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"War On Talent" oder: Kollateralschaden

McKinsey’s Wortschöpfung vom „War On Talent„, dem Krieg um die besten Talente, pointiert die dringendste Herausforderung für das Personalmanagement in den nächsten Jahren; so jedenfalls das Ergebnis der Studie „The Future of HR in Europe“ der Boston Consulting Group und der Association for Personnel Management. Neben dem Talentmanagement seien das Demografiemanagement, die „Learning Organization„, Work-Life-Balance sowie Change-Management/ Transformation der Unternehmenskultur die großen Herausforderungen der nächsten Jahre für das moderne Human Resources Management.

Europäische Unternehmen werden sich bei schrumpfender und gleichzeitig alternder Bevölkerung um die besten Köpfe balgen müssen. Die Unternehmen investieren schon heute in moderne online-Recruitingsysteme. Von Stefan Lauer, Personalvorstand der Lufthansa, war  im Rahmen der 15. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Personalführung jüngst zu hören, dass sich derzeit ca. 30’000 (!) Bewerber in die Bewerberdatenbank der Lufthansa eingetragen haben und sich für die 270 (!) derzeit offenen Stellen interessieren (Stand 16.6.2007). Ein wesentlicher Aspekt der Kriegskunst im „War On Talent“ ist es demnach, die Besten aus dem Ansturm der Arbeitssuchenden ohne großen Personalaufwand elektronisch gekonnt herauszufiltern. Dabei bleibt es dem Stellensuchenden noch überlassen, seine Daten im Sinne eines Bewerber-Self-Service ajour zu halten (woran er automatisch alle drei Monate per Email erinnert wird).

Dabei wird der „War On Talent“ nicht mehr nur lokal sondern längst global geführt. Über 6 Millionen Hochschulabgänger drängen in > Indien und China alljährlich auf den Arbeitsmarkt. Das sind natürlich nicht alles goldene Eier, aber der Pool der möglichen Talente ist eben mehr als 30mal größer als der der 200’000 > deutschen Hochschulabgänger. Der unsägliche Rüttgersche Slogan „Kinder statt Inder“ wird sich wohl am Ende doch zugunsten der Inder umkehren. Völlig falsch liegt wer glaubt, dass der künftige deutsche Arbeitsmarkt sich aufgrund der demographischen Entwicklung zu einem Angebotsmarkt entwickeln und damit die Anforderungen an die Hochschulabsolventen sinken könnten angesichts der Millionen von ehrgeizigen, mobilitätsbereiten und sehr gut ausgebildeten Fachkräfte der aufstrebenden Industrienationen. Die gute Nachricht ist, dass sich für gut ausgebildete Hochschulabsolventen aufgrund des demographischen Wandels die Berufsaussichten deutlich verbessern (das war auch schon mal anders).

Wo Kriege geführt werden, gibt es Kollateralschäden. Vor einiger Zeit hatte ich mit einem Produktionsleiter ein interessantes Gespräch. Er ist Leutnant der Reserve und kam mit den politischen Spielchen bei seinem Arbeitgeber, einem großen Konzern, nicht zurecht. Er war es gewohnt, sich in Auslandseinsätzen in schwierigen Situationen auf seine Kameraden verlassen zu können. Während er in vorderster Front kämpfte, war er auf den Feuerschutz seiner Kombattanten angewiesen. Als wir auf den Unterschied zwischen dem Militär und der Wirtschaft zu sprechen kamen, sagte er zu mir:  „Ja, trotz der vielen Gemeinsamkeiten gibt es einen entscheidenden Unterschied. In der Armee gibt es ein Gesetz: Wir lassen keine Kameraden zurück. Wir holen sie vom Schlachtfeld, tot oder lebendig. In den Unternehmen ist das anders. Du wirst von Deinen eigenen Kameraden und Vorgesetzten gefeuert und bleibst anschließend liegen. Und sobald Du aus dem Spiel bist, bist Du vergessen.“ – Killed by friendly fire nennt man das wohl in der Fachsprache. Wahrlich, wir leben in kriegerischen Zeiten…

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