Chaos as usual

Chaos as usual

Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Autopoiesis des Profit-Virus

| 29 Lesermeinungen

„Ist der Kapitalismus reformierbar? Man kann den Virus der Gewinnorientierung nicht abschaffen, sondern durch Einbettung und Rahmung nur zähmen wollen", schreibt Soziologe Dirk Baecker heute im Feuilleton der FAZ, in seinem sehr interessanten Beitrag zur Reihe „Zukunft des Kapitalismus". Daraus ein paar Zitate und persönliche Anmerkungen von mir:

„Ist der Kapitalismus reformierbar? Man kann den Virus der Gewinnorientierung nicht abschaffen, sondern durch Einbettung und Rahmung nur zähmen wollen“, schreibt Soziologe Dirk Baecker heute im Feuilleton der FAZ, in seinem sehr interessanten Beitrag zur Reihe „Zukunft des Kapitalismus“. Daraus ein paar Zitate und persönliche Anmerkungen von mir:

„Der Kapitalismus ist jenes Wirtschaftssystem, das Eigentümer auffordert, sich als Schuldner in eigener Sache zu betrachten.“

Gewiss: worum es beim Kapitalismus im Innersten geht, das war Baecker, der sich zuletzt im Sammelband „Kapitalismus als Religion“ eher mit transzendalen Betrachtungen des topos befasste, schon sehr früh klar: gemeinsam mit Lehrmeister Niklas Luhmann zog er 1988 den Schleier vom Sockel der Nationalökonomie und konstruierte den Kapitalismus als Verkettung von Schuldkontrakten und daraus resultierenden Zahlungen. Eine Sichtweise, die bereits Max Weber nicht fremd war, von seinem Schüler Joseph A. Schumpeter weitergesponnen und von John Maynard Keynes in der „General Theory“ in den Rang einer monumentalen Wirtschaftstheorie gehoben wurde. „Kettenbrief“ nennen das die unbedarften Blogger des post-modernen Zeitalters heutzutage, aber bei Luhmann und Baecker klingt das natürlich wesentlich eleganter:

„Ein System, das auf der Basis von Zahlungen als letzten, nicht weiter auflösbaren Elementen errichtet ist, muss daher vor allem für immer neue Zahlungen sorgen. Es würde sonst von einem Moment zum anderen schlicht aufhören zu existieren. […] Die Wirtschaft ist demnach ein autopoietisches System, dass die Elemente, aus denen es besteht, selbst produziert und reproduzieren muss.“

Doch wo man der Kettenbrief-Metapher eine gewisse lausbubenhafte Leichtfüßigkeit kaum absprechen kann, zeigt Baecker in seinem Feuilleton-Text wenig Interesse an seichtem Smalltalk: kurzerhand zieht er den Vergleich zu einer ganz anderen Art von Autopoiesis, nämlich der eines Virus.

„So what?“, mag sich da jetzt der eine oder andere denken. Was hätte das für praktische Konsequenzen? Dazu noch mal kurz zu Luhmann:

„Der adäquate Bezugspunkt für die Beobachtung und Analyse des Systems ist daher nicht die Rückkehr in eine Ruhelage, wie die Theorien des „Gleichgewichts“ suggerieren, sondern die ständige Reproduktion der momenthaften Aktivitäten, eben der Zahlungen, aus denen das System besteht.“

Jetzt klar? – Automatische und garantierte Glückseeligkeit ist nicht, da können die Talkshow-Ökonomen und die Wirtschaftspolitik versprechen, was sie wollen. Keynes „General Theory“ war ursprünglich dazu gedacht, eine Erklärung für die „Economics of Chaos“ zu liefern und deren Auswirkungen abzumildern, woraus einige seiner Jünger leichtfertig eine Art wirtschaftspolitisches Viagra machten und einer willigen Zielgruppe von interventionistischen Politikern gegenüber sehr erfolgreich vermarkteten; völlig zu unrecht, denn die vorstehende Einsicht Luhmanns ist weitestgehend inhaltsgleich mit der von Keynes. Und sie ist natürlich Lichtjahre von dem entfernt, was uns die Lehrbuch-Ökonomie auftischt.

Aber kehren wir zurück zu Baeckers Text:

„Mit anderen Worten, der Kapitalismus ist eine Zumutung. Er ist eine intellektuelle Zumutung, denn wer steigt nicht bereits nach diesen wenigen Sätzen aus und hört auf mitzurechnen, weil die sachliche, zeitliche und soziale Komplexität sich als Überforderung darstellt? Es geht um eine riskante Produktion, eine Überbrückung von Gegenwart und Zukunft und eine Vernetzung zwischen Kreditgebern und Kreditnehmern, die so viele Variablen enthält, dass unklar ist, ob die Gleichung aufgehen kann.“

Sachlich, zeitlich und sozial – sprich in allen Sinndimensionen – wäre der Mensch mit dem Kapitalismus überfordert, schreibt er. Und dennoch scheint er zu funktionieren, die meiste Zeit jedenfalls! – „Der Markt ist das beste Koordinationssystem für eine Vielzahl unwichtiger Entscheidungen“, meinte dazu US Ökonom und Finanzkrisenguru Hyman Minsky einmal. Aber die ganz, ganz großen Klopper, die sollte man ihm besser nicht anvertrauen. Natürlich lebt es sich an den Hängen des Vesuvs in glückseeliger Beschaulichkeit – die meiste Zeit jedenfalls. Aber wenn er dann doch ausbricht, der Vesuv, dann ist halt nicht nur die Ernte vom letzten Sommer beim Teufel, sondern alles. Kapisch? Finis universalis! Und das muss es ja nun wirklich nicht sein, oder? Vielleicht lebt es sich gerade einmal 20km weiter auch nicht so schlecht, und die regelmäßige Totalvernichtung bleibt einem erspart? – Wie heißt es bei Hayek, Popper und Dahrendorf immer so schön: Der Fortschritt wäre einer des Irrens und Entdeckens? Warum unser Wirtschaftssystem von einem solchen Fortschritt ausnehmen? Der „Irrtum“ sollte mittlerweile offenkundig sein, aber wie steht’s jetzt mit dem „Entdecken“?

„Was also ist der Kapitalismus, ein Virus der Kostenrechnung und Gewinnorientierung, das man auch wieder loswerden kann, oder eine Institution der menschlichen Gesellschaft und ihrer Wirtschaft, die man durch Rahmung und Einbettung zähmen, aber nicht abschaffen kann?“

Tja, das ist die 64.000 Dollarfrage, nicht wahr?

Xenophon verdanken wir einen der frühesten Texte zur Ökonomie überhaupt, sieht man von den Rechenlegungen babylonischer und ägyptischer Palastwirtschaften ab, nämlich den sokratischen Dialog Oekonomikos, in dem sich Sokrates von dem Edelmann Isomachos erzählen lässt, wie man ein Haus gut führt. […] Aber wichtiger ist der Ausklang des Dialogs. Das Gespräch mit Isomachos endet mit der Einsicht in die Tugend der Sophrosyne, der Selbstbeherrschung. Nur wer das Geheimnis dieser Tugend beherrsche, herrsche über Subjekte, die sich freiwillig unterwerfen. Wer es jedoch nicht beherrsche, der sei dazu verdammt, tyrannisch über Subjekte zu herrschen, die sich nicht freiwillig unterwerfen, und das sei ein Schicksal, schlimmer als das des Tantalos im Hades.

Was ist das Geheimnis der Tugend der Selbstbeherrschung? Dirk Baecker offeriert am Schluß seines Werkes Max Weber. Liberale vom Schlage eines Hayek oder eines Popper rekurrieren üblicherweise auf Kant. Das habe ich zwar irgendwie noch nie verstanden, dass ausgerechnet in einem individualistisch-utilitaristisch geprägten Umfeld der Kantsche Imperativ angeblich immer dann einsetzt, wenn man ihn am dringendsten benötigt, aber sei’s drum: soll niemand behaupten, es gäbe zu Max Weber keine alternativen Wohlfühl-Konzeptionen.

Fazit: ein faszinierender Text von Dirk Baecker, den man zwar unbedingt als Abstraktion verstehen und von dessen ganze eigener Ästhetik man sich nicht in die Irre führen lassen sollte. Aber wer genau liest, stößt meiner Einschätzung nach auf ein wahres Kleinod.


29 Lesermeinungen

  1. goodnight sagt:

    @Thomas Strobl

    "das deckt...
    @Thomas Strobl
    „das deckt sich nicht mit meiner Beobachtung aus der Praxis. Und ich beschäfte mich bekanntlich den ganzen, lieben Tag lang mit sowas.“
    =>Yep, aber Du arbeitest ja auch in so einem komischen Umwelt-Unternehmen, da ticken die Uhren noch anders und da gibts ja keine Leichen im Keller, Ihr seid ja alles Gutmenschen 😉 Nein, natürlich ist das Rechnungswesen recht stabil, weil es ja auch Stabilität erzeugen soll. Andererseits ist es wie jedes System der Ausdifferenzierung, d.h. der Spezialiserung unterworfen, d.h. es existiert eine ganze Industrie, die sich nur mit der Entwicklung neuer Kennzahlen beschäftigt, neben all diesen Juristen weltweit, die an neuen Vorschriften arbeiten, etc. etc. Und spätestens seit Enron wissen wir ja, was in der Praxis eines Weltkonzern so alles möglich ist….also ich tippe mal, bei einer seriösen Buchprüfung aller deutschen Konzerne (wobei ich natürlich nicht sagen will, das unsere Freunde von der Wirtschaftsprüfung nicht einen tadellosen Job machen 😉 ) wäre im Anschluss die deutsche Staatsanwaltschaft beyond des aktuellen Zustand der völligen Überlastung…will ja keiner, sowas.
    „seit „Continuous improvement“-Programme an der Tagesordnung sind.“
    =>Yep, das ist das Stichwort. Das ganze System operiert nur noch selbstrefferenziell, d.h. d.h. der de facto Output für die Umwelt interesiert nicht mehr….weil es auch die Umwelt nicht mehr interessiert. Aktionäre schauen doch auch nicht mehr auf Gewinn sondern kgvs oder Dividenden, und auch das interessiert nicht mehr wirklich, sondern nur noch die eine Information, die den Kurs hochtreiben kann. D.h. man braucht immer a difference that makes a difference, und das bekommt man natürlich nicht mit Bezug auf die Realität, weil die Realität ist Produktion und so nen Gedöns, und die kann man nicht im Quartal oder monatlich dramatisch ändern. Improven kann man dann nur noch, wenn man das Firmengeld zur Spekulation an Finanzmärkten freigibt oder einfach immer neue Kennzahlen erfindet, die anhand einer Differenz einen dramatischen Fortschritt suggerieren. Und genau deshalb werden ja Leute wie Du so gut bezahlt 😉
    Das alles funktioniert, weil da draußen soviel Liquidität fließt, d.h. es dient als Puffer zwischen dem Spiel und der Realität, d.h. man kann mal eben als Autokonzern 40-50 Mrd. Verlust „erwirtschaften“…und es passiert: nix. Andere gehen halt eben mal in die Insolvenz…und es passiert: nix. Manager verlieren ihren Job…und sind morgen für noch mehr Geld beim Konkurrenten. Die Welt geht in die reale Krise, die Nachfrgae bircht brutal ein, die Arbeitslosigkeit steigt weltweit…und die Aktienkurse steigen um 30%, der Ölpreis steigt um 30%, und alle VWler versuchen das irgendwie mit Realität zu erklären.
    Wer in letzter Zeit in Südamerika spekulierte, der konnte sein Vermögen fast verdoppelt…wen interessiert da noch die reale Krise. ob Krise oder Boom, für den Finanzmarkt ist das das Gleiche, das ist der Witz.
    „Stop going for the easy buck and start producing something with your life. Create, instead of living off the buying and selling of others.“
    Carl (wallstreet)

  2. Devin08 sagt:

    Donald Duck hat sich...
    Donald Duck hat sich überlebt
    @Strobl: „die absoluten Standard- oder Istbeträge interessieren kein Schwein mehr.“ Das erklärt dann auch, warum die Herrschaften in der gegenwärtigen Krise nur noch zählen, wie viel Prozent sie verloren haben, nicht wie viel (an Substanz) sie noch haben. Das macht die Sache natürlich ungemein einfach. Donald Duck hat sich wohl überlebt.

  3. stroblt sagt:

    @Devin08

    Zu Donald kann ich...
    @Devin08
    Zu Donald kann ich nichts sagen, aber Dagobert Duck wäre angesichts einer Opportunitätskostenbetrachtung seines Geldspeichers einem Herzkasper erlegen, das erscheint mir als ziemlich sicher.

  4. Devin08 sagt:

    ...
    Opportunitätskostenbetrachtung?
    @Strobl: Sie haben recht, es war Dagobert, der immer sein Geld zählte. Ist halt lange her.
    Grüße
    P.S. Aber erklären Sie doch bitte mal mit einfachen Worten „Opportunitätskostenbetrachtung“, bin nicht ganz up to date, was die bürgerliche Ökonomie anbelangt. Danke

  5. stroblt sagt:

    @Devin

    "Die Zinsen, die ich...
    @Devin
    „Die Zinsen, die ich auf meine Fantastilliarden verdienen hätte können, wenn ich sie nicht doof im Geldspeicher gehortet, sondern vernünftig angelegt hätte!“, rief Dagobert Duck aus, bevor ihn der Herzkaspar ereilte.
    Ungefähr so stelle ich mir das mit der Dagobertschen „Opportunitätskostenbetrachtung“ vor.

  6. mylli sagt:

    Dagobert pfeift halt auf die...
    Dagobert pfeift halt auf die Eigentumsprämie, weil er es möglichst dünnflüssig mag. Er ist eben ein ganz besonderer Horter.

  7. stroblt sagt:

    @mylli

    Im Gegenteil: seine...
    @mylli
    Im Gegenteil: seine Eigentumsprämie ist dann extrem hoch. Oder seine Liquiditätsprämie. Oder beide: womöglich möchte er nichts riskieren und maximal flüssig bleiben.

  8. mylli sagt:

    Stimmt, ich hab mich schlecht...
    Stimmt, ich hab mich schlecht ausgedrückt: Er pfeift darauf, sich die Eigentumsprämie auszahlen zu lassen.
    Hat er eigentlich vor allem Papiergeld oder Münzgold bei sich im Speicher? Ich frag mich, ob er Angst vor Inflation hat.

  9. lemming sagt:

    Dagobert ist vor allem ein...
    Dagobert ist vor allem ein „Goldbug“. Er hat ein hochgradig libidinöses, fetischistisches Verhältnis zu diesem Stoff, alle anderen Wirtschaftsaktivitäten seinerseits dienen nur dem Erwerb dieses Stoffes, das für ihn der wahre Selbstzweck ist. Insofern ist er ein moderner Kapitalist, denn auch dort zählt ja nur die Vermehrung als solche, es werden lediglich die Opportunitätskosten des Goldzählens und -badens gescheut. Dafür entstehen dann andere bei Therapeuten, Beratern und Bankern. Ich glaube nicht an den Herzkasper, Dagobert weiß, was er tut, wenn auch nicht, wozu. Aber wer weiß das schon wirklich..?

Kommentare sind deaktiviert.