Chaos as usual

Chaos as usual

Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Kapitalismus, Sozialismus und ein schlechter Pferdesattel

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"An einem Morgen im Frühherbst des Jahres 1909 begaben sich zwei Duellanten in Begleitung ihrer Sekundanten zum Austragungsort ihres Ehrenkampfes, wie es der code duello vorschrieb. Keiner der beiden war ein sonderlich guter Fechter. Nach einigem Herumgefuchtel mit ihren Säbeln traf jedoch schließlich der Säbel des einen Duellanten den anderen an der Schulter und fügte ihm einen Schnitt zu. Kaum hatte das Blut zu fließen begonnen, schritten die Sekundanten auch schon ein und erklärten das Gefecht für beendet. Schlugen sich die beiden Rivalen um die Hand einer Frau? Waren es Offiziere, die einen Ehrenkampf austrugen? Nein. Der eine war Professor, der andere Bibliothekar. Und sie schlugen sich um die Frage, ob Studenten leichteren Zugang zu Büchern erhalten sollten oder nicht. Der Professor, der das Duell für sich entschied, war Schumpeter selbst." Das ist nur eine der zahlreichen Anekdoten, die in der Schumpeter-Biographie von Thomas K. McCraw, die im Oktober 2008 auch auf deutsch erschienen ist, nachzulesen sind. Es gibt nicht viele Biographien, zumal nicht über Nationalökonomen, die man mit Spannung und konstant guter Unterhaltung liest, aber diese ist mit Sicherheit eine davon. Sie hat in meinen Augen das Zeug, in Sachen Joseph A. Schumpeter das zu werden, was Robert Skidelskys Werk über John Maynard Keynes bereits ist: ein Klassiker. Was natürlich in nicht geringem Maße in der schillernden Figur Schumpeters selbst begründet liegt, der in dieser Hinsicht dem englischen Lord um nichts nachstand.

Der Prüfstein für eine erstrangige Intelligenz ist die Fähigkeit,
zwei entgegengesetzte Ideen zugleich im Kopf zu haben
und doch weiter in Funktion zu bleiben.

(F. Scott Fitzgerald)

„An einem Morgen im Frühherbst des Jahres 1909 begaben sich zwei Duellanten in Begleitung ihrer Sekundanten zum Austragungsort ihres Ehrenkampfes, wie es der code duello vorschrieb. Keiner der beiden war ein sonderlich guter Fechter. Nach einigem Herumgefuchtel mit ihren Säbeln traf jedoch schließlich der Säbel des einen Duellanten den anderen an der Schulter und fügte ihm einen Schnitt zu. Kaum hatte das Blut zu fließen begonnen, schritten die Sekundanten auch schon ein und erklärten das Gefecht für beendet.

Schlugen sich die beiden Rivalen um die Hand einer Frau? Waren es Offiziere, die einen Ehrenkampf austrugen? Nein. Der eine war Professor, der andere Bibliothekar. Und sie schlugen sich um die Frage, ob Studenten leichteren Zugang zu Büchern erhalten sollten oder nicht. Der Professor, der das Duell für sich entschied, war Schumpeter selbst.“

Das ist nur eine der zahlreichen Anekdoten, die in der Schumpeter-Biographie von Thomas K. McCraw, die im Oktober 2008 auch auf deutsch erschienen ist, nachzulesen sind. Es gibt nicht viele Biographien, zumal nicht über Nationalökonomen, die man mit Spannung und konstant guter Unterhaltung liest, aber diese ist mit Sicherheit eine davon. Sie hat in meinen Augen das Zeug, in Sachen Joseph A. Schumpeter das zu werden, was Robert Skidelskys Werk über John Maynard Keynes bereits ist: ein Klassiker. Was natürlich in nicht geringem Maße in der schillernden Figur Schumpeters selbst begründet liegt, der in dieser Hinsicht dem englischen Lord um nichts nachstand.

Der „beste Liebhaber Wiens, der beste Reiter Österreichs und der größte Ökonom der Welt“ wollte er bekanntlich werden, aber leider, leider konnte er nach eigener Einschätzung nur zwei dieser drei Ziele verwirklichen, weil: „leider habe ich nur einen schlechten Sattel geerbt“. Aber solcherlei Bekenntnisse kennen wir natürlich schon aus der bisherigen Standard-Biographie zu Schumpeter, von Richard Swedberg anfang der 1990er veröffentlicht. Und auch, dass er sich einen Spaß daraus machte, sich mit Prostituierten im Fiaker die Wiener Kärntnerstrasse rauf und runter fahren zu lassen, um sich mit dem sittenstrengen Wiener Flanier-Bürgertum seine frivolen Späße zu erlauben, war spätestens seit Swedberg bekannt.

McCraw geht in seiner Exploration der schumpeterschen Vita aber noch ein gutes Stück darüber hinaus und leuchtet die komplexe, innerlich zerrissene Persönlichkeit des Wiener Weltökonomen auch in ihren dunkelsten Winkeln aus. Aller Leichtfüßigkeit im gesellschaftlichen Auftreten zum Trotz: Von fortwährenden Selbstzweifeln war er wohl gepeinigt, der Joseph, schon seit seiner frühesten Kindheit, als er von allen noch „Jozsi“ gerufen wurde. Dabei bewies er Zeit seines Lebens Nehmerqualitäten, musste „niederschmetternde Schicksalsschläge, die gewöhnliche Menschen vernichtet hätten“ einstecken, u.a. den Tod der geliebten Ehefrau Annie und ihres ersten, gemeinsamen Kindes bei der Geburt, nachdem nur kurz zuvor bereits seine Mutter gestorben war. Den Vater verlor er bereits im Alter von 4 Jahren, kurz danach sterben auch die Großeltern, was Mutter Johanna veranlasst, gemeinsam mit dem Joszi die böhmische Heimatstadt Triesch zu verlassen, um ins österreichische Graz zu übersiedeln. Dort macht sie wenig später „eine gute Partie“, heiratet den pensionierten Feldmarschallleutnant Sigmund von Kéler und übersiedelt alsbald mit der Familie nach Wien, wo es der junge Joseph auf das Elitegymnasium „Theresianum“ schafft. Es folgt das Studium an der Universität Wien, der Rest ist Geschichte.

Was aus McCraws Buch sehr gut hervorgeht: Schumpeters Leben ist vor allem auch wegen der unzähligen Persönlichkeiten interessant, die auf die eine oder andere Art seine Wege kreuzten. Im Seminar von Böhm-Bawerk, selbst eine Legende, saß er zB mit Ludwig von Mises, Otto Bauer, Rudolf Hilferding und Emil Lederer und debattierte die Lehren von Karl Marx. Alle vier Kommilitonen sollten später herausragende Persönlichkeiten ihrer Zeit werden: Mises als Säulenheiliger der „Österreichischen Schule“ und Lehrer von Friedrich August Hayek; Otto Bauer als einer der Begründer des „Austro-Marxismus“ und erster Außenminister der Republik Österreich; Hilferding als Verfasser von „Band 4 des Marxschen Kapitals“ und zweimaliger Finanzminister der Weimarer Republik; und Lederer als hochangesehener Professor und Nationalökonom in Deutschland und USA.

Schumpeter selbst blieb zwar eine Zeit lang im Fahrwasser seiner berühmten Lehrer, ging dann aber bald seiner eigenen Wege. Den Kapitalismus wollte er verstehen, dessen brodelnde und bisweilen feurige Mischung aus wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Elementen; die guten wie auch die schlechten Eigenschaften. Die Spezialisierung auf eine bestimmte sozialwissenschaftliche Disziplin, wie es damals zunehmend in Mode kam, erschien ihm dafür hinderlich, deshalb beschäftigte er sich sehr eingehend mit Geschichte, Literatur, Soziologie, Psychologie, Mathematik und einer Reihe anderer akademischer Fächer, und begab sich damit auf eine geistige Odyssee. Dreimal wechselte er den thematischen Schwerpunkt, beschäftigte sich zunächst mit der kapitalistischen Ökonomie, später dessen Gesellschaftsstruktur und zuletzt dessen historischer Bilanz.

In seiner Arbeit war er ein Besessener, wie es bei genialen Menschen offenbar häufig der Fall ist. Er führte eine strenge persönliche Erfolgskontrolle, täglich und wöchentlich, indem er sich nach einem Notensystem zwischen null (Scheitern) und eins (Erfolg) bewertete; die volle 1 gab er sich nur selten, die Null hingegen häufig, selbst dann, wenn er bis in die tiefe Nacht über einem Problem gebrütet hatte, aber dennoch zu keinen zufriedenstellenden Ergebnissen kam.

Sein studentischer Traum, Universitätsprofessor in der Habsburger-Monarchie zu werden, ging nur auf Umwegen in Erfüllung: nach Berlin reiste er als frisch-gebackener Doktor der Rechtswissenschaften, von dort aus nach Paris und schließlich nach London. Die noble englische Upper Class gefiel ihm, ihre Töchter noch mehr, schließlich nahm er eine von ihnen sogar zur (ersten) Frau. Die hieß Gladys, war 12 Jahre älter als er und hatte beste Connections innerhalb der englischen Aristokratie; was unserem jungen Joseph aber zunächst mal auch nicht viel nutzte: bis nach Kairo musste er mit seiner Frau gehen, um in einer dortigen Kanzlei als Rechtsanwalt erste Berufserfahrung zu sammeln. Aber kaum dort angekommen, ging es schon wieder zurück nach Europa, dort endlich erste Stationen als Universitätsprofessor in Czernowitz, Burkowina und Graz, ein paar Monate als österreichischer Finanzminister und schließlich – quasi als unternehmerischer Ritterschlag – als Bankrotteur. Eines muss man Schumpeter daher in der Retrospektive lassen: während Mises, Hayek, Rothbard und wie die großen Liberalen sonst noch alle hießen, ihren ehernen marktwirtschaftlichen Credos nie auch nur ein einziges mal Taten folgen ließen, stattdessen unbesorgt und fern jeglichen Unternehmertums von ihren akademischen Sinekuren lebten, konnte sich Schumpeter wenigstens eine ausgewachsene Bankenpleite ans Revers heften! Damit hatte er die Nase vorn, und wusste deshalb 1942 auch aus nächster Nähe, worüber er redete, als er die Phrase vom „Unternehmer als kreativen Zerstörer“ münzte: er hatte gewissermaßen die Kehrseite dieser Zerstörung erlebt, die er für die Triebkraft des Kapitalismus hielt.

Der späte Joseph A. Schumpeter, mittlerweile Über-Ökonom in Harvard, war bekanntlich überaus skeptisch, was die Zukunft des Kapitalismus betrifft. „Kann der Kapitalismus überleben? Nein, ich glaube nicht, dass er das kann“, so ein Zitate-Klassiker aus dieser Schaffensperiode, entnommen seinem Spätwerk „Capitalism, Socialism and Democracy“, in welchem er ein Stück weit zurückkehrt zu seinen Wiener Wurzeln; zu den Debatten über den Marxismus mit Hilferding, Bauer und Mises, in Böhm-Bawerks Seminar. „Im schlimmsten Fall reduziert der Kapitalismus jede Form menschlicher Beziehung auf die bloße Berechnung persönlicher Kosten und Nutzen. Er stellt materielle Werte über geistige, plündert die Umwelt aus und macht sich die übelsten Seiten des menschlichen Wesens zunutze. In einer Welt, in der alles zum Verkauf steht, kann der Geschäftsmann aus allem Profit schlagen, einschließlich der sieben Todsünden, der Faulheit vielleicht ausgenommen“, resümiert McCraw die Tagebucheinträge von Schumpeter aus 1944. Gleichwohl blieb der aber Zeit seines Lebens von den positiven Seiten des Kapitalismus überzeugt: „Das billige Tuch, die billigen Baumwoll- und Kunstseidenwaren, Schuhe, Autos und so weiter sind die typischen Leistungen der kapitalistischen Produktion, hingegen nicht Verbesserungen, die einem reichen Mann viel bedeuten könnten. Königin Elisabeth I. besaß seidene Strümpfe. Die kapitalistische Leistung  besteht typischerweise nicht darin, noch mehr Seidenstrümpfe für Königinnen zu erzeugen, sondern sie in den Bereich der Fabrikmädchen zu bringen, als Entgelt für fortwährende abnehmende Arbeitsmühe.“

Zu Schumpeters Leitmotiven zählte immer, dass die Menschen den Kapitalismus verstehen müssten, um den vollen Nutzen aus ihm ziehen zu können. Wann wäre diese Einschätzung zutreffender gewesen, als heute? Das macht diese wirklich hervorragende Biographie aus McCraws Feder umso wertvoller. Sie gibt tiefe Einblicke in die komplexe Psyche eines Mannes, der selbst wie ein Besessener daran gearbeitet hat, dieses Verständnis zu erlangen. Ob es ihm gelungen ist? Wer weiß: Vielleicht fehlte ihm zur Verwirklichung seiner drei großen Lebensziele ja auch mehr, als bloß ein guter Pferdesattel.

In diesem Sinne: wer spannenden Lesestoff aus dem Ökonomie-Genre sucht und mehr aus dem Leben dieses wirklich außergewöhnlichen Mannes erfahren möchte: mit McCraws 600-Seiten-Epos ist er bestens bedient. Und als Draufgabe noch zusätzliche 160(!) Seiten weiterführende bibliographische Notizen und Anmerkungen, das gibt’s ja auch nicht alle Tage.


32 Lesermeinungen

  1. Ich hoffe, dass die Empfehlung...
    Ich hoffe, dass die Empfehlung von @lemming „…. sondern sondieren, was ist gut? was kann man anders machen…. so wird ein Schuh draus…“ auf fruchtbaren Boden fällt und dass einige es schaffen, die Realität und die Systemkrise des weltindustriellen Fortschrittsprozesses mithilfe meines steuerungssystemischen Evolutionsprozess-Modells zu erkennen und in die evolutionsprozess-logisch folgende Weltordnung des KREATIVEN zu schauen. Mit diesem Erkenntnissprung wäre der ‚Blindflug durch die Krise‘ beendet – da bin ich mir sicher. Ich hatte einen kurzen Briefwechsel mit Kurt Biedenkopf (Frühjahr 2005), in dem er sich dafür bedankt, dass ich ihm meinen Erkenntnisstand zum Thema ‚Wachstumszwang-Tyrannei und Bruttoarbeitskosten-Trick‘ und Exodus- und Übergangswissen …. anhand eines Revolutionsvergleich zwischen Frankreich vor 1789 und Deutschland 2005 mitgeteilt habe. Ähnlich endete 2003 der Gedankenaustausch mit dem führenden Denker bei der damaligen PDS/Rosa Luxemburgstiftung, Prof. Dieter Klein.
    —-
    Wenn der klarste ORDOliberale Prof. Biedenkopf (und damit Angela Merkel) u n d der klarste Vordenker der LINKEN meinen Erkenntnisstand so positiv beurteilen, dann sollte das schon zu denken geben. Etwas abgewandelt, trifft das führende Zitat zu diesem Blog ‚Kapitalismus, Sozialismus und ein schlechter Pferdesattel‘ von T. Strobl zu:
    “ Der Prüfstein für eine erstrangige Intelligenz ist die Fähigkeit,
    zwei entgegengesetzte Ideen zugleich im Kopf zu haben
    und doch weiter in Funktion zu bleiben. (F. Scott Fitzgerald)“ auch auf meinen Erkenntnisstand und die Inhalte des EPIKUR-Projekts zu: „Der Prüfstein für einen erstrangigen Lösungsansatz ist dessen Fähigkeit,
    zwei entgegengesetzte Ideensysteme in einem Revolutionsprojekt zu vereinigen und doch nicht zwischen Hammer und Ambos zu enden.“ Aber diese Aufhebung-der-Widersprüche-Erscheinung ist ja bei emergenten Ordnungsübergängen – lt. Chaosphysik – universal zu beobachten. Also ein Indiz dafür, dass die Projektinnovation nicht zwischen Amboss und Hammer enden wird.

  2. Earloffunk sagt:

    Kalupner hat mich erpresst XD...
    Kalupner hat mich erpresst XD lol
    … spass beiseite
    nach meinen heutigen Recherschen bin ich etwas platt…
    Ich glaube nicht mehr, dass wir auch nur ansatzweise in der Lage sind irgendeine Systemänderung herbei zu führen… geht einfach nicht (oder wird nicht einfach)
    … ich will um Gottes Willen nicht in eine rechte Ecke gestellt werden oder als Verschwöhrungstheoretiker gelten…
    Die „Bilderberger“ sind mir zwar schon lange ein Begriff, aber nach dem Lesen folgender Info´s sinken meine Hoffnungen allein durch Glauben an das „Gute im Menschen“ etwas bewirken zu können…
    Vielleicht schafft es ja der eine oder andere zu Ende zu lesen…
    https://www.v-22.de/forum11/aktuelles_geschehen/rothschild_rockefeller_lehman_co-t516.0.html
    … von der Unterstützung humanitärer Zwecke der Rockefeller Foundation (wie zum Beispiel die Finanzierung Adolf Hitlers)… bis hin zur Lagerung sämtlicher Goldbestände Deutschlands von 3.700 Tonnen Goldreserve in New York bei der FED (J.P. Morgan / Rockefeller / Rothschild)…
    so unglaublich es ist so war ist es…
    was wollen wir da machen?… selbst die Medien sitzen im Boot…
    is echt zu harter Stoff für mein kleines friedliebendes Hirn
    Lest das (oder wisst Ihr das alles?)

  3. pjk sagt:

    Will mal auf die Sache mit den...
    Will mal auf die Sache mit den Fabrikmädchen und den Seidenstrümpfen eingehen.
    Zunächst aber, @Devin08: Ich habe auch Ihre letzten beiden Kommentare in dem Abba-Lerner-Thread gelesen und fand sie wie immer recht beeindruckend. Es ist ja ein interessanter Versuch, die alte Arbeitswertlehre in modifizierter Form in das Zeitalter der wissens- und technologiebasierten Ökonomie hinüberzuretten. Auch scheinen Sie dem bürgerlichen Humanisten einen Horror vor dem kapitalistischen Verwertungsprinzip einimpfen zu wollen, indem Sie ihm gleichsam mit der transhumanen biotechnologischen Hölle drohen. Aber wenn ich es so recht überdenke, dann frage ich mich doch mit Annette Humpe: „Ich weiß nicht, stimmt denn das?“ Wenn ich es recht sehe, so kommen moderne bio- und gentechnische Verfahren doch ohne viel menschliche „Biomasse“ aus. Wenn es dereinst möglich sein wird, vielfältiges Organgewebe aus Stammzellen zu gewinnen, dann dürfte auch der jetzige in der Tat widerwärtige Organhandel der Vergangenheit angehören. Allerdings ergibt sich aus diesen Perspektiven in der Tat auch ein Verwertungsproblem, und da möchte ich dann zu dem Beispiel mit den Seidenstrümpfen als Beispiel für den historischen Erfolg des Kapitalismus kommen. Der Seidenstrumpffabrikant kann seine Produktion ausweiten zum einen wegen der Verbilligung seiner Produkte (Mechanisierung, Massenfertigung), zum anderen wegen der gestiegenen Kaufkraft der Fabrikmädchen. Das erste ist ein konkretes Ergebnis der voranschreitenden Produktivkraftentwicklung, das zweite aber ergibt sich nicht direkt aus ersterem, sondern resultiert aus einem über den unmittelbaren technologischen Fortschritt hinausgehenden sozialen Fortschritt, der in der Tat konflikthaft in Form von sozialen Kämpfen abläuft. Der technologische Fortschritt wird auf Unternehmensebene realisiert und folgt einem betriebswirtschaftlichen Kalkül. Der soziale Fortschritt mag auf der Mikroebene in Kollision mit dem betriebswirtschaftlichen Kalkül treten, er ist jedoch für die Weiterentwicklung des Systems unerläßlich. Ich denke, man wird sagen können, daß zwischen technologischem und sozialem Fortschritt keine lineare Beziehung besteht in dem Sinne, daß nur der eine den anderen hervorbringt, sondern es handelt sich um eine Wechselwirkung. (Marxisten mögen es als dialektische Beziehung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bezeichnen.)
    Wie sieht es nun mit der Perspektive der zukünftigen biotechnologischen Gesundheitswirtschaft aus? Wie ich hier schon früher sinngemäß schrieb, stellt sich wieder das gleiche Verwertungsproblem wie mit den Seidenstrümpfen. So wie die Königin nicht in unbegrenzter Menge Seidenstrümpfe konsumieren kann, so sind auch der Entwicklung der Biotechnologie Grenzen gesetzt, wenn ihre Hervorbringungen nur auf die begrenzte Nachfrage einer zahlungskräftigen Oberschicht treffen. Freilich kann auch hier der Konsum ausgeweitet werden, indem man gewisse Luxusbedürfnisse hervorruft wie etwa den durch In-Vitro-Techniken zu befriedigenden Kinderwunsch mit 45 und so. Aber letzlich werden sich die hohen Forschungs- und Entwicklungsausgaben in dem Bereich nur rechnen (und auch gesellschaftlich legitimieren lassen), wenn es einen Massenbedarf danach gibt. Allerdings läßt sich dieser Bedarf wegen der Spezifik der biotechnologischen Produkte und Dienstleistungen nicht nach der Logik individueller Konsumentscheidungen in eine Massennachfrage übersetzen, wie das bei den Seidenstrümpfen der Fall ist. Es braucht also große überindividuelle Versicherungs- und damit Umverteilungssysteme, um den spontan und ungeplant – und ja auch ungewollt – auftretenden Bedarf in eine Massennachfrage zu verwandeln, die in der Biotech-Wirtschaft die für Investitionen nötigen Gewinnerwartungen erzeugt. Eine Privatisierung des Gesundheitswesens ist also gerade das Gegenteil dessen, was die Kapitalverwertungsinteressen dieser neuen Sektoren erfordern. Die Kapitalakkumulation wird in einem möglichen Biotech-Kondratieff unter starker Einschränkung des Marktprinzips erfolgen, so jedenfalls meine These. Freilich wird sich auch diese Einschränkung konflikthaft und nicht als lineare Entwicklung vollziehen, und schon gar nicht dadurch, daß Angie, Hotte und Volodja über irgendeinen Geniepunkt stolpern und sich plötzlich auf einem Pferderücken wiederfinden.
    Ach ja, und was die Idee einer prohibitiven Besteuerung von Produktivkraftentwicklung angeht: Wenn man das mal in einem Modellstaat praktizieren würde, dann würde wohl vor allem die Bauwirtschaft profitieren. Bald nämlich müßte man eine hohe Mauer bauen, um die Abwanderung der menschlichen Produktivkraft (vulgo „Humankapital) zu stoppen.

  4. Devin08 sagt:

    Den Punkt des „No Return“...
    Den Punkt des „No Return“ nicht verpassen!
    @pjk: Ihr Beitrag ist wirklich anregend. Ich muss Ihnen wohl nicht bestätigen, dass das genau die Fragen sind, die mich beschäftigen, seit ich Jeremy Rifkin, „Das biotechnische Zeitalter“ (ich empfehle das Buch sehr), u.A., gelesen habe. Und natürlich treffen Sie mit Ihre Behauptung, dass „Eine Privatisierung des Gesundheitswesens (…) also gerade das Gegenteil dessen (ist), was die Kapitalverwertungsinteressen dieser neuen Sektoren erfordern“, den neuralgischen Punkt. Genau dies ist einer der objektiven Gründe für die, dem Kapital innewohnende, Tendenz zum Sozialismus (nicht linear, sondern im sehr konfliktreichen Klassenkampf, wie Sie richtig erkennen, daher ja auch die Tendenz zur Barbarei). Genau genommen schafft das Kapital auf jeder Stufe seiner Entwicklung, nicht nur die Vorraussetzungen seiner Weiterexistenz neu, sondern schafft sich auch so neue Probleme, und es verheddert sich somit nicht nur immer tiefer in seinen Aporien, sondern zugleich auch wieder in den damit geschaffenen Vorraussetzungen seines Untergangs – jedes Mal neu (!).
    In diesem Punkt hatte Nietzsche recht, die Immer-Wiederkehr-des Gleichen findet aber nur innerhalb gewisser Grenzen statt. Diese Grenze ist aber nicht absolut gesetzt, weder in objektiver noch subjektiver Hinsicht, sondern jedes Mal relativ. Es gibt sowenig eine „innere Schranke“ (Robert Kurz), noch einen Punkt, wo es dem Proletariat zu viel wird (leider, erkennen wir uns selbst! – wann wird es uns zu viel?). Sie wächst mit, wie unser Horizont, wie das Weltall vielleicht gar, und das ist die Schwierigkeit. Aber sie wächst in einem sich ständig verändernden Kontext internationaler (transnationaler) wie „nationaler“ Verflechtungen und eben im Klassenkampfkontext. Kommt es zum Aufstand, zur Revolution, dann eben als das „Reißen des schwächsten Kettengliedes“, wie Lenin schon feststellte. Darin sind neben Momenten des Zufalls auch die des politischen Geschicks der Führung solcher Kämpfe enthalten, nichts darin ist absolut gesetzmäßig oder gar notwendig, oder begrenzt. Es sind schlicht die „Sternstunden der Menschheit“ (Stefan Zweig).
    Richtig ist, dass das Kapital immer mehr Verwertungsschwierigkeiten zu überwinden hat, dabei bleibt es aber recht erfinderisch. – Bis hin zur Verwertung seiner selbst, als Subjekt. Und natürlich stimmt es, dass die Genforschung gar nicht mehr so viel Material benötigt, wie zu Anfang, und natürlich verschwindet der ganze widerliche Organhandel, beim Gehirn wird das aber eine Zeit lang noch recht hausbacken zugehen. Für mich stellt sich das Gehirn immer mehr als der ideale Gegenpol zum äußeren Kosmos dar. Das ist so neu nicht, aber ich meine das nicht im Sinne eines subjektiven Idealismus, wie ihn Novalis („In uns ist die Ewigkeit mit ihren Welten“) formuliert hat, obwohl dessen Tiefenschau mich sehr beeindruckt, das gebe ich als Materialist zu. Ich meine das im Sinne einer gegensätzlichen, eben dialektisch zu verstehenden Organisation der äußeren wie der inneren Welt. Die innere Welt kann gar nicht anders aufgebaut sein, als die äußere, aber sie muss dieser entgegen gesetzt sein, und sie ist vermutlich recht komplex (auch dies beherrscht vermutlich vom 2. Gesetz der Thermodynamik: Zunahme der Entropie), während die äußere Welt auf recht einfachen Prinzipien zu beruhen scheint (ein Kalupner hat da recht, nur er ignoriert die Entropiezunahme!). Der Grund dafür ist wiederum recht einfach. Ein System was ein anderes verstehen will, ist immer komplexer als das, was es zu verstehen gilt, denn es entwickelt sich ja nicht linear mit diesem, sozusagen in dessen Schlepptau, also vielleicht gar parallel zu dieser äußeren, von ihr betrachteten Welt, sondern dieser quasi retrospektiv entgegen gesetzt. Zizeks „Parallaxe“ trifft da eher ins Bild. Denn beide, auf einander zu laufenden „Parallelen“, eben Parallaxen, kreuzen sich, und da wo sie sich treffen – man bedenke, sie kommen von entgegen gesetzten Polen, kennen sich also zunächst nicht – dort herrscht großes Unverständnis, Lücken, da finden Sprünge, Bocksprünge auch, letztlich durch diese Krise bedingte Entwicklungsschübe statt (wie nach einer durchgestandenen Kinderkrankheit beim kindlichen Immunsystem). Und wir erkennen dies zunächst nicht, da wir dort einen blinden Fleck haben. Hier sind die Punkte, in der die „Ewigkeiten“ (Novalis) sich treffen. Und dort ist eigentlich das, was wirklich existiert, so Zizek. Dort könnte das sein, was Green („Das elegante Universum“) mit der saloppen wie wenig logischen Gleichung R = 1/R veranschaulichen wollte. Ein Drama, denn das verweist darauf, dass es noch lange dauert, bis wir uns vom Reich der Notwendigkeit, dem Krisenreich, abgenabelt haben. Das Gehirn (nicht nur das des Menschen) macht nicht nur alle Entwicklungen nach – im Schnellverfahren (Millionen Jahre im Hirn gegen Milliarden im Kosmos) -, sondern möchte allen zukünftigen Entwicklungen vorauseilen, ja möchte bis in die Tiefe des Abgrundes der kosmischen Zeit, alle bisherigen Entwicklungen nachvollziehen, ja möchte zum Herrn, zum wahren Demiurgen eines Kosmos werden, der sich ihm als R = 1/R als Paradox darstellt. Logik und Dialektik sind wohl verwandt aber doch nicht identisch. Sie widersprechen sich gar.
    Aber dieses „vorauseilen und nachvollziehen wollen“, dieser Kampf zwischen Logik und Dialektik, bewirkt nicht dies, was wir Selbsttäuschung (falsche Ideologie) bezüglich unserer „Ontologie“, unseres Seins, nennen, sondern bewirkt auch das, was wohl eines Marxens Hoffnung zugrunde liegt, bzgl. der Möglichkeit des Menschen sich eine „Welt der Freiheit“ zu erobern, eine solche also, die sich losgesagt hat, von der der Notwendigkeit. Logik geschlagen durch Dialektik, geschlagen durch Logik, und das so lange, bis der Sprung einsetzt. Ob dies gelingt oder nicht, ist gegenwärtig nicht von Bedeutung, das Streben allein ist wichtig.
    Wenn ich Frank Schirrmacher zitiere: „Das Gehirn ist der Rohstoff der Zukunft“, befürchte ich, dass er das so krude meint, wie es sich anhört. Es wird schon eine Epoche der Frankensteins und Co. geben, da bin ich mir ganz sicher – und das sage ich nicht nur, um die Konservativen zu schrecken (obwohl ich den Spaß daran nicht verhehlen möchte) -, bevor die Option des „Paradieses“ vielleicht möglich wird (so oder so!), aber auch dies wird nicht linear (im Sinne einer Danteschen Wanderung durch die Höllen) verlaufen, sondern auf dem Weg einer sich ständig zuspitzenden und dann aber auch wieder abwellenden Klassenkampfbewegung.
    Aber Gnade uns Gott, wir verpassen den Punkt des „no Return“, dann war alles Hoffen umsonst.

  5. @ bob 09. Juni 2009,...
    @ bob 09. Juni 2009, 10:23
    Sie bringen das bisherige Denken des Evolutionmodells genau auf den Punkt – den übrigens Kardinal Ratzinger in seine FAZ-Beitrag (8.1.2000)’Der angezweifelte Wahrheitsanspruch‘ als entscheidend für die Überlebensschancen des katholischen Wahrheitsanspruchs betrachtet hat: „Evolution ist hart und grausam. Wollen Sie uns sowas andrehen ? “
    —–
    Auf der Ebene gesellschaftlicher, höchst-komplexer Kultur-Systemevolution gilt das Gegenteil, d.h. eine kleinste Veränderung in der Prozesstruktur k a n n tyrannen- und machtsystemstürzende Umwälzungen zugunsten der Freiheits- und epikureischen Lustchancen und der allseitigen Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen mit dominomächtiger Macht herbeiführen. Hier beweist sich die nachhaltige und zuverlässige Vormacht der KREATIVITÄT im Evolutionsprozess. Wenn jedoch die Erkenntnis dieser kleinsten Systemänderung fehlt, und wenn das Wissen über das gesellschaftliche Steuerungsinstrumentarium des KREATIVEN Akzlerationswegs fehlt, dann, dann wird es hart und grausam. Im Film ‚Butterflyeffekt‘ wurde das durchgespielt! Meinen Sie, @ bob , wirklich, dass es keine Exoduschance aus dieser KONFLIKTKAMPF- und Sieger-Welt gibt? Wollen Sie die Augen verschließen vor der naheliegenden Weltordnung, einer von kleinsten Änderungen gesteuerten Gesellschaft und Wirtschaft, die ich hier anbiete und deren bisherige Erfolgs- und Wirkungsgeschichte auf meiner Webseite nachlesbar ist? Glauben Sie, dass Angela Merkel zu feige ist oder unfähig wäre, ihre einmalige, völlig risikolose Chance wahrzunehmen, eine öko-KREATIVEN Weltrevolution zu denken, insgeheim vorzubereiten und zu starten? Deutlicher als in ihrem BILD-Beitrag über Ludwig Erhard v. 22.5. kann sie doch fast nicht werden, um zu sagen, was sie mit ihrem CHARTA-Projekt beabsichtigt.
    —–
    Bezogen auf Marx ist folgender Einstieg wahrscheinlich hilfreich: Der Erkenntnisstand über den KREATIVEN Akzelerationsweg und seine Konkretisierung im EPIKUR-Projektansatz entsorgt u.a. seine Konfliktkampf-Klassenkampf-Option – als Exodusoption aus der Vorherrschaft der Kapitalstockmaximierer. Allein die hinreichende Erkenntnis der KREATIVEN Akzelerationsordnung ersetzt die Option eines militärischen oder politischen Vernichtungskampf gegen die Vertreter der ‚Kapitalinteressenseite‘. Dieses Evolutionswissen ist als Krönung der marxschen Methode zu betrachten, die den materiellen Wechselwirkungen die Steuerung des evolutionären Fortschritts zuspricht. Diese Revolutions- und Realisierungsoption ahnte wohl auch Karl Marx, als er sagte, dass er eigentlich kein Marxist mehr ist. Diese friedenstiftende Konkurrenzmacht der überlegenen Weltordnung des KREATIVEN, deren Erkenntnis allein, die den revolutionären Exodusprozess aus der tyrannischen Kapitalstockmaximiererei anstößt und sofort und konstruktiv das Neue organisiert, war es, was Herr Dieter Klein so faszinierte, wie er mir sagte.
    —–
    @ Devin08 v 09. Juni 2009, 11:25
    „.. so ist auch ganz plötzlich ein Herr Kalupner ein Revolutionär geworden, der sich auf revolutionäre Weise gegen das Kapital wendet, wo wir doch längst wissen, welche Figuren seine Vorbilder sind: Putin, Merkel…“
    Wladimir Putin und Angela Merkel sind nicht meine Vorbilder sondern (fast-)geheime Anwender des Evolutionsprojektwissens. Meine Vorbilder sind u.a. der Politiker Goethe, der Systemdenker Walter Eucken und der mutige Geniepunkt-Politiker Ludwig Erhard.

  6. lemming sagt:

    @devin
    "Richtig ist, dass das...

    @devin
    „Richtig ist, dass das Kapital immer mehr Verwertungsschwierigkeiten zu überwinden hat, dabei bleibt es aber recht erfinderisch. – Bis hin zur Verwertung seiner selbst, als Subjekt.“
    Wenn es „immer mehr“ Verwertungsschwierigkeiten gibt (was ich allerdings auch sehe), dann gibt es offenbar doch eine „innere Schranke“. Was nämlich auffällt, ist die seit Jahrzehnten bestehende Tendenz, dass die „Erfindungen“ eine immer kürzere Entwertungszeit aufweisen. Die letzte Idee, die „Verwertung seiner selbst“ – in meinem Verständnis: das Kapital als Produkt (als „Finanzprodukt“) hat es binnen weniger Jahre an den Rand der Selbstvernichtung gebracht.
    Überhaupt denke ich von dem Erfindungsreichtum nicht so hoch wie Sie. Nach der Dampfmaschinen- und Webstuhl-Ära leben wir eigentlich immer noch im Reiche von Ford und Taylor, also in dem, was RKurz so schön „Automobilmachung“ nannte. Trotz „Wissenswirtschaft“, „Computern“, „Internet“ etc. All diese Dinge haben an der grundsätzlichen Lage gar nichts geändert oder höchstens kurzfristige Blasen erzeugt („new economy“).
    Was sich an Marx erledigt hat, ist mE sein „Klassenkampf-Dings“, „Diktatur des Proletariats“, das, was Lenin&Co aus ihm praktisch haben werden lassen – das ist alles inzwischen Schall und Rauch, oder sogar weniger als das. Das gab es, vielleicht als verpasste historische Option, gibt es aber längst nicht mehr.
    Vielleicht noch Klassen, weil die – letztlich, oder unterdessen – ein rein taxonomisches Phänomen sind. Von der eigenen oder der Arbeit anderer leben, heisst letztlich die Unterscheidung, die allerdings auch nicht so scharf ist wie sie zunächst scheint. Umso mehr, diesen Einschub an tstrobl, empört mich jede Idee von Arbeitspflicht statt Arbeitsrecht als protofaschistisch (und ich gehöre zu den Vorsichtigen, was die Verwendung solcher Begriffe angeht).
    Nun ja, lieber Devin, ich könnte hier noch weiter fortschreiben, aber ich fürchte, schon etwas jenseits der üblichen Längen zu sein (jedenfalls nach meinem Maßstab), darum vielleicht bei anderer Gelegenheit oder an anderem Ort weiteres…

  7. Marx – Marxismus –...
    Marx – Marxismus – Nichtmarxismus
    @Lemming: „Verwertungsschwierigkeiten“ bedeutet nicht automatisch „innere Schranke“, sondern eine sich ständig verlagernde Problematik. Der Begriff „Schranke“ meint schon eine absolute Grenze, über die hinaus eine Verlagerung nicht mehr möglich wäre. Eine solche Betrachtung ist nicht nur undialektisch, sondern eben auch „objektivistisch“. Die Schranke relativiert sich in diesem Wechselspiel zwischen objektiver und subjektiver Seite des Problems. Letztlich liegt die (Auf)Lösung in der subjektiven Seite.
    Es kommt nicht von ungefähr, dass sich Herrn Kalupners Ansichten in diesem Punkt mit dieser, Ihrer, Position decken, es ist dies wegen desselben Objektivismus und derselben Antidialektik. Auch der Angriff auf Lenins Revolutionstheorie kommt nicht von ungefähr, denn unter Lenin war zu beweisen, was diese Kritik ganz praktisch erforderlich macht, nämlich die Notwendigkeit über den alten steril gewordenen „Marxismus“ hinaus zu gehen.
    Und übrigens Herr Kalupner: genau in diesem Sinne wollte Marx kein Marxist sein, kein steriler, aber auch kein „Idol“, so zumindest meinte er es, als er gewissen sektiererisch gewordenen Anhängern zurief: „Alles was ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin“. Marx wollte also mitnichten kein Marxist m e h r sein, sondern er bestand darauf, dass er nie einer gewesen war noch sein wird. Wovon sich Marx hier besonders abgrenzte, waren eines Proudhons verräterischen Idealismus („Das Elend der Philosophie“), welcher nicht nur dem Materialismus diametral entgegen gesetzt ist, sondern der der revolutionären Sache des Proletariats erheblich schadet, indem er auch ein Einfallstor für alle Spielarten des Opportunismus sein wird, und auch: in dem er den Marxismus zur Glaubenslehre macht. Dies hatte Marx nicht später „voraus gesehen“, sondern von früh an bekämpft.
    Ihr PDS-Freund hat da wohl Marx fälschlicherweise für seinesgleichen gehalten, für einen, der von seinen Positionen Schritt für Schritt, Verrat für Verrat, abrückt, und das am Ende auch noch als positive Entwicklung zu verkaufen sucht – als späte Erkenntnis? Ich sagte ja: über einen Marx „hinaus zu wachsen“, das muss man verstehen, vor allen Dingen muss man ihn aber selber erst mal verstanden haben.
    Dass der Klassenkampf und die „Diktatur des Proletariats“ obsolet seien, haben schon andere angekündigt zu belegen. Es blieb in der Regel bei der Ankündigung, aber es folgte eine konterrevolutionäre Wendung. Mit dem Begriff der „Diktatur des Proletariats“ haben die Klassiker (Lenin nicht anders als Marx) eben nicht die Kopie der Form einer bürgerlich-faschistischen Diktatur gemeint (diese Unterstellung stammte eleganter Weise aus der Feder der ersten bedeutenden Opportunisten aus den Reihen der Sozialdemokratie – Adler, Kautsky, Bernstein), sondern eine Klassendiktatur, eine, die der Kapitalsdiktatur nur als Entgegengesetzte zu verstehen ist. Sie ergibt sich aus dem gesamten Theoriegebäude des „Histomat“ (Historischen und dialektischen Materialismus), nämlich dass die Geschichte die Geschichte von Klassenkämpfen ist. Und dass jede Gesellschaft notwendig eine Klassendiktatur ist. Das entspringt also mitnichten irgendeiner terroristischen Neigung des Marxismus (oder gar Leninismus), sondern Marxens ganzer Theorie. Die Feinheiten hierzu durfte er studieren, anhand der Bestialität an den Pariser Kommunarden (Die Klassenkämpfe in Frankreich). Und dass der Parlamentarismus die Kapitalsdiktatur nur bestens verschleiert, muss ich hier doch nicht noch erklären. Und es liegt auch nicht allein an der Form der Staatsmacht, dass dem so ist (also nicht erst Faschismus ist Kapitalsdiktatur), sondern schon in der Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Darin liegt alle Macht begründet, alle Diktatur. Genau das ist nämlich der Kern der Aussage zur Klassendiktatur! Und weil dem so ist, kann es keine Versöhnung der Klassen geben (und auch kein Verschwinden, auch nicht, wenn eine Tendenz zur Auflösung dieser Klassen evident ist; aber wie gesagt: Auflösung heißt eben nicht definitives Ende, nicht solange die dem zugrunde liegenden Widersprüche nicht aufgehoben sind!), auch und gerade nicht im kalupnerischen Sinne, der da gewisse Kapitalsvertreter an die Spitze der „Revolution“ zu stellen gedenkt. Und aus all dem folgt, und zwar ganz folgerichtig: Ein „Marxist“ (einer, der sich zu Recht auf Marx bezieht) kann nicht sein, der die Anerkennung des Klassenkampfes nicht auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt (Lenin: Marx-Engels-Marxismus, 3 Quellen, 3 Bestandteile des Marxismus).
    (Den wissenschaftlichen Beweis für die Obsoletheit des Klassenkampfes ist im Übrigen auch ein Herr Kurz noch schuldig geblieben, was er bisher vorgelegt hat, wurde immer dann, wenn es konkret werden sollte, seichtester Reformismus. So werden die Klassenkämpfe, die die tatsächlich stattfinden, ähnlich kommentiert (wenn überhaupt, ich habe da zum Beispiel noch kein Wort zu den nicht enden wollenden Klassenkämpfen in Griechenland gelesen!), wie in ganz gewöhnlichen Gewerkschaftsblättern, eben als „soziale Kämpfe“, die es halt noch gibt – wie dumm nur!)
    Welche Form eine solche proletarische Klassenherrschaft im Übrigen annimmt/annehmen kann, und wie lange diese anhalten könnte, hängt wesentlich vom bisherigen Verlauf der Klassengesellschaft ab. Allgemein kann man sagen, und auch das verträgt sich mit Marxens Ansichten: Je unterentwickelter die Klassenkämpfe, desto undemokratischer dann wohl auch eine solche den Kapitalismus ablösende Gesellschaft, und umgekehrt.
    Und je wilder die Angriffe auf eine solche Gesellschaft, von innen wie von außen, je schlimmer der „weiße“, oder der „braune“ Terror, desto undemokratischer wird auch diese sein (müssen).
    Und genau das dürfte auch der Grund sein, für die zum Teil sehr terroristische bolschewistische Herrschaft. Ohne den weißen Terror (den Zarismus, den Geheimdienst, die orthodoxe Kirche, die imperialistischen Invasionen, den Spionageaktivitäten der USA nach dem 2. Weltkrieg …) – von Beginn an – nicht diesen roten Terror. Ohne diesen paranoiden Hass auf diese erste rote Macht (nach der Pariser Kommune), nicht diese völlig außer Kontrolle laufende Sowjetmacht. Für die Dekadenz eben dieser Sowjetmacht, ist das kapitalistische Umfeld voll mit verantwortlich!
    Es sind die untergehenden herrschenden Klassen selber, die den Terror eröffnen, auch das ist eine grundlegende Mahnung von Marx.

  8. @ Herold Binsack v. 09. Juni...
    @ Herold Binsack v. 09. Juni 2009, 23:45
    Zu Ihrer Theorie, wie roter und weißen Terror entstand.
    Kennen Sie den Satz: Wer Wind säht, wird Sturm ernten? Aus evolutionsprozess-logischer Sicht folgt der Wegeentscheidung für den kämpferischen Austrag eines gesellschaftlichen Dauerkonflikts i m m e r der Machtterror u n d nachfolgend der Zusammenbruch oder die Auflösung des konfliktkämpferisch herangewachsenen Macht-Gegenmacht-Systems.
    Wer also, wie Marx, den Klassenkampf als Weg zur Überwindung des Kapital-Arbeit-Konflikts ankündigt, muß, wenn er damit einige Zeit erfolgreich ist, mit seinem Gesellschaftssystem immer in Tyrannei und dann im Terror zwecks Herrschaftssicherung enden. Goethe: ‚Wer das erste Knopfloch verfehlt, kommt mit dem Zuknöpfen nicht zu Rande‘. Das hat die Evolutionsprozess-Genialität so eingerichtet, weil die Konfliktkämpfer weniger effizient dem Evolutionsziel ‚wegemaximale Wechselwirkungssteigerung‘ dienen können als die KREATIVEN und also die Entsorgung des Schlechteren organisieren muß.
    Wenn Sie, Herr Binsack, die maximalistische Evolutionsprozesslogik-der-beiden-Akzelerationswege (Konfliktkämpferische oder/und konfliktauflösende/KREATIVE Wegeordnung) ernst nähmen und evtl. als emergent zu Ende gedachten ‚Historischen Materialismus‘ begreifen könnten, dann würden Sie sich die folgenden Aussagen ersparen können:
    „Ohne den weißen Terror … – von Beginn an – nicht diesen roten Terror…. Für die Dekadenz eben dieser Sowjetmacht, ist das kapitalistische Umfeld voll mit verantwortlich! Es sind die untergehenden herrschenden Klassen selber, die den Terror eröffnen, auch das ist eine grundlegende Mahnung von Marx.“
    Die Evolutionsprozess-Gesetze sind und deren ‚Genialität‘ ist viel einfacher, als die bisherigen Denker und wir uns träumen ließen. Schumpeter muß das gewußt haben und litt sicherlich daran, dass er nur Bruchstücke dieses Fortschritts- und Akzelerationsmechanismus erkannte.

  9. @ reinhard stompe v. 09. Juni...
    @ reinhard stompe v. 09. Juni 2009, 11:24
    Ihr Vorschlag zur Kapitalismus / Sozialismusdebatte aus der Geldreform-Ecke hat des ‚erste Knopfloch‘ im komplexen Kulturprozesssystem nicht im Blick und somit ebenfalls verpasst, wie Goethe es bildlich vorgestellt hat.
    Dieses erste Knopfloch ist immer und überall (= im Evolutionsprozess, universal) die Aufgabe: KREATIVE Auflösung des Beziehungs- oder Gesellschafts-Konfliktauflösung, d.h. den Einstieg in eine wechselseitig förderliche Entwicklung nicht verpassen. Wird dieses erste Knopfloch durch den Einstieg in einen gesellschaftlichen Konfliktkampf verpaßt – mit dem Ergebnis: Aufbau des absichernden Machtsystems-des-Siegers – dann geht es (für den erfolgreichen Dauersieger) bis zur ‚Götterdämmerung‘ so weiter. Es gibt dann nur den Crash-Ausgang (= Hitler-Fall) oder den gesteuerten Exodus aus der macht-/kulturgeschichtlich gewachsenen Macht-Gegenmachtstruktur, den wir als Glasnost-Perestroika-Ausgang (= Gorbatschow-Fall) bezeichnen können.
    Vor dieser evolutionsprozess-logischen und trivialen Wegewahl steht das weltindustrielle Fortschrittsystem. Der Crash-Ausgang funktioniert ‚von selbst‘. Der gesteuerte Exodus aus der Tyrannei des kapitalstockmaximierenden Wachstumszwang-Machtorganisation, der wohl letzten Ausprägung erfolgreicher, konfliktkämpferisch erfolgreicher Akzelerationssysteme, gelingt nur mit dem hinreichenden, evolutionsprozess-logischen Modellwissen, das uns u.a. die Erkenntnis der dominomächtigen Geniepunktänderung (= die Diskussion des EPIKUR-Lohn) in die Hand gibt – gegen den die globale Machtspitzen nichts mehr ausrichten können, wenn die Diskussion dieser Erkenntnis gestartet wurde. Mein Spruch dazu lautet: ‚Gegen Gott und Goethe kann man keine Weltrevolution machen wollen. Aber mit!‘ Weltrevolution-ins-REich-der-Freiheit kann man nur mit diesem Evolutions- und Chaosphysik-Wissen machen wollen, dem Goethe sich als Naturwissenschaftler ahnend und formulierend angenähert hat – wie Schumpeter von der Ökonomieseite her.
    In meiner Stammkneipe ‚Kulisse‘ in Erlangen hängt das berühmte ‚Ché mit Zigarre‘-Foto an exponierter Stelle. Aus meiner Sicht hat Ché den dümmsten aller Weltrevolutionsversuche-mit-Waffengewalt gestartet. Ich sage allen: einen noch einfältigeren und kurzsichtigeren Weltrevolutionär gibt es nicht. Aber Jürgen, unser Wirt, weigert sich, Ché abzuhängen.

  10. lemming sagt:

    @herold binsack

    Sie machen...
    @herold binsack
    Sie machen mich ein wenig ratlos. Es kommt mir vor, als hätte ich wieder mal im Antiquariat eine Publikation zum „Historischen Materialismus“ aus einem volkseigenen Verlag aufgeschlagen. Aber sehen wir zu:
    „„Verwertungsschwierigkeiten“ bedeutet nicht automatisch „innere Schranke“, sondern eine sich ständig verlagernde Problematik. Der Begriff „Schranke“ meint schon eine absolute Grenze, über die hinaus eine Verlagerung nicht mehr möglich wäre. Eine solche Betrachtung ist nicht nur undialektisch, sondern eben auch „objektivistisch“.“
    Die Frage war nicht, ob sich die Problematik „verlagert“ (das tut sie sowieso), sondern ob sie sich steigert, und darum natürlich an eine Schranke stoßen muss, auch wenn die natürlich nicht „objektiv“ ist, sondern eher so, wie jemand, der an einem Gummiband immer weiter zieht, bis entweder ihm die Kraft ausgeht oder das Band reißt.
    „Die Schranke relativiert sich in diesem Wechselspiel zwischen objektiver und subjektiver Seite des Problems. Letztlich liegt die (Auf)Lösung in der subjektiven Seite.“
    Verstehe ich nicht, vor allem aber kommt mir dieser Gebrauch von ‚objektiv‘ und ’subjektiv“ ziemlich undialektisch vor… und welche „(Auf)Lösung“ meinen Sie eigentlich?
    „Es kommt nicht von ungefähr, dass sich Herrn Kalupners Ansichten in diesem Punkt mit dieser, Ihrer, Position decken“
    Da deckt sich gar nichts, hier müssten Sie schon deutlicher machen, was Sie da ent-deckt haben wollen.
    Aber jetzt kommen wir der Sache wohl langsam näher:
    „Auch der Angriff auf Lenins Revolutionstheorie kommt nicht von ungefähr, denn unter Lenin war zu beweisen, was diese Kritik ganz praktisch erforderlich macht, nämlich die Notwendigkeit über den alten steril gewordenen „Marxismus“ hinaus zu gehen.“
    Ich habe mir unlängst das zweifelhafte Vergnügen gegönnt, Lenins Schriften und Reden anzusehen. Die ganze Geschichte mit „Diktatur des Proletariats“ wird da nachvollziehbar so begründet, dass in einer kapitalistischen Umgebung ein sozialistischer Staat nur als eine solche Diktatur überleben kann, da sie ansonsten von übermächtigen (und viel vermögenderen) Feinden unterwandert und/oder überrannt werden würde. Nicht mit „steril gewordenem Marxismus“ – so eine Formulierung wäre Lenin wohl nie eingefallen.
    Sie klittern hier Lenin in philosophische Höhen, die er nie hatte, mit der Sie aber wohl etwas im Sinn haben.
    Nicht, dass ich hier einen Status als „Marxist“ zu verteidigen hätte (dergleichen würde mir im Traum nicht einfallen!), aber das hier geht dann doch zu weit:
    „Ein „Marxist“ (einer, der sich zu Recht auf Marx bezieht) kann nicht sein, der die Anerkennung des Klassenkampfes nicht auf die Anerkennung der Diktatur des Proletariats erstreckt (Lenin: Marx-Engels-Marxismus, 3 Quellen, 3 Bestandteile des Marxismus).“
    Diese Formulierung, sich „zu Recht auf Marx beziehen“ ist nicht nur höchst undialektisch – sie ist auch höchst verräterisch. Sie verrät denunziatorische Instinkte, die nicht zuletzt den real existiert habenden Sozialismus in Verruf gebracht haben.
    „Den wissenschaftlichen Beweis für die Obsoletheit des Klassenkampfes ist im Übrigen auch ein Herr Kurz…“
    Es dürfte – gerade unter Dialektikern und historischen Materialisten – klar sein, dass ein solcher Beweis gar nicht denkbar, und damit auch nicht erbringbar sein kann.
    Mit dem Klassenkampf verhält es sich wie mit allen Großen Ideen: Sie werden nicht widerlegt, sie erledigen sich.
    Ihr klassenkämpfendes Proletariat ist unterdessen aufgrund der systemimmanenten „Dialektik“, also Dynamik des Kapitalismus, pure Fiktion, so wie die Marxsche Erklärung der Geschichte aus diesen es war. Hier liegt eine axiomatische Setzung vor, die weder bewiesen, noch widerlegt werden kann. Man kann aber sehr wohl überprüfen, inwieweit sie aktuelle Geschehnisse plausibel machen kann. Und da sehe ich nicht viel. Da bin ich doch eher Systemtheoretiker, der nicht auf Klassen, sondern auf fatale Eigenlogiken abstellt. Womit wir wieder bei der „Schranke“ wären, vor der wir angefangen haben.

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