Chaos as usual

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Wer sich heutzutage in den Straßenschluchten des Kapitalismus bewegt, muss aufpassen, von einstürzenden Paradigmen und herabfallenden

Pulverdampf und Pestilenz – dann klappt’s auch mit dem Aufschwung!

| 39 Lesermeinungen

Auf der Ökonomen-Plattform "Vox.Eu" präsentieren die beiden Wirtschaftswissenschafter Voigtländer und Voth eine interessante These: Der ökonomische Aufstieg Europas im 16. und 17. Jahrhundert wurde durch Kriege, Seuchen und Elend in den Städten nicht beeinträchtigt, sondern im Gegenteil: erst ermöglicht. Klingt unglaublich? Sehen wir uns das mal gemeinsam etwas näher an!

Während der 30 Jahre Herrschaft der Borgia
regierten in Italien Krieg, Terror, Mord und Blutvergießen;
 aber diese Epoche brachte Michelangelo hervor,
 Leonardo da Vinci und die Renaissance.
 In der Schweiz hingegen lebte man 500 Jahre hindurch
  in reiner Nächstenliebe;
500 Jahre lang herrschte Demokratie und Frieden.
 Und was haben die hervorgebracht?
 Die Kuckucks-Uhr.

(Harry Lime in „Der dritte Mann“)

Im Lego-Baukasten des kleinen Sprachbastlers hat sich das Begriffspaar „Friede und Wohlstand“ zu einem Allgemeinplatz hochgearbeitet, auf den Politiker, Medien und andere moderne Geschichtenerzähler oft und gerne zurückgreifen. Und auch ich würde à priori an der Logik nicht zweifeln, die sich hinter dem geflügelten Wort verbirgt. Eher anekdotisch war ja seinerzeit mein Beitrag über die konjunkturbelebende Wirkung des 2. Weltkriegs, ein Zitat von Paul Krugman aufgreifend – so nach dem Motto: wo viel kaputt gemacht wird, muss auch viel wieder aufgebaut werden. Aber darüber hinaus? Dass sich Friedenszeiten auf die Wirtschaft allgemein positiv auswirken – an dieser Vorstellung hätte auch ich nie ernstlich gekratzt.

Genau das machen aber jetzt zwei junge Wirtschaftswissenschaftler auf der Ökonomen-Plattform „Vox.Eu„: „Wie Kriege, Seuchen und urbanes Elend den Aufstieg Europas zu Wohlstand beschleunigten„, so der Titel ihres Arbeitspapiers in meiner Übersetzung. Und ihre darin geäußerte These: „Friede“ mag in der Moderne als Synonym für wirtschaftlichen Wohlstand taugen, aber in früheren Epochen verhielt es sich genau anders rum. Und soweit es Europa betrifft, so waren es gerade seine zahllosen Kriege und das mit ihnen einhergehende allgemeine Elend, die seinen wirtschaftlichen Aufstieg und seine weltweite Vormachtstellung begünstigten. Wie?  – Indem sie die allgemeine Sterblichkeit erhöhten, damit das Bevölkerungswachstum bremsten und so zu stetig steigenden Pro-Kopf-Einkommen führten. Klingt interessant? Sehen wir uns das mal genauer an:

In einer vor-modernen Wirtschaft nach malthusschem Muster stagnieren üblicherweise die Einkommen auf lange Sicht: Was durch „Fortschritt“ an zusätzlicher Produktion pro Kopf kurzfristig gewonnen wird, geht nach einiger Zeit durch Bevölkerungszuwachs wieder verloren. Eine geringere Sterblichkeit führt zu mehr „hungrigen Mäulern, die gestopft werden müssen“, die Pro-Kopf-Einkommen sinken also wieder, die Arbeitsproduktivität fällt letztlich auf das Ausgangsniveau zurück. Voigtländer und Voth, so die Namen der beiden Autoren, verdeutlichen den Zusammenhang anhand dieses Charts:

Bild zu: Pulverdampf und Pestilenz - dann klappt's auch mit dem Aufschwung!

Quelle: voxeu.org

Das Pro-Kopf-Einkommen ergibt sich darin als Gleichgewichtspunkt aus Geburten- (b) und Sterblichkeitsrate (d), und variiert in dem Ausmaß, in dem sich die Kurven zueinander verschieben: eine Erhöhung der Sterblichkeitsrate von d auf d‘ erhöht das Pro-Kopf-Einkommen, eine Verringerung der Geburtenrate von b auf b‘ ebenso. Halten sich beide hingegen die Waage, bliebe das Pro-Kopf-Einkommen langfristig stabil im Gleichgewichtspunkt Eo.

Wie gelang es nun den europäischen Ländern, aus dieser „Bevölkerungsfalle“ auszubrechen und zwischen 1500 und 1700 ihre Einkommen deutlich zu steigern, um mindestens 35% die einen und sogar satte 180% die anderen, wie jüngere Studien meinen? Wobei die imposantesten Zuwachsraten durch die Bank in den nordwestlichen Regionen Europas verzeichnet wurden, wo es bekanntlich die meiste Zeit über politisch und militärisch ziemlich hoch herging?

Voigtländer und Voth sehen drei Gründe für diesen Aufschwung, den sie in Anlehnung an das bekannte Bibelzitat aus der Offenbarung als die „3 Reiter des wirtschaftlichen Wohlstands“ bezeichnen: Kriege, Seuchen und städtisches Elend.

Der Nordwesten Europas sei besonders häufig mit Kriegen überzogen worden, schreiben sie, Seuchen hätten darüber hinaus eine dramatische Zahl an Todesopfern gefordert, und in den Städten seien die allgemeinen Lebensumstände ohnehin so erbärmlich gewesen, dass die Sterblichkeitsziffern die Anzahl der Lebendgeburten bei weitem überstiegen; und da die Urbanisierung Europas im 16. und 17. Jahrhundert merklich voranschritt, wurde die hohe Sterblichkeit in den Städten ein bestimmender Faktor für das Bevölkerungswachstum insgesamt. Die Kriege hatten politische Ursachen oder waren – insbesondere ab 1500 – auch religiös motiviert und während die Auseinandersetzungen selbst nur relativ wenige Todesopfer forderten, waren die über die Lande marschierenden Armeen ein wandelnder Seuchenherd, an dem sich die übrige Bevölkerung ansteckte und zu Hunderttausenden den Tod fand. Zwar werde mit der großen Pest-Epidemie üblicherweise das Jahr 1348 verbunden; gleichwohl kamen die Epidemieausbrüche aber damit nicht zum Stillstand, sondern traten weiterhin gehäuft auf – bis etwa ins Jahr 1720.

Alle drei Faktoren zusammen bewirkten eine deutliche Erhöhung der Sterblichkeitsziffer, wie im nachfolgenden Chart dargestellt:

Bild zu: Pulverdampf und Pestilenz - dann klappt's auch mit dem Aufschwung!

Quelle: voxeu.org

Gegenüber einer gedachten Entwicklung ohne die besagten 3 „Reiter“ (gestrichelte Linie) nimmt die konkrete Sterblichkeit bei ihrer Berücksichtigung einen gänzlich anderen Verlauf  (schwarze, durchgezogene Linie) und zu neuen Gleichgewichtspunkten mit der Geburtenrate auf einem Niveau deutlich höherer Pro-Kopf-Einkommen (EH). Auf diese Weise, so die beiden Autoren, ließe sich rund die Hälfte des europäischen Wohlstandszuwachses zwischen 1500 und 1700 alleine aus der erhöhten Sterblichkeit erklären. Und darüber hinaus, so ihre Schlussfolgerung, würde auch das gegenüber anderen Weltregionen (China) deutlich höhere Wohlstandsniveau Europas zu Beginn des 18. Jahrhunderts erklärbar.

Soweit Voigtländer und Voth zum 15. und 16. Jahrhundert auf Vox.Eu. Eine interessante, mutige These, die ich so noch nirgendwo sonst gelesen habe.


39 Lesermeinungen

  1. memoon sagt:

    Trivialer gings wohl nicht? ...
    Trivialer gings wohl nicht? … weniger Einwohner, mehr „Einkommen“ pro Einwohner“ bei unterstelltem Produktivitätszuwachs. Mutig? My ass!
    „Auf diese Weise, so die beiden Autoren, ließe sich rund die Hälfte des europäischen Wohlstandszuwachses zwischen 1500 und 1700 alleine aus der erhöhten Sterblichkeit erklären. “
    Gehts noch? Was soll denn das für ein Wohlstandszuwachs sein? Eigenartige Maßstäbe, die da angelegt werden.

  2. brück sagt:

    Krieg = weniger Männer. ...
    Krieg = weniger Männer.
    Weniger Männer = mehr Produktivität? Das werden die Feministinnen gerne hören! Aber wenn die Fakten erhärtet werden, dann muss man das als eine große interessante Erkenntnis gewissenhaft beleuchten und bewerten. es will aber nicht so recht in den Kopf. Doch das ist oft so, – und dann stimmt’s doch!

  3. hagVtr sagt:

    so neu ist das nicht, Gregory...
    so neu ist das nicht, Gregory Clark als einer der neueren Modernisierungstheoretiker ist sicher lesenwert…auf deutsch und einen guten Überblick zu Theorien und Studien Kopsidis: Agrarentwicklung.
    Es gibt eh kein Europa in vorindustrieller Zeit, man sieht jedenfalls riesige Differenzen zwischen Nordwest- Süd- und Osteuropa, was die wirtschaftliche/demographische Entwicklung des MA und der Neuzeit angeht.
    Klar ist Demographiekontrolle in vorindustriellen Gesellschaften höchstwichtig, siehe Malthus, aber eben nicht nur durch negative Checks, wie Seuchen und Kriege…siehe Hajnal-Linie etc.
    Wichtig sind auch die hinter den Kriegen stehenden gesellschaftlichen Veränderungen, etwa die soziale Mobilität der führenden Kreise, die kann durch tiefgreifende Krisenmomente schön durchgerüttelt werden, Theorie dazu Mancur Olson.
    Man sollte da bei jedem Prozess sehr genau hinschauen, Kriege bieten oft auch wirtschaftliche Chancen, aber eben nicht generalisierend…und wichtig im Bereich der Seuchenfolgen etwa ist Verknappung der Arbeitskraft, höhere Löhne und Preisentwicklungen der Grundnahrung…
    Aber beide Prozesse können auch in eine Abwärtsspirale führen.
    Interessant sind auch internationale Vergleiche, die europazentrierte Entwicklungs- und Modernisierungstheorie a la Gerschenkron und Rostow ist nicht umsonst gerade an Asien gescheitert und von dort aus erneuert worden…Eric Jones, Kent Deng und Yuichirio Hayami.

  4. stroblt sagt:

    @hagVtr
    .
    Sehr interessante...

    @hagVtr
    .
    Sehr interessante Hinweise, danke.

  5. Huuh.rrah sagt:

    Auf wenigen Metern wieder zwei...
    Auf wenigen Metern wieder zwei neue Meilensteine der Wirtschaftswissenschaft. Voigtländer und Voth. Das geht ja Schlag auf Schlag. Equilibria with „Horsemen effect“. Wo aber operiert Kalupners Reiterstaffel? Und wie kommen Urban Priol und Georg Schramm aus solchem Schatten wieder heraus?

  6. organon sagt:

    "In einer vor-modernen...
    „In einer vor-modernen Wirtschaft nach malthusschem Muster stagnieren üblicherweise die Einkommen auf lange Sicht: Was durch „Fortschritt“ an zusätzlicher Produktion pro Kopf kurzfristig gewonnen wird, geht nach einiger Zeit durch Bevölkerungszuwachs wieder verloren. Eine geringere Sterblichkeit führt zu mehr „hungrigen Mäulern, die gestopft werden müssen“, die Pro-Kopf-Einkommen sinken also wieder, die Arbeitsproduktivität fällt letztlich auf das Ausgangsniveau zurück“:
    Die hier angebotene Wohlstandsregelungsmechanik berücksicht nur die Zalhl der Nutznisser und seine Arbeitsproduktivität in der Wohlstandsbereitstellung. Der Mensch als Verbraucher generiert sich bekanntlich aber (leider) auch nach Anspruchsdenken. Unvermeidbare Relationen und in der Gesamtbetrachtung werden 1789 nicht aufheben… die nie zu erreichende Egalität: „Wohlstand für alle“… nur ein gutgemeinter Wunsch Ludwig Erhards.

  7. Jop sagt:

    Der technologische Fortschritt...
    Der technologische Fortschritt in Europa plus die Kolonialisierung und Ausbeutung der Welt hat den Wohlstand gebracht.Ich finde es befremdlich das solche merkwürdige Studien überhaupt gemacht werden.
    Wenn die Menschheit ihre ganze Energie auf maximale Nutzung der Wissenschaftserkenntnissen und der Technologie setzt dann könnte jeder Mensch zum maximalen Wohlstand gelangen.Das Problem ist das der Mensch selbst das grösste Hindernis darstellt.Die Hab- und Machtgier, insbesondere in der westlichen Hemisphäre ist unersättlich!

  8. Devin08 sagt:

    ...
    Postfaschismus
    @Lemming/Strobl: Und doch hat Lemming Recht. Der Kapitalismus hat sämtliche Paradigmen auf den Kopf gestellt, deshalb ist Malthus ja so ein Reaktionär. Es geht in solchen Theorien darum, das Versagen des Kapitals, will heißen: die Blamage, ob des nicht einzuhaltenden Versprechen bzgl. der zivilisatorischen Wirkung des Marktes, zu verschleiern. Die Krise machte es deutlich. Und es nicht natürlich ein frecher Versuch Keynes wieder in die Mottenkiste zu packen. Der Mohr kann gehen…
    Im Übrigen: Der Überfluss an Armut ist die Grundlage für den Überfluss an Reichtum, nicht der Mangel an Armut. Auch das ist kapitalistische Logik. Erklären nicht gar liberale Theoretiker, dass es gerade diese Armut ist, die das Streben nach Reichtum schaffe? Das ist natürlich reine Apologie, aber da steckt natürlich ein Fünkchen Wahrheit drin, denn die Kapitalakkumulation auf der einen Seite akkumuliert die Armut auf der anderen Seite. Deshalb ist am Armutsbericht, der – bisher immer zensierte – Reichtumsbericht der eigentliche Skandal.
    Mutig daran ist nur, dass hier vormoderne und solchermaßen postfaschistische Ideen als mutig angepriesen werden. Allerdings wirft das ein bezeichnendes Licht auf den Stand der Krisendebatte. Die Bourgeoisie hebt wieder frech ihr Haupt. Zu früh, wie ich meine.

  9. Martin sagt:

    Günther Öttinger zum Thema...
    Günther Öttinger zum Thema (https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%BCnther_Oettinger)
    „Während einer Veranstaltung der Studentenverbindung Ulmia in Tübingen am 29. Januar 2007 äußerte sich Oettinger über die Wettbewerbsituation in Deutschland: „In einer Wohlstandsgesellschaft gibt es weniger Dynamik als in den Aufbaujahren nach dem Krieg. Wir sind in der unglaublich schönen Lage, nur von Freunden umgeben zu sein. Das Blöde ist, es kommt kein Krieg mehr. Früher, bei der Rente oder der Staatsverschuldung haben Kriege Veränderungen gebracht. Heute, ohne Notsituation, muss man das aus eigener Kraft schaffen.“
    Da hat ihm allerdings das wissenschaftliche Mäntelchen gefehlt, aus dem Bauch heraus kommt das der zitierten Arbeit nahe.

  10. Rune sagt:

    An dieser Stelle sei an die...
    An dieser Stelle sei an die Arbeiten Heinsohns hingewiesen, der für den Zeitraum ab ungefähr frühe Renaissance für die grossen europäischen Nationen(insbesondere Grossbritannien) hohe Geburtenueberschuesse konstatiert, die nicht durch Seuchen und Krankheiten, sondern durch Abwanderung und Druck an die Peripherie verfrachtet wurden , wo sie das Rueckgrat des europäischen Kulturexports und diverser Weltreiche bildeten.
    Weiterhin sei auf Woessmann hingewiesen (IFO Muenchen), der anhand offensichtlich ausführlichen Datenmaterials des alten Preussen für dessen Staatsgebiet den wachsenden Wohlstand vor Allem auf erhöhte Aufwendungen in Bildung seit dem 17 Jahrhundert zurueckführt. Die Wohlstandszuwächse verdanken wir in diesen Ländern einem gewissen Martin Luther dessen Wunsch, das einfache Volk in seiner Muttersprache die Bibel lesen zu lassen das Volksschulwesen begruendete und damit auch eine ökonomische Erfolgsgeschichte.
    Der Zeitraum 15-17 Jahrhundert scheint recht willkuerlich gewählt und gibt bestenfalls Malthus Perspektive wieder. Die genannten Schlussfolgerungen sind abenteuerlich und es bleibt auch offen, mit Hilfe welcher Daten derlei kuriose Schlussfolgerungen getroffen werden. Vollkommen ausser Acht gelassen wird scheinbar, dass in einer Ökonomie, in der Einkommen und Wohlstand vor Allem vom Arbeitsangebot abhängen das Verschwinden der Koepfe durch Krankheiten und Seuchen den Wohlstand in der Gänze nur mindern koennen. Dass die Lebensumstände in jenen Zeiten möglicherweise die produktiveren Kräfte eher überleben liessen, erklärt vielleicht den statistischen Effekt steigender durchschnittlicher Einkommen zu einem bestimmten Zeitpunkt, legt aber ansonsten höchstens nahe das das angewandte Kriterium an dieser Stelle zu nichts taugt.

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