Geschichte genauso, um daraus zu lernen, sowie ein Blick auf den Ist-Zustand (sprich: die Unternehmensanalyse). Wenn sich aber der tatsächliche innere Wert eines Unternehmens feststellen lässt und die Marktkapitalisierung UNTER diesem Wert liegt, dann hat man ein sich lohnendes Investment vor sich. Das ist so, als könnte man 1-Euro für 50-Cent kaufen. Irgendwann wird der Markt merken, dass das ein lohnendes Geschäft ist und der Euro wird bald für einen Euro verkauft werden. Das ist Buffets denken. Wie sich die Aktienkurse hingegen mittelfristig (auf 5 Jahressicht) entwickeln – und da ist Buffett mit Sicherheit ganz Ihrer Meinung – kann hingegen niemand verlässlich vorhersagen. Ich kann Ihnen jedenfalls nur ans Herz legen, sich mit Buffett auseinanderzusetzen. Ich finde die Gedankenwelt jedenfalls ähnlich faszinierend wie die von Luhmann. Auch, wenn sich diese beiden Philosophien natürlich nicht vergleichen lassen.

  4. Sanne sagt:

    Zitat wgn: "Da wir das System...
    Zitat wgn: „Da wir das System der Massenmedien aber nicht zurückdrehen können, und ziemlich sicher auch nicht wollen …“
    Wieso nicht? Das Internet kann die althergebrachten Massenmedien komplett ersetzen. Im Internet wird man nicht von ausgewählten Informationen berieselt wie beim TV-Glotzen sondern muss selbst entscheiden an welchen Informationen man interessiert ist und muss ebenso entscheiden welche Quellen man für besser oder schlechter hält. Zeitungen sind kaum besser als TV – die Berichten zwar ausführlicher aber die Informationen sind ebenfalls vorselektiert.
    Es wäre m.E. hochgradig wünschenswert sämtliche TV Sender abzuschalten und alle Zeitungshäuser zu schliessen da sie ja ohnehin nur noch zur krassen Manipulation missbraucht werden. Das wird natürlich nicht passieren da die Mächtigen diese Manipulations-Instrumente mit Zähnen und Klauen verteidigen werden. Langfristig ist es aber unvermeidbar: TV und Zeitungen in der heutigen Form werden untergehen. Je schneller das passiert umso besser für uns alle.

  5. reizkoerper sagt:

    Zuviel Information?? Welch...
    Zuviel Information?? Welch gefährliche Suggestion! Damit wird den runden Tischen, Kabinetts- und Ausschussklausuren, vertraulichen Kaffeekränzchen, geheimen Verhandlungen und intransparenten Umtrieben aller Art auch noch Vorschub geleistet!
    Die gegenwärtigen Krisen (ja, Plural!) des Vertrauens, der Rechtschaffenheit wie Rechtmäßigkeit in Wirtschaft und (ja, und!) Politik verdanken sich doch gerade dem unheilvollen Streben, unbeaufsichtigt, unbeobachtet und möglichst unkontrolliert von einer skeptischen und wachsamen Öffentlichkeit, sich so schnell wie möglich so viel wie möglich eigene „Vorteile“ auf Kosten anderer, und in letzter Zeit hauptsächlich auf Kosten der Allgemeinheit (also des demokratischen Souveräns) zu verschaffen!
    Nicht die Medien hetzen und heizen das Tempo an. Sie geben es nicht einmal vor. Die „Macher“ dieses Zuviel an Tempo, die Beherrscher einer Welt, die den Mensch als Mittelpunkt und Maßstab aus den Augen verloren hat – das sind nicht die Berichterstatter. Diese bilden das Elend nur ab – und dies auch noch erfreulicherweise gefiltert statt ungeschönt.
    Ist die Welt schon im selektiven Blick auf alles was traurige Realität ist, kaum noch oder nicht mehr zu ertragen – lautet die Lösung dann, Augen zu bzw. Kopf in den Sand? Oder nicht vielleicht doch eher Augen auf, Ohren auf und Mund auf?!
    Zur Zeit offenbart sich mE viel mehr ein unglaublicher und erschreckender Verlust an jeglicher Bodenhaftung in jeder Hinsicht bei den Akteuren mit Entscheidungsmacht. Die Politiker haben keinerlei Kontakt mehr zum Volk (das sie repräsentieren?!), die Manager keinen Bezug mehr zur Realwirtschaft (von der sie zehren). Und, das Schlimmste: Es fehlt auch noch jegliche Einsicht der Patienten, wie krank sie schon sind.
    Der Arzt, der die richtige Diagnose stellt, ist NICHT das Problem. Der ungesunde Lebenswandel des Patienten schon eher. Die Diagnose ist NICHT die Krankheit. Das darf man einfach nicht verwechseln.

  6. Histomat sagt:

    Vom alten Spiegel-Flagschiff...
    Vom alten Spiegel-Flagschiff Ferdinand Simoneit (”Qualität kommt von Quälen”) stammt das Zitat „Die tiefe Recherche ist der Tod jedes Knüllers“. Wer mal das Buch von ihm „Indiskretion Ehrensache“ liest, erfährt viel über die Arbeitsweise von Jounalisten. Dazu gehörte es eben auch, Geschichten zu „drehen“: Man stellt die Faktenlage so dar, dass die Geschichte ausgewogen scheint, faktisch aber in eine eindeutige Richtung geht. Für so ein Unterfangen bedarf es aber richtig guter Jounalisten. Aus meiner Sicht rührt das Dilemma daher, dass es heute zu wenig Schreiber gibt, die ihr Handwerk richtig gelernt haben.
    Simoneits Buch und seine Sicht und Beurteilungen der Beeinflussungen und Menungsmache durch Politik und Wirtschaft, sind übrigens ein Steinbruch für genau diese Diskussion heute.
    Histmat
    Fritz B. Busch schrieb vor über 30 Jahren “Wir werden über den Nippel geschmiert”. Damals bezog er das auf Neuwagen, auf den Umgang mit Qualitätsmängeln schlechthin und die Rosstäuscher von heute. Ich finde es deshalb heute zum Schießen, wenn ich immer kurz nach Erscheinen des OM-Sonderheftes “Marktwerte” die scheinheiligen Beteuerungen der Betroffenen selbst lese. „Unsere Autos sind keine Wertpapiere“ und „uns kommt’s nicht auf den Wert unserer Autos, sondern auf den Spaß damit an“ und andererseits die der Verfasser solchen Blendwerks.
    https://forum.oldtimer-info.de/showmessages.afp?xid=803935
    Dieser Frank Meissner, mit dem Du Dich schon damals duelliert hast (wobei der eigentlich gar nicht satisfaktionsfähig ist), ist das nicht der gleiche, der sich aus gutem Grund grade in den USA aufhalten soll..?
    Resumé: Ein Volk hat die Zustandsnoten, die es verdient… oder so ähnlich.

  7. FritzV sagt:

    "Da wir das System der...
    „Da wir das System der Massenmedien aber nicht zurückdrehen können, und ziemlich sicher auch nicht wollen, wird sich an diesem Zustand jedoch kaum was ändern. Im Gegenteil: eine weitere Entfaltung der Massenmedien, in welcher konkreten Form auch immer, verspricht sogar ein noch höheres Tempo in sozialen und wirtschaftlichen Vorgängen.“ schreibt Meister Strobl.
    Dem widerspreche ich. Der Info-Hype, die Wirtschaftskrise, die Zerstörung der Erde sind alles – Seiten der gleichen Medaille kann man wohl schlecht schreiben, die hat ja nur zwei, sagen wir lieber, verschiedene Seiten des gleichen Würfels. Wir reden hier davon, etwas sinnvolles zu tun oder es eben zu unterlassen (@Logik-Ratio schreibt “ …uns Menschen geht die sinnvolle Arbeit aus“)
    Die Masse der Bevölkerung erkennt und verinnerlicht nicht, daß das gegenwärtige System ihrem langfristigen Interesse zuwiderläuft. Und damit sich daran nichts ändert, bis die Schlinge endgültig zugezogen ist, werden die Leute kurzfristig eingenebelt. Die Masse der Bevölkerung erkennt nicht, daß sie eigentlich auf Droge ist – „Programmvielfalts/Mediendroge, Aktivitätsdroge, Mobilitäts- und PS-Droge usw.. Natürlich ist auch die „Elite“ auf Droge. Auf der Gelddroge, die eigentlich eine Machtdroge ist. Und Drogen haben nun einmal die unangenehme Eigenschaft, daß ihre Dosis ständig erhöht werden muß, sonst läßt ihre Wirkung nach – und somit der Lustgewinn.
    Die Propaganda besagt, daß wir in einer Demokratie leben. Dem ist aber nicht so. Wir können zwar ab und zu mal abstimmen, welche Parteien unsere Marionettenregierung bilden – aber das war es auch schon.
    Die Frage ist, ob die Bevölkerung/die Gemeinschaft/der Staat (im eigentlichen Sinne, nicht zu verwechseln mit der Organisation der Politmafia) auch die Folgen des ständig steigenden Lustgewinns zu tragen bereit ist. Denn nach jedem Rausch kommt bekanntlich der Kater, besser – die Ernüchterung. Aber diese, grundsätzliche, alles bestimmende, Frage wurde eben noch nie gestellt. Und so ist das, was hier „Demokratie“ genannt wird, in meinen Augen eine Alibiveranstaltung, weil sie den „Volkswillen“ gar nicht vertreten kann, eben weil dieser nie erfragt/hinterfragt wurde, also die Systemfrage nie gestellt wurde. Und damit meine ich nicht den Antagonismus zwischen Kapitalismus und Sozialismus sondern die Frage, ob das System grundsätzlich human (im Sinne von Mensch-Kompatibel) und konservativ (im Sinne von bewahrender Nachhaltigkeit) sein soll.
    „Da wir das System der Massenmedien aber nicht zurückdrehen können, und ziemlich sicher auch nicht wollen, wird sich an diesem Zustand jedoch kaum was ändern“
    Ich will. Und so habe ich keinen Fernsehempfang und ein mindestens 5-Jahre altes Mobiltel (das ich nur in Ausnahmesituationen nutze). Desweiteren nutze ich keinerlei Printmedien mehr (außer der Apothekenrundschau (kleiner Scherz) und ab und an den Spiegel). Ein interessantes Buch von Clifford Stoll heißt – Logout.

  8. mohel sagt:

    Auch am Schreibtisch entsteht...
    Auch am Schreibtisch entsteht Geschichte und dabei wichtige Urkunden, um historische und moralische Rechte geltend zu machen.

  9. u33klm sagt:

    Sehr geehrter Herr Strobl,...
    Sehr geehrter Herr Strobl,
    gestatten Sie mir den Hinweis zu 2 Phänomenen:
    1. Zeit: – nachzulesen in SHOBOGENZO des Meister Dogen des 13. Jhdt. – die Unterscheidung der verfliegenden Zeit und der „Sein-Zeit.“
    2. Geld- und Finanzkrisen: u.a. von Minsky „bewiesen“ dass unser Geld-und Finanzsystem latent unter Instabilität leidet. Ursache: die psycholog. begründete Neigung des Menschen zur Illusion, hier Geldillusion. Demnach greift die voyeuristische Kritik an „den Managern“ auch insofern zu kurz, da sie eben nicht berücksichtigt, dass selbst Bankmanager Opfer ihrer Geldillusion wurden und einen risikofreien Mehrwert tatsächlich für möglich hielten. Früher nannte man das „Alchemie.“ Die Rolle der Medien in diesem Spiel haben Sie selbst sehr ausführlich und treffend beschrieben.
    Freundliche Grüße,Michael Anton.

  10. Devin08 sagt:

    Metaphysik?
    @lemming: Marx hat...

    Metaphysik?
    @lemming: Marx hat sich mit dem Kapital beschäftigt, natürlich mit der gleichen Semantik, der der politischen Ökonomie, wenn auch der Kritik daran. Für das, was jenseits des Kapitals kommt, gibt es noch keine Semantik. Obwohl wir dieser Zeit näher stehen als Marx (nicht ontologisch zu verstehen), sind wir kaum in der Lage diese Zeit, ihre Werte, ihre Verkehrsformen in Sprache zu gießen. Also müssen wir uns mit scheinbar metaphysischen „Verneinungen“ des Gegenwärtigen begnügen. „Der Wert“ ist ein Begriff, der zumindest unter Marxisten klar ist. Diesen „Wert“ zu negieren, ist ein Element des Klassenkampfes. Im Prinzip ist es Solidarität, die das tut. Die Aufhebung der Klassen wird gefordert, die Aufhebung einer Ökonomie der „Verwertung des Werts“. Der Sozialismus wird gefordert, ja der Kommunismus angepeilt. Aber was ist das? Kommunismus (wenn nicht Chruschtschowschen Gulaschkommunismus)? Und zwar auf der Grundlage neuer ökonomischer Kategorien! Werte sind es nicht, aber wertlos ist es auch nicht. Also was ist es? Denn das Wort „Wert“ ist so stark geprägt, dass wir es eigentlich gar nicht mehr benutzen dürfen. Ich gebe Ihnen recht: es ist nicht genügend „Werte außerhalb des Wertes“. Aber sagen Sie es besser. Ich freue mich darauf.

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