Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

29. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Weißer Mann ist nicht gleich weiser Mann

Einen rätselhafteren Buchtitel habe ich lange nicht mehr gesehen: „Toubab im Senegal“. Den Senegal kenne ich, zwar nicht aus eigener Anschauung, aber als westafrikanischen Staat. Aber „Toubab“? Die Frage klärt sich jedoch rasch, schon im Vorwort des senegalesischen Schriftstellers Louis Camara: Der Begriff bezeichnet auf Wolof (der im Senegal meistverwendeten Sprache) einen Weißen. Ursprünglich wurde damit ein Weiser bezeichnet, und die europäischen Kolonisatoren kamen den Einwohnern des Senegal anfangs so klug vor, dass das Wort auf sie übertragen wurde. Aber die Erfahrungen waren dann derart, dass man ihn heute eher spöttisch gebraucht, wenn er Weißen und nicht Weisen gilt. Und so wurde er auch auf Patrick Bonato angewendet.

Der 1983 geborene Schweizer Zeichner hielt sich über den Jahreswechsel 2016/17 drei Monate im Senegal auf, in der Waaw-Künstlerresidenz von Saint-Louis, der ehedem bedeutendsten Stadt des Landes. Heute darf Dakar Anspruch auf diese Bezeichnung erheben, aber in Dakar hatte sich Bonato auf Anraten seiner Gastgeber erst einmal nicht umgeschaut – das Risiko eines Kulturschocks sei zu groß. Wie man dem Comic „Toubab im Senegal“, der von den Erfahrungen des Zeichners während seines Aufenthalts erzählt, entnehmen kann, war diese Warnung nur zu berechtigt. Nicht, weil Dakar dann doch noch eine Rolle spielte, sondern weil schon das offenbar beschauliche Saint-Louis dem Besucher genug Anlass zur Befremdung bot.

Nun könnte der Eindruck entstehen, Patrick Bonato hätte sich in typisch europäischer Ignoranz dem Leben seines Gastlandes verweigert, aber er ließ sich vielmehr intensiv darauf ein. Soweit das sein verschüttetes Französisch aus Schweizer Schulzeiten zuließ (Französisch ist – kolonial bedingt – die Verkehrssprache im multiethnischen Senegal), und dessen Niveau führt Bonato im Comic recht drastisch vor Augen, indem er sein Alter Ego ein ziemliches Kauderwelsch ohne größere Rücksichten auf Syntax und Semantik sprechen lässt. Der Weiße im Senegal tritt hier tatsächlich konsequent als törichter Toubab auf. Der sonst oft arrogante westliche Blick auf afrikanisches Leben wird umgedreht: Patrick Bonato fühlt sich hilflos unterlegen.

Dass es so lange gedauert hat, bis aus den Erlebnissen der Künstlerresidenzzeit dieser Comic reifte, hat seinen Grund sicher nicht im Unwohlsein seines Autors über das Geschilderte. Vielmehr macht die Selbstironie des Porträts dieses chweinchenrosa porträtierten linkischen Brillenträgers (der äußerlich nicht allzu viel mit dem realen Bonato zu tun hat, aber eben mit ihm Name und Erfahrungen teilt) großen Spaß. Und da es keine falschen Rücksichtnahmen bei der Schilderung der Verhaltensweisen mancher senegalesischen Bekanntschaften gibt, treffen hier scheinbare Klischeevorstellungen aufeinander, die sich bei der Lektüre jedoch als geradezu hinterhältig reflektiert erweisen. Denn vordergründig hat Patrick Bonato einen Zeichenstil gewählt, der bewusst an Hergés „Tim und Struppi“ angelehnt ist, also einem mittlerweile ständig als kolonialistisch verfemten Comic-Klassiker. So sieht das dann in der Leseprobe des Luftschacht Verlags aus: https://www.luftschacht.com/produkt/patrick-bonato-toubab-im-senegal/. Oder noch etwas reichhaltiger, aber in arg schnellem Bildwechsel präsentiert, auf der Homepage des Zeichners: http://home.patrickbonato.com/Toubab-im-Senegal.

Überhaupt ist „Toubab im Senegal“ als ganz klassisch inspirierter Comic aufgemacht: großes Albenformat und Seitenarchitekturen, die sich an der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts orientieren – ein modernes Vorbild für diese Übernahmen mag der belgische Zeichner Olivier Schrauwen gewesen sein, wofür auch die blass angelegten Farben bei Bonato sprechen. Es gibt aber in „Toubab im Senegal“ auch unglaublich einfallsreiche Brüche mit der Tradition, so etwa die bisweilen eingeschobenen doppelseitigen Einzelzeichnungen oder eine weitere Doppelseite, auf der sich nebeneinander vierzig Köpfe finden, um die Verwirrung zu verdeutlichen, die der Patrick des Buchs bei einer Einladung zu einer senegalesischen Familienfeier mit zahlreichen Teilnehmern empfindet.

Reiseschilderungen der Art, wie Bonato sie hier gezeichnet hat, sind nichts Neues. Seit die Künstler des französischen Verlags „L’Association“ vor fast einem Vierteljahrhundert nach Ägypten gereist waren und aus ihren Beobachtungen einen sowohl grandios komischen als auch höchst informativen Sammelband („L’Association en Égypte“, erschienen 1998) gemacht hatten, kann man geradezu von einem Boom der Reisereportagecomics sprechen. Wunderbare Vertreter dieses Genres sind etwa Olivier Kugler, Sebastian Lörscher oder Jens Harder, um nur ein paar deutsche Vertreter zu nennen.  Man sieht aber auch gleich: Frauen machen sich rar auf diesem Feld. Die Amerikanerin Sarah Glidden wäre als markante Ausnahme zu nennen. Doch ihr fehlt die Komik, die Patrick Bonatos Band auszeichnet (oder auch die Arbeiten von Lörscher).

Und die braucht es, um mit wechselseitigen kulturellen Missverständnissen so umzugehen, dass weder Beifall von der falschen Seite droht noch Verdammung durch diejenige, die sich für die richtige hält. Luftschacht ist mit seinem kleinen, aber feinen Comic-Programmsegment der geeignete Ort für eine solche Geschichte. In einem Großverlag könnte man so etwas wohl kaum mehr unterbringen. Was für ein Jammer! Denn wir brauchen solche Bücher derzeit mehr denn je. Gar nicht aus (identitäts)politischen Gründen, sondern weil über die Neugier auf Einblicke in den Senegal hinaus beim Lesen auch unvermeidlich Wehmut darüber eintritt, dass man selbst bei dem nötigen Wagemut zu einer solchen Reise derzeit gar nicht ins Land käme. Der Senegal hat pandemiebedingt seine Grenzen geschlossen. Schlimm für die dortige Ökonomie, aber weise. „Toubab“ könnte somit nun auch ganz unironisch auf die eigenen Leute angewendet werden.

 

P.S.: Einen Tag nach Lektüre von „Toubab im Senegal“ lese ich endlich den Auftaktband zu einer neuen Comicserie von Riad Sattouf, „Le jeune acteur“. Dazu später einmal an dieser Stelle mehr. Aber was mir da begegnet, ist im Jargon französischer Jugendlicher das Wort „Babtou“ für einen Weißen. Wie in Frankreich üblich, hat man dafür die Silben von Toubab vertauscht (so wie aus „Beure“ für einen Nordafrikaner im Jugendjargon dann „Rabeu“ geworden ist). Ohne Bonatos Band hätte ich das nicht verstanden. Comics, aus denen man für andere Comics lernt – was will man mehr?

29. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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24. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Faschisten schlagen, wo es geht? Wie geht das?

Dass sein jüngster Comicband “Save It for Later” keine zwei Monate nach der amerikanischen Publikation schon auf Deutsch erscheint, ist Nate Powell eine eigene Bemerkung auf seiner Homepage https://www.seemybrotherdance.org/ wert. Aber nicht des Tempos wegen, das der Carlsen Verlag und der Übersetzer Christian Langhagen hier vorlegten (was der Lösung von englischem Satzbau in der deutschen Version nicht gut bekommen ist), sondern weil Powell es bemerkenswert findet, dass ein Comic, der sich mit den Gefahren von wiederauflebendem Faschismus und bedrohter Demokratie in den Vereinigten Staaten befasst, nun ausgerechnet auch in Deutschland herauskommt, das nolens volens immer noch die historische Blaupause für diese Entwicklungen abgibt. „Both an extreme honor and nervewrecking“ nennt Powell diese Erfahrung.

Was die Nervenanspannung betrifft, weiß Powell, wovon er spricht. Der ganze Band dokumentiert eine einzige Nervenprobe für seinen Zeichner. Als Donald Trump 2016 gewählt wurde, war der 1978 geborene Powell gerade zum zweiten Mal Vater geworden. Seiner ersten, auch noch im Vorschulalter befindlichen Tochter musste er vor deren Zubettgehen am Wahltag versichern, dass „der Böse“ schon nicht gewinnen werde; wenn sie aufwache, werde zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte eine Frau ins höchste Staatsamt gewählt sein. Es kam bekanntlich anders, und von dem Schock darüber hat Powell sich erkennbar über mehrere Jahre hinweg nur langsam erholt.

Darüber erzählt er schonungslos. Und vom mühsamen Weg zurück ins normale Leben – zumindest das des Autors, denn sein Comic wurde abgeschlossen, als Trump noch immer Präsident war. „Save It for Later“ ist ein aktivistisches Manifest, mit allen Einseitigkeiten, die eine solche literarische Form verlangt: Schwarzweißmalerei (obwohl die einzelnen Kapitel jeweils einzelne Zusatzfarben aufweisen), Pathos (Leitbilder durchs Geschehen sind handgefertigte Protestschilder der Familie Powell, mit der sie auf den Straßen entlangmarschieren, um gegen die Politik der Trump-Regierung zu demonstrieren) und Dramatisierung (zwischen Demokratie oder Faschismus steht da gar nichts zur Wahl; wenn ein Trump-Befürworter auf dem Markt der Universitätsstadt Bloomington, Indiana, wo Powell lebt, Gemüse verkauft, ist der „ein Nazi“. Da muss man durch, zumal als Deutscher, der sich mit solchen historischen Vergleichen schwertut, weil es in den Vereinigten Staaten erfreulicherweise denn doch noch einmal anders gekommen ist als ehedem im „Dritten Reich“.

Aber was „Save It for Later“ zugleich auch leistet, ist eine Anleitung für Zivilcourage, die sich nicht auf die bequeme Position zurückzieht, es würde schon nicht so schlimm kommen, wie vielerorts behauptet. Powell kann am Beispiel seiner eigenen Familie erzählen, wie der Wahlsieg Trumps ins Privatleben einbrach: wie einige Nachbarn plötzlich ihrem Rassismus freien Lauf ließen, wie martialische Symbole aus der Popkultur (das Totenkopflogo der Marvel-Comicfigur Punisher) verbunden wurden mit martialischen Symbolen – und Verhaltensweisen – aus dem Erbe des Ku-Klux-Klans, wie sich die Staatsgewalt darum drückte, Demonstranten vor tätlichen Übergriffen durch trumptreue Milizen zu schützen. Und wie weiterhin am meisten die schwarzen Bewohner der Vereinigten Staaten schikaniert wurden. Und werden. Dies ist auch ein Comic zur Black-Lives-Matter-Bewegung.

Powell selbst ist weiß, aber als Comic-Biograph der 2020 gestorbenen Bürgerrechtslegende John Lewis hat er beste Kontakte zur schwarzen Community. Seine Trilogie „March“, benannt nach dem berühmten Protestzug von Selma nach Montgomery im Jahr 1965, den der damals fünfundzwanzigjährige Lewis mitorganisiert hatte, erschien von 2013 bis 2016, war also gerade abgeschlossen, als Trump triumphierte. Zudem ist Powell selbst in den Südstaaten aufgewachsen und registrierte deshalb sofort den Umschwung der Stimmung in seinem aktuellen Heimatstaat hin zu einem allgemein als überwunden geglaubten Alltagsrassismus. In der zweiten Hälfte der Amtszeit Trumps begann er wieder aktiv Widerstand zu leisten.

Die Beschreibung der eigenen Gefühle als einsamer Protestler mitten im Verkehr seines Wohnorts Bloomington sind von beklemmender Direktheit, wie man sie sonst nur von den Comics kennt, die Howard Cruise und Robert Crumb über ihre – jeweils ganz unterschiedlichen – Formen des Aktivismus gezeichnet haben.Auf der eingangs angegebenen Website des Zeichners kann man sich das gut ansehen. Powell reiht sich also in eine große Traditionsreihe politischer Comics in den Vereinigten Staaten ein, doch das betont er gar nicht. Vielmehr beschwört er die Notwendigkeit, die nächste Generation zu mündigen und das heißt für ihn: kampfbereiten Demokraten zu erziehen. Er plädiert etwa gegen die singuläre Verherrlichung von Martin Luther King oder Rosa Parks, weil damit die vielen, die diesen beiden zur Seite standen, ausgeblendet würden. Seine eigene John-Lewis-Biographie hatte daraus noch gar nicht alle Konsequenzen gezogen, doch im neuen Band plädiert Powell kompromisslos dafür, dass gerade Kinder herangeführt werden an die entscheidenden Fragen der künftigen Politik. Und die liegen für ihn weniger in Klimafragen als in der Wiederkehr des Faschismus.

Gegen diese Entwicklung ist ihm auch Gewalt recht, denn wer sich auf das Argument, man könnte die Feinde der Demokratie nicht mit deren Waffen bekämpfen, einlasse, habe schon verloren. Meinungsfreiheit für diese Unmenschen? Nein! Und natürlich heißt es zurück-, womöglich auch vorausschlagen, wenn man den Gegner ausgemacht hat. Nur woran man ihn sicher in all seiner Schlechtigkeit erkennt, dass verschweigt Powell. In „Save It for Later“ sind die Nazis und/oder Trumpisten so gezeichnet, dass man sie sofort als Böse identifiziert. Zwischentöne haben hier keinen Platz.

Das passt aber durchaus zur aktuellen Situation in Amerika, wo die gesellschaftlichen Gräben immer tiefer werden. Und man muss fürchten, dass es auch bald zu uns passen wird. Davor indes warnt Powell nicht; für ihn ist der Kampf zwar nicht schon verloren, aber doch unvermeidlich; mit Dialog ist in seinem Weltbild kein Staat mehr zu machen. Das ist eine Position, die wir kürzlich hierzulande bei der Diskussion um einen Aussteller auf der Frankfurter Buchmesse kennenlernen konnten, der dem rechten Spektrum zugerechnet wird. Insofern ist „Save It for Later“ auch hochinteressantes Anschauungsmaterial für eine kompromisslose Ausgrenzungspolitik. Mag sein, dass sie in verzweifelten Situationen das letzte denkbare Mittel ist. Aber sind wir schon in dieser Situation?

Wie gesagt, der Band wurde abgeschlossen, als Trump noch regierte und Corona in den Vereinigten Staaten wütete – mit Hunderttausenden von Toten. Nicht, dass diese Probleme heute obsolet wären, aber es sieht etwas besser aus. Den einzelnen Kapiteln von „Save It for Later“ kann man anhand der Abschlusssignaturen auch ablesen, wann sie jeweils entstanden sind: Das Arrangement im Buch richtet sich  chronologisch nicht danach, also sind einzelne Passagen auch nicht auf der Grundlage von zuvor schon im Band behandelten Phänomenen entstanden, sondern früher. Auch das ist interessant zu rekonstruieren; es zeigt sich, dass Powell sich erst einmal deradikalisierte, bevor er sich doch wieder fürs Kämpferische entscheid. Dieser Comic ist ein Lackmustext – nicht einmal auf die eigene Gesinnung als vielmehr auf die Bereitschaft, sich mit Haut und Haaren und der ganzen Familie einem politischen Ideal zu verschreiben. Die Ausschließlichkeit dabei ist reziprok zu der der Gegenseite. Die Ambivalenz, die Powells Comic bestreitet, löst er selbst zuverlässig aus. Auch keine kleine Leistung. Auf jeden Fall eine aufklärerische, wenn auch teilweise wohl ungewollt.

24. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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15. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Auch dort, wo es gut riecht, kann Anrüchiges geschehen sein

Bianca Schaalburg ist eine späte Comic-Debütantin. Aber was für eine! Ihre noch in Arbeit befindliche Geschichte „Der Duft der Kiefern“ überzeugte die Jury des Leibinger-Comicbuchpreises und brachte ihr somit einen Platz unter den zehn diesjährigen Finalisten ein. Und kaum ein halbes Jahr später ist der Band auch schon fertig und erschienen, beim Avant Verlag aus Berlin, wo man gemeinhin eine gute Nase für starke Stoffe hat. Das gilt auch diesmal.

Der Titel mag zunächst in die Irre führen: Es geht nicht um Nature Drawing, wie man das Comic-Äquivalent zum Nature Writing wohl nennen müsste, sondern um Familiengeschichte im Allgemeinen und die Schoa im Speziellen.  Der Duft der Kiefern  bezeichnet eine der vielen persönlichen Erfahrungen der Erzählerin, die die gezeichnete Handlung durchziehen. Da gibt es etwa auch zahlreiche Vögel, die in die Hintergründe der Bilder eingearbeitet werden, Pflanzen, Häuser – eine ganze kleine Welt aus Berlin-Zehlendorf. Dort wuchs Bianca Schaallburg, geboren 1968, auf, in der Siedlung Onkel Toms Hütte, doch wer jetzt eine Erzählung zur Dekolonialisierung von Straßennamen erwartete, läge abermals falsch. Es geht als Auslöser darum, dass die Familie Schott, der Bianca Schaalburg entstammt, in einem Haus wohnte, das bis 1936 drei Juden beherbergte (zwei Frauen und einen Mann), die alle in der Schoa starben, während ihre Wohnung an das damals nazitreue Ehepaar Schott mit seinen bald vier Kindern überging.

Zweifellos kein schöner Stoff für die nachvollziehbarerweise lange ahnungslose Enkelin Bianca Schaalburg, aber ein hochinteressanter, und weil sie sich wiederum der Mitarbeit ihres eigenen Sohnes an der Recherche versicherte, wurde daraus so etwas wie eine familiäre Wiedergutmachung an den Vorbewohnern. Wobei der Schwerpunkt des zweihundertseitigen Bandes klar auf der Familiengeschichte selbst liegt – wenn auch der Exkurs zu den drei Ermordeten das eindrucksvollste Kapitel darstellt, bisweilen grandios als das inszeniert, was diese Recherche gewesen sein muss: ein Puzzle. Wie Bianca Schaalburg ihren Gegenstand zur graphischen Form bringt, das ist angesichts von fehlender Comicerfahrung dieser Zeichnerin geradezu unglaublich. Man sehe sich nur mal die sieben Seiten der Leseprobe an: https://www.avant-verlag.de/comics/der-duft-der-kiefern/. Und damit ist die Vielfalt der Seitenarchitekturen nur angedeutet.

Mit Ulli Lust, deren graphischen Einfluss man den Figuren und den Farben ansieht, stand allerdings auch eine große Mentorin mit Rat bei, und auch der Comic-Tausendsassa Kai Pfeiffer hatte seine Finger mit im Spiel. Hier kam einiges zusammen, was sich aufs Schönste ergänzte, doch das Beste daran ist denn doch das Höchstpersönliche dieser Geschichte: die Selbstauskünfte Bianca Schaalburgs, die eine in jeder Hinsicht sensible Frau zeigen, die in der Aufarbeitung ihrer eigenen Herkunft eine Verpflichtung sieht.

Ergänzt wird die eigentliche Comic-Handlung durch einen Anhang mit Fakten, Übersichten und Erläuterungen zu dem, was man zuvor gelesen hat, und so mühsam ich gemeinhin die Lektüre solcher Addenda finde, so wichtig ist dieses konkrete fürs noch vertiefte Verständnis der Geschichte. Beider Geschichten: der konkreten von Bianca Schaalburg und der allgemeinen Zeitgeschichte. So lange man so akribische Sorgfalt im Erforschen und Rekonstruieren der Vergangenheit walten lässt, muss uns als Lesern nicht bange vor dem Zeitpunkt sein, wo die letzten Zeitzeugen gestorben sein werden.

Und zum Schluss seien die Namen jener drei genannt, die gar nicht mehr Zeugnis ablegen konnten, weil sie 1942 in den Lagern der Nazis starben: Clara Hipp, Margarete Silbermann und Carl Loewensohn. Stolpersteine gab es für sie schon am Haus, das sie bewohnt hatten. Nun gibt es eine ganze Geschichte, die im ihnen angetanen Unrecht ihr Zentrum hat

15. Nov. 2021
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09. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Zeichnenlernen lustig gemacht

In meinen (donaldistischen) Kreisen pflegt man bei überzeugenden – manchmal auch weniger überzeugenden – Argumenten zu sagen: „Peng, du bist hypnotisiert!“ Danach ist alles möglich, auch das zuvor für unmöglich Gehaltene, sofern man eine medial veranlagte Person ist, aber wer könnte denn medialer veranlagt sein als ein Medienmensch? So kann ich nun feststellen: Peng hat mich hypnotisiert.

Wer ist Peng? Ein österreichischer Cartoonist, der seinen wahren Namen zu hüten weiß, obwohl er schon seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Der wahre Name ist aber erfreulicherweise so gewöhnlich, dass es wohl etliche hundert andere gleichnamige Kandidaten gäbe, wenn jemand, der sich durch Peng verspottet fühlte, auf Rachefeldzug ausginge. Also geht sich ein solcher Plan nicht aus, wie die Österreicher es formulieren. Obwohl Peng durchaus bösartig sein kann: Wie seine Arbeiten aussehen, kann man sich auf seiner Homepage ansehen, unter http://www.peng-cartoons.com/peng_aktuell.html.

Das Buch, um das es hier geht, ist aber alles andere als bösartig. Es ist geradezu liebevoll, denn es geht um Pengs große Leidenschaft: das Zeichnen. Und die Vermittlung dieser Kunst. Den Buchtitel kann ich typographisch in diesem Blog nicht erzeugen, also schaue man sich die Homepage des Verlags DuMont an: https://www.dumont-buchverlag.de/buch/peng-ich-kann-zeichnen-9783832199982/, und dann hat man auch sofort eine aussagekräftige Leseprobe. Peng richtet sich mit seinem Werk an Leute wie mich, die nicht zeichnen können.

Nein, kann ich wirklich nicht. Womöglich schreibe ich deshalb so gerne über Zeichner; es gibt ja auch Millionen Deutsche, die sich ständig wie Fußballbundestrainer gerieren. Peng verheißt aber nun, dass er Leuten wie mir das Zeichnen beibringen könne, und so ist sein „Ich kann (nicht) zeichnen“ (so geht’s dann doch ohne typographische Kniffe) streng didaktisch aufgebaut und führt mich vom Strichmännchen zu Hund und Katz („perfekt für Glückwunschkarten oder Poster´“). Was soll ich sagen: Ich habe die Lektionen der 160 großformatigen Buchseiten gelernt und kann noch immer nicht zeichnen, wenn’s nach meinen Maßstäben geht. Jedoch besser als zuvor. Wozu nicht viel gehörte.

Peng bietet aber viel. Vor allem schaut man sich seine Übungen gerne an, denn wie er da wirklich aus nur ein paar Strichen lebendige Figuren entstehen lässt, das ist lustig und in manchen Kommentaren zu den eigenen Vorlieben auch geistreich. Der Mann kann auch schreiben. Manche seiner Kreaturen sind überdies sehr hübsch anzusehen, vor allem seine Vögel, Katzen und Hunde – auf die verwendet er deutlich mehr Sympathie und Sorgfalt als auf die Menschen, aber wir sind ja auch eine (moralisch) hässliche Spezies. Nach Detailerläuterungen („coole Köpfe“, „flotte Frisuren“ – Peng hat einen manchmal unseligen Hang zu Alliterationen, aber womöglich hat auch er zu viel Erika Fuchs gelesen) kommen dann allgemeinpraktische Tips zum Ausmalen, Kolorieren, ja selbst zum abstrakten Zeichnen. Das fiel mir übrigens schwerer als das konkrete. Meine Spiralen sehen nicht halb so überzeugend aus wie die von Peng.

Trotzdem fühle ich mich tatsächlich ein bisschen hypnotisiert durch dieses Buch, als hätte es aus mir plötzlich einen wagemutigeren Menschen gemacht. Wie gesagt, keinen guten Zeichner, aber vielleicht einen freieren? Wobei ich schon gerne auf diesem Feld etwas Größeres wäre (wie wir Donaldisten zu sagen pflegen).

09. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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01. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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Worte sagen hier mehr als tausend Bilder

Die in Zürich residierende Edition Moderne, Mutter aller deutschsprachigen Autorencomic-Verlage, hat ein für sie ungewöhnliches neues Format eingeführt: jenes, das man gemeinhin Graphic-Novel-Format nennt, etwa 16 x 24 Zentimeter. Bislang war das klassische Album die Domäne der Edition Moderne, selten auch einmal ein kleineres Format wie bei der legendären deutschen Erstausgabe von Barus „Autoroute du soleil“, aber das modische amerikanische Zwischending von Album und Taschenbuch wurde schon deshalb hier nicht Standard, weil man schon Graphic Novels machte, als der Begriff noch gar nicht am Markt eingeführt war. Und vor allem als das, was darunter lief, noch nicht normiert war. Ausnahmen betrafen zwar gerade die erfolgreichsten Comics der Edition Moderne: Marjane Satrapis „Persepolis“ und „David B.s „Die heilige Krankheit“, aber genau deshalb scheute man sich, daraus eine Masche zu machen.

Aber heute erwarten die Buchhändler offenbar bei Graphic Novels dieses bestimmte Format, und die Zeichner berücksichtigen das in ihrer Arbeit, und so sind die beiden nun erschienenen neuesten Edition-Moderne-Bände, „Die Experten für alles“ von Anouk Ricard und „Schattenmutter“ von Stefan Heller, eben so geraten, wie’s der Markt liebt. Übrigens nicht nur äußerlich, sondern auch inhaltlich.

Ricards aus dem Französischen übersetzte Funny-Animal-Geschichte um einen Hund und eine Ente, die sich aller Fragen gegenwärtiger menschlicher Befindlichkeit annehmen, ist ein auf Albernheit setzender Fortsetzungscomic, der in kurzen Episoden in bewusst kindlich anmutender Graphik und bewusst erwachsen anmutendem Text jedem Liebhaber von Fernseh-Comedy gefallen wird. Mir also nicht. Deshalb kein weiteres Wort dazu, denn über Humor lässt sich schlecht richten.

„Schattenmutter“ ist ein anderer Fall. Kein Hauch von Komik, alles Tragik, denn der 1972 geborene Schweizer Stefan Heller erzählt von der psychischen Krankheit seiner Mutter – ausgehend von deren in den achtziger Jahren mit akribischer Genauigkeit geführten Aufzeichnungen, in denen mehr noch als auf ihre aktuellen Befindlichkeiten die Ursachen dafür aus ferner Vergangenheit ergründet werden sollten. Der Titel „Schattenmutter“ stellt vor allem darauf ab, dass der Schatten ihrer Krankheit über der Kindheit von Stefan Haller lag, aber auch darauf, dass sie natürlich nur ein Schatten ihrer selbst sein konnte. Der Umschlag zeigt auf der Vorderseite einen weißen Schattenriss der Mutter, auf der Rückseite einen ebensolchen ihres Sohnes. Ansehen kann man sich das zusammen mit einigen Seiten unter https://www.editionmoderne.ch/buch/schattenmutter/.

Auch die mehr als 160 Seiten im Inneren sind schwarzweiß gehalten, mit Ausnahme gelegentlicher als Text einmontierter Erzählerkommentare und gestürzter Fußnoten (schwer lesbar, wenn sie im Falz zu stehen kommen) zu medizinischen Fachtermini oder Medikamentennamen. Die Leidensgeschichte der Mutter selbst wird aus den erwähnten Aufzeichnungen und nach ihrem Tod entstandenen Gesprächen des Sohnes mit dem Vater und den Geschwistern der Mutter rekonstruiert – und als nahezu hoffnungslose Situation präsentiert. Aber das mag anderen betroffenen Lebenshilfe bieten.

Ungeachtet der durchaus literarischen Qualität der mütterlichen Texte, ist „Schattenmutter“ viel eher Sachcomic als Graphic Novel. Auch das entspricht einem derzeit wohlfeilen Trend, der persönliches Erleben stärker in den Mittelpunkt stellt als Fiktion oder auch Reportage. Stefan Hallers Band ist auch Selbsttherapie, aber dann muss man ihn vergleichen mit einem Meilenstein wie dem bereits erwähnten „Die heilige Krankheit“ von David B., und dann bleibt als einziges Gemeinsames das Format der deutschsprachigen Publikation (im französischen Original waren es sechs Alben) und leider sonst kaum ein guter Satz zu sagen übrig. Erschütternd ist „Schattenmutter“, aber nicht beeindruckend als Comic. Diese Geschichte wäre besser bloß in Worten erzählt worden – auch weil die der Mutter so viel stärker sind als die Bilder des Sohnes.

Hinzu kommt ein unglückliches Detail: Stefan Haller wählt als eine Erkennungszeichen einen schwarzweißen Ringelpullover. Das ist ein probates Mittel für eine Zeichner, der nicht individuelle Figurendarstellung z seinen größten Stärken zählen kann, aber der Ringelpullover ist in der Comichistoriographie dermaßen verbunden mit dem französischen Zeichner Jean Christophe Menu, dass es wie ein Plagiat wirkt. Pech! Auch für die sonst so stilsicher Edition Moderne. Aber womöglich verkauft sich so etwas ja tatsächlich gut

01. Nov. 2021
von andreasplatthaus
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18. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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Schöner schweigen

Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande. Die Prophetin auch nicht. Zumindest nicht, was die Publikation ihrer wegweisenden Werke angeht. So zu belegen am Beispiel der Hamburger Comiczeichnerin Jul Gordon, ohnehin eine der gewitztesten ihres Faches. 2015 war sie mit ihrem noch im Entstehen begriffenen Comic „Der Park“ Finalistin beim Leibinger-Comicbuchpreis, und ein Jahr später war die Geschichte dann abgeschlossen. Kam sie in Deutschland heraus? Nein, aber in Frankreich, zwar nur bei einem Kleinverlag, aber das ist Jul Gordon gewöhnt. Etliche ihrer Comics sind im Eigenverlag herausgekommen, also kleiner als klein.

Dafür indes ist „Der Park“ zu aufwendig. Hundert Seiten umfasst die Geschichte, aber sie liest sich in Windeseile, denn sie lebt vor allem von ihrer Atmosphäre. Dialoge sind spärlich, alle Figurenkonstellationen werden durch Bewegungen im Raum verdeutlicht. Der Raum ist jener Park des Titels, ein ummauertes Rondell, auf dem sich auch mehrere Gebäude befinden. Ein paar weitere sind seitlich an die Mauer angebaut. Es gibt immer wieder Totalen der Szenerie: aus unterschiedlichen Perspektiven und zu wechselnden Tageszeiten. Im und am Park leben vier seltsame Haushalte und eine Kolonie eigentümlicher redender Vierbeiner, Einzelne Figuren tragen Namen, die meisten aber nicht, und gäbe es nicht auf dem Vorsatz eine Art Personenverzeichnis wäre auch die Rekonstruktion der von Gordon gewählten familiären Zuordnung der Akteure schwierig.

Sagen wir es mit einem Reizwort: Dieser Comic ist avantgardistisch. Er verlangt Mitdenken und Kombinationsgabe, aber auch das ist typisch für Jul Gordons Arbeiten. Deshalb ist sie noch nicht bei einem der großen Verlage gelandet. Immerhin hat sich ein wiederbelebter kleiner, der ursprünglich von Anke Feuchtenberger gegründete MamiVerlag in Hamburg, nun des Gordonschen „Parks“ angenommen und ihn mit fünf Jahren Verspätung endlich auf den deutschen Markt gebracht. Wie avantgardistisch er ist, sieht man daran, dass er heute immer noch genauso ungewöhnlich und interessant wirkt. Es ist nie zu spät für gute Comics.

Auf der Website des Verlags kann man sich einen Eindruck von „Der Park“ verschaffen: https://www.mamiverlag.de/p/der-park/. Man sieht spärliche Linienführung, ungewohnt sparsame Wasserfarbenteilkolorierung (die aber auf einzelnen aquarellierten Totalen durch regelrechte Opulenz unterbrochen wird) und eine weitgehend stumme Handlung. Lärm herrscht indes genug am Park. Ein greiser Mann im Rollstuhl ballert auf vorüberfliegende Vögel. Sein Sohn wiederum ballert auf dem Computerbildschirm (oder ist sonstwie in virtuellen Welten versunken; jedenfalls wird er fetter und fetter), während dessen Schwester antriebslos in den Tag hineinlebt. Andere Gemeinschaften bilden sich aus einem Vater und seinen Fünflingen oder durch ein seltsames Paar aus einer Krankengymnastin und einem anthropomorphen Katzenwesen, die sich einen maulfaulen Untermieter ins Haus holen. Und dann ist da noch Tante Theresa, die Schwester des Mehrlingsvaters, die allein im prunkvollsten Gebäude des Parks wohnt. Soziale Schichtung wird sichtbar, aber niemals explizit gemacht. Doch die gezeichnete Welt dieses Parks ist ein so akribisch unserer Wirklichkeit nachempfundener Mikrokosmos wie eine Modeleisenbahnanlage.

Es wird gekidnappt, ja sogar getötet, jeweils ohne großes Aufheben, ja wie nebenbei, aber solche großen Dramen sind gar nicht die eigentlichen. Die spielen sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen ab, die man alle als verheert bezeichnen müsste – bis zum Schluss ganz im Hintergrund eine Begegnung zweier Akteure ins Bild gerückt wird, die einen Hoffnungsschimmer zulässt. Und auf dem hinteren Vorsatzpapier sieht man die beiden dann tatsächlich zu zweit allein in einem Ruderboot auf dem Teich im Park und denkt sich einmal mehr seinen Teil – wie man eben mitdenken muss bei Jul Gordon. Das kann übrigens vom kommenden Frühjahr an auch englischsprachiges Publikum, denn dann wird „The Park“ in einer dritten Sprache herauskommen. Was lange währt, wird hier zwar nicht besser, aber auch kein Jota schlechter.

18. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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11. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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Singe, wem Gesang gegeben, aber wie zeichnet man das?

Kurz mal auf ein anderes Feld: das der Literatur („normaler“, nicht der gezeichneten). In Jenny Erpenbecks neuem Roman, „Kairos“, den ich jedem empfehlen kann, der keine Angst vor seelischen Abgründen hat und sich nicht überfordert fühlt, wenn Figuren unerwartete Wandlungen bieten, geht es um die Wendezeit, konkret gesprochen: um Ost-Berlin in den Jahren 1986 bis 1992.  Ein nicht unerheblicher Teil der Handlung berührt das damalige Theaterleben, und da eine der beiden Hauptpersonen ein reiferer Herr ist, gibt es auch Reminiszenzen an Berliner Bühnengrößen der Nachkriegszeit. Brecht natürlich, aber auch Ernst Busch.

Den kennt in Ostdeutschland jeder, der noch die DDR erlebt hat, und in Westdeutschland fast keiner. Busch war ein kommunistischer Star schon zu Weimarer Zeiten, denn der im Januar 1900 geborene Kieler erlebte als Achtzehnjähriger in seiner Heimatstadt die Revolution und war fortan für deren Sache gewonnen. Da er eine gute Stimme hatte und offenkundig Charisma, landete er über Erwin Piscator als singender  Schauspieler in Berlin, wo er so etwas wie das Sprachrohr von Hanns Eisler wurde, des ebenfalls dezidiert linken Komponisten und Brecht-Kompagnons. Im „Dritten Reich“ bedeutete das für Busch Exil und internationalen Ruhm als Barrikadensänger, inklusive Teilnahme am Spanischen Bürgerkrieg. Leider erwischten ihn die Nazis später doch noch, aber er überlebte die Haft. Seine Freilassung bescherte ihm  eine triumphale Rückkehr und in der jungen DDR noch mehr Ruhm, nunmehr als Staatssänger. Zumindest sah es für Busch anfangs so aus.

Doch für einen nonkonformistischen Künstler wie ihn war bald kein Platz mehr in der kulturellen Planwirtschaft, zumal er auch noch ein eigenes, also privates Plattenlabel betrieb. Unternehmer hatten in der DDR ganz schlechte Karten, also sah sich Busch bald auf dem Abstellgleis, obwohl er weiterhin als Legende galt, dessen proletarische Lieder gerne gehört und gesungen wurden. Er starb 1980 und bekam so etwas wie ein Staatsbegräbnis. Und all das, von der Wiege bis zur Bahre, erzählt nun ein Comic namens „Ernst Busch – Der letzte Prolet“.

Moment, was ist denn nun mit Jenny Erpenbeck und ihrem „Kairos“? Darin unterhalten sich die beiden Hauptfiguren, der ältere Mann und eine junge Frau, über Ernst Busch. Und da ich beide Bücher, den Comic und den Roman, im Abstand von wenigen Wochen las, verblüffte mich, wie bewegend sie jeweils über die letzten Jahre von Busch erzählen: als der Mittsiebziger offiziell in seinem Haus in Berlin-Pankow wohnen soll, aber tatsächlich in der Psychiatrie sitzt, und wie zu seinem Tod noch einmal großes Brimborium um einen Mann gemacht wird, den das System verraten hat, für das er sein ganzes erwachsenes Leben lang gekämpft hat. Weder Erpenbeck noch Jochen Voit, der Verfasser des Comics, kannten Busch persönlich, aber man liest ihren Texten an, wie wichtig er für sie ist – als Symptom und auch als Mensch. Erpenbeck macht das in wenigen Sätzen klar, Voit widmet dem satte 230 Seiten.

Seine Szenario zum Comic hat Sophia Hirsch in Bilder gesetzt, eine noch wenig bekannte Zeichnerin, die gerade noch in der DDR geboren wurde (1987 in Ost-Berlin), aber später Aufnahmen von Buschs Liedern im Elternhaus kennenlernte. Voit dagegen ist Jahrgang 1972 und Westdeutscher, allerdings schon seit fast zehn Jahren Leiter der Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt, wo an die Verbrechen von National- und DDR-Sozialismus gleichermaßen erinnert wird, weil beide Diktaturen dasselbe Gebäude in der Andreasstraße als Gefängnis nutzten. Voit ist als Comic-Kenner und -Könner  einschlägig bekannt, seit er „Nieder mit Hitler“ für Hamed Eshrat geschrieben hat und im eigenen Haus Zeichner wie Simon Schwartz und Philip Janta beschäftigte, die Wand- und Ausstellungsbilder schufen, mit denen Voit auf eine neue jugendgerechte Form der Geschichtsvermittlung setzt.

 Neu wird man den Stil, in dem er nun über Busch erzählt und Sophia Hirsch zeichnet, nicht nennen. Der gerade bei Avant erschienene Band ist vielmehr geradezu klassisch in Struktur und Ästhetik, einen Eindruck davon gibt die ausgiebige Leseprobe: https://www.avant-verlag.de/comics/ernst-busch-der-letzte-prolet/.  In Rot und Braun (die Farben der politischen Extreme) gehalten sind die Rückblenden aus der Sicht des greisen Buschs, dessen letzte isolierte Lebensjahre dagegen in blassem Blau und Grün eingefärbt werden. Hirsch schafft keine opulenten Dekors, sie konzentriert sich auf die Figuren; am nächsten steht sie dabei stilistisch dem New Yorker Kollegen Ben Katchor, der in seinen hinreißenden Episodengeschichten um den jüdischen Fotografen Julius Knipl das Manhattan aus der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts auferstehen lässt – allerdings mit deutlich größerem Aufwand an Hintergrundgestaltung. Die Figurenähnlichkeit jedoch ist schlagend.

Witz wie Katchor hat Sophia Hirsch auch. Wenn sie für ein fiktives Titelbild der amerikanischen Zeitschrift „Life“ das berühmteste Foto von Robert Capa zitiert (den sterbenden Spanienkämpfer, der auf unzähligen Antikriegsplakaten zusammen mit der anklagenden Frage „Why?“ abgedruckt worden ist), dann setzt sie Ernst Busch an die Stelle des Erschossenen, und dem fällt im Moment des tödlichen Treffers ein Banjo aus der Hand statt eines Gewehrs. Gleichzeitig spielt sie damit auf die Heroisierung an, die Busch nach dem Krieg zuteil wurde.

Dieser Comic ist keine Hagiographie, und doch ist er eine Hommage. Wie fast jeder Comic über musikalische Themen leidet er an der Schwierigkeit, Akustisches sichtbar zu machen. Auf einen gelungenen Versuch – etwa Zeina Abiracheds „Piano Oriental“ – kommt ein Dutzend missglückter. „Ernst Busch – Der letzte Prolet“ schlägt sich da sogar noch achtbar, vor allem deshalb, weil Sophia Hirsch die Gesangsauftritte nur streift, während die opulenten Erzählpassagen eher den zeitgeschichtlichen Ereignissen gelten. Und dem wechselhaften Privatleben des Sängers. Exemplarisch kann man sein Schicksal nicht nennen, dafür war dieser Busch zu wild. Man wird seinesgleichen kaum mehr sehen. Aber die Schlussseite zeigt ein am Ostseestrand brennendes kleines Feuer.  Es gibt noch Glut in der Geschichte von Ernst Busch, und derzeit lässt sie wieder Flammen lodern.

11. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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04. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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Ein Vater, so explosiv wie Louis de Funès

Von welcher immens populären französischen Comiczeichnerin gibt es keine deutsche Buchausgabe? Von Florence Cestac. Den Namen haben Sie noch nie gehört? Ja, eben deswegen – kein deutsches Verlagsinteresse. Dabei wären Zeit und Ruhm genug gewesen. Die 1949 geborene Cestac gründete schon im Alter von Mitte zwanzig gemeinsam mit ihrem damaligen Lebenspartner Étienne Robial einen der wichtigsten Comic-Autorenverlage in Frankreich, die Édition Futuropolis. Unter den Autoren ihrer Verleger-Ägide, die bis 1987 währte, als der Gallimard-Buchkonzern das Juwel übernahm, waren Tardi, Bilal, Baudoin, Stanislas, Menu, aber auch übersetzte Klassiker-Ausgaben wie „Krazy Kat“, „Terry and the Pirates“ oder „Popeye“.

Das Erscheinen der letzteren Serie darf man im buchstäblichen Sinne bezeichnend nennen, denn Cestac ist eine Bewunderin des Stils von E.C. Segar. Sie gilt selbst als Meisterin der gros nez, der großen Nasen, also jenem klassischen Cartoon-Stil, für den „Popeye“ ein Musterbeispiel ist. Cestacs wunderbare Homepage https://cestac.com/cmoi.html zeigt, was sie daraus gemacht hat. Man könnte sie graphisch das deutsche Äquivalent zu Ralf König nennen, nur ist sie schon viel länger mit diesem Kunstgriff im Geschäft. Auch ihre ersten eigenen Alben mit Sammlungen der humoristischen Serie „Mickson“, die sie für diverse französische Comicmagazine – darunter die wichtigsten: „Écho de Savannes“, „Métal hurlant“, „(À suivre)“ – gezeichnet hatte, erschienen Ende der Siebziger und Anfang der Achtziger bei Futuropolis.

Im Jahr 2000 erhielt Florence Cestac den Großen Preis von Angoulême, die renommierteste Comic-Auszeichnung der Welt, überhaupt erst als zweite Frau nach Claire Bretécher – und seitdem folgte ihr mit der japanischen Mangaka Rumiko Takahashi nur eine einzige weitere Preisträgerin nach. Darauf ist Cestac einerseits stolz und andererseits darüber empört. Denn Feminismus ist eines ihrer großen Themen. Und mit Marjane Satrapi, Zeina Abirached oder Catherine Meurisse stünden allein in Frankreich gleich drei große Künstlerinnen als würdige Nachfolgerinnen in Angoulême parat, die eines ganz sicher verbindet: die Bewunderung für Florence Cestac. Für deren Gnadenlosigkeit in Gesellschafts- und individuellen Porträts, die aber immer hochamüsant zu lesen sind.

Ihr schönstes Album war für mich lange Zeit „Je voudrais me suicider mais j’ai pas le temps“ (Ich würde mich gern umbringen, habe aber keine Zeit dafür), eine von ihr gezeichnete und von Jean Teulé geschriebene Comicbiographie des 2005 früh gestorbenen Kollegen Charlie Schlingo. Auch höchst lesenswert ist „La véritable histoire de Futuropolis“, erschienen 2007. Darin erzählte sie die eigene Verlagsgeschichte, und das ohne Bitterkeit gegen Robial, der sie (und den gemeinsamen Sohn) privat verlassen hatte, nachdem die gemeinsame Verantwortung für den Verlag hinfällig geworden war.

Seitdem wusste man, was für eine grandiose Autobiographin Cestac ist. Und nun, fast anderthalb Jahrzehnte nach der Futoropolis-Reminiszenz, hat sie einen weiteren solchen Band veröffentlicht: „Un Papa, une Maman – une famille formidable (la mienne)“ über die eigene Familiengeschichte. Die gerade mal zweiundfünfzigseitige Handlung ist jedoch auch ein Porträt der Boomzeit der „trente glorieuses“, jener drei Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg, die in Frankreich als die beste Zeit des Landes seit der Belle Époque gilt. Mittendrin: Familie Cestac, er ein Ingenieur aus dem französischen Südwesten, sie eine Hausfrau aus der Normandie, dazu drei Nachkriegs-Kinder (Florence das mittlere). Und alles unter dem Motto „C’est moi le chef de famille et je m’occupe de tout“. Diesen Alleinherrschaftsanspruch erhebt Jacques Cestac schon im vierten Bild des Albums. Aufgeben wird er ihn erst auf dem Totenbett fünfzig Jahre später.

Auch die eigene Familie ist natürlich im unverkennbaren Cestac-Stil gehalten, wie die achtseitige Leseprobe des Verlags Dargaud zeigt (https://www.dargaud.com/bd-en-ligne/un-papa-une-maman-une-famille-formidable-la-mienne/10188/40d3ba7d1125659520c71a6460e446e3) – die Göre, als die Florence Cestac sich selbst darstellt, hätte gerade in ihren frühen Comics Glanzauftritte haben können. Mehr aber noch der cholerische Vater, ein patriarchalischer Despot, wie er im Buche steht – und nun auch im Comic. Es geht der Familie wirtschaftlich gut, aber für die beiden Töchter und vor allem die Mutter Camille gibt es keine Freiheiten. Im Bild der Cestacs spiegelt sich jene Epoche, die bei uns auf den Begriff „Adenauerzeit“ hört.

Wie sich Florence daraus befreit und was das für Konsequenzen für den häuslichen Frieden hat, ist das große Thema des Buchs. Man merkt, wie sehr die Zeichnerin, die in Interviews ihre eigene Jugend bislang immer als eine „glückliche und fröhliche“ beschrieben hatte, hier ein Trauma aufarbeitet: das des begabten, aber missachteten Kindes. Neben den Cestacs treten im Comic kaum einmal andere Menschen unter individuellen Namen auf; am auffälligsten ist das im Falle von Robial, der im Erzähltext nur mit jenen abfälligen Kategorien bezeichnet wird, die Florence’ Vater für ihn hat. Allerdings darf man darin wohl eher Spott über Jacques Cestac sehen als Rache an Étienne Robial.

Der Band ist ein Wunder an Witz und humoristischem Expressionismus. Vater Cestac steht ständig vor dem Überkochen: ein Typ wie Louis de Funès, dessen Kinofilme er seinen Kindern empfiehlt, ohne zu merken, wie sehr er sich damit selbst der Lächerlichkeit preisgibt. Und der Band ist auch ein Wunder an Mitleid mit Camille Cestac, die sich nie von ihrem tyrannischen Mann hat lösen können. Dass die Tochter für beide Eltern Liebe empfand, zeigt der Abschluss des Buchs. Der zeigt aber auch, dass sie dem Vater dessen Verhalten nicht verziehen hat.

Florence Cestac ist jetzt zweiundsiebzig. Höchste Zeit für eine erste deutsche Publikation. Wenn es nicht „Ein Papa, eine Mama – eine vorbildliche Familie (die meine)“ wird, auf was wollen deutschen Verlage dann eigentlich noch warten?

 

 

04. Okt. 2021
von andreasplatthaus
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27. Sep. 2021
von andreasplatthaus
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Rückansichten und Landschaftsansichten

Lange Zeit war ich nicht mehr jenseits der deutschen Grenzen gewesen. Das schränkte die Möglichkeiten ein, sich über neue französische Comics zu informieren. Nicht, dass es schwierig gewesen wäre, sich bei den großen Verlagen auf dem Laufenden zu halten, und die Instagram-Kompetenz meiner Frau tut bisweilen Wunder, weil dort die Eigen- und Fremdempfehlungen uns beiden sehr lieber Autoren zu finden sind. Aber wie steht es um Menschen, die wir noch nicht kennen, die allgemein noch zu unbekannt sind, um breitere Beachtung zu finden. Für so etwas sind das Durchstöbern und die Empfehlungen französischer Comic-Buchläden unerlässlich.

Nun waren wir nach mehr als zwei Jahren endlich wieder einmal in Straßburg. Kaum zwei Stunden weg von Frankfurt, aber in Corona-Zeiten eine Welt entfernt. Dort besuchen wir üblicherweise zwei Geschäfte: die Comicbuchhandlung “Bildergarte” nahe der Place Gutenberg und das große Buchkaufhaus Kléber am gleichnamigen Platz. Diesmal aber verschlug es uns zu “Ca va buller”, einem weiteren Fachhandel in der Altstadt, und dort nahm sich das Personal auf rührende Weise der deutschen Touristen an. Kaum fächerte ich eine Schachtel mit Klein- oder Privatveröffentlichungen durch, wurde ich eingedeckt mit einer Fülle weiterer Hinweise. Der schönste davon galt Seunghee Choi.

Am Namen merkt man unschwer, dass es sich um eine koreanischen Zeichnerin handelt; seit kurzer Zeit, so wusste der Verkäufer, lebe die junge Frau in Straßburg, und die erste Publikation habe man vorrätig: Sprach’s und holte ein in Plastikhülle verpacktes Querformat aus einem unübersichtlichen Stapel heraus. Zweisprachig koreanisch-französisch, sein Titel auf derjenigen der beiden Sprachen, die ich beherrsche: „Quand le vent se lève“ – wenn der Wind sich regt. Das Titelbild zeigt den Kopf einer Frau.

Aber da fängt es an, kompliziert zu werden Koreaner lesen ein Buch in den westliche Gewohnheiten entgegengesetzter Richtung. So ist auf der uns als Rückseite erscheinenden Fläche eine Frontalansicht zu sehen, während die uns als Vorderseite vorkommende Abbildung nur den Hinterkopf zeigt. Trotzdem steht der Titel des Buchs im Inneren nach dieser letzteren Abbildung – und zwar sowohl aus Französisch wie auf Koreanisch, während in östlicher Leserichtung auf den Kopf nur eine Art Impressum folgt. Einen Verlagsnamen gibt es gar nicht, also handelt es sich wohl um eine Privatpublikation, und dass ein Preis für das Buch zu ermitteln war (zwanzig Euro), verdankt sich nur der sehr guten Buchführung von “Ca va buller”, die beim Eingang des bereits 2020 gedruckten Exemplars die entsprechende Angabe auswies. Das Suchen danach dauerte nicht einmal lange.

Was ist das für ein Buch? Kein Comic, um das vorauszuschicken. Am ehesten wohl ein Bilderbuch. Aber eines mit einem höchst ungewöhnlichen Thema, das dann doch wieder dank Sequenzialität (dem zentralen Merkmal von Comics) seien besondere Form findet: Auf Doppelseiten werden jeweils gegenübergestellt variierte Rückansichten des Frauenkopfs vom Titel (links) und in der Manier japanischer Farbholzschnitte gehaltene Ansichten von Landschaftsszenerien. Was beide Motive verbindet, ist die jeweilige Scheitelung oder bisweilen auch Verwüstung (wohl durch den titelgebenden Wind) der Frisur und des Geschehens auf den Landschaftsbildern. So wird etwa das offen und glatt getragene lange schwarze Haar der Frau parallel geführt mit einem verschneiten Birkenwald, in dem die dicht stehenden Stämme dieselbe Vertikalität wie das herabfallende Haar haben. Oder eine wild verwehte Frisur findet ihr Pendant in einem wogenden Schilffeld.

Neun solcher Gegenüberstellungen gibt es, den Rest der 38 Seiten des broschierten Buchs füllen weitgehend leere Seiten, auf denen jeweils nur in Französisch und Koreanisch kurze Sätze notiert sind à la „Was versteckt sich hinter diesem Vorhang?“ (zu der Kombination aus Hinterkopf und Birkenwald). Ich würde das Prinzip gerne an einem Beispiel vorführen, aber mehr als die Instagram-Seite von Seunghee Choi gibt es nicht (https://www.instagram.com/chou_sunny_/?hl=de), und dort ist sehr viel anderes eingestellt. Erschwerend kommt hinzu, dass eine berühmte koreanische Tänzerin des frühen zwanzigsten Jahrhunderts denselben Namen trägt wie die in Straßburg lebende Zeichnerin.

Mittlerweile weiß ich immerhin, dass man deren Band bei der französischen Comic-Handelsplattform bd.net bestellen kann, aber Bildbeispiele bietet das Netz tatsächlich gar keine außer dem Cover (in koreanischer Lesart) und einem etwas mehr als einminütigen Video mit dem Titel „Quand le vent se lève“, das bei denkbar schlichter Animation auch nur wieder das Frauenantlitz zeigt, also nichts vom eigentlichen Reiz des Bandes (https://www.youtube.com/watch?v=GeGsW2vQnsM).

Somit muss ich aufs Vertrauen des Publikums in meine Urteilskraft setzen, um den Band anzupreisen. Die Zeichnungen sind meisterhaft, die Grundidee so simpel und dabei überraschend, wie man es sich nur wünschen kann. „Quand le vent se lève“ als Ganzes ist ebenso originell wie poetisch, und ich wäre verblüfft, wenn man von dieser Zeichnerin nicht noch mehr hören würde. Und vor allem sehen.

27. Sep. 2021
von andreasplatthaus
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20. Sep. 2021
von andreasplatthaus
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Kunst kommt von Widerstehen

Immer ist es irgendwann 1985, immer ist dann der Schauplatz New York, in allen vier Kapiteln des Comics „Frauen, die die Kunst revolutioniert haben“. So unterschiedlich diese Frauen auch sind, sie haben diesen einen Handlungsort zu jener bestimmten Zeit gemeinsam. Das liegt daran, dass eine von ihnen damals dort starb. Ein Unfall, sagen die einen, durch den Mord ihres Ehemannes, sagen die anderen. Meist sind die einen Männer, die anderen Frauen.

Der toten Künstlerin gehört das dritte, das beste Kapitel. Sie heißt Ana Mendieta, kam als Zwölfjährige aus Kuba in die Vereinigten Staaten und starb als Sechsunddreißigjährige, als sich erste Erfolge mit ihren Performances und Land-Art-Projekten (die nicht selten Hand in Hand gingen) eingestellt hatten. Im Comic kommt Mendietas Tod nicht explizit vor, eine bewusste Auslassung der italienischen Szenaristin Valentina Grande, die sie als Künstlerin zeigen will, nicht als Opfer. Auch der Name ihres mutmaßlichen Mörders wird nur im Vorwort genannt. Zum Auftakt des Mendieta gewidmeten Kapitels, wenn wie in allen vier teilen des Comics die eigene Stimme der jeweiligen Künstlerinnen spricht, endet die kurze Lebensbeschreibung mit dem angesichts der Umstände gespenstischen Satz „Ich habe einen Bildhauer geheiratet“.

Man könnte darin ein unfreiwilliges Fazit lesen, dass es doch nicht so weit her war mit der Selbstbefreiung der Ana Mendieta, aber das ginge an Grandes Absichten vorbei. Ihre Auswahl der Künstlerinnen für den Comic ist vielmehr aus dem Gedanken der Verbindung mit dem Tod von Mendieta geboren, sonst wäre sie auch wenig einsichtig. Hand aufs Herz: Wer kennte Mendieta, Judy Chicago oder Faith Ringgold? Vielleicht immerhin die Guerrilla Girls, denen der letzte Teil von „Frauen, die die Kunst revolutioniert haben“ gehört. Das ist jene Gruppe anonymer Aktivistinnen, die 1985 in New York damit begannen, die mangelnde Repräsentanz von Frauen, besonders farbigen, in den Museen und Galerien anzuprangern. Sie ist aus guten Gründen bis heute aktiv.

Im italienischen Original heißt der Comic übrigens „Feminist Art“, es steht also die Kunst gegenüber den Künstlerinnen im Vordergrund. Der deutsche Titel des Laurence King Verlags (eine Dependance des 1991 gegründeten gleichnamigen englischen Verlags, die sich mit allerlei populären Büchern beschäftigt, darunter „Katzen-Bingo“, ein „Kackehelden“-Kartenspiel oder ein Puzzle mit Schauplätzen von „Sherlock Holmes“ – was für eine Nachbarschaft!) dreht dieses Verhältnis um, und er hat brauchbare Gründe dafür, denn tatsächlich ist Valentina Grande die Selbstermächtigung der von ihr porträtierten Frauen meist wichtiger als der Gegenstand ihrer Kunst. Es braucht auch bei ihr den individuellen Willen zur Veränderung, da mag im Kapitel zu Ana Mendieta noch so wortmächtig die spezifisch weibliche Einheit mit der Natur beschworen werden. Allerdings bekommt man im Mendieta-Abschnitt mehr zu den Hintergründen der Kunst vermittelt als zur Person der Künstlerin. Das ist ansonsten nur noch im Guerrilla-Girls-Kapitel so – notgedrungen, weil auch Grande nichts über die Identität der Aktivistinnen weiß.

Alle porträtierten Künstlerinnen sind Amerikanerinnen. Dazu passt der Zeichenstil von Eva Rossetti, der seine Wurzeln im US-Mainstream-Comic hat. Eine schön gemachte Leseprobe mit einzelnen Doppelseiten bietet https://www.laurencekingverlag.de/produkt/frauen-die-die-kunst-revolutioniert-haben/. Da kann man sehen, wie geschickt Rossetti mit den Seitenarchitekturen spielt, Panels öffnet, miteinander verschmilzt, bisweilen aber auch seitenfüllende Bilder verwendet. Und im Kapitel zu Mendieta gelingt ihr auch eine Engführung von Kunst und Leben, wenn sie Momente aus Performances der Künstlerin in ähnlichen Körpergesten festhält, wie sie die junge Ana am Strand ihrer kubanischen Heimat eingenommen hat.

Aber dass alle porträtierten Künstlerinnen Amerikanerinnen sind, ist natürlich auch der Schwachpunkt des Comics. Das versucht er im Anhang durch eine Ahnengalerie von internationalen Vorläuferinnen zu kompensieren, die auch in der Haupthandlung Erwähnung finden, manchmal sogar kleine Auftritte haben, so etwa Yoko Ono, Marina Abramovic oder Barbara Kruger. Seltsamerweise fehlt die ebenfalls im Comic erwähnte Frida Kahlo im Anhang, aber die ist ja auch berühmt genug. Bedauerlich neben der nationalen Einseitigkeit ist die ästhetische. „Kunst“ im Sinne dieses Comics ist vor allem Körperkunst mit vollem Einsatz. Damit kann man zweifellos den Grundgedanken von Valentina Grande, dass eine Frau erst aus dem Schatten ihrer gesellschaftlichen Existenz treten muss, um Kunst zu machen und zu verändern, besser verdeutlichen als mit anderen Aktivitäten, aber es verkürzt „feministische Kunst“ auch aufs Weibliche im Sinne eher emotionaler als intellektueller Betätigung. Das mag einen wichtigen Strang der künstlerischen Emanzipation bilden, aber es ist nicht der einzige.

Dass der deutsche Verlag selbst diesen Band als nichts anderes denn ein Modephänomen begreift, das schöne Einnahmen verspricht, beweist der Werbetext dafür. Der spricht von der „ganzen Geschichte, wie Frauen die Kunstwelt für immer verändert haben“ – ein Witz angesichts von vier Einzelbeispielen und ein Hohn angesichts dessen, was noch zu tun bleibt. Dann wird behauptet, es werde jeweils aus der Perspektive der Frauen erzählt, aber auch das stimmt nur bedingt: Jedes Kapitel beginnt wie gesagt mit einer Ich-Erzählung (oder „Wir“ bei den Guerrilla Girls), aber dann wird auktorial erzählt. Aus dem Englischen soll Britta Köhler den Band laut Werbetext übersetzt haben, dabei geschah es aus dem Italienischen. Und schließlich weiß die Pressabteilung des Laurence King Verlags nicht einmal, wie man die Guerrilla Girls richtig schreibt. Für tieferes Interesse am Thema spricht all das nicht. Dieser Comic wäre woanders besser aufgehoben gewesen.

 

20. Sep. 2021
von andreasplatthaus
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23. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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Große Ohren lassen große Augen machen

Wie erzählt man über das „Dritte Reich“ und die Folgen? Aus Opferperspektive, das ist schon mal klar, auch wenn der wohl erste Comic, der die Schoa zum Gegenstand hatte, Al Feldsteins und Bernie Krigsteins „Master Race“, das 1955 noch anders gehalten hatte – aber nur der Überraschung des Publikums wegen. In allem, was seit Art Spiegelmans „Maus“ dreißig Jahre später an Comic-Aufarbeitung der NS-Zeit erschienen ist, waren die Täter ohnehin präsent genug. Wohin sollte eine Opferperspektive sonst auch schauen?

Der für mich interessanteste Ansatz auf diesem Feld kam 2015 von Max Baitinger mit seinem „Book to the Head“, eine wie auf einer Guckkastenbühne inszenierten dreißigseitigen Geschichte im Kleinformat für das lettische Comicmagazin „Kuš!“, für die er einen einzelnen Eintrag aus Victor Klempereres Tagebüchern zur Vorlage nahm. Das Bemerkenswerte war neben der Dekonstruktion des Geschehens die baitingertypische Stilisierung der Figuren zu nahezu piktogrammartigen Gestalten – ein „Zeichentrick“ der besonderen Art, weil damit alle üblichen Klischeevorstellungen von graphischen Einteilungen in Gut und Böse entfielen und das ganze moralische Gewicht auf dem Text lag. Seitdem warte ich auf Ähnliches.

Das gibt es nun, und zwar wieder in Form eines kürzeren Beitrags zu einer Comiczeitschrift. Dass das schweizerische „Strapazin“ zu meinen vierteljährlichen Pflichtlektüren gehört, wird Kenner dieses Blogs nicht überraschen, aber häufig vorgekommen ist das Heft denn doch noch nicht. Zu vielfältig, manchmal auch zu disparat sind die jeweiligen Nummern, und das Herausgreifen eines einzelnen Comics muss schon gute Gründe haben. Nun, jetzt gibt es die wieder einmal.

Das mittlerweile 143. Heft des Magazins hat als Thema „Nonfiction“, zu Deutsch laut Obertitel: „gezeichnete Reportagen aus aller Welt“. Für mindestens zwei der fünf längeren Geschichten aber stimmt die Bezeichnung „Reportage“ nicht. Der erste ist eine Art Biographie des exzentrischen Architekten Carlo Mollino (1905 bis 1973), den weder der Szenarist Christoph Schuler noch der Zeichner Luigi Olivadoti jemals getroffen haben. Also nichts mit Reportage (nicht einmal das angegebene Sterbealter des Protagonisten stimmt), und ebenso wenig kann man „Neue Horizonte“ als eine solche bezeichnen, denn auch in diesem Comic wird nur referiert, nichts Selbsterlebtes berichtet. Aber es ist ein neuer Meilenstein der Comic-Beschäftigung mit der NS-Zeit.

Und er stammt von Julia Kluge, die im vergangenen Jahr einen ebenso klugen wie witzigen Comic über die Corona-Zeit gemacht hat: „Hopfen anbinden“, an dieser Stelle gefeiert und nachzulesen unter https://blogs.faz.net/comic/tag/julia-kluge/. Ich kannte sie vorher nicht, wusste aber, dass ich gerne mehr von ihr kennenlernen würde. Und dann macht auch sie eine Geschichte für „Kuš!“ und prompt dem Kollegen Baitinger Konkurrenz. Erschienen ist „Neue Horizonte“ dort schon 2019.

Fünf Seiten daraus kann man sich auf der Homepage von „Strapazin“ ansehen (https://strapazin.ch/?page_id=9115, man muss sich dazu durch die Ausschnitte der ersten beiden Geschichten im Heft durchklicken). Das ist immerhin ein anschauliches Viertel des Gesamtumfangs der Geschichte, das klarmachen wird, warum dieser Ansatz ungewöhnlich ist. Denn wie Baitinger stilisiert auch Julia Kluge die Figuren stark. Und gleichzeitig verleiht sie ihnen übertriebene Attribute wie Riesenohren und Kulleraugen, die dem Geschehen die Anmutung eines Puppenspiels geben. Diese Verkünstlichung verbindet ihre „Neuen Horizonte“ mit „Book to the Head“.

Was aber wird überhaupt erzählt? Die Geschichte eines in Deutschland verfolgten Juden, genau ein brillanter wissenschaftlicher Kopf wie Viktor Klemperer. Der gebürtige Ungar Philipp Schwartz nahm als Pathologe allerdings den Einschnitt, denn die Regierungsübernahme der Nazis bedeutete, viel früher ernst als der Romanist Klemperer. Noch vor der Entlassung jüdischer Hochschullehrer im April 1933 ging er außer Landes, zunächst in die Schweiz, nachdem er zuvor sechs Jahre lang in Frankfurt gelehrt hatte. Doch schon im Juni hatte Schwartz einen neuen Lehrstuhl. In der Türkei suchte das laizistische Regime von Kemal Atatürk Anschluss an die westliche Moderne und engagierte in Deutschland nicht mehr erwünschtes Fachpersonal für den Aufbau einer eigenen Hochschullandschaft. Schwartz wurde zu einem führenden Organisator des Umbaus der Universität von Istanbul. Und er gründete die Notgemeinschaft deutscher Wissenschaftler im Ausland, die solche Posten für geflohene oder vertriebene Kollegen aller akademische Disziplinen rund um die Welt vermittelte.

Viel zeitgeschichtlicher Stoff für Julia Kluge, somit ganz anders als Baitingers Momentaufnahme aus Klemperers Leben. Aber sie macht es ebenso geschickt, indem mit simplen Mitteln (Schwarzweißzeichnungen bei Rückblicken, farbige Unterlegung von Sprechblasen zur Kennzeichnung der jeweils gesprochenen Sprache, abstrahierte Dekors) Komplexität auf der visuellen Ebene reduziert wird, um sie auf der textlichen zu erhöhen. Es wird sehr viel Information durch die Dialoge vermittelt, und bisweilen kommen gar Fußnoten zum Einsatz, doch trotzdem hat man den Eindruck einer opulenten Bildergeschichte, und die leicht grotesk anmutenden Physiognomie des Personals bringen zusätzliche optische Phantastik in die ansonsten denkbar ernste Erzählung. Man folgt einer solchen Darstellungsweise leichter als einer realistisch gezeichneten.

Bleibt nur die Frage: Warum müssen eigentlich solche Meistererzählungen in ein lettisches Comicmagazin, um nie (so bislang bei Baitinger) oder um Jahre verspätet (so im Falle von Julia Kluge) auf Deutsch zu erscheinen? Und dann im letzteren Fall in der Schweiz. Man sollte meinen, der böseste Abschnitt der deutschen Geschichte dürfte Anlass genug für Aufbereitung in gut lesbarer und überdies kluger Form sein, aber offenbar ist das zu kurz gedacht. Weil die Geschichten selbst zu kurz sind? Wie wäre es dann mal mit einer Anthologie? Zwei tolle Beiträge gäbe es schon mal.

23. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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16. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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Kein Königreich für dieses Pferd

Wenig historische Prominenz darf wohl mehr Interesse für sich beanspruchen als der bayrische Monarch Ludwig II. – der sogenannte Märchenkönig. Da kann man dann ja auch ruhig Märchen erzählen, wie es Miguel Robitzkys in seiner Comicbiographie tut. Die gilt allerdings gar nicht dem „Kini“, sondern seinem Pferd. Na ja, eine Extravaganz rund um den drittletzten Wittelsbacher-Herrscher mehr.

Aber wer ist dieses „Leibreitpferd“, dessen Memoiren Robitzkys da für den comicaffinen Literaturverlag Rowohlt (Ralf Königs Hausverlag für alles weniger Drastische in seinem Werk und immerhin auch mal erste deutsche Heimat von Art Spiegelmans „Maus“) ins Bild gesetzt hat? Sein Name lautete Cosa Rara, also eine Stute, und im Gegensatz zu Ludwig ist von ihr noch ganz schön was physisch übrig, nämlich ihr ausgestopfter Körper in Schloss Nymphenburg. Das muss wohl wirklich Liebe gewesen sein. 1869 legte sie sich der damals noch einigermaßen zurechnungsfähige König zu, im selben Jahr ließ er sie auch schon in seinem Domizil Linderhof (das kurz vor dem Ausbau zum heutigen Architekturwahnsinnserbe stand) malen. Zehn Jahre später hatte Cosa Rara ihre Schuldigkeit getan und bekam ihr Gnadenbrot in einem Gestüt. Es ist also unwahrscheinlich, dass sie beim nassen Tod von Ludwig II. zugegen war.

Aber so erzählt es der Comic. Der allerdings von Beginn n keinen Zweifel an seinem Aberwitz lässt. Schon die Herausgeberfiktion, laut der ein Historiker namens Hubertus Fußnoté für die Publikation des Buches verantwortlich zeichnet, setzt den Ton fürs Folgende: Albernheit ist Trumpf. Und eher albern sieht das Ganze auch aus, nämlich so: https://www.book2look.com/book/9783499004902. Jolly Jumper lässt schön grüßen, aber was soll man bei einem Schimmel auch groß anders machen, wenn einem an Originalität nichts liegt?

Nun könnte man es dabei bewenden lassen, wäre dieses Veröffentlichung nicht so symptomatisch für die mittlerweile höchst unerfreuliche Konjunktur von  Comics im Programm von literarischen Verlagen. Denn mit steigender Zahl werden die immer wahlloser. Und so dürfen wir denn im Umfeld von erstklassiger Literatur (gut, manchmal auch zweitklassiger) drittklassige Comics lesen. Was über deren Erfolg natürlich gar nichts aussagt (wenig historische Prominenz darf wohl mit mehr Interesse …). Aber wenn man die Rowohlt-Tradition bedenkt – wie gesagt: Spiegelman! König! –, dann ist das jüngste Comickind des Verlags doch recht missraten. Und dessen kleine Geschicklichkeiten (Farbentwicklung im Geschichtenverlauf, Querschnitt durch Neuschwanstein) können leider nicht über die großen Nickligkeiten hinwegtrösten.

„Wenn Ihnen der Comic gefallen hat, können Sie ja gerne mal ein richtiges Buch lesen“, heißt es ganz zum Schluss. Ich mache das jetzt, weil er mir nicht gefallen hat. Dieses richtige Buch wird ein Historiencomic à la Jacques Tardi sein. Geht doch!

16. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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09. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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Wie der erfolgreichste Killer der amerikanischen Armee starb

Was kann ein Comic, was ein Film nicht kann? Das kann man sich exemplarisch klarmachen am Beispiel eines jetzt aus dem Französischen übersetzen Bandes mit dem Titel „Der Mann, der Chris Kyle erschoss“. Erschienen ist er bei Carlsen, und gezeichnet hat ihn Brüno, ein 1975 im schwäbischen Albstadt als Sohn eines dort stationierten französischen Offiziers geborener Zeichner mit bürgerlichem Namen Bruno Thielleux, nach einem Szenario des nur ein Jahre jüngeren Fabien Nury. Brüno ist in Frankreich durch seinen am Hard-Boiled-Stil à la Frank Miller orientierten satten schwarzen Strich in den letzten zehn Jahren zum Star geworden. Amerikanische Themen liegen ihm, sein größter Erfolg war bislang die Gangster-Serie „Tyler Cross“, auch in Zusammenarbeit mit Nury entstanden. Schon da konnte man die Liebe beider zum Kino sehen.

Im Falle von „Der Mann, der Chris Kyle erschoss“ ist allerdings der Titel schon das vom Kino Inspirierteste am Comic. Natürlich zitiert Nury damit „The Man Who Shot Liberty Valance“, den Westernklassiker von John Ford mit John Wayne und James Stewart aus dem Jahr 1962. Aber ansonsten steht der Comic in unmittelbarer Konkurrenz zum Kino, denn der erschossene Chris Kyle ist vor sieben Jahren Gegenstand eines Spielfilms gewesen, den niemand Geringerer als Clint Eastwood gedreht hat. Dessen Titel lautete „American Sniper“ und baute auf der Autobiographie ebenjenes Chris Kyle auf, der als treffsicherster Scharfschütze der amerikanischen Militärgeschichte gilt. 160 Menschen hat er nachgewiesenermaßen im Dienst erschossen, die meisten im Irak, weitere fast hundert Opfer seines tödlichen Talents konnten nicht so sicher verifiziert werden, dass man sie zählen durfte. Und am Ende wurde Kyle selbst erschossen. Das war 2013, nach seiner aktiven Zeit. Die Verfilmung seines Lebens war da schon geplant.

Eastwoods Film wurde zu einem Renner ausgerechnet im Weihnachtsgeschäft des Jahres 2014 der amerikanischen Kinos. Mit Bradley Cooper spielte ein Star die Hauptrolle, aber das tragische Schicksal Kyles, der von jemandem ermordet wurde, der wie er im Irak gedient und sich als sein Bewunderer ausgegeben hatte, trug wohl noch mehr zum Kassenerfolg bei. „American Sniper“ erzählt eine ungebrochene Heldensaga. Das ist beim Comic über Chris Kyle ganz anders. Hier steht in der Tat eher der Mord an ihm im Mittelpunkt – und der psychisch gestörte Mann, der ihn beging. Aber auch, wie nach dem gewaltsamen Tod des Scharfschützen dessen Witwe ein florierendes Geschäft aus dem Andenken ihres Mannes machte. Eine toughe Frau, aber daraus wird keine Heldinnengeschichte. Und Kyle selbst kommt bei Nury und Brüno auch nicht gerade sympathisch weg.

Es beginnt mit der Graphik, die man sich hier ansehen kann: https://www.carlsen.de/hardcover/der-mann-der-chris-kyle-erschoss/978-3-551-78171-0. Eine geleckte Linienführung, klassischer amerikanischer Mainstream, aber eben aus der Feder eines amerikabegeisterten Franzosen. Dessen Begeisterung nicht soweit geht, die verbreitete Waffenfaszination in den Vereinigten Staaten zu schätzen. Der Comic ist ein bisweilen zynisch wirkendes Porträt des Geschäfts mit dem Töten, das seine Propagandisten immer wieder in die Tradition des in den Vereinigten Staaten verherrlichten Individualismus stellen. Brüno und Nury aber nehmen diese Mär auseinander und zeigen, wie das große Geld mit dem Mythos vom Scharfschützen gemacht wird – bis hin zu Clint Eastwood.

Und das ist dann der Unterschied vom Comic zum Film: Obwohl beide Lebensschilderungen von Chris Kyle sich der martialischen Genre-Ästhetik ihrer jeweiligen Kunstgattung bedienen, erscheint die Erzählhaltung des Comics von Beginn an als eine kritische, während Eastwoods Film ebenso konstant affirmativ ist. Der Grund dafür: Man sieht dem Kinowerk an, dass es auf das große Geschäft aus ist, dem also, was auch Kyles Erwartung ans Leben war. Während der Comic bei aller Anlehnung ans kommerzielle Erscheinungsbild ein Liebhaberprojekt bleibt – nicht aus Liebe zu Chris Kyle oder zu dem, wofür er stand, sondern aus Liebe zu all dem, was sich von ihm unterscheidet. Weil Comics billig zu produzieren sind, können sie sich das leisten. Das kann ein Hollywoodfilm nicht. Und womöglich gar kein Film der Welt, es steckt zu viel Geld darin, als dass er sich grundlegende Kritik leisten könnte. Oder dem Titel nach von dem Mann erzählte, der Chris Kyle erschoss. Wobei das auch Brüno und Nury nur ankündigen, aber nicht wirklich umsetzen. Soviel Unabhängigkeit von Publikumserwartungen riskierten auch sie nicht.

09. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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02. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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9/11  aus französischer Mädchensicht

Es dürfte kaum ein Ereignis der jüngeren Zeitgeschichte geben, dass sich in so vielen Comics niedergeschlagen hat wie die Attentate vom 11. September 2001. Ungeachtet der im Kontext erfreulichen Tatsache, dass die fast dreitausend Opfer der vier provozierten Flugzeugabstürze bei weitem nicht die Zahl der am Tag selbst prognostizierten Zahlen erreichten – allein fürs World Trade Center war anfangs von sechstausend Toten die Rede –, waren die Folgeschäden, auch personeller Art, noch derart grauslich viel größer, dass man sagen könnte, dass das ganze einundzwanzigste Jahrhundert bislang im Zeichen dieses Ereignisses aus seinem ersten Jahr steht.  Und es also gar nicht genug Darstellungen geben kann, ob als Film, Roman oder eben Comic.

Aber was leistet nach so vielen Vorgängern ein zum zwanzigsten Jahrestag der Attentate gezeichneter Comic aus der Sicht eines damals vierzehnjährigen französischen Mädchens? Den zudem ein Mann geschrieben hat, Baptiste Bouthier, der mit seiner Protagonistin Juliette immerhin das Geburtsjahr 1987 teilt? Wir sehen das, woran sich wohl jede, der 2001 ein Alter jenseits von sieben oder acht Jahren erreicht hatte, erinnern wird: Fernsehbilder und das ungläubige Entsetzen darüber. Aber Bouthier nimmt diesen generationenbiographischen Strang als Leitfaden für seine Erzählung der Ereignisse, die immer wieder aufs Neue auf Null zurückspringt: an den Anfang jenes Dienstagmorgens in New York, als die beiden Flugzeuge nacheinander in die Türme flogen, und damit einen anderen Nullpunkt – jenen Ground Zero, der seitdem den Ort des Zusammensturzes des World Trade Center bezeichnet.

Nacheinander bekommen wir die unterschiedlichsten Perspektiven erzählt: von knapp mit dem Leben davongekommenen Büroangestellten und Feuerwehrleuten, vom amerikanischen Präsidenten George W. Bush, der auf Reisen in den Südstaaten war und erst einmal mit seinem Regierungsflugzeug im abgelegene Nebraska in Sicherheit gebracht wurde, von einer Journalistin, die Bilder vom Einsturz der Türme aufnahm, und von den Akteuren der Post-9/11-Zeit wie Barack Obama, Usama Bin Laden oder auch Edward Snowden. Gegenüber der Prominenz in dieser Reihe haben die „Normalbürger“ eindeutig die größeren Erzählanteile. Aber neu ist kaum etwas von dem, was Bouthier zusammengetragen hat.

Nun hat er auch gar nicht diesen Anspruch. Sein Comic heißt „9/11 – Ein Tag, der die Welt veränderte“ und versteht sich somit als Erinnerung, nicht als Deutung, denn über die Formulierung des Titels besteht ja gar kein Zweifel (obwohl Juliettes Vater Verschwörungstheorien anhängt, die im amerikanischen Geheimdienst die Urheber der Anschläge vermuten, aber das ist ein winziger Aspekt in der großen Geschichte). Gezeichnet hat ihn übrigens eine Frau, Héloise Chochois, gerade mal siebenundzwanzig Jahre alt, und das wiederum tut der Mädchenperspektive der Ich-Erzählerin gut. Sie berichtet aus der unmittelbaren Gegenwart, ja, sogar leichten Zukunft, nämlich dem September 2021, als sie erstmals nach New York fliegt, um dort eine Verwandte zu besuchen und Ground Zero zu besuchen, was den Band zu einem Schlusspunkt bringt, der mit dem Gebäude des neu errichteten One World Tower eine Art Heilung und Zukunftsorientierung suggeriert, während auf den Grundflächen der World-Trade-Center-Türme die Gedenkstätte für die Opfer geschaffen wurde.

Chochois hat für ihre in Bilder eine stark blaugrau getönte Farbpalette (eine Leseprobe findet sich unter https://www.knesebeck-verlag.de/9_11/t-1/1011) gewählt, um die Staubschicht zu evozieren, die sich nach dem Kollaps der Türme über Manhattan legte. Das gilt auch für die französischen Anteile der Geschichte, so dass eine globale Betroffenheit durch die Attentate visualisiert wird. Die Figurenzeichnung erinnert stark an den französischen Zeichner Stanislas: recht eckige Physiognomien, klare Linien, flächiger Farbauftrag. Allerdings arbeitet Chochois auch immer wieder nur unwesentlich überzeichnete Bilddokumente und infografikartig abstrahierte Darstellungen  in ihre Seiten ein, die den Fluss der Erzählung brechen und aus dem fiktionalen Geschehen rund um Juliette einen Sachcomic machen. Das ist von Bouthier nicht konsequent durchdacht, weil die pädagogische Absicht so deutlich wird. Und gleichzeitig verhindert sie eine „unterhaltende“ Lektüre. Von ästhetischem Genuss ganz zu schweigen.

Wie man in solches Thema als Comic derart aufbereiten kann, dass Faszinationsbedürfnis und Wissensdurst gleichermaßen gestillt werden, hat Art Spiegelman mit „Im Schatten keiner Türme“ gezeigt. Nun lebte er ein paar Blocks vom Ort des Anschlags entfernt und nicht wie Bouthier und Chochois jenseits des Atlantiks. Dass die beiden französischen Autoren sich durch die Wahl ihrer Hauptfigur abgesichert haben gegen den Vorwurf einer lediglich vermittelten Erfahrung, ist konsequent, ändert aber nichts daran, dass dies die Schwäche ihres Comics bleibt. Der Knesebeck Verlag, für den Ingrid Ickler die Geschichte übersetzt hat, hat ein Profil als Haus für Sach- und biographische Comics entwickelt und importiert dafür fleißig aus dem frankophonen Sprachraum. Dieser Hybrid aus beiden Genres allerdings ist wenig reizvoll.

Eines aber erzählt er ganz zum Schluss, wenn die aus dem 11. September resultierenden Kriege und Unmenschlichkeiten resümiert sind. Es ist das Schicksal tausender Feuerwehrleute, die in den letzten zwanzig Jahren an der Vergiftungen gestorben sind, denen ihre Körper bei den Rettungs-, Bergungs- und Löscharbeiten ausgesetzt waren.  Ihre Zahl übersteigt mittlerweile die der Opfer am 11. September selbst. Aber dazwischen starben in Afghanistan und dem Irak unzählige Menschen mehr. Von ihnen erzählt dieser Comic zu wenig, um seinem Anspruch einer Chronik gerecht zu werden.

02. Aug. 2021
von andreasplatthaus

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26. Jul. 2021
von andreasplatthaus

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Zwischen Hunden und Kosmonautinnen

Vor einem Monat hätten sich in der Münchner Villa Stuck zwei der prominentesten deutschen Comiczeichnerinnen zum öffentlichen Gespräch treffen sollen: Barbara Yelin und Anke Feuchtenberger. Der Termin wurde erst verschoben und dann ganz abgesagt, was doppelt schade ist. Nicht nur, weil Yelin an der HAW Hamburg bei Feuchtenberger studiert hat und die Begegnung also eine von zwei miteinander tief Vertrauten gewesen wäre, sondern auch, weil Gegenstand des Gesprächs Feuchtenbergers jüngster Comic hätte sein sollen, und den dürfte bislang kaum jemand kennen, obwohl es sich bei ihr doch um die wirkungsmächtigste und international wohl auch bekannteste der vielen exzellenten deutschen Comiczeichnerinnen handelt.

„Der Spalt“ heißt dieser Band, und auch ich kenne ihn nur, weil Anke Feuchtenberger ihn mir kürzlich zugesandt hat. Seit Jahren warte nicht nur ich, sondern die gesamte Schar der Feuchtenberger-Leser auf den bei Reprodukt angekündigten „Deutsches Tier im deutschen Wald“ – ein seit noch viel mehr Jahren in Arbeit befindliches Riesenprojekt, das zum Opus summus dieser Autorin zu werden verspricht. Auf Ausstellungen wurden schon Teile daraus gezeigt, eine bereits vielhundertseitige Version wurde beim Leibinger-Comicbuchpreis ausgezeichnet, doch das Warten geht weiter. Deshalb weckte die Ankündigung der Ankunft des „Spalts“ ein zunächst – halten zu Gnaden – zwiespältiges Gefühl, doch das wich mit dem Auspacken des riesenformatigen Heftes sofort.

Weil schon der Umschlag eine Sensation ist. Vorne schaut einem der treue Blick eines Hundes tief in die Augen, hinten wird man mit dem stolzen Blick einer Kosmonautin konfrontiert. Das Ganze wie gesagt im Überformat von 42 auf 30 Zentimeter und in Feuchtenbergers unnachahmlich gewischter Kohletechnik auf ockerfarbenem verstärktem Papier gedruckt – ein Augenschmaus, der einmal mehr die große Malerin zeigt. Seit Anke Feuchtenberger mit ihrem an mittelalterliche Klappaltäre angelehnten Bilderzyklus „Tracht und Bleiche“ im LWL-Museum von Münster vertreten ist, muss man fürchten, dass sie in der Kunstszene bekannter geworden ist als in der Comicszene.

Was insofern nur konsequent wäre, als Feuchtenberger stets betont hat, sie wüsste ja gar nicht, wie man Comics machte. Eine reichlich bescheidene Aussage für eine Frau, die seit Jahrzehnten als Professorin für Illustration die beste Ausbilderin in diesem Fach in Deutschland ist (was die Anzahl der aus ihrer Klasse stammenden Stars des Metiers beweist; ich nenne mal neben Yelin nur Sascha Hommer, Arne Bellstorf, Birgit Weyhe, Simon Schwartz und Line Hoven). Aber Tatsache ist, dass die 1963 in Ost-Berlin geborene Zeichnerin sich erst nach der Wende für Comics zu interessieren begann und deren Erzählstruktur niemals ganz für sich adaptierte. Dadurch wurde sie zur Avantgarde eines Erzählens, das ihr Publikum mit Begriffen wie „somnambul“ oder auch „introvertiert“, jedenfalls aber „feministisch“ beschrieben hat, während ihre Gegner – und deren gab und gibt es unter der traditionellen Comicleserschaft viele – Charakterisierungen wie „prätentiös“ oder auch „verstiegen“, jedenfalls aber „feministisch“ vorzogen. Immerhin also in einem Punkt Einigkeit.

Wobei Anke Feuchtenberger kein gesellschaftspolitisches Anliegen hat, sondern ein ästhetisches. Sie erzählt aus ihrer Wahrnehmung als Frau heraus in Bildern. Immer mehr sind die in den letzten Jahren zu Solitären geworden, einzeln angefertigten Motiven, die dann von der Künstlerin zu Geschichten arrangiert werden. „Der Spalt“ ist ein Musterbeispiel dafür, wie die als PDF herunterladbare Leseprobe zeigt (allerdings mit italienischem Text: https://www.canicola.net/wp-content/uploads/2021/05/La-Fessura-anteprima.pdf). Auf die Einfügung von Textelementen in die teilweise seitenfüllenden, nie über mehr als vier Bilder pro Seite hinausgehenden Panels verzichtet Feuchtenberger größtenteils, ihre in Worte gekleidete Erzählung läuft buchstäblich am Rand mit: über und unter den Bildblöcken, gesetzt in der charakteristischen Typographie, die ein Markenzeichen von Feuchtenberger ist: Spiralförmig ist ihr Buchstabe G, das E hat vier Querstriche.

Der Text ist in der Form eines Briefs an die Enkelin der Erzählerin verfasst, die das Kind auf die Welt vorbereitet – und auf das Dasein als Frau darin. „Der Spalt“ öffnet einen weiten Assoziationsraum, vom Abgrund über Zwischenzeiten bis zum weiblichen Geschlecht, und wenn jemals jemand am literarischen Potential dieser Autorin gezweifelt hätte, dann dürfte die Lektüre dieses Erfahrungsvermächtnisses genügen, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Und Feuchtenbergers Bilder haben noch einmal ein neues Niveau erreicht: durch die Kombination von surrealen mit hyperrealistischen Darstellungen, von anthropomorphen Figuren mit visionären, von Bildern aus der Welt von Feuchtenbergers Kindheit mit Szenen der gegenwärtigen Pandemiesituation.

Erschienen ist „Der Spalt“, den die Autorin selbst als „graphischen Essay“ bezeichnet, im Canicola Verlag aus dem italienischen Bologna, der seit 2004 gemeinsam mit Coconino die Speerspitze der italienischen Comicavantgarde bildet. Keine Sorge: Es handelt sich dabei um eine deutschsprachige Ausgabe, denn die Villa Stuck war als Auftraggeberin mitbeteiligt, und bei Canicola hat man keine Scheu vor fremdsprachigen Produktionen – Anke Feuchtenberger zählt zu den Habitués des Hauses. Dementsprechend schwierig ist es aber auch, ihre dortigen Publikationen im deutschen Buchhandel zu finden. Dabei sind siebzehn Euro für dieses ungewöhnliche und prachtvoll gedruckte Heft ein Witzpreis. Die Auflage ist leider auch niedrig, also sollte man sich beeilen, wenn man noch in den Genuss kommen will. Auf der Homepage von Canicola wird der Band noch als erhältlich ausgewiesen, erfreulicherweise bietet Feuchtenbergers deutscher Verlag Reprodukt einen hiesigen Vertrieb des Heftes an (https://www.reprodukt.com/Produkt/Produkt/der-spalt/). Und das Münchner Gespräch mit Barbara Yelin über “Der Spalt” wird auch noch nachgeholt: am 19. Oktober um 19 Uhr in der Monacensia im Hildebrandhaus. Hoffentlich lässt es die Pandemielage zu.

26. Jul. 2021
von andreasplatthaus

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