Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

10. Jan. 2022
von andreasplatthaus
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Totschlaghumor

Es ist schon sieben Jahre her, dass im Redaktionsbüro von „Charlie Hebdo“ Cartoonisten massakriert wurden – und deren Kollegen. Im Sommer danach richteten Dominik Bauer und Elias Hauck (besser bekannt als Hauck & Bauer) im Berliner Babylon-Kino ein 24-Stunden-Cartoonfestival zur Mahnung und als Selbstbehauptungssignal der von Extremisten bedrohten Kunstform aus. Ich durfte ein paar Stunden davon moderieren. Und andere Teile verfolgte ich aus dem Zuschauerraum mit. Unter anderem auch den Auftritt des österreichischen Cartoonisten Oliver Ottitsch. Und der war sehr gut.

Seitdem verfolge ich sporadisch, wie der 1983 geborene Zeichner weitermacht. Und man darf sagen: radikal. Ottitsch legt immer mehr Scheuklappen ab und geht mit dem Zeichenstift dahin, wo es weh tut. Und in seinem neuesten Buch, „Die Liebe ist stärker als der Tod“ (erschienen im schön benannten Linzer Verlag Scherz & Schund), geht’s ans Eingemachte: Sterben. Aber kein naturgemäßes Wegdämmern im Altersbett oder früheren Krankheitstod, sondern cartoongerecht jenes Sterben, an dem die Menschheit selbst schuld ist: Durch so dumme Angewohnheiten wie Kriegführung, Herrschsucht, Liebesrausch oder Todesstrafe. Vor allem die letztere hat einige der bösartigsten Gags provoziert.

Deshalb die Warnung ans Publikum dieses Blogs: Ottitsch kann ihre Gefühle verletzen, obwohl das Titelbild in Rosa getaucht ist. Und das erste Blatt im Inneren eine Frühlingsszene zeigt, mit dem Titel „Verliebter Samurai“. Der schlitzt sich auf der Zeichnung gerade den Bauch auf, und ein Schwarm Schmetterlinge fliegt heraus. Das ist ein derart boshafter Witz, dass sogar André Franquin, der Großmeister des makabren Humos im Comic – „schwarze Gedanken“ heißt sein unvergänglicher Klassiker – darauf hätte stolz sein können, wenn Belgier denn die entsprechende Redewendung für jemand Verliebten  in ihrem Vokabular hätten. Andererseits hat Franquin selbst mit einem Samurai gehörig vorgelegt, der nach dem Seppuku die eigenen austretenden Gedärme betrachtet und begeistert ausruft: „Guckt mal, ich hab ja Krebs.“ Dieser Zynismus hat mich seinerzeit als Achtzehnjähriger umgehauen.

Heute ist das schwieriger, denn die Grenzen des Drastischen haben sich drastisch verschoben. Ich spare mir Beschreibungen; wer sich einen Eindruck machen will, schaue sich die Leseprobe https://www.scherzundschund.at/assets/Uploads/Ottitsch-LiebeTod-LESEPROBE-ds.pdf an (der Samurai ist auch dabei) – und sage keiner, er wäre nicht gewarnt gewesen. Was man darin aber auch sehen kann, ist die Erklärung dafür, warum Ottitschs Cartoonband überhaupt auf diesem Comic-Blog vorgestellt wird. Es gibt darin Comicsequenzen, teilweise gar über mehrere Seiten hinweg, die längste („Der Fährmann“) ist eine vollwertige Kurzgeschichte von deren sechs, wobei die dritte auf ein einziges Panel verwendet wird, das als verspätete Titelseite der Geschichte dient. Hier können Kenner, wenn sie wollen, an „La déviation“ von Moebius denken (natürlich nur betreffs der Bilddramaturgie, nicht des Zeichenstils oder des Themas), und woanders sieht man den Einfluss von Gary Larson überdeutlich. Doch wer von den Besten lernt, wird selbst immer besser.

Ottitsch hat noch keinen eindeutigen Stil ausgeprägt; ; in „Viva la Vegetation“ treibt es einmal sogar kunterbunt. Das Thema Tod hält die Episoden und Einzelgags eher zusammen als die Gestaltung. Und alles verbindet der Zynismus. Das traut man dem freundlichen jungen Herrn, der uns am Ende der Leseprobe anlächelt, gar nicht zu. Aber Abgründe müssen ja nicht immer gleich ein Grab sein. Obwohl: In Ottitschs Buch sind sie das im Regelfall.

10. Jan. 2022
von andreasplatthaus
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03. Jan. 2022
von andreasplatthaus
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Ein Lenz für diesen Winter

Warum nicht ein Klassiker zum Jahresbeginn? Aber dann gleich Büchners „Lenz“? Eine Novelle also, die zwar immerhin vom Autor selbst vollendet worden ist – selten beim jung gestorbenen Büchner –, aber eben doch mehr als 180 Jahre alt. Was reizt den 1966 geborenen Andreas Eikenrodt daran, aus dieser Vorlage einen Comic zu machen?

Nun, erst einmal die schlichte Tatsache, dass Eikenrodt bereits vor drei Jahren Büchners berühmtestes Werk, das Dramenfragment „Woyzeck“, adaptiert hat. Und zwar ganz ausgezeichnet. Die psychischen Ausnahmezustände des Titel-„Helden“ fasste der Gießener Zeichner in adäquat expressionistische Bilder, die wie ein unentwirrbarer Unbewusstseinsstrom auf den Seiten arrangiert wurden. Und genauso geht Eikenrodt jetzt auch wieder bei „Lenz“ vor. Das passt, denn auch dieser büchnersche Titel-„Held“ ist ja ein Mann im Ausnahmezustand. Und womöglich dürfen wir ja zur Abrundung einer Trilogie noch auf „Dantons Tod“ aus der Feder dieses Zeichners hoffen. Die Edition 52, die in Eikenrodt einen besonders treuen Lieferanten hochinteressanter Comics hat, wäre sicher angetan von einer Fortführung der Beschäftigung.

So sieht das aus in Eikenrodts „Lenz“: https://edition52.de/wp-content/uploads/AE_Lenz_13_21.pdf. Auf den ersten Blick ganz freundlich-harmonisch, auf den zweiten (von der zweiten Beispielseite an) ein graphisches Vexierspiel der Perspektiven und Persönlichkeiten. Natürlich mit Texten aus Büchners Novelle. Sehr viel Text sogar angesichts der recht kurzen Erzählung. Die ja auch nur eine Adaption war von Berichten über den Besuch des Sturm-und-Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz beim elsässischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin im Winter 1778. Ein Besuch, der eine Flucht war. Gerettet wurde Lenz dort nicht, aber Oberlins Fürsorge kaufte ihm noch einmal Lebenszeit. Lenz starb 1792 in Moskau, vergessen. Weiter lebt er vor allem dank Büchners Novelle. So arbeitet sich der Mythos voran in der Zeit. Eikenrodt reicht ihn nun der Zukunft weiter.

Aber es gibt selbstverständlich noch mehr Gründe als nur literarische Traditionsgewährleistung. Ein weiterer mag das hübsche Wortspiel der „graphischen Novelle“ sein, das Eikenrodt für seinen Band gefunden hat. Oder die enthaltenen kunsthistorischen Bezugnahmen auf Arbeiten von solchen artistischen Phantasten wie Hieronymus Bosch (das Titelbild des büchner-eikenrodtschesn „Lenz“!) oder George Grosz (manche Physiognomien). Da werden Caspar David Friedrich zitiert und Munch, biblische Motive und ägyptische Wandmalereien. Oder auch das Plattencover zu Pink Floyds „Dark Side of the Moon“ – witzigerweise in einer Lektion Oberlins zur Farbenlehre. In diesem Comic geht es in vielerlei (und bester) Hinsicht kunterbunt zu.

Viel tiefer will ich gar nicht schürfen, denn eigene Entdeckungen machen den Hauptreiz der Lektüre aus. „Geschriebene Malerei“ nennt Eikenrodt mit Hermann Kurzke Büchners Schreibstil. Er setzt dagegen aber nicht gemalte Schrift, sondern eine Illustration im klassischen Sinne. Das Wort kommt vom lateinischen „beleuchten“. Eikenrodt macht Büchners Sprache sichtbar. Jetzt müssen nur noch genügend Leute hinschauen.

03. Jan. 2022
von andreasplatthaus
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27. Dez. 2021
von andreasplatthaus
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Kunst der Kärglichkeit

Heuer ist die Zeit zwischen den Feiertagen pandemiebedingt noch etwas stillgestellter als sonst, und wer in Ländern oder Kommunen mit besonders strikten Regeln lebt, hat wenig kulturelle Abwechslung außerhalb der eigenen vier Wände. Innerhalb dagegen ist der Vielfalt an Lektüre keine Grenze gesetzt (außer der finanziellen), und einer der schönsten Comics für just diese Tage ist Nadine Redlichs „Stones“, der gerade bei Rotopol erschienen ist, dem Stammverlag der Düsseldorfer Zeichnerin. Der Band erzählt davon, dass selbst kleinste Ereignisse große Begeisterung auslösen können.

Redlichs markanter Minimalismus, wunderbar dokumentiert auf ihrer Homepage http://www.nadineredlich.de, hat hier seinen idealen Gegenstand gefunden: einen Stein. Also ein Gebilde, das noch weit weniger Abwechslung genießt als wir, könnte man meinen. Und so beginnt Redlich mit dem, was sie berühmt gemacht hat: einer Folge von völlig identischen Panels, bis es dann zu einer winzigen Veränderung kommt. Der Stein öffnet die Augen.

Augen bei einem Stein? Ja, Redlich belebt das Unbelebteste, was man sich vorstellen kann, und das wichtigste Mittel dazu sind natürlich Augen. Mehr als die, eine winzige Nase und einen Mund braucht der Stein gar nicht, um Persönlichkeit zu entfalten. Auch seine Umgebung ist immer gleich: eine Horizontlinie, die grüne Wiese und blauen Himmel trennt. Aber auf dieser kargen Bühne ist die Hölle los. Die sechs Seiten aus der Leseprobe werden es belegen: http://www.rotopolpress.de/produkte/stones.

Naja, zumindest die Hölle für den Stein. Der sieht ja schon in der Fähigkeit, mit den Augen zu rollen, eine echte Sensation. Darauf verwendet Redlich zwei ganze Seiten und somit zwölf Panels, denn natürlich ist auch die Seitenarchitektur immer identisch. „Here comes my favourite thing to do“, kündigt der Stein diese Vorführung an. Ja, er spricht Englisch (was ihn noch etwas allgemeingültiger macht), leicht verständlich ist er trotzdem. Polyglotte Kompetenz beweist er mit einem französischen Ausruf beim Anblick eines Gürteltiers: „Quelle performance subtile!“ Aus diesem Sprachwechsel muss man seine Ekstase angesichts des sich erst eingerollt vorbeibewegenden und dann entfaltenden Lebewesens ableiten. Was für eine Vielzahl an Ausdrucksmöglichkeiten Redlich ihrem Stein auch über seine recht spärlichen Äußerungen verschafft, ist bemerkenswert. Das geht von Publikumsbeschimpfung über Wortspiele bis zu rhetorischen Fragen.

Warum heißt der Band „Stones“, spricht also von Mehrzahl? Auch das ist ein subtiler Trick, denn wir dürfen nicht einmal sicher sein, dass es sich jeweils um denselben Stein handelt, auch wenn unsere Lesegewohnheiten das suggerieren. Die völlige Austauschbarkeit ihres Protagonisten ist Programm. Auf etwas mehr als siebzig Seiten wird der Stein/werden die Steine mit ständig neuen Eindrücken konfrontiert (soweit man bei einem Stein von „Eindrücken“ sprechen kann; er selbst nimmt/sie selbst nehmen Redewendungen gerne wörtlich). Aus der Rolle fällt er/fallen sie nie: keine Dialoge mit der Umgebung, nur mit uns als Betrachtern – da wird die vierte Wand munter eingerissen. Auch die Handlungszeit ist bis auf ein zwei Ausnahmen aufgehoben. Wie lange es dauert, bis der Stein von einer Schnecke überquert worden ist („At first I felt disgusted, but then connected“), muss man für sich selbst entscheiden. Der Tritt mit einem Wanderstiefel, der den Stein (der sich hier eher als Kiesel entpuppt) aus den Panels herauskickt, bis er nach einer vollkommen entsteinten Doppelseite wieder hineinfliegt, kann man dagegen in eine vertraute Chronologie einordnen. Trotzdem könnte der rasch zu lesende Comic leicht Millionen von Jahren abdecken. Was wissen wir denn, wie lange ein Stein auf Sensationen warten muss?

Wir dagegen blättern atemlos um, denn Redlich hat ihre Kunst der Kärglichkeit hier auf die Spitze getrieben und gerade dadurch einen wunderbar witzigen Comic geschaffen. Dessen simple Form könnte dazu verleiten anzunehmen, das könnte man auch selbst. O nein, so etwas kann nur Nadine Redlich. Mit ihrem Band allen da draußen in oder außerhalb der vier Wände ein gutes neues Jahr!

27. Dez. 2021
von andreasplatthaus
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20. Dez. 2021
von andreasplatthaus
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Japan, comme il faut

Es ist Japanzeit im europäischen Comic. Nicht, weil heute hier so viele Manga gelesen werden – das ist mittlerweile schon seit zwanzig Jahren so. Nein, mit dem italienischen Zeichner Igort gibt es jemanden, der dort gearbeitet, sich in die Kultur des Landes verliebt hat (nicht in die brutale Arbeitskultur der Mangaka, aber in alles andere, auch ins Abgründige) und darüber nimmermüde erzählt. Bei Reprodukt ist gerade der dritte und angeblich letzte Teil seiner „Berichte aus Japan“ herausgekommen, mit denen er sich auf die Spur seiner fernöstlichen Vorbilder begeben hat: „Moga, Mobo, Monster“ lautet der Untertitel. Und diesmal ist das Abgründige besonders prominent vertreten. Ich sage nur: Yoshitoshi, Oder Seiu. Ersterer ist der Meister des Makabren im Holzschnitt, Letzterer der Begründer der japanischen erotischen Fesselkunst.

Aber wir gehen auf Weihnachten zu, und dies hier ist ein braves Blog, also bildet es beides nicht ab und empfiehlt Igorts neue Buch den Liebhabern des Abseitigen und mutigen Beschenkern. Eigentlich soll es auch gar nicht um Igort gehen, sondern um einen weiteren neuen westlichen Japan-Comic: „La jeune femme et la mer“ (Die junge Frau und das Meer), gerade in Frankreich bei Dargaud erschienen und von März 2022 an auch auf Deutsch zu haben. Der Carlsen Verlag hat sich also beeilt, und daran tut er gut. Denn gezeichnet hat den Comic Catherine Meurisse, die dabei ist, zum weiblichen Superstar in Frankreich zu werden. Nein, sie ist es schon; wer als zweite Frau des Metiers nach Claire Brétecher im Centre Pompidou ausgestellt wird, hat den Gipfel bereits erreicht. Und mit „La jeune femme et la mer“ wird sich Meurisses Ruf nur weiter festigen.

Ihr Ruf als exzellente Künstlerin und als große Humoristin. Zunächst zum zweiten Punkt. Catherine Meurisse ist eine sowohl hellsichtige Beobachterin als auch eine souveräne Selbstironikerin. Sie arbeitete für „Charlie Hebdo“ und entging dem Massaker an der Redaktion von 2015 nur deshalb, weil sie zu spät zu der Redaktionssitzung kam, auf der ihre Kollegen ermordet wurden. Danach verließ sie das Magazin und zeichnete „Die Leichtigkeit“: als Verarbeitung des Attentats und ihres Wegs zurück in etwas, das wohl nie mehr als Normalität bezeichnet werden kann. Und man konnte nur staunen: Neben allem Pathos war dieser Comic auch sehr klug. Und witzig trotz dem ernsten Thema. Die Comicwelt lag Meurisse zu Füßen.

Danach kam mit „Weites Land“ eine brillante Geschichte ihrer Jugend, die ein ganzes Panorama französischer Ländlichkeit und Landschaftsmalerei entfaltete, und – bislang leider unübersetzt – „Delacroix“, eine grandiose Hommage an den berühmten Maler, für die sich Meurisse der Erinnerungen von Alexandre Dumas an seinen Freund bediente. Vor allem aber zeigte sie, was sie alles zeichnen kann; Stilprobleme kennt diese Künstlerin nicht. Und nun eben der Japan-Band, beruhend auf einem mehrmonatigen Aufenthalt im Jahr 2018 in der vom französischen Staat mitfinanzierten Künstlerresidenz Villa Kujoyama (Präfektur Kyoto).

Sehnsucht wird wach, wenn man die Impressionen von Meurisse betrachtet, denn nach Japan wird man so rasch in Pandemiezeiten wohl nicht kommen. Und die Bilder dieses Comics (Leseprobe: https://www.dargaud.com/bd-en-ligne/la-jeune-femme-et-la-mer/11016/3137d57fb1513ee7731d7a7a77102263) sprechen von der großen Faszination, die die prominente Stipendiatin dort ergriffen hat. Selbstironisch ist Meurisse wieder; alle Klischees über eine Japanreisende werden hier von ihr bedient, aber auch die Japaner bekommen ihr Fett weg. Zudem bedient sich Meurisse eines Romans von Natsume Soseki, „Das Graskissenbuch“ von 1906, als Inspiration. Und genauso wie in der literarischen Konstruktion mischt sie auch in ihrer Graphik fernöstliche und französische Einflüsse. Gerade die immer wieder eingestreuten ganzseitigen Bilder zitieren die Ukiyo-e-Ästhetik von Meistern wie Hokusai, Hiroshige oder Hasui. Und gleich die Auftaktseite mit der Ankunft der Zeichnerin ist wie aus einem Manga von Shigeru Mizuki entnommen. Das detailreiche Panel ginge aber auch als Filmstill aus einem Anime von Hayao Miyazaki durch. Während die kleinteiliger gebauten Seitenarchitekturen vor allem das große Vorbild Sempé verraten.

Das alles ist derart klug und so scharfsichtig erzählt, dass man nur staunen kann über die Souveränität, mit der Catherine Meurisse hier über Kunst und Literatur verfügt. „La jeune femme et la mer“ ist ein Meisterwerk und ein Meilenstein – nicht nur in ihrem Schaffen. Das steht schon jetzt fest. Die deutsche Ausgabe kann man blind vorbestellen und dann einen Geschenkgutschein unter den Weihnachtsbaum legen. Oder gleich die französische Originalausgabe bestellen, denn schon Hinschauen tut gut. Es gibt auch eine (teure) Vorzugsausgabe, die alle Seiten von Meurisse in Schwarzweiß reproduziert, wodurch ihre Tuschekunst noch besser zur Geltung kommt. Allerdings besteht Gefahr, dass das zugedachte Geschenk dann doch im eigenen Regal landet. Frohe Festtage!

20. Dez. 2021
von andreasplatthaus
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12. Dez. 2021
von andreasplatthaus
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Aus Trauer entsteht ein erzählerischer Triumph

Vor acht oder gar neun Jahren, jedenfalls zu lange her, als dass ich mich an den genauen Zeitpunkt erinnern könnte, kam beim Kasseler Rotopol Verlag der Debütband eines Comiczeichners heraus, der – wie die meisten Rotopol-Autoren – in Kassel bei Hendrik Dorgathen studiert hatte, allerdings danch bei Atak in Halle abgeschlossen hatte. Das Resultat sah erstaunlicherweise weder nach Atak noch nach Dorgathen aus, aber Toleranz gegenüber anderen graphischen Stilen zeichnet beide Künstler aus, und deshalb sind aus ihren Illustrationsklassen einige der interessantesten deutschen Comiczeichner hervorgegangen. Dass einer davon beide Klassen durchlaufen hat, ist dagegen selten.

„Reprobus“ hieß der Band damals, und er erzählte eine Christophorus-Geschichte mit starken archaischen Zügen in der Bildgestaltung und etlichen inhaltlichen Verweisen auf Mythologie und eben Religion. So etwas hatte es selten im hiesigen Comicschaffen gegeben, international muss man David B. wohl als das wichtigste Vorbild nenne, womöglich auch Marjane Satrapi – aber was bei den beiden Franzosen schwarzweiß ist, legte Färber monochrom an, in einem mystischen Blaugrau, das die Geschichte genauso prägte wie die kantigen Zeichnungen.

Danach hatte ich nichts mehr von Markus Färber gehört, doch da der Band in meinen Regalen einen festen Platz hat, ist „Reprobus“ immer wieder von mir konsultiert worden – und sein Schöpfer nach einigen Jahren erfolglosen Wartens auf einen Nachfolgecomic abgetan als One-Hit-Wonder. Was mir entging, war ein Wissenschaftscomic im Auftrag der Bundesregierung aus Färbers Feder (geschrieben von Philipp Schrögel) mit dem eher abschreckenden Titel „Geschichten aus der Zukunft: Meere & Ozeane“, publiziert im „Wissenschaftsjahr“ 2016/17. Der Homepage von Färber entnehme ich, dass dieser Band eher bunt ausgefallen war: https://markusfaerber.de/comics-1.

Doch jetzt, acht oder neun Jahre nach dem Erstling (auch andere wissen es nicht genau: Der Verlag sagt neun Jahre, Markus Färber behauptet nur acht) hat Rotopol einen weiteren Band herausgebracht: „Fürchtetal“. Wieder ist Färber nur Zeichner, der Text stammt von seiner älteren Schwester Christine Färber. Diese Zusammenarbeit hat einen traurigen Anlass: den Tod des Vaters durch Suizid, offenbar überraschend für die Familie. Darum geht es in „Fürchtetal“, aber mit einem autofiktionalen Buch wie bei etlichen andren Autoren in Belletristik und Comic hat das Ergebnis nichts zu tun.

Das zeigt sich schon daran, dass Christine Färber eine poetische Beschreibung für den Schrecken gefunden hat, ohne dadurch irgendetwas zu beschönigen. Einzelne Sätze wiederholen sich bei der Beschreibung eines letzten Besuchs im Krankenhaus, wo der Vater mit Angstschüben eingeliefert wurde, und dessen Verwirrtheit wird im Text aufgehoben, der selbst nicht stringent erzählt, sondern assoziativ.

Und das ist natürlich eine Basis für die Interpretation durch Bilder, die dann Markus Färber geleistet hat. Schwarzweiß ist diesmal alles, oder besser grauweiß, denn es ist mit breitem Pinsel meist dünn aquarelliert worden. Wie schon bei „Reprobus“ gibt es an entscheidenden Stellen plötzlich bloße Linienzeichnungen, di eine abstrahierende Distanz zum Geschehen bieten. Und auch der Vater selbst ist mehr über Attribute wie seinen markanten Schnauzbart als Figur präsent denn als voll ausgearbeitete Figur. Da hat Markus Färber etwas wirklich Beachtliches geleistet. Bei einer Bildmetapher, die den Vater als Vogel zeigt, würde ich übrigens gerne wissen, ob Färber die Donald-Duck-Geschichte „Das Geheimnis der Eisenbahnaktien“ von Carl Barks kennt. Die Gestalt des Vogels kam mir aus diesem Kontext sehr bekannt vor.

Es gibt in der Mitte der Geschichte eine drucktechnische Besonderheit: eine Ausklappdoppelseite, die zusammengefaltet eine Art Spielplan des heimatlichen-unheimlichen Handlungsorts rund um das titelgebende Fürchtetal bietet. Natürlich ist das ein Abbild der inneren Landkarte des tieftraurigen Vaters, eine Wegbeschreibung ins Nichts. Und ausgefaltet bekommt man zu den numerierten Stationen dieser Via dolorosa biographische Erläuterungen, mit denen uns Christine Färber in die eigene Vergangenheit führt. Etwas Vergleichbares habe ich als Idee noch nicht im Comic gesehen.

So wird aus einer traurigen Geschichte eine höchst intelligente Zwiesprache von Text und Bild. Was Christine Färber nicht sagt, zeichnet Markus. Was Markus Färber nicht zeigt, beschreibt Christine. Und bisweilen, in den besten Momenten, schweigen beide in ihren jeweiligen Erzählformen. Da bleibt dann Raum für eigene Vorstellungen von dem Verlust, dem Erschrecken, der Trauer, aber auch dem gewissen Trost, den diese Weise des gemeinsamen Erinnerns bedeutet haben wird. Sie entspricht in den Auslassungen dem strukturellen Prinzip des Comics, seinen Zwischenräumen und erzwungenen Pausen. Das sind dann jeweils Erinnerungspausen an das, was im Bild zuvor war – um das nächste zu verstehen. Genauso arbeitet „Fürchtetal“. Man könnte dieses Buch ein großes Memorial nennen.

 

12. Dez. 2021
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07. Dez. 2021
von andreasplatthaus
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Der Sündenfall des Predigers

Warum nicht gleich noch einmal nach Afrika, wo wir doch letzte Woche schon mit „Toubab im Senegal“ waren? Aber es geht einige hundert Kilometer die Westküte entlang nach Südosten, bis nach Liberia. Wie viele Einwohner die dortige Hafenstadt Lagos hat, ist nicht bekannt. Man schätzt deren Zahl auf vierzehn Millionen; auf dem afrikanischen Kontinent wäre sie damit nach  Kairo die zweitgrößte Metropole. Und zahllos sind auch die Geschichten, die es aus einem solchen Moloch zu erzählen gibt. Wobei wir Europäer nur wenige davon kennen, und die handeln meist von Gewalt, Korruption oder Umweltverschmutzung. Und wenn uns noch ein Schlagwort generell zu Nigeria einfallen sollte, dürfte es „Boko Haram“ lauten.

In Lagos residiert aber auch ein Goethe Institut, und das hat im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes unterstützten Projekts „Afrocomics“ eine Graphic Novel in Auftrag gegeben: bei Elnathan John, einem renommierten nigerianischen Schriftsteller, und dem in Lagos lebenden Zeichner Àlàbá Ònájin. Als Ortskundige nehmen sie uns in Stadtteile mit, die nicht den Erwartungen eines europäischen Publikums entsprechen. Und das macht den Unterschied zu Patrick Bonatos „Toubab im Senegal“ aus: Hier wird die Perspektive konsequente gewechselt, nicht nur wie beim Schweizer Zeichner Bonato die sonst gängige westliche Betrachtungsweise.

Schon der Titel des nun beim Avant Verlag erschienenen Comics macht es klar: „Lagos – Leben in Suburbia“. Dort in der Vorstadt, in der properen Ayaji Crowther Street, lebt die fünfköpfige Familie Akpoborie. Ihr Haus ist von hohen Mauern umgeben, sie beschäftigt ein Hausmädchen, und die drei mittlerweile erwachsenen Kinder haben eine weitgehend sorglose Jugend hinter sich. Hier wird nigerianisches Bürgertum porträtiert – keine große Gruppe im Land, aber eine, die ihr Leben nach westlichem Standard ausrichtet. Mittlerweile auch in Sachen Liebesleben: Die ältere Tochter Mary ist lesbisch, der Sohn Godstime schwul, die jüngere Tochter Keturah klassisch heterosexuell, aber vorehelich abenteuerlustig.

Alle diese Neigungen treffen bei den Eltern nicht auf Gegenliebe, denn Vater Apkoborie ist Pastor der „Reformed end-time ministries,“ einer evangelikalen Gemeinde in Lagos, die ganz im Banne seiner charismatischen Predigten steht. Allerdings ist er selbst den christlichen Geboten genauso untreu wie seine Kinder, bedenkenlos macht er sich an das junge Hausmädchen heran. Doch seine Gattin, eine Matrone, die zu Hause die Hosen an hat, merkt nichts.

Diese Konstellation mit ihrem sozialen Zündstoff erinnert an brasilianische Telenovelas, und tatsächlich sind diese Soap-Serien in Nigeria sehr beliebt; Elnathan John bekennt sich denn auch offen zu ihren Einfluss auf sein Szenario. Dadurch kommen in „Lagos – Leben in Suburbia“ zwei Erzählformen zusammen: Fernsehserie und Comic, und dass dabei letztere nicht unter die Räder kommt, dafür sorgt Àlàbá Ònájin, der mit „Tim und Struppi“ und „Asterix“ aufgewachsen ist (es hat ihm erkennbar nicht geschadet) und unter deren Einfluss in seinen Bildern von Lagos einen europäischen Look hervorbringt, wie es vor anderthalb Jahrzehnten schon der französische Comiczeichner Clément Oubrerie bei der Umsetzung der von der ivorischen Autorin Marguerite Abouet verfassten Geschichten um das afrikanische Mädchen Aya getan hat. In der Leseprobe des Avant Verlags kann man sich das ansehen: https://www.avant-verlag.de/comics/lagos-leben-in-suburbia/.

„Aya“ war der erste weltweit erfolgreiche Comic, der vom Leben in Afrika erzählte. „Lagos“ hat den Anspruch, der zweite zu werden; auf Englisch kam er schon vor zwei Jahren heraus. Doch die Förderung durch das Goethe Institut hat ihren Preis: Eine überflüssige Reise nach Hamburg ist in die Handlung integriert, und das Ganze geht schon arg harmonisch aus. Aber bis es soweit ist, hat man auf mehr als zweihundert Seiten manches über den Alltag von Lagos erfahren können.

Veranschaulicht wird der über eher beiläufige Aspekte der Geschichte. Da ist etwa das Verständigungsproblem zwischen Yoruba sprechenden Menschen aus der Unterschicht von Lagos und flüssig englisch parlierenden nigerianischen Aufsteigern – noch verschärft durch ein aus nur scheinbar vermittelndes Pidgin. „Nee, ernsthaft, kein Betrug. Alles ganz sauber. Person dey grow pass some things now“, beschwichtigt der bauernschlaue jüngere Bruder des Pastors seine misstrauische Schwester – er sei seiner obskuren Vergangenheit entwachsen. Aber in solchem Aufeinandertreffen von Deutsch und gebrochenem Englisch klafft zu viel auseinander; in der Originalversion des Comics ist der Übergang von sauber gesprochenem zu dialektal gefärbtem Englisch fließend. Man kann der Übersetzerin Lilian Pithan diesbezüglich keinen Vorwurf machen, aber der dialogreich konzipierte Comic büßt in seiner deutschen Version drastisch an Natürlichkeit ein.

Dafür ist das Gemeindeleben von Reverend Apkobories Kirche mit all der Bigotterie ihres Hirten eine Quelle nie versiegenden Vergnügens bei der Lektüre. „Ich erzähl dir mal was von Gott“, protzt der Pastor: „Wenn du erstmal so weit bist wie ich, wird dir die Gnade zuteil, Dinge tu tun, die andere nicht tun können.“ Seine Wunderheilungen jedoch werden auf Bestellung von Kleinganoven gemimt. Und die rechte Hand des Pastors findet dann ausgerechnet über die Liebe zur Tochter seines Chefs zur Befreiung von dessen üblem Einfluss.

Lagos wird in diesem Comic weniger als Millionenstadt, denn als Mikrokosmos rund um die Pastorenfamilie präsentiert. Im Original heißt der Band denn auch weitaus bescheidener „On Ajayi Crowther Street“ – wobei man wissen muss, dass der Namensgeber dieser fiktiven Straße ein nigerianischer Bischof des neunzehnten Jahrhunderts war, der die britische Kolonialherrschaft bekämpfte. Die moralische Diskrepanz zwischen dem historischen Gottesmann und seinem modernen Kollegen Apkoborie ist für nigerianische Leser klar; deutsche hätten da ein Nachwort brauchen können. Aber für einen Einblick ins heutige Nigeria ist dieser Comic allemal gut – zwar nicht jenseits von Klischees, aber ohne solche, die aus „Erster Welt“-Arroganz entstehen. In Nigeria, das zeigt die Lektüre, erzählt man mit einem Unterhaltungsbedürfnis, das dem unseren entspricht. Und dem Klischee von nackter Verzweiflung im dortigen Alltag widerspricht.

07. Dez. 2021
von andreasplatthaus
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29. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Weißer Mann ist nicht gleich weiser Mann

Einen rätselhafteren Buchtitel habe ich lange nicht mehr gesehen: „Toubab im Senegal“. Den Senegal kenne ich, zwar nicht aus eigener Anschauung, aber als westafrikanischen Staat. Aber „Toubab“? Die Frage klärt sich jedoch rasch, schon im Vorwort des senegalesischen Schriftstellers Louis Camara: Der Begriff bezeichnet auf Wolof (der im Senegal meistverwendeten Sprache) einen Weißen. Ursprünglich wurde damit ein Weiser bezeichnet, und die europäischen Kolonisatoren kamen den Einwohnern des Senegal anfangs so klug vor, dass das Wort auf sie übertragen wurde. Aber die Erfahrungen waren dann derart, dass man ihn heute eher spöttisch gebraucht, wenn er Weißen und nicht Weisen gilt. Und so wurde er auch auf Patrick Bonato angewendet.

Der 1983 geborene Schweizer Zeichner hielt sich über den Jahreswechsel 2016/17 drei Monate im Senegal auf, in der Waaw-Künstlerresidenz von Saint-Louis, der ehedem bedeutendsten Stadt des Landes. Heute darf Dakar Anspruch auf diese Bezeichnung erheben, aber in Dakar hatte sich Bonato auf Anraten seiner Gastgeber erst einmal nicht umgeschaut – das Risiko eines Kulturschocks sei zu groß. Wie man dem Comic „Toubab im Senegal“, der von den Erfahrungen des Zeichners während seines Aufenthalts erzählt, entnehmen kann, war diese Warnung nur zu berechtigt. Nicht, weil Dakar dann doch noch eine Rolle spielte, sondern weil schon das offenbar beschauliche Saint-Louis dem Besucher genug Anlass zur Befremdung bot.

Nun könnte der Eindruck entstehen, Patrick Bonato hätte sich in typisch europäischer Ignoranz dem Leben seines Gastlandes verweigert, aber er ließ sich vielmehr intensiv darauf ein. Soweit das sein verschüttetes Französisch aus Schweizer Schulzeiten zuließ (Französisch ist – kolonial bedingt – die Verkehrssprache im multiethnischen Senegal), und dessen Niveau führt Bonato im Comic recht drastisch vor Augen, indem er sein Alter Ego ein ziemliches Kauderwelsch ohne größere Rücksichten auf Syntax und Semantik sprechen lässt. Der Weiße im Senegal tritt hier tatsächlich konsequent als törichter Toubab auf. Der sonst oft arrogante westliche Blick auf afrikanisches Leben wird umgedreht: Patrick Bonato fühlt sich hilflos unterlegen.

Dass es so lange gedauert hat, bis aus den Erlebnissen der Künstlerresidenzzeit dieser Comic reifte, hat seinen Grund sicher nicht im Unwohlsein seines Autors über das Geschilderte. Vielmehr macht die Selbstironie des Porträts dieses chweinchenrosa porträtierten linkischen Brillenträgers (der äußerlich nicht allzu viel mit dem realen Bonato zu tun hat, aber eben mit ihm Name und Erfahrungen teilt) großen Spaß. Und da es keine falschen Rücksichtnahmen bei der Schilderung der Verhaltensweisen mancher senegalesischen Bekanntschaften gibt, treffen hier scheinbare Klischeevorstellungen aufeinander, die sich bei der Lektüre jedoch als geradezu hinterhältig reflektiert erweisen. Denn vordergründig hat Patrick Bonato einen Zeichenstil gewählt, der bewusst an Hergés „Tim und Struppi“ angelehnt ist, also einem mittlerweile ständig als kolonialistisch verfemten Comic-Klassiker. So sieht das dann in der Leseprobe des Luftschacht Verlags aus: https://www.luftschacht.com/produkt/patrick-bonato-toubab-im-senegal/. Oder noch etwas reichhaltiger, aber in arg schnellem Bildwechsel präsentiert, auf der Homepage des Zeichners: http://home.patrickbonato.com/Toubab-im-Senegal.

Überhaupt ist „Toubab im Senegal“ als ganz klassisch inspirierter Comic aufgemacht: großes Albenformat und Seitenarchitekturen, die sich an der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts orientieren – ein modernes Vorbild für diese Übernahmen mag der belgische Zeichner Olivier Schrauwen gewesen sein, wofür auch die blass angelegten Farben bei Bonato sprechen. Es gibt aber in „Toubab im Senegal“ auch unglaublich einfallsreiche Brüche mit der Tradition, so etwa die bisweilen eingeschobenen doppelseitigen Einzelzeichnungen oder eine weitere Doppelseite, auf der sich nebeneinander vierzig Köpfe finden, um die Verwirrung zu verdeutlichen, die der Patrick des Buchs bei einer Einladung zu einer senegalesischen Familienfeier mit zahlreichen Teilnehmern empfindet.

Reiseschilderungen der Art, wie Bonato sie hier gezeichnet hat, sind nichts Neues. Seit die Künstler des französischen Verlags „L’Association“ vor fast einem Vierteljahrhundert nach Ägypten gereist waren und aus ihren Beobachtungen einen sowohl grandios komischen als auch höchst informativen Sammelband („L’Association en Égypte“, erschienen 1998) gemacht hatten, kann man geradezu von einem Boom der Reisereportagecomics sprechen. Wunderbare Vertreter dieses Genres sind etwa Olivier Kugler, Sebastian Lörscher oder Jens Harder, um nur ein paar deutsche Vertreter zu nennen.  Man sieht aber auch gleich: Frauen machen sich rar auf diesem Feld. Die Amerikanerin Sarah Glidden wäre als markante Ausnahme zu nennen. Doch ihr fehlt die Komik, die Patrick Bonatos Band auszeichnet (oder auch die Arbeiten von Lörscher).

Und die braucht es, um mit wechselseitigen kulturellen Missverständnissen so umzugehen, dass weder Beifall von der falschen Seite droht noch Verdammung durch diejenige, die sich für die richtige hält. Luftschacht ist mit seinem kleinen, aber feinen Comic-Programmsegment der geeignete Ort für eine solche Geschichte. In einem Großverlag könnte man so etwas wohl kaum mehr unterbringen. Was für ein Jammer! Denn wir brauchen solche Bücher derzeit mehr denn je. Gar nicht aus (identitäts)politischen Gründen, sondern weil über die Neugier auf Einblicke in den Senegal hinaus beim Lesen auch unvermeidlich Wehmut darüber eintritt, dass man selbst bei dem nötigen Wagemut zu einer solchen Reise derzeit gar nicht ins Land käme. Der Senegal hat pandemiebedingt seine Grenzen geschlossen. Schlimm für die dortige Ökonomie, aber weise. „Toubab“ könnte somit nun auch ganz unironisch auf die eigenen Leute angewendet werden.

 

P.S.: Einen Tag nach Lektüre von „Toubab im Senegal“ lese ich endlich den Auftaktband zu einer neuen Comicserie von Riad Sattouf, „Le jeune acteur“. Dazu später einmal an dieser Stelle mehr. Aber was mir da begegnet, ist im Jargon französischer Jugendlicher das Wort „Babtou“ für einen Weißen. Wie in Frankreich üblich, hat man dafür die Silben von Toubab vertauscht (so wie aus „Beure“ für einen Nordafrikaner im Jugendjargon dann „Rabeu“ geworden ist). Ohne Bonatos Band hätte ich das nicht verstanden. Comics, aus denen man für andere Comics lernt – was will man mehr?

29. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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24. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Faschisten schlagen, wo es geht? Wie geht das?

Dass sein jüngster Comicband “Save It for Later” keine zwei Monate nach der amerikanischen Publikation schon auf Deutsch erscheint, ist Nate Powell eine eigene Bemerkung auf seiner Homepage https://www.seemybrotherdance.org/ wert. Aber nicht des Tempos wegen, das der Carlsen Verlag und der Übersetzer Christian Langhagen hier vorlegten (was der Lösung von englischem Satzbau in der deutschen Version nicht gut bekommen ist), sondern weil Powell es bemerkenswert findet, dass ein Comic, der sich mit den Gefahren von wiederauflebendem Faschismus und bedrohter Demokratie in den Vereinigten Staaten befasst, nun ausgerechnet auch in Deutschland herauskommt, das nolens volens immer noch die historische Blaupause für diese Entwicklungen abgibt. „Both an extreme honor and nervewrecking“ nennt Powell diese Erfahrung.

Was die Nervenanspannung betrifft, weiß Powell, wovon er spricht. Der ganze Band dokumentiert eine einzige Nervenprobe für seinen Zeichner. Als Donald Trump 2016 gewählt wurde, war der 1978 geborene Powell gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Seiner ersten, auch noch im Vorschulalter befindlichen Tochter musste er vor deren Zubettgehen am Wahltag versichern, dass „der Böse“ schon nicht gewinnen werde; wenn sie aufwache, werde zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt sein. Es kam bekanntlich anders, und von dem Schock darüber hat Powell sich erkennbar über mehrere Jahre hinweg nur langsam erholt.

Darüber erzählt er schonungslos. Und vom mühsamen Weg zurück ins normale Leben – zumindest das des Autors, denn sein Comic wurde abgeschlossen, als Trump noch immer Präsident war. „Save It for Later“ ist ein aktivistisches Manifest, mit allen Einseitigkeiten, die eine solche literarische Form verlangt: Schwarzweißmalerei (obwohl die einzelnen Kapitel jeweils einzelne Zusatzfarben aufweisen), Pathos (Leitbilder durchs Geschehen sind handgefertigte Protestschilder der Familie Powell, mit der sie auf den Straßen entlangmarschieren, um gegen die Politik der Trump-Regierung zu demonstrieren) und Dramatisierung (zwischen Demokratie oder Faschismus steht da gar nichts zur Wahl; wenn ein Trump-Befürworter auf dem Markt der Universitätsstadt Bloomington, Indiana, wo Powell lebt, Gemüse verkauft, ist der „ein Nazi“. Da muss man durch, zumal als Deutscher, der sich mit solchen historischen Vergleichen schwertut, weil es in den Vereinigten Staaten erfreulicherweise denn doch noch einmal anders gekommen ist als ehedem im „Dritten Reich“.

Aber was „Save It for Later“ zugleich auch leistet, ist eine Anleitung für Zivilcourage, die sich nicht auf die bequeme Position zurückzieht, es würde schon nicht so schlimm kommen, wie vielerorts behauptet. Powell kann am Beispiel seiner eigenen Familie erzählen, wie der Wahlsieg Trumps ins Privatleben einbrach: wie einige Nachbarn plötzlich ihrem Rassismus freien Lauf ließen, wie martialische Symbole aus der Popkultur (das Totenkopflogo der Marvel-Comicfigur Punisher) verbunden wurden mit martialischen Symbolen – und Verhaltensweisen – aus dem Erbe des Ku-Klux-Klans, wie sich die Staatsgewalt darum drückte, Demonstranten vor tätlichen Übergriffen durch trumptreue Milizen zu schützen. Und wie weiterhin am meisten die schwarzen Bewohner der Vereinigten Staaten schikaniert wurden. Und werden. Dies ist auch ein Comic zur Black-Lives-Matter-Bewegung.

Powell selbst ist weiß, aber als Comic-Biograph der 2020 gestorbenen Bürgerrechtslegende John Lewis hat er beste Kontakte zur schwarzen Community. Seine Trilogie „March“, benannt nach dem berühmten Protestzug von Selma nach Montgomery im Jahr 1965, den der damals fünfundzwanzigjährige Lewis mitorganisiert hatte, erschien von 2013 bis 2016, war also gerade abgeschlossen, als Trump triumphierte. Zudem ist Powell selbst in den Südstaaten aufgewachsen und registrierte deshalb sofort den Umschwung der Stimmung in seinem aktuellen Heimatstaat hin zu einem allgemein als überwunden geglaubten Alltagsrassismus. In der zweiten Hälfte der Amtszeit Trumps begann er wieder aktiv Widerstand zu leisten.

Die Beschreibung der eigenen Gefühle als einsamer Protestler mitten im Verkehr seines Wohnorts Bloomington sind von beklemmender Direktheit, wie man sie sonst nur von den Comics kennt, die Howard Cruise und Robert Crumb über ihre – jeweils ganz unterschiedlichen – Formen des Aktivismus gezeichnet haben.Auf der eingangs angegebenen Website des Zeichners kann man sich das gut ansehen. Powell reiht sich also in eine große Traditionsreihe politischer Comics in den Vereinigten Staaten ein, doch das betont er gar nicht. Vielmehr beschwört er die Notwendigkeit, die nächste Generation zu mündigen und das heißt für ihn: kampfbereiten Demokraten zu erziehen. Er plädiert etwa gegen die singuläre Verherrlichung von Martin Luther King oder Rosa Parks, weil damit die vielen, die diesen beiden zur Seite standen, ausgeblendet würden. Seine eigene John-Lewis-Biographie hatte daraus noch gar nicht alle Konsequenzen gezogen, doch im neuen Band plädiert Powell kompromisslos dafür, dass gerade Kinder herangeführt werden an die entscheidenden Fragen der künftigen Politik. Und die liegen für ihn weniger in Klimafragen als in der Wiederkehr des Faschismus.

Gegen diese Entwicklung ist ihm auch Gewalt recht, denn wer sich auf das Argument, man könnte die Feinde der Demokratie nicht mit deren Waffen bekämpfen, einlasse, habe schon verloren. Meinungsfreiheit für diese Unmenschen? Nein! Und natürlich heißt es zurück-, womöglich auch vorausschlagen, wenn man den Gegner ausgemacht hat. Nur woran man ihn sicher in all seiner Schlechtigkeit erkennt, dass verschweigt Powell. In „Save It for Later“ sind die Nazis und/oder Trumpisten so gezeichnet, dass man sie sofort als Böse identifiziert. Zwischentöne haben hier keinen Platz.

Das passt aber durchaus zur aktuellen Situation in Amerika, wo die gesellschaftlichen Gräben immer tiefer werden. Und man muss fürchten, dass es auch bald zu uns passen wird. Davor indes warnt Powell nicht; für ihn ist der Kampf zwar nicht schon verloren, aber doch unvermeidlich; mit Dialog ist in seinem Weltbild kein Staat mehr zu machen. Das ist eine Position, die wir kürzlich hierzulande bei der Diskussion um einen Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse kennenlernen konnten, der dem rechten Spektrum zugerechnet wird. Insofern ist „Save It for Later“ auch hochinteressantes Anschauungsmaterial für eine kompromisslose Ausgrenzungspolitik. Mag sein, dass sie in verzweifelten Situationen das letzte denkbare Mittel ist. Aber sind wir schon in dieser Situation?

Wie gesagt, der Band wurde abgeschlossen, als Trump noch regierte und Corona in den Vereinigten Staaten wütete – mit Hunderttausenden von Toten. Nicht, dass diese Probleme heute obsolet wären, aber es sieht etwas besser aus. Den einzelnen Kapiteln von „Save It for Later“ kann man anhand der Abschlusssignaturen auch ablesen, wann sie jeweils entstanden sind: Das Arrangement im Buch richtet sich  chronologisch nicht danach, also sind einzelne Passagen auch nicht auf der Grundlage von zuvor schon im Band behandelten Phänomenen entstanden, sondern früher. Auch das ist interessant zu rekonstruieren; es zeigt sich, dass Powell sich erst einmal deradikalisierte, bevor er sich doch wieder fürs Kämpferische entscheid. Dieser Comic ist ein Lackmustext – nicht einmal auf die eigene Gesinnung als vielmehr auf die Bereitschaft, sich mit Haut und Haaren und der ganzen Familie einem politischen Ideal zu verschreiben. Die Ausschließlichkeit dabei ist reziprok zu der der Gegenseite. Die Ambivalenz, die Powells Comic bestreitet, löst er selbst zuverlässig aus. Auch keine kleine Leistung. Auf jeden Fall eine aufklärerische, wenn auch teilweise wohl ungewollt.

24. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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15. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Auch dort, wo es gut riecht, kann Anrüchiges geschehen sein

Bianca Schaalburg ist eine späte Comic-Debütantin. Aber was für eine! Ihre noch in Arbeit befindliche Geschichte „Der Duft der Kiefern“ überzeugte die Jury des Leibinger-Comicbuchpreises und brachte ihr somit einen Platz unter den zehn diesjährigen Finalisten ein. Und kaum ein halbes Jahr später ist der Band auch schon fertig und erschienen, beim Avant Verlag aus Berlin, wo man gemeinhin eine gute Nase für starke Stoffe hat. Das gilt auch diesmal.

Der Titel mag zunächst in die Irre führen: Es geht nicht um Nature Drawing, wie man das Comic-Äquivalent zum Nature Writing wohl nennen müsste, sondern um Familiengeschichte im Allgemeinen und die Schoa im Speziellen.  Der Duft der Kiefern  bezeichnet eine der vielen persönlichen Erfahrungen der Erzählerin, die die gezeichnete Handlung durchziehen. Da gibt es etwa auch zahlreiche Vögel, die in die Hintergründe der Bilder eingearbeitet werden, Pflanzen, Häuser – eine ganze kleine Welt aus Berlin-Zehlendorf. Dort wuchs Bianca Schaallburg, geboren 1968, auf, in der Siedlung Onkel Toms Hütte, doch wer jetzt eine Erzählung zur Dekolonialisierung von Straßennamen erwartete, läge abermals falsch. Es geht als Auslöser darum, dass die Familie Schott, der Bianca Schaalburg entstammt, in einem Haus wohnte, das bis 1936 drei Juden beherbergte (zwei Frauen und einen Mann), die alle in der Schoa starben, während ihre Wohnung an das damals nazitreue Ehepaar Schott mit seinen bald vier Kindern überging.

Zweifellos kein schöner Stoff für die nachvollziehbarerweise lange ahnungslose Enkelin Bianca Schaalburg, aber ein hochinteressanter, und weil sie sich wiederum der Mitarbeit ihres eigenen Sohnes an der Recherche versicherte, wurde daraus so etwas wie eine familiäre Wiedergutmachung an den Vorbewohnern. Wobei der Schwerpunkt des zweihundertseitigen Bandes klar auf der Familiengeschichte selbst liegt – wenn auch der Exkurs zu den drei Ermordeten das eindrucksvollste Kapitel darstellt, bisweilen grandios als das inszeniert, was diese Recherche gewesen sein muss: ein Puzzle. Wie Bianca Schaalburg ihren Gegenstand zur graphischen Form bringt, das ist angesichts von fehlender Comicerfahrung dieser Zeichnerin geradezu unglaublich. Man sehe sich nur mal die sieben Seiten der Leseprobe an: https://www.avant-verlag.de/comics/der-duft-der-kiefern/. Und damit ist die Vielfalt der Seitenarchitekturen nur angedeutet.

Mit Ulli Lust, deren graphischen Einfluss man den Figuren und den Farben ansieht, stand allerdings auch eine große Mentorin mit Rat bei, und auch der Comic-Tausendsassa Kai Pfeiffer hatte seine Finger mit im Spiel. Hier kam einiges zusammen, was sich aufs Schönste ergänzte, doch das Beste daran ist denn doch das Höchstpersönliche dieser Geschichte: die Selbstauskünfte Bianca Schaalburgs, die eine in jeder Hinsicht sensible Frau zeigen, die in der Aufarbeitung ihrer eigenen Herkunft eine Verpflichtung sieht.

Ergänzt wird die eigentliche Comic-Handlung durch einen Anhang mit Fakten, Übersichten und Erläuterungen zu dem, was man zuvor gelesen hat, und so mühsam ich gemeinhin die Lektüre solcher Addenda finde, so wichtig ist dieses konkrete fürs noch vertiefte Verständnis der Geschichte. Beider Geschichten: der konkreten von Bianca Schaalburg und der allgemeinen Zeitgeschichte. So lange man so akribische Sorgfalt im Erforschen und Rekonstruieren der Vergangenheit walten lässt, muss uns als Lesern nicht bange vor dem Zeitpunkt sein, wo die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden.

Und zum Schluss seien die Namen jener drei genannt, die gar nicht mehr Zeugnis ablegen konnten, weil sie 1942 in den Lagern der Nazis starben: Clara Hipp, Margarete Silbermann und Carl Loewensohn. Stolpersteine gab es für sie schon am Haus, das sie bewohnt hatten. Nun gibt es eine ganze Geschichte, die im ihnen angetanen Unrecht ihr Zentrum hat

15. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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09. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Zeichnenlernen lustig gemacht

In meinen (donaldistischen) Kreisen pflegt man bei überzeugenden – manchmal auch weniger überzeugenden – Argumenten zu sagen: „Peng, du bist hypnotisiert!“ Danach ist alles möglich, auch das zuvor für unmöglich Gehaltene, sofern man eine medial veranlagte Person ist, aber wer könnte denn medialer veranlagt sein als ein Medienmensch? So kann ich nun feststellen: Peng hat mich hypnotisiert.

Wer ist Peng? Ein österreichischer Cartoonist, der seinen wahren Namen zu hüten weiß, obwohl er schon seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Der wahre Name ist aber erfreulicherweise so gewöhnlich, dass es wohl etliche hundert andere gleichnamige Kandidaten gäbe, wenn jemand, der sich durch Peng verspottet fühlte, auf Rachefeldzug ausginge. Also geht sich ein solcher Plan nicht aus, wie die Österreicher es formulieren. Obwohl Peng durchaus bösartig sein kann: Wie seine Arbeiten aussehen, kann man sich auf seiner Homepage ansehen, unter http://www.peng-cartoons.com/peng_aktuell.html.

Das Buch, um das es hier geht, ist aber alles andere als bösartig. Es ist geradezu liebevoll, denn es geht um Pengs große Leidenschaft: das Zeichnen. Und die Vermittlung dieser Kunst. Den Buchtitel kann ich typographisch in diesem Blog nicht erzeugen, also schaue man sich die Homepage des Verlags DuMont an: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/peng-ich-kann-zeichnen-9783832199982/, und dann hat man auch sofort eine aussagekräftige Leseprobe. Peng richtet sich mit seinem Werk an Leute wie mich, die nicht zeichnen können.

Nein, kann ich wirklich nicht. Womöglich schreibe ich deshalb so gerne über Zeichner; es gibt ja auch Millionen Deutsche, die sich ständig wie Fußballbundestrainer gerieren. Peng verheißt aber nun, dass er Leuten wie mir das Zeichnen beibringen könne, und so ist sein „Ich kann (nicht) zeichnen“ (so geht’s dann doch ohne typographische Kniffe) streng didaktisch aufgebaut und führt mich vom Strichmännchen zu Hund und Katz („perfekt für Glückwunschkarten oder Poster´“). Was soll ich sagen: Ich habe die Lektionen der 160 großformatigen Buchseiten gelernt und kann noch immer nicht zeichnen, wenn’s nach meinen Maßstäben geht. Jedoch besser als zuvor. Wozu nicht viel gehörte.

Peng bietet aber viel. Vor allem schaut man sich seine Übungen gerne an, denn wie er da wirklich aus nur ein paar Strichen lebendige Figuren entstehen lässt, das ist lustig und in manchen Kommentaren zu den eigenen Vorlieben auch geistreich. Der Mann kann auch schreiben. Manche seiner Kreaturen sind überdies sehr hübsch anzusehen, vor allem seine Vögel, Katzen und Hunde – auf die verwendet er deutlich mehr Sympathie und Sorgfalt als auf die Menschen, aber wir sind ja auch eine (moralisch) hässliche Spezies. Nach Detailerläuterungen („coole Köpfe“, „flotte Frisuren“ – Peng hat einen manchmal unseligen Hang zu Alliterationen, aber womöglich hat auch er zu viel Erika Fuchs gelesen) kommen dann allgemeinpraktische Tips zum Ausmalen, Kolorieren, ja selbst zum abstrakten Zeichnen. Das fiel mir übrigens schwerer als das konkrete. Meine Spiralen sehen nicht halb so überzeugend aus wie die von Peng.

Trotzdem fühle ich mich tatsächlich ein bisschen hypnotisiert durch dieses Buch, als hätte es aus mir plötzlich einen wagemutigeren Menschen gemacht. Wie gesagt, keinen guten Zeichner, aber vielleicht einen freieren? Wobei ich schon gerne auf diesem Feld etwas Größeres wäre (wie wir Donaldisten zu sagen pflegen).

09. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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01. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Worte sagen hier mehr als tausend Bilder

Die in Zürich residierende Edition Moderne, Mutter aller deutschsprachigen Autorencomic-Verlage, hat ein für sie ungewöhnliches neues Format eingeführt: jenes, das man gemeinhin Graphic-Novel-Format nennt, etwa 16 x 24 Zentimeter. Bislang war das klassische Album die Domäne der Edition Moderne, selten auch einmal ein kleineres Format wie bei der legendären deutschen Erstausgabe von Barus „Autoroute du soleil“, aber das modische amerikanische Zwischending von Album und Taschenbuch wurde schon deshalb hier nicht Standard, weil man schon Graphic Novels machte, als der Begriff noch gar nicht am Markt eingeführt war. Und vor allem als das, was darunter lief, noch nicht normiert war. Ausnahmen betrafen zwar gerade die erfolgreichsten Comics der Edition Moderne: Marjane Satrapis „Persepolis“ und „David B.s „Die heilige Krankheit“, aber genau deshalb scheute man sich, daraus eine Masche zu machen.

Aber heute erwarten die Buchhändler offenbar bei Graphic Novels dieses bestimmte Format, und die Zeichner berücksichtigen das in ihrer Arbeit, und so sind die beiden nun erschienenen neuesten Edition-Moderne-Bände, „Die Experten für alles“ von Anouk Ricard und „Schattenmutter“ von Stefan Heller, eben so geraten, wie’s der Markt liebt. Übrigens nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich.

Ricards aus dem Französischen übersetzte Funny-Animal-Geschichte um einen Hund und eine Ente, die sich aller Fragen gegenwärtiger menschlicher Befindlichkeit annehmen, ist ein auf Albernheit setzender Fortsetzungscomic, der in kurzen Episoden in bewusst kindlich anmutender Graphik und bewusst erwachsen anmutendem Text jedem Liebhaber von Fernseh-Comedy gefallen wird. Mir also nicht. Deshalb kein weiteres Wort dazu, denn über Humor lässt sich schlecht richten.

„Schattenmutter“ ist ein anderer Fall. Kein Hauch von Komik, alles Tragik, denn der 1972 geborene Schweizer Stefan Heller erzählt von der psychischen Krankheit seiner Mutter – ausgehend von deren in den achtziger Jahren mit akribischer Genauigkeit geführten Aufzeichnungen, in denen mehr noch als auf ihre aktuellen Befindlichkeiten die Ursachen dafür aus ferner Vergangenheit ergründet werden sollten. Der Titel „Schattenmutter“ stellt vor allem darauf ab, dass der Schatten ihrer Krankheit über der Kindheit von Stefan Haller lag, aber auch darauf, dass sie natürlich nur ein Schatten ihrer selbst sein konnte. Der Umschlag zeigt auf der Vorderseite einen weißen Schattenriss der Mutter, auf der Rückseite einen ebensolchen ihres Sohnes. Ansehen kann man sich das zusammen mit einigen Seiten unter https://www.editionmoderne.ch/buch/schattenmutter/.

Auch die mehr als 160 Seiten im Inneren sind schwarzweiß gehalten, mit Ausnahme gelegentlicher als Text einmontierter Erzählerkommentare und gestürzter Fußnoten (schwer lesbar, wenn sie im Falz zu stehen kommen) zu medizinischen Fachtermini oder Medikamentennamen. Die Leidensgeschichte der Mutter selbst wird aus den erwähnten Aufzeichnungen und nach ihrem Tod entstandenen Gesprächen des Sohnes mit dem Vater und den Geschwistern der Mutter rekonstruiert – und als nahezu hoffnungslose Situation präsentiert. Aber das mag anderen betroffenen Lebenshilfe bieten.

Ungeachtet der durchaus literarischen Qualität der mütterlichen Texte, ist „Schattenmutter“ viel eher Sachcomic als Graphic Novel. Auch das entspricht einem derzeit wohlfeilen Trend, der persönliches Erleben stärker in den Mittelpunkt stellt als Fiktion oder auch Reportage. Stefan Hallers Band ist auch Selbsttherapie, aber dann muss man ihn vergleichen mit einem Meilenstein wie dem bereits erwähnten „Die heilige Krankheit“ von David B., und dann bleibt als einziges Gemeinsames das Format der deutschsprachigen Publikation (im französischen Original waren es sechs Alben) und leider sonst kaum ein guter Satz zu sagen übrig. Erschütternd ist „Schattenmutter“, aber nicht beeindruckend als Comic. Diese Geschichte wäre besser bloß in Worten erzählt worden – auch weil die der Mutter so viel stärker sind als die Bilder des Sohnes.

Hinzu kommt ein unglückliches Detail: Stefan Haller wählt als eine Erkennungszeichen einen schwarzweißen Ringelpullover. Das ist ein probates Mittel für eine Zeichner, der nicht individuelle Figurendarstellung z seinen größten Stärken zählen kann, aber der Ringelpullover ist in der Comichistoriographie dermaßen verbunden mit dem französischen Zeichner Jean Christophe Menu, dass es wie ein Plagiat wirkt. Pech! Auch für die sonst so stilsicher Edition Moderne. Aber womöglich verkauft sich so etwas ja tatsächlich gut

01. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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18. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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Schöner schweigen

Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Die Prophetin auch nicht. Zumindest nicht, was die Publikation ihrer wegweisenden Werke angeht. So zu belegen am Beispiel der Hamburger Comiczeichnerin Jul Gordon, ohnehin eine der gewitztesten ihres Faches. 2015 war sie mit ihrem noch im Entstehen begriffenen Comic „Der Park“ Finalistin beim Leibinger-Comicbuchpreis, und ein Jahr später war die Geschichte dann abgeschlossen. Kam sie in Deutschland heraus? Nein, aber in Frankreich, zwar nur bei einem Kleinverlag, aber das ist Jul Gordon gewöhnt. Etliche ihrer Comics sind im Eigenverlag herausgekommen, also kleiner als klein.

Dafür indes ist „Der Park“ zu aufwendig. Hundert Seiten umfasst die Geschichte, aber sie liest sich in Windeseile, denn sie lebt vor allem von ihrer Atmosphäre. Dialoge sind spärlich, alle Figurenkonstellationen werden durch Bewegungen im Raum verdeutlicht. Der Raum ist jener Park des Titels, ein ummauertes Rondell, auf dem sich auch mehrere Gebäude befinden. Ein paar weitere sind seitlich an die Mauer angebaut. Es gibt immer wieder Totalen der Szenerie: aus unterschiedlichen Perspektiven und zu wechselnden Tageszeiten. Im und am Park leben vier seltsame Haushalte und eine Kolonie eigentümlicher redender Vierbeiner, Einzelne Figuren tragen Namen, die meisten aber nicht, und gäbe es nicht auf dem Vorsatz eine Art Personenverzeichnis wäre auch die Rekonstruktion der von Gordon gewählten familiären Zuordnung der Akteure schwierig.

Sagen wir es mit einem Reizwort: Dieser Comic ist avantgardistisch. Er verlangt Mitdenken und Kombinationsgabe, aber auch das ist typisch für Jul Gordons Arbeiten. Deshalb ist sie noch nicht bei einem der großen Verlage gelandet. Immerhin hat sich ein wiederbelebter kleiner, der ursprünglich von Anke Feuchtenberger gegründete MamiVerlag in Hamburg, nun des Gordonschen „Parks“ angenommen und ihn mit fünf Jahren Verspätung endlich auf den deutschen Markt gebracht. Wie avantgardistisch er ist, sieht man daran, dass er heute immer noch genauso ungewöhnlich und interessant wirkt. Es ist nie zu spät für gute Comics.

Auf der Website des Verlags kann man sich einen Eindruck von „Der Park“ verschaffen: https://www.mamiverlag.de/p/der-park/. Man sieht spärliche Linienführung, ungewohnt sparsame Wasserfarbenteilkolorierung (die aber auf einzelnen aquarellierten Totalen durch regelrechte Opulenz unterbrochen wird) und eine weitgehend stumme Handlung. Lärm herrscht indes genug am Park. Ein greiser Mann im Rollstuhl ballert auf vorüberfliegende Vögel. Sein Sohn wiederum ballert auf dem Computerbildschirm (oder ist sonstwie in virtuellen Welten versunken; jedenfalls wird er fetter und fetter), während dessen Schwester antriebslos in den Tag hineinlebt. Andere Gemeinschaften bilden sich aus einem Vater und seinen Fünflingen oder durch ein seltsames Paar aus einer Krankengymnastin und einem anthropomorphen Katzenwesen, die sich einen maulfaulen Untermieter ins Haus holen. Und dann ist da noch Tante Theresa, die Schwester des Mehrlingsvaters, die allein im prunkvollsten Gebäude des Parks wohnt. Soziale Schichtung wird sichtbar, aber niemals explizit gemacht. Doch die gezeichnete Welt dieses Parks ist ein so akribisch unserer Wirklichkeit nachempfundener Mikrokosmos wie eine Modeleisenbahnanlage.

Es wird gekidnappt, ja sogar getötet, jeweils ohne großes Aufheben, ja wie nebenbei, aber solche großen Dramen sind gar nicht die eigentlichen. Die spielen sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen ab, die man alle als verheert bezeichnen müsste – bis zum Schluss ganz im Hintergrund eine Begegnung zweier Akteure ins Bild gerückt wird, die einen Hoffnungsschimmer zulässt. Und auf dem hinteren Vorsatzpapier sieht man die beiden dann tatsächlich zu zweit allein in einem Ruderboot auf dem Teich im Park und denkt sich einmal mehr seinen Teil – wie man eben mitdenken muss bei Jul Gordon. Das kann übrigens vom kommenden Frühjahr an auch englischsprachiges Publikum, denn dann wird „The Park“ in einer dritten Sprache herauskommen. Was lange währt, wird hier zwar nicht besser, aber auch kein Jota schlechter.

18. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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11. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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Singe, wem Gesang gegeben, aber wie zeichnet man das?

Kurz mal auf ein anderes Feld: das der Literatur („normaler“, nicht der gezeichneten). In Jenny Erpenbecks neuem Roman, „Kairos“, den ich jedem empfehlen kann, der keine Angst vor seelischen Abgründen hat und sich nicht überfordert fühlt, wenn Figuren unerwartete Wandlungen bieten, geht es um die Wendezeit, konkret gesprochen: um Ost-Berlin in den Jahren 1986 bis 1992.  Ein nicht unerheblicher Teil der Handlung berührt das damalige Theaterleben, und da eine der beiden Hauptpersonen ein reiferer Herr ist, gibt es auch Reminiszenzen an Berliner Bühnengrößen der Nachkriegszeit. Brecht natürlich, aber auch Ernst Busch.

Den kennt in Ostdeutschland jeder, der noch die DDR erlebt hat, und in Westdeutschland fast keiner. Busch war ein kommunistischer Star schon zu Weimarer Zeiten, denn der im Januar 1900 geborene Kieler erlebte als Achtzehnjähriger in seiner Heimatstadt die Revolution und war fortan für deren Sache gewonnen. Da er eine gute Stimme hatte und offenkundig Charisma, landete er über Erwin Piscator als singender  Schauspieler in Berlin, wo er so etwas wie das Sprachrohr von Hanns Eisler wurde, des ebenfalls dezidiert linken Komponisten und Brecht-Kompagnons. Im „Dritten Reich“ bedeutete das für Busch Exil und internationalen Ruhm als Barrikadensänger, inklusive Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg. Leider erwischten ihn die Nazis später doch noch, aber er überlebte die Haft. Seine Freilassung bescherte ihm  eine triumphale Rückkehr und in der jungen DDR noch mehr Ruhm, nunmehr als Staatssänger. Zumindest sah es für Busch anfangs so aus.

Doch für einen nonkonformistischen Künstler wie ihn war bald kein Platz mehr in der kulturellen Planwirtschaft, zumal er auch noch ein eigenes, also privates Plattenlabel betrieb. Unternehmer hatten in der DDR ganz schlechte Karten, also sah sich Busch bald auf dem Abstellgleis, obwohl er weiterhin als Legende galt, dessen proletarische Lieder gerne gehört und gesungen wurden. Er starb 1980 und bekam so etwas wie ein Staatsbegräbnis. Und all das, von der Wiege bis zur Bahre, erzählt nun ein Comic namens „Ernst Busch – Der letzte Prolet“.

Moment, was ist denn nun mit Jenny Erpenbeck und ihrem „Kairos“? Darin unterhalten sich die beiden Hauptfiguren, der ältere Mann und eine junge Frau, über Ernst Busch. Und da ich beide Bücher, den Comic und den Roman, im Abstand von wenigen Wochen las, verblüffte mich, wie bewegend sie jeweils über die letzten Jahre von Busch erzählen: als der Mittsiebziger offiziell in seinem Haus in Berlin-Pankow wohnen soll, aber tatsächlich in der Psychiatrie sitzt, und wie zu seinem Tod noch einmal großes Brimborium um einen Mann gemacht wird, den das System verraten hat, für das er sein ganzes erwachsenes Leben lang gekämpft hat. Weder Erpenbeck noch Jochen Voit, der Verfasser des Comics, kannten Busch persönlich, aber man liest ihren Texten an, wie wichtig er für sie ist – als Symptom und auch als Mensch. Erpenbeck macht das in wenigen Sätzen klar, Voit widmet dem satte 230 Seiten.

Seine Szenario zum Comic hat Sophia Hirsch in Bilder gesetzt, eine noch wenig bekannte Zeichnerin, die gerade noch in der DDR geboren wurde (1987 in Ost-Berlin), aber später Aufnahmen von Buschs Liedern im Elternhaus kennenlernte. Voit dagegen ist Jahrgang 1972 und Westdeutscher, allerdings schon seit fast zehn Jahren Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, wo an die Verbrechen von National- und DDR-Sozialismus gleichermaßen erinnert wird, weil beide Diktaturen dasselbe Gebäude in der Andreasstraße als Gefängnis nutzten. Voit ist als Comic-Kenner und -Könner  einschlägig bekannt, seit er „Nieder mit Hitler“ für Hamed Eshrat geschrieben hat und im eigenen Haus Zeichner wie Simon Schwartz und Philip Janta beschäftigte, die Wand- und Ausstellungsbilder schufen, mit denen Voit auf eine neue jugendgerechte Form der Geschichtsvermittlung setzt.

 Neu wird man den Stil, in dem er nun über Busch erzählt und Sophia Hirsch zeichnet, nicht nennen. Der gerade bei Avant erschienene Band ist vielmehr geradezu klassisch in Struktur und Ästhetik, einen Eindruck davon gibt die ausgiebige Leseprobe: https://www.avant-verlag.de/comics/ernst-busch-der-letzte-prolet/.  In Rot und Braun (die Farben der politischen Extreme) gehalten sind die Rückblenden aus der Sicht des greisen Buschs, dessen letzte isolierte Lebensjahre dagegen in blassem Blau und Grün eingefärbt werden. Hirsch schafft keine opulenten Dekors, sie konzentriert sich auf die Figuren; am nächsten steht sie dabei stilistisch dem New Yorker Kollegen Ben Katchor, der in seinen hinreißenden Episodengeschichten um den jüdischen Fotografen Julius Knipl das Manhattan aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auferstehen lässt – allerdings mit deutlich größerem Aufwand an Hintergrundgestaltung. Die Figurenähnlichkeit jedoch ist schlagend.

Witz wie Katchor hat Sophia Hirsch auch. Wenn sie für ein fiktives Titelbild der amerikanischen Zeitschrift „Life“ das berühmteste Foto von Robert Capa zitiert (den sterbenden Spanienkämpfer, der auf unzähligen Antikriegsplakaten zusammen mit der anklagenden Frage „Why?“ abgedruckt worden ist), dann setzt sie Ernst Busch an die Stelle des Erschossenen, und dem fällt im Moment des tödlichen Treffers ein Banjo aus der Hand statt eines Gewehrs. Gleichzeitig spielt sie damit auf die Heroisierung an, die Busch nach dem Krieg zuteil wurde.

Dieser Comic ist keine Hagiographie, und doch ist er eine Hommage. Wie fast jeder Comic über musikalische Themen leidet er an der Schwierigkeit, Akustisches sichtbar zu machen. Auf einen gelungenen Versuch – etwa Zeina Abiracheds „Piano Oriental“ – kommt ein Dutzend missglückter. „Ernst Busch – Der letzte Prolet“ schlägt sich da sogar noch achtbar, vor allem deshalb, weil Sophia Hirsch die Gesangsauftritte nur streift, während die opulenten Erzählpassagen eher den zeitgeschichtlichen Ereignissen gelten. Und dem wechselhaften Privatleben des Sängers. Exemplarisch kann man sein Schicksal nicht nennen, dafür war dieser Busch zu wild. Man wird seinesgleichen kaum mehr sehen. Aber die Schlussseite zeigt ein am Ostseestrand brennendes kleines Feuer.  Es gibt noch Glut in der Geschichte von Ernst Busch, und derzeit lässt sie wieder Flammen lodern.

11. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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04. Okt. 2021
von andreasplatthaus

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Ein Vater, so explosiv wie Louis de Funès

Von welcher immens populären französischen Comiczeichnerin gibt es keine deutsche Buchausgabe? Von Florence Cestac. Den Namen haben Sie noch nie gehört? Ja, eben deswegen – kein deutsches Verlagsinteresse. Dabei wären Zeit und Ruhm genug gewesen. Die 1949 geborene Cestac gründete schon im Alter von Mitte zwanzig gemeinsam mit ihrem damaligen Lebenspartner Étienne Robial einen der wichtigsten Comic-Autorenverlage in Frankreich, die Édition Futuropolis. Unter den Autoren ihrer Verleger-Ägide, die bis 1987 währte, als der Gallimard-Buchkonzern das Juwel übernahm, waren Tardi, Bilal, Baudoin, Stanislas, Menu, aber auch übersetzte Klassiker-Ausgaben wie „Krazy Kat“, „Terry and the Pirates“ oder „Popeye“.

Das Erscheinen der letzteren Serie darf man im buchstäblichen Sinne bezeichnend nennen, denn Cestac ist eine Bewunderin des Stils von E.C. Segar. Sie gilt selbst als Meisterin der gros nez, der großen Nasen, also jenem klassischen Cartoon-Stil, für den „Popeye“ ein Musterbeispiel ist. Cestacs wunderbare Homepage https://cestac.com/cmoi.html zeigt, was sie daraus gemacht hat. Man könnte sie graphisch das deutsche Äquivalent zu Ralf König nennen, nur ist sie schon viel länger mit diesem Kunstgriff im Geschäft. Auch ihre ersten eigenen Alben mit Sammlungen der humoristischen Serie „Mickson“, die sie für diverse französische Comicmagazine – darunter die wichtigsten: „Écho de Savannes“, „Métal hurlant“, „(À suivre)“ – gezeichnet hatte, erschienen Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger bei Futuropolis.

Im Jahr 2000 erhielt Florence Cestac den Großen Preis von Angoulême, die renommierteste Comic-Auszeichnung der Welt, überhaupt erst als zweite Frau nach Claire Bretécher – und seitdem folgte ihr mit der japanischen Mangaka Rumiko Takahashi nur eine einzige weitere Preisträgerin nach. Darauf ist Cestac einerseits stolz und andererseits darüber empört. Denn Feminismus ist eines ihrer großen Themen. Und mit Marjane Satrapi, Zeina Abirached oder Catherine Meurisse stünden allein in Frankreich gleich drei große Künstlerinnen als würdige Nachfolgerinnen in Angoulême parat, die eines ganz sicher verbindet: die Bewunderung für Florence Cestac. Für deren Gnadenlosigkeit in Gesellschafts- und individuellen Porträts, die aber immer hochamüsant zu lesen sind.

Ihr schönstes Album war für mich lange Zeit „Je voudrais me suicider mais j’ai pas le temps“ (Ich würde mich gern umbringen, habe aber keine Zeit dafür), eine von ihr gezeichnete und von Jean Teulé geschriebene Comicbiographie des 2005 früh gestorbenen Kollegen Charlie Schlingo. Auch höchst lesenswert ist „La véritable histoire de Futuropolis“, erschienen 2007. Darin erzählte sie die eigene Verlagsgeschichte, und das ohne Bitterkeit gegen Robial, der sie (und den gemeinsamen Sohn) privat verlassen hatte, nachdem die gemeinsame Verantwortung für den Verlag hinfällig geworden war.

Seitdem wusste man, was für eine grandiose Autobiographin Cestac ist. Und nun, fast anderthalb Jahrzehnte nach der Futoropolis-Reminiszenz, hat sie einen weiteren solchen Band veröffentlicht: „Un Papa, une Maman – une famille formidable (la mienne)“ über die eigene Familiengeschichte. Die gerade mal zweiundfünfzigseitige Handlung ist jedoch auch ein Porträt der Boomzeit der „trente glorieuses“, jener drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, die in Frankreich als die beste Zeit des Landes seit der Belle Époque gilt. Mittendrin: Familie Cestac, er ein Ingenieur aus dem französischen Südwesten, sie eine Hausfrau aus der Normandie, dazu drei Nachkriegs-Kinder (Florence das mittlere). Und alles unter dem Motto „C’est moi le chef de famille et je m’occupe de tout“. Diesen Alleinherrschaftsanspruch erhebt Jacques Cestac schon im vierten Bild des Albums. Aufgeben wird er ihn erst auf dem Totenbett fünfzig Jahre später.

Auch die eigene Familie ist natürlich im unverkennbaren Cestac-Stil gehalten, wie die achtseitige Leseprobe des Verlags Dargaud zeigt (https://www.dargaud.com/bd-en-ligne/un-papa-une-maman-une-famille-formidable-la-mienne/10188/40d3ba7d1125659520c71a6460e446e3) – die Göre, als die Florence Cestac sich selbst darstellt, hätte gerade in ihren frühen Comics Glanzauftritte haben können. Mehr aber noch der cholerische Vater, ein patriarchalischer Despot, wie er im Buche steht – und nun auch im Comic. Es geht der Familie wirtschaftlich gut, aber für die beiden Töchter und vor allem die Mutter Camille gibt es keine Freiheiten. Im Bild der Cestacs spiegelt sich jene Epoche, die bei uns auf den Begriff „Adenauerzeit“ hört.

Wie sich Florence daraus befreit und was das für Konsequenzen für den häuslichen Frieden hat, ist das große Thema des Buchs. Man merkt, wie sehr die Zeichnerin, die in Interviews ihre eigene Jugend bislang immer als eine „glückliche und fröhliche“ beschrieben hatte, hier ein Trauma aufarbeitet: das des begabten, aber missachteten Kindes. Neben den Cestacs treten im Comic kaum einmal andere Menschen unter individuellen Namen auf; am auffälligsten ist das im Falle von Robial, der im Erzähltext nur mit jenen abfälligen Kategorien bezeichnet wird, die Florence’ Vater für ihn hat. Allerdings darf man darin wohl eher Spott über Jacques Cestac sehen als Rache an Étienne Robial.

Der Band ist ein Wunder an Witz und humoristischem Expressionismus. Vater Cestac steht ständig vor dem Überkochen: ein Typ wie Louis de Funès, dessen Kinofilme er seinen Kindern empfiehlt, ohne zu merken, wie sehr er sich damit selbst der Lächerlichkeit preisgibt. Und der Band ist auch ein Wunder an Mitleid mit Camille Cestac, die sich nie von ihrem tyrannischen Mann hat lösen können. Dass die Tochter für beide Eltern Liebe empfand, zeigt der Abschluss des Buchs. Der zeigt aber auch, dass sie dem Vater dessen Verhalten nicht verziehen hat.

Florence Cestac ist jetzt zweiundsiebzig. Höchste Zeit für eine erste deutsche Publikation. Wenn es nicht „Ein Papa, eine Mama – eine vorbildliche Familie (die meine)“ wird, auf was wollen deutschen Verlage dann eigentlich noch warten?

 

 

04. Okt. 2021
von andreasplatthaus

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27. Sep. 2021
von andreasplatthaus

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Rückansichten und Landschaftsansichten

Lange Zeit war ich nicht mehr jenseits der deutschen Grenzen gewesen. Das schränkte die Möglichkeiten ein, sich über neue französische Comics zu informieren. Nicht, dass es schwierig gewesen wäre, sich bei den großen Verlagen auf dem Laufenden zu halten, und die Instagram-Kompetenz meiner Frau tut bisweilen Wunder, weil dort die Eigen- und Fremdempfehlungen uns beiden sehr lieber Autoren zu finden sind. Aber wie steht es um Menschen, die wir noch nicht kennen, die allgemein noch zu unbekannt sind, um breitere Beachtung zu finden. Für so etwas sind das Durchstöbern und die Empfehlungen französischer Comic-Buchläden unerlässlich.

Nun waren wir nach mehr als zwei Jahren endlich wieder einmal in Straßburg. Kaum zwei Stunden weg von Frankfurt, aber in Corona-Zeiten eine Welt entfernt. Dort besuchen wir üblicherweise zwei Geschäfte: die Comicbuchhandlung “Bildergarte” nahe der Place Gutenberg und das große Buchkaufhaus Kléber am gleichnamigen Platz. Diesmal aber verschlug es uns zu “Ca va buller”, einem weiteren Fachhandel in der Altstadt, und dort nahm sich das Personal auf rührende Weise der deutschen Touristen an. Kaum fächerte ich eine Schachtel mit Klein- oder Privatveröffentlichungen durch, wurde ich eingedeckt mit einer Fülle weiterer Hinweise. Der schönste davon galt Seunghee Choi.

Am Namen merkt man unschwer, dass es sich um eine koreanischen Zeichnerin handelt; seit kurzer Zeit, so wusste der Verkäufer, lebe die junge Frau in Straßburg, und die erste Publikation habe man vorrätig: Sprach’s und holte ein in Plastikhülle verpacktes Querformat aus einem unübersichtlichen Stapel heraus. Zweisprachig koreanisch-französisch, sein Titel auf derjenigen der beiden Sprachen, die ich beherrsche: „Quand le vent se lève“ – wenn der Wind sich regt. Das Titelbild zeigt den Kopf einer Frau.

Aber da fängt es an, kompliziert zu werden Koreaner lesen ein Buch in den westliche Gewohnheiten entgegengesetzter Richtung. So ist auf der uns als Rückseite erscheinenden Fläche eine Frontalansicht zu sehen, während die uns als Vorderseite vorkommende Abbildung nur den Hinterkopf zeigt. Trotzdem steht der Titel des Buchs im Inneren nach dieser letzteren Abbildung – und zwar sowohl aus Französisch wie auf Koreanisch, während in östlicher Leserichtung auf den Kopf nur eine Art Impressum folgt. Einen Verlagsnamen gibt es gar nicht, also handelt es sich wohl um eine Privatpublikation, und dass ein Preis für das Buch zu ermitteln war (zwanzig Euro), verdankt sich nur der sehr guten Buchführung von “Ca va buller”, die beim Eingang des bereits 2020 gedruckten Exemplars die entsprechende Angabe auswies. Das Suchen danach dauerte nicht einmal lange.

Was ist das für ein Buch? Kein Comic, um das vorauszuschicken. Am ehesten wohl ein Bilderbuch. Aber eines mit einem höchst ungewöhnlichen Thema, das dann doch wieder dank Sequenzialität (dem zentralen Merkmal von Comics) seien besondere Form findet: Auf Doppelseiten werden jeweils gegenübergestellt variierte Rückansichten des Frauenkopfs vom Titel (links) und in der Manier japanischer Farbholzschnitte gehaltene Ansichten von Landschaftsszenerien. Was beide Motive verbindet, ist die jeweilige Scheitelung oder bisweilen auch Verwüstung (wohl durch den titelgebenden Wind) der Frisur und des Geschehens auf den Landschaftsbildern. So wird etwa das offen und glatt getragene lange schwarze Haar der Frau parallel geführt mit einem verschneiten Birkenwald, in dem die dicht stehenden Stämme dieselbe Vertikalität wie das herabfallende Haar haben. Oder eine wild verwehte Frisur findet ihr Pendant in einem wogenden Schilffeld.

Neun solcher Gegenüberstellungen gibt es, den Rest der 38 Seiten des broschierten Buchs füllen weitgehend leere Seiten, auf denen jeweils nur in Französisch und Koreanisch kurze Sätze notiert sind à la „Was versteckt sich hinter diesem Vorhang?“ (zu der Kombination aus Hinterkopf und Birkenwald). Ich würde das Prinzip gerne an einem Beispiel vorführen, aber mehr als die Instagram-Seite von Seunghee Choi gibt es nicht (https://www.instagram.com/chou_sunny_/?hl=de), und dort ist sehr viel anderes eingestellt. Erschwerend kommt hinzu, dass eine berühmte koreanische Tänzerin des frühen zwanzigsten Jahrhunderts denselben Namen trägt wie die in Straßburg lebende Zeichnerin.

Mittlerweile weiß ich immerhin, dass man deren Band bei der französischen Comic-Handelsplattform bd.net bestellen kann, aber Bildbeispiele bietet das Netz tatsächlich gar keine außer dem Cover (in koreanischer Lesart) und einem etwas mehr als einminütigen Video mit dem Titel „Quand le vent se lève“, das bei denkbar schlichter Animation auch nur wieder das Frauenantlitz zeigt, also nichts vom eigentlichen Reiz des Bandes (https://www.youtube.com/watch?v=GeGsW2vQnsM).

Somit muss ich aufs Vertrauen des Publikums in meine Urteilskraft setzen, um den Band anzupreisen. Die Zeichnungen sind meisterhaft, die Grundidee so simpel und dabei überraschend, wie man es sich nur wünschen kann. „Quand le vent se lève“ als Ganzes ist ebenso originell wie poetisch, und ich wäre verblüfft, wenn man von dieser Zeichnerin nicht noch mehr hören würde. Und vor allem sehen.

27. Sep. 2021
von andreasplatthaus

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