Chaos as usual

Eigentum ist männlich

Peter Sloterdijk bezeichnete den Bremer Professor Gunnar Heinsohn einmal als „höchst anregenden Gelehrten, der die engeren Fachdisziplinen immer wieder zu wissenschaftlichem Nutzen überschreitet“. Und damit hat er wohl recht. Wer sich vergegenwärtigen möchte, was das in der Praxis bedeutet, sollte Heinsohns Doktorarbeit aus 1983 lesen – er wird zweifellos auf seine Kosten kommen, Satisfaction guaranteed! – Inhaltlich von schier unglaublicher Breite wie auch Tiefe, liest sich das Opus mit dem zugegeben sperrigen Titel „Privates Grundeigentum, Patriarchalische Monogamie und Geldwirtschaftliche Produktion – Eine sozialtheoretische Rekonstruktion zur Antike“ spannend; sogar sehr spannend für ein Traktat zu diesem Thema, und ich übertreibe wohl nicht, wenn ich sage, dass ich mich bei der Lektüre von Dan Browns „The Da Vinci Code“ kaum besser unterhalten habe. Im großen Unterschied zu letzterem handelt es sich bei Heinsohns Dissertation aber nicht um reine Fiktion, sondern die tatsächliche Antike – aus seiner ganz persönlichen Sicht. Und die ist – wie könnte es anders sein – auch schon anno 1983 alles andere als Mainstream.

Heinsohn „rekonstruiert“ – der Titel macht da keine falschen Versprechungen: Die Geschichte des Altertums erzählt er auf die ihm eigene Art und Weise, damit gleichzeitig die Geschichte des Patriarchats, der Entstehung des Eigentums und der Geldwirtschaft – alle drei topoi sieht er kausal miteinander verknüpft. Wenn man so will, dann ist diese Arbeit der Ausgangspunkt für alles Weitere, was Heinsohn gemeinsam mit seinem Kollegen Otto Steiger in den 80ern und 90ern zu Papier bringen wird. Und weil er bei seiner Promotion vor den beiden post-keynesianischen Großkalibern Hajo Riese und Jan Kregel offenbar der Meinung war, dass die Neuschreibung der Geschichte von sowohl Patriarchat als auch Geldwirtschaft für die Erlangung eines zweiten Doktortitels ja womöglich ein wenig mickrig sei, schob er im Appendix als Goodie noch schnell die Begründung nach, warum die Sumerer in Wahrheit die Chaldäer waren, und nicht schon 3000 v.Chr. sondern erst 2000 Jahre später durch das sonnige Mesopotamien spazierten. Und da sage noch mal einer, Nationalökonomie könne nicht spannend sein!

Vorneweg: Wer Heinsohn/Steigers Opus Magnum „Eigentum, Zins und Geld“ (EZuG) gelesen hat, und sich nicht vorstellen mag, dass aus der Feder eines der beiden auch richtig spannende und leicht lesbare Lektüre stammen könne: Doch! Dieses Werk liest sich geradezu wie ein Thriller, es ist spannend von der ersten bis zur letzten Seite und dabei auch noch übersichtlicher als EZuG. „Weniger“ ist bekanntlich oft „mehr“, und Heinsohn schafft es hier, auf knapp 240 Seiten eine deutlich kompaktere Geschichte zu erzählen, als auf den rund 500 Seiten seiner gemeinsam mit Steiger verfassten Generaltheorie. Unter dem gegenüber der Dissertation leicht abgeänderten Titel „Privateigentum, Patriarchat, Geldwirtschaft. Eine sozialtheoretische Rekonstruktion zur Antike“ erschien das Werk 1984 auch als Buch, einzelne Exemplare sind in einschlägigen Antiquariaten oder im Online-Buchhandel offenbar noch gut erhältlich.

Die Story selbst ist schnell erzählt: bis rund 1000 v.Chr. vegetiert die Menschheit mehr schlecht als recht unter dem Einfluss wiederkehrender, kosmischer Katastrophen – Erdachsenverkippungen etwa oder Änderungen der Sonnenumlaufzeit bzw. der Eigenrotation der Erde. Das Zusammenleben erfolgt in feudalen Strukturen oder aber in matrilinearen Stämmen, deren materielle Versorgung von den Frauen getragen wird, während sich die Männer und Söhne als recht gewalttätige Krieger, Jäger oder auch nur als Viehtreiber betätigen. Die bisweilen prekäre Versorgungssituation des Stammes bringt es mit sich, dass die Frauen die Tötung von Neugeborenen praktizieren, um damit die Population des Stammes auf einem der materiellen Lage entsprechenden Niveau halten. Darüber hinaus liegt auch die sexuelle Initiative bei den Frauen, sie wählen ihre (auch clan-fremden) Männer bzw können diese auch wieder verstoßen, wenn sie ihrer überdrüssig werden oder es Notlagen erfordern. Die derart verstoßenen Männer haben dann zwar prinzipiell die Möglichkeit, zur Sippe ihrer Mütter zurückkehren, allerdings ist ihnen dieser Weg in Notzeiten regelmäßig versperrt, wenn die mütterliche Sippe sie mangels eigener Unterhaltsmöglichkeiten nicht aufnehmen kann oder womöglich gar nicht mehr existiert. Diese Männer erfahren sich dann plötzlich frauen- wie auch heimatlos.

Durch besondere Umstände, die Heinsohn in einer der oben angesprochenen kosmischen Katastrophen größeren Ausmaßes vermutet, und die insbesondere einen Kälteeinbruch im Norden und eine allgemeine Wanderungsbewegung gen Süden ausgelöst haben könnten, häufen sich jetzt die Verstoßungen, sodass sich ganze Ansammlungen heimatloser Männer an einem Ort bilden. Ihres gewohnten sozialen Hintergrunds verlustig gegangen, sind sie zwar im selben Schicksal miteinander verbunden; losgelöst von den solidarischen Bindungen und wechselseitigen Unterhaltspflichten im Stamm, trauen sie sich aber untereinander nicht über den Weg. Sie bilden einen frauenlosen Kriegerhaufen, der zunächst durch die Gegend zieht, bis er irgendwo Land erobert und dort siedelt. Und zwar in einer für sie gänzlich neuen Gesellschaftsform,  dem Patriarchat. Dieses ist nicht nur durch den zunächst offenkundigen Mangel an Frauen gekennzeichnet, sondern kann darüber hinaus auch nicht mehr mit jener Art von Solidarität aufwarten, wie sie einst den Stamm kennzeichnete. Daher teilen sie das Land untereinander auf, um es in individueller Autonomie zu bewirtschaften. Diese Bodenaufteilung wird institutionell verankert, das Privateigentum entsteht. Zeitgleich muss es auch zur Staaten- bzw. Polisbildung kommen, um die so entstandenen Institutionen abzusichern.

Was fehlt jetzt noch zum Glück? – Ganz genau: Die Damen. Die Neo-Patriarchen besinnen sich ihrer kriegerischen Talente und ziehen aus, um Frauen zu rauben. Deren bisherige Männer, Brüder und sonstige Angehörige werden dabei regelmäßig dahingemetzelt, was die derart erworbenen Gemahlinnen durchaus mit Rachegelüsten quittieren. Daher ist die von nun an sich entwickelnde Beziehung zwischen Mann und Frau eine der sexuellen Unterdrückung. Und zwar vor allem in Fragen der Fortpflanzung, denn eines ist den Patriarchen klar: die neugewonnene Privatautonomie auf der eigenen Scholle kann auch schnell wieder verloren gehen, insbesondere dann, wenn man keinen männlichen Erben hinterlässt. Eine eindeutige Vater-Sohn-Linie muß etabliert werden, da andernfalls die Söhne ihr Erbe nicht reklamieren könnten. Jeglicher Ehebruch der Frau, aus dem illegitimer männlicher Nachwuchs hervorgehen könnte, wird daher unter Todesstrafe gestellt. Zudem geht das Recht der Kindstötung jetzt ausschliesslich auf den Mann über. Darüberhinaus erhält er das Recht, seine Frau auch wegen diverser anderer Verfehlungen mit dem Tode zu bestrafen.

Der Patriarch kann sein Eigentum aber auch zu Lebzeiten recht schnell wieder verlieren, nämlich dann, wenn er es nicht ordentlich zu bewirtschaften versteht. Schuldknechtschaft und Sklaventum halten Einzug in unsere schöne neue Welt, nicht nur gespeist von den unglücklichen Bewohnern diverser eroberter Territorien, sondern vor allem auch von wirtschaftlich gescheiterten Polis-Bürgern, d.h. ehemaligen „Freien“.

Aus dieser Entwicklung, und damit gänzlich anders als etwa Karl Marx oder Friedrich Engels, erklärt Heinsohn denn auch die Herausbildung der Klassengesellschaft: aus einem individuell unterschiedlich verlaufenden Verteilungs- und Akkumulationsprozess nämlich, der aus einer ursprünglich homogenen Masse von Habenichtsen, die allesamt mit ein wenig Landeigentum und lediglich ihrer Freiheit starteten, eine nach ökonomischen Kriterien geschichtete Hierarchie formte. Geld macht’s eben möglich, und wo Geld ist, sind auch Schulden und Zins, alles weitere ist dann nur noch eine Frage der Zeit.

Interessanterweise vergehen aber diese quasi-kapitalistischen Eigentumswirtschaften auch wieder, und die Menschheit fällt reproduktiv zurück in die Feudalwirtschaft. Warum? Weil die nach und nach immer dominanter werdenden Großgrundbesitzer mit ihren riesigen Sklavenbetrieben die kleineren Betriebe immer weiter verdrängen, und deren Besitzer versklaven. Diese Entwicklung gelangt aber eines schönen Tages an ihr natürliches Ende, an dem jeder zusätzliche Ertrag durch die zusätzlichen Kosten aufgefressen wird. Was machen die Großgrundbesitzer daher? Sie entlassen ihre Sklaven in eine Art Leibeigenschaft und übertragen ihnen ein Stück Land zur unselbständigen Bewirtschaftung. Dieses System hält sich vom Ende des römischen Reiches fast das gesamte Mittelalter hindurch, bis gegen Ende des 14. Jahrhunderts die Lollarden in England erfolgreich den Aufstand proben, und damit den Grundstein für eine Renaissance der Geldwirtschaft legen.

Typisch für Heinsohn, ist das Werk aufgebaut als intensive Diskussion einer Vielzahl von Primär- und Sekundärquellen. Heinsohn ist – ganz im Gegensatz zu dem, was ihm die Mainstreamer immer wieder unterstellen – kein verkappter Erich von Däniken: er beschäftigt sich sehr intensiv mit den etablierten und als jeweils führend auf ihrem Gebiet angesehenen Autoren in Altertumsforschung, Geldtheorie, Archäologie, Ethnologie, Mythologie und diverser anderer Disziplinen. Darüber hinaus spannt er einen weiten Bogen durch die antike Mythenwelt, findet Brauchbares in Odyssee, Gilgamesch-Epos und anderen großen Erzählungen und ordnet Herodot, Plutarch und vor allem Hesiod dem jeweiligen Kontext zu.

Wer sich für wissenschaftlich fundierten Offstream in Geschichte und Wirtschaft interessiert – in diesem Werk wird er garantiert fündig. Und wie gesagt: es liest sich – was bei Heinsohn leider nicht immer der Fall ist – wirklich spannend.

Die mobile Version verlassen