Chaos as usual

Wiederholt sich die Geschichte? Das will ich doch gar nicht wissen!

Das Prinzip eines Pyramiden- oder Kettenbriefspiels ist schnell erklärt: Alle Teilnehmer erwarten, nach ihnen würden weitere Spieler einsteigen, aus deren Einsatz dann die Rückzahlung des eigenen Spielgeldes bestritten sowie das – zumeist sagenhafte – Gewinnversprechen der Organisatoren eingelöst wird. Weil die ganze Nummer logischerweise nur solange funktionieren kann, als neu hinzutretende Teilnehmer gefunden werden, andernfalls alle übrigen noch im Spiel befindlichen Spieler alles verlieren, sind derartige Kettenbriefspiele üblicherweise gesetzlich verboten. Bis auf eines, zufällig das größte Pyramidenspiel überhaupt: Der Kapitalismus.

Dieses Spiel ist absolut legal, seine erfolgreichen Spieler werden zumeist als „Helden“ verehrt und rangieren in den gesellschaftlichen Hierarchien an oberster Stelle. Die goldene Regel im Kapitalismus lautet: Solange zur Bedienung aller Schulden neue Nachschuldner gefunden werden, läuft alles wunderbar. Bleiben diese aber aus, dann heißt es: Game over! – Der Kettenbrief reißt, der Aufschwung schlägt um in die Krise, und alle, die gestern noch jubelten, sind plötzlich stinksauer. Zumeist gibt es dann ziemlich lautes Geschrei, wenn es besonders hart kommt auch eine knackige, kleine Revolution, oder gar einen ausgewachsenen Krieg, mittels derer die alten Wetten aufgehoben und die Schuldenuhren auf „Null“ zurückgedreht werden, sodass das lustige Kreditspiel von Neuem starten kann. Der ehemalige Fed-Chef Alan Greenspan verlieh dieser Sorge Ausdruck, als er vor einigen Jahren um „new credits“ förmlich bettelte, und selbst durch drastische Leitzinssenkungen massiv dazu beitrug, dass sie auch tatsächlich eintrafen; sein Nachfolger Ben Bernanke tut sich da schon erheblich schwerer, die Neuschuldner wollen sich seit geraumer Zeit partout nicht einstellen, die wirtschaftlichen Auswirkungen ihres Fernbleibens werden zunehmend schlimmer.

Dieser Kettenbrief lief in der Geschichte der Menschheit schon so häufig ab, dass man damit ganze Bibliotheken der klassischen Weltliteratur füllen könnte, und tatsächlich sind sie das auch: Die großen Schuldreformer der Antike sind alle bestens überliefert, von Lykurg bis zu den Gracchen, Cicero brachte Catilina an den Galgen, nachdem der sich an die Spitze eines Schuldneraufstands setzen wollte, und besonders deutliche Hinweise auf altertümliche Kreditquereleien liefert natürlich der größte Klassiker von allen, die Bibel: Josephs Prophezeiung der 7 fetten und 7 mageren Jahre war im Prinzip nichts anderes als die Beschreibung einer solchen Boom-Bust-Sequenz, und bei Moses lesen wir etwas von einem „Erlassjahr“, einer obligatorischen Schuldenstreichung alle 7 Jahre, die den deflationären Druck aus der Wirtschaft nehmen und Spielräume für einen neuen Aufschwung schaffen sollte. Ein Gedanke übrigens, der erst kürzlich wieder vom englischen Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson in einem Beitrag für die Financial Times aufgegriffen wurde, als eine alternative Möglichkeit, mit der man unserer neuzeitlichen Misere natürlich auch beikommen könnte. Moses war also offenbar ein weiser Mann, zumindest weiser, als so manche selbsternannten oder offiziellen „Wirtschaftsweisen“ unserer Tage, die von der Funktion des Kredits in einer kapitalistischen Wirtschaft bisweilen nicht den Schimmer einer Ahnung haben.

Nun hat sich auch eine moderne Bibel, das Hamburger „SPIEGEL“-Magazin, des Themas angenommen: „Wiederholt sich die Geschichte doch?“, knallt es einem in großen, bedrohlichen Lettern vom Titelblatt der jüngsten Ausgabe entgegen, daneben das legendäre Foto vom verzweifelten, Arbeit suchenden Mann auf der Straße anno 1930. Über 5 Millionen Menschen hätten seit Ausbruch der Krise in den USA ihren Job verloren, schreibt der SPIEGEL, Ende nicht absehbar, und Deutschland würde den USA auf diesem Kurs folgen. Laut Prognose der führenden Wirtschaftsinstitute schrumpft die deutsche Volkswirtschaft dieses Jahr um 6%, der blanke Horror, der stärkste Einbruch in der Geschichte der Bundesrepublik, und wenn man bedenkt, dass besagte Institute die Krise samt und sonders verschlafen haben, ihre bisherigen Prognosen daher viel zu optimistisch waren, dann steht ohnehin zu befürchten, dass die jetzt avisierten 6% in kommenden Vorhersagen noch weiter nach unten revidiert werden müssen.

„In Amerika hat sich die Depression längst in den Alltagssprachgebrauch zurückgeschlichen“, meint der SPIEGEL, und recht hat er, gerade eben erst wieder hat Nobelpreisträger Paul Krugman in seiner Kolumne in der NY Times davor gewarnt. Von der Politik hänge jetzt so ziemlich alles weitere ab, meint Krugman darin, und der SPIEGEL stimmt ihm darin zu:  „Die Krise könnte die Volkswirtschaften ähnlich hart treffen wie die Große Depression – wenn die massiven Rettungspakete der Regierungen nicht greifen.“

Das Problem ist nur: Diese Rettungspakete sind aus meiner Sicht keineswegs „massiv“, zumindest in Deutschland nicht. Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen führen, dass den öffentlichen Kriseninterventionen notwendigerweise 2 Aufgaben zukommen, die sie unbedingt erfüllen müssen, wenn sie Erfolg haben sollen: erstens muss verhindert werden, dass Kredittitel und dahinterstehende Sicherheiten weiter im Preis verfallen, etwa deshalb, weil sie von den Banken in Notverkäufen („fire sales“) auf den Markt geschmissen werden: Das ist üblicherweise der Job der Zentralbank, in ihrer Rolle als „Lender of last resort“; die Ausmaße und Komplexität dieser Krise brachten es aber mit sich, dass der Staat zusätzlich einspringen und diverse „Rettungsschirme“ im Umfang mehrer Hundert Milliarden Euro für die Banken spannen musste, um diesen Teil der Übung so halbwegs hinzukriegen; und wie wir aus aktuellen Debatten um die „bad bank“ wissen, ist er damit eh noch lange nicht fertig.

Teil 2 der Aufgabe wird aber noch viel schwieriger: Der Staat muss die ausfallenden „new credits“ irgendwie ersetzen, er muss – um in der Sprache unserer Pyramidenspiel-Analogie zu bleiben – selbst in das Spiel eintreten und den Einsatz stellen, der nötig ist, um alle früheren Spieler auszulösen. Soll heißen: über öffentlichen Konsum, Investitionen und Sozialtransfers bewirkt er, dass Unternehmen und Privathaushalte weiterhin Gewinne und Einkommen in ausreichender Höhe erzielen, um kreditfähig zu bleiben und ihren Verpflichtungen nachkommen zu  können. In den 1930ern tat er das nicht – Folgen bekannt. Jedoch: Das für alle hinzubekommen ist im Prinzip eh ein Ding der Unmöglichkeit, und wenn es die Regierung tatsächlich versuchen wollte, dann müsste sie dafür jedenfalls deutlich höhere Ausgaben veranschlagen, als in den bislang beschlossenen Konjunkturpaketen I und II stecken. Folgt man der Theorie des amerikanischen Ökonomen Hyman Minsky, die zur Erklärung der Krise neuerdings häufig herangezogen wird, dann müsste das Haushaltsdefizit der Bundesregierung um mindestens den Betrag steigen, um den die Investitionsnachfrage und der Außenhandelsüberschuss einbrechen. Nehmen wir einmal an, dass beide im Verlauf der Krise um jene 20-30% zurückgehen, welche die Financial Times vor einiger Zeit prognostiziert hat, dann wären das zwischen 100 und 150 Mrd Euro, die der Staatshaushalt an Nachfrageausfällen und damit ausbleibenden Gewinnen und Einkommen kompensieren müsste. Nota bene: pro Jahr! Konjunkturmaßnahmen in dieser Größenordnung scheinen aber ganz und gar undenkbar, zumindest derzeit. Zudem weiß niemand, wie schlimm es wirklich kommen wird, der SPIEGEL zitiert Finanzminister Peer Steinbrück mit seinem Eingeständnis „Ich weiß es nicht“, womit der wenigstens sympathische Ehrlichkeit beweist.

„Das macht die Krise so unheimlich. Wo sie herkommt, ist bekannt. Wo sie hin will, weiß keiner“, stellt der SPIEGEL dazu fest. Und wenn wir es genau nehmen, dann stimmt noch nicht mal das: Nach wie vor besteht im Ökonomenlager keine Einigkeit darüber, was genau die Ursachen der Krise sind, stattdessen werden die unterschiedlichsten Erklärungsmuster herangezogen, von gierigen Banken, über unfähige Regulierungs- und Aufsichtsorgane, bis hin zur einleitenden Darstellung der systemischen Schwächen des „Kettenbriefs Kapitalismus“, wie er vor allem den Theorien von John Maynard Keynes, Irving Fisher und dem oben genannten Hyman Minsky zugrunde lag. Nur sind deren Theorien allesamt nicht Teil des aktuellen ökonomischen Mainstream-Denkens: Darin wird die Krise nach wie vor lediglich als „Betriebsunfall“ abgehandelt. Exemplarisch bringt der SPIEGEL ein Zitat von einem der bekanntesten Ökonomen unserer Zeit, dem Nobelpreisträger Robert Solow, der auf die Frage „Können Sie erklären, was passiert ist?“, geantwortet haben soll:

„Nein, ich glaube nicht, dass normales ökonomisches Denken bei der Erklärung dieser Krise helfen kann.“

Tja, irgendwie ganz schön doof, oder?

Der größte Fehler, den man der Politik deshalb auch vorwerfen muss, ist der, weiterhin genau jener Elite der Ahnungslosigkeit hörig zu sein, die diese Krise nicht nur nicht kommen hat sehen, sondern die sie darüber hinaus auch jahrelang zu Maßnahmen überredet hat, die jetzt alles nur noch schlimmer machen: Dank der Politik des konsequenten Sozialabbaus der letzten Jahre sind in dieser Krise klassische Segmente der deutschen Mittelschicht erstmals akut vom Abstieg auf Sozialhilfeniveau bedroht, wie DGB-Chef Sommer neulich in der ARD nicht müde wurde zu betonen. Und dass er damit völlig recht hat, zeigt sich überdeutlich an der Misere um Opel, Schaeffler und die vielen anderen Großunternehmen, bei denen Mitarbeiter in gut bezahlten Jobs zu Hunderten und Tausenden spätestens dann auf der Strasse stehen werden, wenn die aktuellen Kurzarbeitsprogramme auslaufen und die Strohfeuerwirkung der Abwrackprämie verflogen ist. Die Erwartungen der Menschen an eine ungewisse Zukunft wären es, so schrieb John Maynard Keynes anno 1936, die den Verlauf des wirtschaftlichen Geschehens bestimmen: Sie nachfrageseitig zu stabilisieren, und damit angebotsseitig die „Animal Spirits“ der Unternehmer zu wecken, sprich: sie zu Investitionen anzuregen, wäre der einzig mögliche Weg, eine Krise vorzeitig zu beenden. Auf heute umgelegt, stelle ich mir daher die Frage: Wo soll die Zuversicht herkommen, wenn der Facharbeiter bei Opel damit rechnen muss, bereits nach 18 Monaten Arbeitslosigkeit nicht nur auf das Kaufkraftniveau eines Hartz-IV-Empfängers zurückgestuft zu werden, sondern darüber hinaus womöglich auch noch sein gesamtes Erspartes und sein Eigenheim zu verlieren? Und mal im Ernst: Wenn die Krise tatsächlich so schlimm wird, wie der SPIEGEL schreibt, wo sollten dann binnen 18 Monaten ausreichend Jobs für die Entlassenen bei Opel & Co herkommen?

Die Revision der Hartz-IV-Reformen stünden deshalb für die Sozialdemokraten auch ganz oben an, heisst es im SPIEGEL weiter, denn sie dürften nicht zulassen, dass ihre Stammklientel in die Armutsfalle gerät. Doch hier greift der SPIEGEL in seiner Interpretation zu kurz: Wenn die Krise sich verschärft und tatsächlich Dimensionen wie in den 1930ern annimmt, dann ist eben nicht mehr nur die klassische Stammwählerschaft der SPD davon betroffen, sondern ausnahmslos wir alle!   

Daher – und diesmal will ich es gerne deutlicher formulieren, als in meinem Beitrag „Politik für die obersten 1,6%“, der offenbar in diesem Punkt etwas missverständlich geraten war – sollten beide Regierungsparteien, vor allem aber die CDU/CSU, endlich aufwachen, ihre bisherigen wirtschaftspolitischen Berater zum Teufel jagen und sich von den wahren, apokalyptischen Dimensionen des drohenden Desasters überzeugen lassen. Dann dürfte ihnen schlagartig klar werden, dass auch sie um eine Politik, die sie gestern noch als „Linksruck“ und „sozialistische Mottenkiste“ verunglimpften, in Wahrheit gar nicht herumkommen werden. Die „Leistungsträger“ von heute könnten nämlich ratzfatz die Verlierer von morgen werden, und dann ist ihnen alleine mit Steuersenkungen und der üblichen Rhetorik des „Wir sind alle stolz auf Euch!“ bestimmt nicht geholfen.

Der SPIEGEL lässt am Schluss seines Beitrags den Wirtschaftshistoriker Abelshauser sagen: „Geschichte wiederholt sich nicht. Oder doch?“

Aber mal im Ernst: Wer möchte die Antwort auf diese Frage wirklich wissen? – Ich jedenfalls nicht! Ich habe echt keinerlei Interesse, das herauszufinden.

Die mobile Version verlassen