Chaos as usual

Chaos as usual

Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Mises und die Detektive

| 35 Lesermeinungen

Trübselige Krisenzeiten offenbaren eines in aller Schonungslosigkeit: der Kapitalismus - er hat viele Feinde: Von links und von rechts kommen sie, manchmal sogar aus der Mitte, überfallsartig bei Nacht und Nebel oder klammheimlich sich heranpirschend; in jedem Fall aber findet sich der Kapitalismus überrumpelt und schwer unter Druck gesetzt, versucht sich zu wehren, so gut er kann, mit aller Kraft - jedoch: eine Übermacht feindlicher Kräfte steht ihm gegenüber - Gewerkschaftsführer, Bürokraten, Intellektuelle, Schauspieler, Rechtsanwälte, Lehrer, Ärzte, Literaten sowie all die anderen, die ihm Böses wollen, ihm in dunklen Gassen nachstellen, um ihn feige von hinten zu überfallen, in ihrer ganzen Niederträchtigkeit, diese elenden Schurken! Dabei hat er ihnen gar nichts getan, nicht das Geringste, der Kapitalismus ist an allem unschuldig, lediglich als Sündenbock herhalten muss er - Jawohl, als Sündenbock! - für all das Schlechte, das eine Politik der staatlichen Wohlfahrt über die Menschen bringt, für das sie aber die Schuld mit Vorliebe anderen in die Schuhe schiebt. In etwa so lässt sich in aller Kürze das Spätwerk von Ludwig von Mises „Die Wurzeln des Antikapitalismus" zusammenfassen, eine Abrechnung des berühmten österreichischen Nationalökonomen mit den aus seiner Sicht zahlreichen Feinden des Kapitalismus bzw. der „Freiheit", wie er häufig und gerne die beiden Begriffe synonym verwendet. Es handelt sich bei dem Werk - eher Essay denn Buch - in meinen Augen nicht gerade um das Highlight des Miseschen Oeuvres, es ist inhaltlich eindimensional und sprachlich uninspiriert, insgesamt eher fade und kein Vergleich mit den deutlich anspruchsvolleren Hauptwerken des Meisters aus früheren Schaffensperioden. Mit einer Ausnahme allerdings, die ist tatsächlich lesenswert, weil einigermaßen kurios, und der widme ich diesen Beitrag. In seinem Rundumschlag nimmt Mises nämlich auch einen ganz besonderen Übeltäter ins Visier - irrtümlich, wie ich glaube-, den unsereins wohl von vornherein nicht auf der Liste gehabt hätte, auch nach gründlichster Überlegung und mehrfacher Ausweitung des Kreises potenzieller Verdächtiger nicht. Es handelt sich dabei um keinen Menschen und keine politische Ideologie, keine Partei und keine Arbeitnehmerorganisation, nein: all das nicht. Der Übeltäter, von dem hier die Rede ist, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt, und er scheint gefährlich - überaus gefährlich - denn Mises widmet ihm ein eigenes Unterkapitel - eine Ehre, die er nicht allen Kombattanten zuteil werden lässt. Es muss also ein ganz besonderer Feind sein, den sich der arme, unschuldige Kapitalismus da angelacht hat, ein Gegner von beispielloser Brutalität und eiskalter Gnadenlosigkeit, gewissermaßen der Osama Bin Laden des Antikapitalismus. Meine Damen und Herren, bitte halten Sie sich nun zu Ihrem eigenen Schutz irgendwo fest, bevor ich den großen Unbekannten entlarve: Es ist kein Geringerer als - der Detektiv-Roman!

Trübselige Krisenzeiten offenbaren eines in aller Schonungslosigkeit: der Kapitalismus – er hat viele Feinde: Von links und von rechts kommen sie, manchmal sogar aus der Mitte, überfallsartig bei Nacht und Nebel oder klammheimlich sich heranpirschend; in jedem Fall aber findet sich der Kapitalismus überrumpelt und schwer unter Druck gesetzt, versucht sich zu wehren, so gut er kann, mit aller Kraft – jedoch: eine Übermacht feindlicher Kräfte steht ihm gegenüber – Gewerkschaftsführer, Bürokraten, Intellektuelle, Schauspieler, Rechtsanwälte, Lehrer, Ärzte, Literaten sowie all die anderen, die ihm Böses wollen, ihm in dunklen Gassen nachstellen, um ihn feige von hinten zu überfallen, in ihrer ganzen Niederträchtigkeit, diese elenden Schurken! Dabei hat er ihnen gar nichts getan, nicht das Geringste, der Kapitalismus ist an allem unschuldig, lediglich als Sündenbock herhalten muss er – Jawohl, als Sündenbock! – für all das Schlechte, das eine Politik der staatlichen Wohlfahrt über die Menschen bringt, für das sie aber die Schuld mit Vorliebe anderen in die Schuhe schiebt.

In etwa so lässt sich in aller Kürze das Spätwerk von Ludwig von Mises „Die Wurzeln des Antikapitalismus“ zusammenfassen, eine Abrechnung des berühmten österreichischen Nationalökonomen mit den aus seiner Sicht zahlreichen Feinden des Kapitalismus bzw. der „Freiheit“, wie er häufig und gerne die beiden Begriffe synonym verwendet. Es handelt sich bei dem Werk – eher Essay denn Buch – in meinen Augen nicht gerade um das Highlight des Miseschen Oeuvres, es ist inhaltlich eindimensional und sprachlich uninspiriert, insgesamt eher fade und kein Vergleich mit den deutlich anspruchsvolleren Hauptwerken des Meisters aus früheren Schaffensperioden. Mit einer Ausnahme allerdings, die ist tatsächlich lesenswert, weil einigermaßen kurios, und der widme ich diesen Beitrag.

In seinem Rundumschlag nimmt Mises nämlich auch einen ganz besonderen Übeltäter ins Visier – irrtümlich, wie ich glaube-, den unsereins wohl von vornherein nicht auf der Liste gehabt hätte, auch nach gründlichster Überlegung und mehrfacher Ausweitung des Kreises potenzieller Verdächtiger nicht. Es handelt sich dabei um keinen Menschen und keine politische Ideologie, keine Partei und keine Arbeitnehmerorganisation, nein: all das nicht. Der Übeltäter, von dem hier die Rede ist, ist aus ganz anderem Holz geschnitzt, und er scheint gefährlich – überaus gefährlich – denn Mises widmet ihm ein eigenes Unterkapitel – eine Ehre, die er nicht allen Kombattanten zuteil werden lässt. Es muss also ein ganz besonderer Feind sein, den sich der arme, unschuldige Kapitalismus da angelacht hat, ein Gegner von beispielloser Brutalität und eiskalter Gnadenlosigkeit, gewissermaßen der Osama Bin Laden des Antikapitalismus. Meine Damen und Herren, bitte halten Sie sich nun zu Ihrem eigenen Schutz irgendwo fest, bevor ich den großen Unbekannten entlarve: Es ist kein Geringerer als – der Detektiv-Roman!

Nein, das ist kein Scherz: Arthur Conan Doyle, Edgar Wallace und Agatha Christie – nach Misesscher Deutung insgeheim Speerspitzen der roten Front.

Aber was missfiel unserem Ludwig an Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Co so dermaßen, dass er sie in einen Topf mit Lenin, Trotzki und ähnlichen Kalibern warf? Sehen wir uns das mal in Auszügen an:

„Das Zeitalter, in welchem die radikale antikapitalistische Bewegung anscheinend unwiderstehliche Macht gewann, brachte eine neue literarische Gattung hervor – die Detektivgeschichte. Die gleiche Generation der Engländer, deren Stimmen die Arbeiterpartei zur Regierung emporrissen, begeisterten sich für solche Autoren wie Edgar Wallace. Einer der bedeutendsten britischen sozialistischen Autoren, G. D. H. Cole, ist genauso hervorragend als Verfasser von Detektivgeschichten. Ein konsequenter Marxist müsste die Detektivgeschichte – vielleicht gemeinsam mit den Hollywoodfilmen, den Witzblättern und der Striptease „Kunst“ – als den künstlerischen Überbau der Epoche der Arbeitnehmerverbände und der Sozialisierung bezeichnen.“

Ich glaube: Damit befindet er sich gleich von Beginn an auf dem Holzweg. Denn mit „Der Detektiv-Roman – Ein philosophisches Traktat“ von Siegfried Kracauer aus 1925 liegt tatsächlich eine eingehende Analyse des Genres aus der Sicht eines Marxisten vor – alleine, sie weist in eine völlig andere Richtung, aus meiner Sicht auch eine deutlich plausiblere. Mises‘ „Wurzeln des Antikapitalismus“ erschien über 30 Jahre später, doch er erwähnt darin das an die Religionsphilosophie Kierkegaards‘ angelehnte Traktat Kracauers mit keinem Wort. Schade für ihn, denn seine eigene Analyse hat damit nicht mal ansatzweise die existenzialistische Tiefe, bis in die Kracauer vordrang, um den Detektivroman zu dekonstruieren und seine einzelnen Elemente einer intensiven Würdigung zu unterziehen. Und aus diesem Grunde entgeht ihm auch, dass es nicht der Hass der Arbeiterklasse auf die kapitalistische Bourgeoisie ist, die Sherlock Holmes antreibt; sondern die leibhaftige Ratio selbst, deren Personifikation der Detektiv ist – allwissend, gottgleich, allerdings nur in einer Welt, die von Gott verlassen wurde; einer „Zwischenwelt“ – nach oben begrenzt durch Kierkegaards „religiöse“ Sphäre, nach unten durch die vielschichtigen Niederungen des menschlichen Seins.

Was passiert nun eigentlich im Detektivroman? Mises:

„Der typische Gang der Ereignisse in einer Detektivgeschichte ist der folgende: Ein Mensch, den alle als ehrbar und einer gemeinen Handlung unfähig betrachten, hat ein abscheuliches Verbrechen begangen. Niemand verdächtigt ihn. Doch den scharfsinnigen Detektiv kann niemand zum Narren halten. Er kennt solche scheinheiligen Heuchler ganz genau. Er sammelt alle Beweise, um den Verbrecher zu überführen. Dank seiner Bemühungen wird die gute Sache zum siegreichen Ende gebracht.“

Und damit liegt er eigentlich auf einer Linie mit Kracauer, dem es allerdings weniger um den ehrbaren Menschen und seine niederen Motive geht, und schon gar nicht um seine Klassenzugehörigkeit. Stattdessen setzt er den Schwerpunkt auf das Prädikat „scharfsinnig“ – in den Augen Kracauers das A&O der ganzen Geschichte, deren einzelne, vielfach verästelte Handlungsstränge mitunter nur zu dem einen und einzigen Zweck ablaufen, nämlich die Scharfsinnigkeit des Detektivs unter Beweis zu stellen:

„Es hat seinen guten Grund, dass sowohl August Dupin wie Sherlock Holmes, ehe sie zur Bearbeitung der jeweiligen Fälle schreiten, spielerische Denkübungen vornehmen, die rein der Darbietung der Methode dienen. „Aber weshalb türkisch?“ fragt Holmes den eintretenden Watson. Watson versteht nicht, er meint, die Frage beziehe sich auf seine Schuhe; diese seien bei Latiner in der Oxford Schritt gekauft, antwortete er, also englisch, und Holmes – Holmes lächelt mit einem Ausdruck „milder Geduld“. Er lächelt müd und entwickelt dem schwerfälligen Trabanten die lange Kette von Überlegungen, die unwiderstehlich zu dem Schlusse drängt, dass Watson heute morgen in einer Droschke gefahren sei, nachdem er zuvor ein türkisches Bad genommen. Wie immer, so findet Watson nachträglich alles sehr plausibel und nun geht die eigentliche Geschichte an. Präludien dieser Art sind typisch und entkräften die sachliche Bedeutung der Entwirrung des Falles. Sie beweisen ästhetisch, dass der Detektiv nicht eingesetzt wird, um ein Verbrechen aufzudecken, sondern dass das Verbrechen geschieht, damit er den Zusammenhang des Mannigfaltigen stifte.“

Es geht also nicht darum, dass ein Verbrechen geschieht, wie, warum und durch wen, und schon gar nicht drehen sich Detektivgeschichten pauschal um die Demaskierung des Schwindlers im Gewand des ehrbaren Bürgers, und weisen damit eine „latent gegen den Mittelstand gerichteten Tendenz“ auf, wie Mises sich in Rage schreibt; sondern es geht um die Figur des

„großen Detektivs, der sich seines Könnens sicher ist und dem die Welt deshalb lediglich zur Quelle des Abenteuers, die Verbrecherjagd zum Selbstzweck und nervenanspannenden Sport werden“

wie Kracauer den Theoretiker Karl Lerbs zitiert. Oder, um es mit Sherlock Holmes selbst auf den Punkt zu bringen:

„Ich spiele das Spiel lediglich um des Spieles willen.“

Wenn Mises daher schlussfolgert:

„Das ist der Grund, weswegen die Detektivgeschichte bei den Leuten, die unter unerfülltem Ehrgeiz leiden, so populär ist. […] Sie träumen Tag und Nacht davon, wie sie an ihren erfolgreichen Konkurrenten Rache üben sollen.“

dann unterliegt er einer Fehldeutung: nicht der billige Neidreflex ist es, den der Detektivroman bedient, sondern die Begeisterung des Lesers für den Scharfsinn. Der Täter mag aus der Gosse kommen oder der besseren Gesellschaft entstammen, jung oder alt, attraktiv oder hässlich, eine Zier der menschlichen Rasse oder ein verabscheuungswürdiges Ekelpaket sein, es ist lediglich Beiwerk – Dekor, einzig und alleine dazu da, dem Helden des Stücks einen ansprechenden Rahmen zu bieten: dem Detektiv und seinem überlegenen Verstand.

Und daran hätte Mises, dessen Lehre von der Praxeologie ganz wesentlich auf der axiomatischen Annahme rationalen Handelns fußt, eigentlich seine Freude haben sollen. So aber wurde seine oberflächliche Abhandlung des Detektivromans nur zu einem kuriosen Kapitel in einem ganz und gar belanglosen Buch.


35 Lesermeinungen

  1. faz.ke sagt:

    kleine Frage an Thomas...
    kleine Frage an Thomas Strobl:
    Ein Plus-Klick auf das Titelfoto (gibts das Wort?) liefert gemeinerweise nicht die erwartete Vergrößerung. Ist das Basil Rathbone aus den uralten Verfilmungen? Wenn ja: Gibt es von den Filmem kolorierte Fassungen? Oder ist das nur ein Filmposter?

  2. pjk sagt:

    @ fabio
    "Bravo und die FAZ...

    @ fabio
    „Bravo und die FAZ kann endlich mit der Frankfurter Rundschau fusionieren, die richtigen Leser dafür hat sie ja offenbar schon.“

    Ja, der Übermensch fühlt sich bei der FAZ nicht mehr so recht heimisch, seit es dort keine Tiefdruckbeilage mehr gibt, dafür aber Artikel über den Hund von Wolfgang Joop.

  3. @Lovenberg:
    Schade , da ist...

    @Lovenberg:
    Schade , da ist mir einer zuvorgekommen.
    Der einzige amerikanische Intellektuelle, von dem ich heute noch aus dem Kopf weiss, dass er Mitglied der CPUSA war, ist Dashiell Hammett. Ursprünglich war er im Hauptberuf Detektiv bei der Agentur Pinkerton. Die blutige Unterdrückung von Minenarbeiterprotesten in Butte (Montana) – bekannt unter dem Namen Anaconda Road Massacre – verarbeitete er in seinem Erstling „Red Harvest“. Als Autor begründete er mit dem gleichrangigen Chandler – der Hammett bescheinigte, dieser habe den Mord jenen Leuten zurückgegeben, die ein Motiv haben, ihn zu begehen – die hardboiled school. Freilich wollten viele Autoren nun vom Label detective novel nichts mehr wissen und bezeichneten sich als crime oder thriller writers – wie ja auch der detective dann häufig private eye hiess.
    Oh, und noch eine Trouvaille: Mises schreibt da allen Ernstes wörtlich vom „künstlerischen Überbau“? Ich weiss nicht, ob er die US-Autoren erwähnt. Jedenfalls liegt er, soweit es die Briten betrifft – insbesondere Christie und Sayers – schlicht falsch. Und vielleicht ist es kein Zufall, dass Miss Marple unter den marxistischen Autoren wohl Ernst Bloch am meisten gefiel – war er doch einer, der den realitätsfernen Deduktionsfuror des Mises mit seinen philosophischen Glasperlenspielen in puncto Flucht in den ideologischen Elfenbeinturm noch zu überbieten vermochte (sag ich als jemand, der die
    Produkte der marxistischen Studierstube nicht für zwangsläufig wirklichkeitsnäher hält als jene des neoliberalen Formelapparats – um die „Praxeologie“ einmal gleich zu überspringen).
    Im Detektivroman fand also eine Umwälzung der Gestalt, eine ästhetische
    Revolution statt. Da hätte Bloch seinen Begriff des Vorscheins bemühen können,
    doch der Nachglanz der britischen Aristokratie und der ihr entliehenen Formen faszinierte ihn offenbar mehr.
    „Künstlerischer Überbau?“ Ich fasse es nicht. Wer den Überbau einreissen will, der ist, so scheint mir, tiefinnerlich mehrwertgläubig. Ist schon klar, warum man heute auf der Linken Schwierigkeiten bekommt, wenn man Leuten den Marx ausreden und ihnen die Keynes/Kalecki/Lerner/Robinson-Tradition nahebringen will. Die rechte Ökonomie glaubt ja auch an den Jackpot – welch schlagenderen Beweis seiner Existenz als einen solchen Konsens könnte es denn überhaupt geben?
    „Künstlerischer Überbau“? Jener vergiftete Pfeil, der den hardboiled-Schreibern schon zu Depressionszeiten als Symbol schrullig-experimenteller, von Kreuzworträtsel-Ehrgeiz getriebener Freizeitparkskrimininalität galt, hat Mises offenbar noch in den 50ern niederzustrecken vermocht, als dieser seine rhetorische Infrastruktur gedankenverloren mit einem Schlussstein Trierer Provenienz abrundete. Da hinterlässt einer, der seine letzte Patrone 1927 mit dem Lob Mussolinis verschoss, am intellektuellen Tatort die Worthülse vom „abscheulichen Verbrechen“ und bekennt, dass ihn immer noch nichts so sehr trifft wie die üble Nachrede wider den Kapitalismus.
    Dass die Welt an Schreibtischen verändert wird, konnte sich der Dämonologe Mises immerhin noch vorstellen. Und auch die exzessive Verwertung der Produkte geistiger Tätigkeit in Form von Patenten und Schutzrechten aller Art erschien nicht allen Mitgliedern seiner Schule als selbstverständlich. Doch dass „Red Harvest“ heute aus urheberrechtlichen Gründen als unverfilmbar
    gilt, scheint ganz in Mises‘ Sinn zu sein. Wieder – wie in der Ökonomie selbst – haben wir statt der raw story narrative Modelle und kondensierte Mythen, deren Verwandtschaft mit dem Original kaum noch erkennbar, im übrigen auch nicht rezeptionsgeschichtlich oder sonstwie empirisch gesichert ist: Kurosawas Yojimbo, Leones Fistful of Dollars, Walter Hills Last Man Standing. Der Wert ist nun einmal in die Welt gekommen und zur Grosserzählung über den Nexus von Geld und Gewalt gediehen. So sehen sich die Juristen denn berechtigt, das Urbuch gegen erneute Sichtbarmachung abzuschirmen.
    Um auf eine Anekdote aus Hammetts Arbeitsleben zurückzugreifen: Einst verfolgte er einen Mann, der ihn zwar nicht bemerkte, aber selbst die Richtung verlor und sich schliesslich, um Auskunft bittend, an Hammett wandte.
    Man kann den Weltgeist noch so erfolgreich beschatten: am Ende wird man ihm auch noch den Weg weisen müssen. Hammett versuchte es z. B. als Mitglied des Keep America Out of War Committee. Vor Gericht weigerte er sich, über seine politische Tätigkeit Auskunft zu geben. Er wurde verurteilt und kam ins Gefängnis. Schliesslich setzte ihm Senator McCarthy nach. Er wurde blacklisted und starb in Armut.

  4. Miesespeter sagt:

    'Sure, shut me up. I'm just a...
    ‚Sure, shut me up. I’m just a private citizen. Get off, Bernie. We don’t have mobs and crime syndicates and goon squads because we have crooked politicians and their stooges in the City hall and the legislatures. Crime isn’t a disease, it’s a symptom. Cops are like a doctor that gives you aspirin for a brain tumour., except that the cop would rather cure it with a blackjack. We’re a big, rough, rich, wild people and crime is the price we pay for it, and organized crime is the price we pay for organization. We’ll have it with us for a long time. Organized crime is just the dirty side of the sharp dollar.‘
    ‚What’s the clean side of it?‘
    ‚I never saw it. Maybe Maynard Keynes could tell you. Let’s have a drink.‘
    (Philip Marlowe, The long Goodbye)

  5. stroblt sagt:

    @Lehmann

    Toller, sehr...
    @Lehmann
    Toller, sehr informativer Kommentar, danke.

  6. Devin08 sagt:

    Jeder Baum ein Feind
    Nicht...

    Jeder Baum ein Feind
    Nicht wenige Kriminalgeschichten-/Romane haben natürlich einen sozialgeschichtlichen Hintergrund, wie andere ja auch schon bemerkten (Sundance Kid./.Pinkerton, siehe: Lehmann…), und das schlechte Gewissen diesbezüglich mag einen Sozialistenfresser wie Mises schon umgetrieben haben. Dass er sich allerdings auf solch plattem Niveau der Apologie bewegt, ist schon einigermaßen erstaunlich. Er spiegelt darin 1:1 die Paranoia der Herrschenden, einer solchen, die dann all zu oft in der Mordgier dieser Klasse endet, also in jenem Genre der Kriminalgeschichte, worin es gleich Sozialgeschichte ist, und in dieser=Konterrevolution. Das sind dann die Höhepunkte, oder auch absoluten Tiefpunkte der Klassengesellschaft. Selbst Theorie ist dann nur noch Vernichtungswut, oder die Hoffnung auf die reinigende Kraft der Vernichtung. Hören wir solches nicht all zu oft, auch jetzt schon wieder?
    Ein anderer Kandidat diesbezüglich, war dann wohl Heidegger, ein jener, der glaubte semantisch den Marxismus verschwinden lassen zu können, quasi durch Zaubertrick seiner Sprachmagie. Die Wahrheit mit Worten zu vertreiben suchend, sie ent-sorgend, somit auch die Sorge um sie (ich habe ein wenig gelernt von Heidegger). Bis er dann sein Scheitern bemerkte und die einzig logische Konsequenz zog. Nach dorthin, wo man sich konsequenter wähnte, und das ja auch im gewissen Sinne war.
    Die Nazis sind wohl ein Sammelbecken dieser und jener Irre-Gewordenen des Kapitals, am Kapital, manchmal auch durch das Kapital, aber auf jeden Fall wegen des Kapitals. Ihr Bolschewisten -und Judenhass entlarvt die hermeneutische Falle, in die sie als verrückt gewordenes automatisches Subjekt einfach gehen mussten. Der Judenhass steht für ihr unbegriffenes Subjektsein – verfremdeter Fremdhass -, der Bolschewistenhass für das ins Objekt eingebundene Sein – entfremdeter Selbsthass.
    Der Kapitalismus fließt zum Sozialismus, wie alle Wasser zum Ozean, darin ist das Subjekt eingebunden. Dies nicht begreifen/akzeptieren zu können, macht letztlich Mörder, oder Selbstmörder –, jene verrückt Gewordene. Das ist die Schiene der Barbarei, der gleiche Strom zum gleichen Wasser. Oder auch die Schattenseite der materiellen Welt. Die andere Möglichkeit.
    Mitscherlich hatte Recht, aber er wusste es ja auch: Die Normalität ist verrückt, so verrückt, wie man ihr gar nicht abnehmen mag, denn wer mag sich schon selbst erkennen. Wer mag schon glauben, dass ein bekannter, wenn auch durchschnittlicher – normaler – Ökonom Kriminalromane hasst (schreiben hätte er sie sollen!), und das nur, weil er glaubt, dass sie Wasser auf die Mühlen des Sozialismus seien. Das ähnelt ein wenig eines jenen antiken Glaubens an die Magie der Objektwelt, die man von der Subjektwelt (noch) nicht geschieden weiß. – Jeder Baum ein Feind.

  7. rum sagt:

    Herr Strobl, ich dachte, Sie...
    Herr Strobl, ich dachte, Sie wären ein ehrbarer, biederer Österreicher!

  8. FritzV sagt:

    @sdiedrichsen 13. Juli 2009,...
    @sdiedrichsen 13. Juli 2009, 22:42 „Als Dallas noch lief, war die Linke, ja nicht mal der linke Flügel der SPD, ein Thema“ Was will ich denn links, wenn das Kartenhaus noch steht.
    Als ich mal, rein zufällig, in Dallas vorbeikam, habe ich mir die Ewing-Ranch angeschaut. Au Backe war die niedlich. Von Glanz und Gloria war da nicht mehr viel zu sehen (im Gegensatz zur Texas Airplane Factory). Da wohnt ja unser lokaler Baulöwe pompöser. Scheint also alles eine Frage der Perspektive zu sein. Ist das etwa das Wesen des Kapitalismus? Überzeichnung, Überhöhung, Verzerrung? Mehr scheinen als sein? Ist das die Ursache von Kettenbrief-Madoff, Kredit- und Verschuldungsorgie, Wallstreet und Co. -Manipulationen? can you sleep, detective?

  9. noirony4884 sagt:

    Bei Raymond Chandler war der...
    Bei Raymond Chandler war der Privatdetektivs Philip Marlowe ein tragischer Held. Für seinen Kampf gegen das Böse wurde er niemals richtig belohnt, weder durch soziale Anerkennung noch finanziell. Im Gegenteil, regelmäßig bekam er wortwörtlich etwas auf den Schädel. Am Ende siegte zwar der Gute über den Bösen, aber die Welt blieb so böse, wie sie zuvor war.
    Eine moderne Sisyphos-Geschichte in Form des Kriminalromans.
    .
    Während zum klassischen Kriminalroman als Stereotyp der Sieg des Guten über das Böse, zumindest über den Bösen gehörte, verändert sich dies um das Jahr 1970.
    .
    Zunehmend triumphiert der oder das Böse.
    Sehr deutlich wird dies auch im Film.
    Im Klassiker „Leichen pflastern seinen Weg“ siegt brutal und hinterhältig der Böse.
    .
    Ob Ludwig von Mises (1881 – 1973) an dieser Entwicklung Freude gehabt hat, ist mir nicht bekannt. Anlass zu großer Freude für ihn wäre es allemal gewesen, zu sehen, wie sich sein sozialdarwinistisches Menschen- und Weltbild mit Idealisierung des Bösen nun offen im Kriminalroman und Film durchsetzt.
    .
    Zugleich manifestiert sich darin ein Epochenumbruch hin zu kultureller Dekadenz der kapitalistischen Gesellschaften.

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