Chaos as usual

Kapitalismus, Sozialismus und ein schlechter Pferdesattel

Der Prüfstein für eine erstrangige Intelligenz ist die Fähigkeit,
zwei entgegengesetzte Ideen zugleich im Kopf zu haben
und doch weiter in Funktion zu bleiben.

(F. Scott Fitzgerald)

„An einem Morgen im Frühherbst des Jahres 1909 begaben sich zwei Duellanten in Begleitung ihrer Sekundanten zum Austragungsort ihres Ehrenkampfes, wie es der code duello vorschrieb. Keiner der beiden war ein sonderlich guter Fechter. Nach einigem Herumgefuchtel mit ihren Säbeln traf jedoch schließlich der Säbel des einen Duellanten den anderen an der Schulter und fügte ihm einen Schnitt zu. Kaum hatte das Blut zu fließen begonnen, schritten die Sekundanten auch schon ein und erklärten das Gefecht für beendet.

Schlugen sich die beiden Rivalen um die Hand einer Frau? Waren es Offiziere, die einen Ehrenkampf austrugen? Nein. Der eine war Professor, der andere Bibliothekar. Und sie schlugen sich um die Frage, ob Studenten leichteren Zugang zu Büchern erhalten sollten oder nicht. Der Professor, der das Duell für sich entschied, war Schumpeter selbst.“

Das ist nur eine der zahlreichen Anekdoten, die in der Schumpeter-Biographie von Thomas K. McCraw, die im Oktober 2008 auch auf deutsch erschienen ist, nachzulesen sind. Es gibt nicht viele Biographien, zumal nicht über Nationalökonomen, die man mit Spannung und konstant guter Unterhaltung liest, aber diese ist mit Sicherheit eine davon. Sie hat in meinen Augen das Zeug, in Sachen Joseph A. Schumpeter das zu werden, was Robert Skidelskys Werk über John Maynard Keynes bereits ist: ein Klassiker. Was natürlich in nicht geringem Maße in der schillernden Figur Schumpeters selbst begründet liegt, der in dieser Hinsicht dem englischen Lord um nichts nachstand.

Der „beste Liebhaber Wiens, der beste Reiter Österreichs und der größte Ökonom der Welt“ wollte er bekanntlich werden, aber leider, leider konnte er nach eigener Einschätzung nur zwei dieser drei Ziele verwirklichen, weil: „leider habe ich nur einen schlechten Sattel geerbt“. Aber solcherlei Bekenntnisse kennen wir natürlich schon aus der bisherigen Standard-Biographie zu Schumpeter, von Richard Swedberg anfang der 1990er veröffentlicht. Und auch, dass er sich einen Spaß daraus machte, sich mit Prostituierten im Fiaker die Wiener Kärntnerstrasse rauf und runter fahren zu lassen, um sich mit dem sittenstrengen Wiener Flanier-Bürgertum seine frivolen Späße zu erlauben, war spätestens seit Swedberg bekannt.

McCraw geht in seiner Exploration der schumpeterschen Vita aber noch ein gutes Stück darüber hinaus und leuchtet die komplexe, innerlich zerrissene Persönlichkeit des Wiener Weltökonomen auch in ihren dunkelsten Winkeln aus. Aller Leichtfüßigkeit im gesellschaftlichen Auftreten zum Trotz: Von fortwährenden Selbstzweifeln war er wohl gepeinigt, der Joseph, schon seit seiner frühesten Kindheit, als er von allen noch „Jozsi“ gerufen wurde. Dabei bewies er Zeit seines Lebens Nehmerqualitäten, musste „niederschmetternde Schicksalsschläge, die gewöhnliche Menschen vernichtet hätten“ einstecken, u.a. den Tod der geliebten Ehefrau Annie und ihres ersten, gemeinsamen Kindes bei der Geburt, nachdem nur kurz zuvor bereits seine Mutter gestorben war. Den Vater verlor er bereits im Alter von 4 Jahren, kurz danach sterben auch die Großeltern, was Mutter Johanna veranlasst, gemeinsam mit dem Joszi die böhmische Heimatstadt Triesch zu verlassen, um ins österreichische Graz zu übersiedeln. Dort macht sie wenig später „eine gute Partie“, heiratet den pensionierten Feldmarschallleutnant Sigmund von Kéler und übersiedelt alsbald mit der Familie nach Wien, wo es der junge Joseph auf das Elitegymnasium „Theresianum“ schafft. Es folgt das Studium an der Universität Wien, der Rest ist Geschichte.

Was aus McCraws Buch sehr gut hervorgeht: Schumpeters Leben ist vor allem auch wegen der unzähligen Persönlichkeiten interessant, die auf die eine oder andere Art seine Wege kreuzten. Im Seminar von Böhm-Bawerk, selbst eine Legende, saß er zB mit Ludwig von Mises, Otto Bauer, Rudolf Hilferding und Emil Lederer und debattierte die Lehren von Karl Marx. Alle vier Kommilitonen sollten später herausragende Persönlichkeiten ihrer Zeit werden: Mises als Säulenheiliger der „Österreichischen Schule“ und Lehrer von Friedrich August Hayek; Otto Bauer als einer der Begründer des „Austro-Marxismus“ und erster Außenminister der Republik Österreich; Hilferding als Verfasser von „Band 4 des Marxschen Kapitals“ und zweimaliger Finanzminister der Weimarer Republik; und Lederer als hochangesehener Professor und Nationalökonom in Deutschland und USA.

Schumpeter selbst blieb zwar eine Zeit lang im Fahrwasser seiner berühmten Lehrer, ging dann aber bald seiner eigenen Wege. Den Kapitalismus wollte er verstehen, dessen brodelnde und bisweilen feurige Mischung aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Elementen; die guten wie auch die schlechten Eigenschaften. Die Spezialisierung auf eine bestimmte sozialwissenschaftliche Disziplin, wie es damals zunehmend in Mode kam, erschien ihm dafür hinderlich, deshalb beschäftigte er sich sehr eingehend mit Geschichte, Literatur, Soziologie, Psychologie, Mathematik und einer Reihe anderer akademischer Fächer, und begab sich damit auf eine geistige Odyssee. Dreimal wechselte er den thematischen Schwerpunkt, beschäftigte sich zunächst mit der kapitalistischen Ökonomie, später dessen Gesellschaftsstruktur und zuletzt dessen historischer Bilanz.

In seiner Arbeit war er ein Besessener, wie es bei genialen Menschen offenbar häufig der Fall ist. Er führte eine strenge persönliche Erfolgskontrolle, täglich und wöchentlich, indem er sich nach einem Notensystem zwischen null (Scheitern) und eins (Erfolg) bewertete; die volle 1 gab er sich nur selten, die Null hingegen häufig, selbst dann, wenn er bis in die tiefe Nacht über einem Problem gebrütet hatte, aber dennoch zu keinen zufriedenstellenden Ergebnissen kam.

Sein studentischer Traum, Universitätsprofessor in der Habsburger-Monarchie zu werden, ging nur auf Umwegen in Erfüllung: nach Berlin reiste er als frisch-gebackener Doktor der Rechtswissenschaften, von dort aus nach Paris und schließlich nach London. Die noble englische Upper Class gefiel ihm, ihre Töchter noch mehr, schließlich nahm er eine von ihnen sogar zur (ersten) Frau. Die hieß Gladys, war 12 Jahre älter als er und hatte beste Connections innerhalb der englischen Aristokratie; was unserem jungen Joseph aber zunächst mal auch nicht viel nutzte: bis nach Kairo musste er mit seiner Frau gehen, um in einer dortigen Kanzlei als Rechtsanwalt erste Berufserfahrung zu sammeln. Aber kaum dort angekommen, ging es schon wieder zurück nach Europa, dort endlich erste Stationen als Universitätsprofessor in Czernowitz, Burkowina und Graz, ein paar Monate als österreichischer Finanzminister und schließlich – quasi als unternehmerischer Ritterschlag – als Bankrotteur. Eines muss man Schumpeter daher in der Retrospektive lassen: während Mises, Hayek, Rothbard und wie die großen Liberalen sonst noch alle hießen, ihren ehernen marktwirtschaftlichen Credos nie auch nur ein einziges mal Taten folgen ließen, stattdessen unbesorgt und fern jeglichen Unternehmertums von ihren akademischen Sinekuren lebten, konnte sich Schumpeter wenigstens eine ausgewachsene Bankenpleite ans Revers heften! Damit hatte er die Nase vorn, und wusste deshalb 1942 auch aus nächster Nähe, worüber er redete, als er die Phrase vom „Unternehmer als kreativen Zerstörer“ münzte: er hatte gewissermaßen die Kehrseite dieser Zerstörung erlebt, die er für die Triebkraft des Kapitalismus hielt.

Der späte Joseph A. Schumpeter, mittlerweile Über-Ökonom in Harvard, war bekanntlich überaus skeptisch, was die Zukunft des Kapitalismus betrifft. „Kann der Kapitalismus überleben? Nein, ich glaube nicht, dass er das kann“, so ein Zitate-Klassiker aus dieser Schaffensperiode, entnommen seinem Spätwerk „Capitalism, Socialism and Democracy“, in welchem er ein Stück weit zurückkehrt zu seinen Wiener Wurzeln; zu den Debatten über den Marxismus mit Hilferding, Bauer und Mises, in Böhm-Bawerks Seminar. „Im schlimmsten Fall reduziert der Kapitalismus jede Form menschlicher Beziehung auf die bloße Berechnung persönlicher Kosten und Nutzen. Er stellt materielle Werte über geistige, plündert die Umwelt aus und macht sich die übelsten Seiten des menschlichen Wesens zunutze. In einer Welt, in der alles zum Verkauf steht, kann der Geschäftsmann aus allem Profit schlagen, einschließlich der sieben Todsünden, der Faulheit vielleicht ausgenommen“, resümiert McCraw die Tagebucheinträge von Schumpeter aus 1944. Gleichwohl blieb der aber Zeit seines Lebens von den positiven Seiten des Kapitalismus überzeugt: „Das billige Tuch, die billigen Baumwoll- und Kunstseidenwaren, Schuhe, Autos und so weiter sind die typischen Leistungen der kapitalistischen Produktion, hingegen nicht Verbesserungen, die einem reichen Mann viel bedeuten könnten. Königin Elisabeth I. besaß seidene Strümpfe. Die kapitalistische Leistung  besteht typischerweise nicht darin, noch mehr Seidenstrümpfe für Königinnen zu erzeugen, sondern sie in den Bereich der Fabrikmädchen zu bringen, als Entgelt für fortwährende abnehmende Arbeitsmühe.“

Zu Schumpeters Leitmotiven zählte immer, dass die Menschen den Kapitalismus verstehen müssten, um den vollen Nutzen aus ihm ziehen zu können. Wann wäre diese Einschätzung zutreffender gewesen, als heute? Das macht diese wirklich hervorragende Biographie aus McCraws Feder umso wertvoller. Sie gibt tiefe Einblicke in die komplexe Psyche eines Mannes, der selbst wie ein Besessener daran gearbeitet hat, dieses Verständnis zu erlangen. Ob es ihm gelungen ist? Wer weiß: Vielleicht fehlte ihm zur Verwirklichung seiner drei großen Lebensziele ja auch mehr, als bloß ein guter Pferdesattel.

In diesem Sinne: wer spannenden Lesestoff aus dem Ökonomie-Genre sucht und mehr aus dem Leben dieses wirklich außergewöhnlichen Mannes erfahren möchte: mit McCraws 600-Seiten-Epos ist er bestens bedient. Und als Draufgabe noch zusätzliche 160(!) Seiten weiterführende bibliographische Notizen und Anmerkungen, das gibt’s ja auch nicht alle Tage.

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