Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

27. Nov. 2022
von andreasplatthaus
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Gezeichnetes Zeichnenlernen nicht nur für Kinder

Kürzlich war ich auf der Kibum. Klingt gefährlich: als zündelte da etwas, und dann folgte die Explosion. Wir Comicleser denken ja onomatopoetisch. Aber das Akronym steht für „Kinderbuchmesse“, und die gibt es seit fast einem halben Jahrhundert jedes Jahr im Herbst in Oldenburg. Nicht eben um die Ecke, aber der an der dortigen Universität Kinder- und Jugendliteratur lehrende Thomas Boyken bereicherte das Rahmenprogramm der diesjährigen Kibum um eine Tagung zu Comics (in Kooperation mit der Universität Leipzig). Und daran habe ich teilgenommen.

Die Kibum hat sich längst für Comics geöffnet (ganz im Gegensatz zu vielen Kinder- und Jugendbuchexperten, die gerne immer noch die Schmutz-und-Schund-Debatte der fünfziger Jahre führen). Ihr diesjähriges Motto lautete: „Mehr als krach & bumm! KIBUM, Comics und Graphic Novels“, und damit trägt sie der Tatsache Rechnung, dass Comics einen immer größeren Teil der Lektüre bei Minderjährigen ausmachen. Vor allem Manga. Der Umsatz mit ihnen hat sich 2021 gegenüber dem Vorjahr um mehr als achtzig Prozent erhöht. Da kommt kein anderes Segment des gesamten Buchmarkts mit.

Nun gab es nicht massenhaft Manga auf der Kibum, aber einige konnte ich dann doch in den endlosen Regalen auf zwei Ebenen im Kulturzentrum PFL (das nicht so hässlich ist, wie der Name klingt, denn PFL steht für die historische Bezeichnung  „Peter Friedrich Ludwig Hospital“, was sich als prächtiger Klassizismusbau erweist. Davor stehen zur Öffnungszeit um 8.30 Uhr ein halbes Dutzend Schulklassen (und das werden im Laufe des Vormittags noch viel mehr), die hier elf Tage lang einen Überblick zur deutschsprachigen Kinder- und Jugendbuchproduktion der letzten zwölf Monate bekommen. Wie im Buchladen: alles aufgereiht. Wie in der Bibliothek: alles zum Lesen. Und drum herum gibt es tagsüber Veranstaltungen mit Gästen, die ihre Bücher vorstellen. Schönes Konzept.

Aber das hier ist ja kein Blog für Erlebnisschilderungen (deshalb auch nichts über die hochhinteressante Tagung), sondern es soll vornehmlich um Comics gehen. Und es gab einen auf der Kibum, der eigens für die Veranstaltung gezeichnet und gedruckt worden ist: „Das Kibum-Comicbuch“. Zwei Autoren-Zeichner-Gespanne haben es erarbeitet: Volker Schmitt und Màriam Ben-Arab sowie Patrick Wirbeleit und Kim Schmidt. Die ersteren beiden erzählen eine Zukunftsgeschichte um das kleine Mädchen Eira, deren leben allerdings einen eher archaischen Eindruck macht – Dystopie im Aussehen, aber Utopie im Verhalten. Wirbeleit und Schmidt dagegen holen einen Wikinger namens Gorm Grimm aus der Vergangenheit, der ein modernes fast-Food-Lokal aufmischt – viel Action und Slapstick. Und die eine wie die andere Geschichte kindergerecht im guten Sinne.

Dazu gibt es jeweils Erläuterungen der Macher zu Ihrer Arbeitsweise. Das „Kibum-Comicbuch“ ist also ein Nachmachbuch (auch im besten Sinne). Doch als ich es kaufen wollte, hieß es am gutsortierten Bücherstand im Souterrain, diese Publikation werde nur an Grundschulklassen verschenkt, die die Messe besuchen. Kein Verkauf. Aber die gesamte Publikation stehe im Internet gratis parat. Auf der Kibum-Homepage.

Die allerdings, das wusste ich von vorherigen Besuchen, ist die unübersichtlichste Homepage der Welt. Öffnungszeiten etwa? Keine Chance, sie in den einschlägigen Rubriken zu erfahren. Und das Kibum-Comicbuch habe ich auch so lange vergeblich gesucht, bis mir eine freundliche Mitarbeiterin der Oldenburger Stadtbücherei (Ausrichterin der Kibum) den Link schickte. Und hier ist er für alle, die wie ich sonst bei der Suche verzweifelten:  https://www.kibum.de/documents/kibum-ebook/2022/kibum-comicbuch/#0. Lesen lohnt, auch wenn man kein Kind mehr ist. So sieht gute Comicvermittlung aus.

27. Nov. 2022
von andreasplatthaus
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22. Nov. 2022
von andreasplatthaus
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Liebesgeschichte und Liebeserklärung

Stellen wir uns einmal vor, es wäre schon Ende Januar, der letzte Donnerstag im Monat. Dann sind wir in the mood for love, wie Bastien Vivès sie in seinem neuen Comic beschreibt: „Dernier week-end de Janvier“, erschienen beim französischen Verlag Casterman. Ob dieser band je ins Deutsche übersetzt wird, weiß ich nicht; das Thema könnte zu französisch sein. Nicht der Liebe wegen, sondern eben des titelgebenden letzten Januarwochenendes, denn das signalisiert für Comicleser aus unserem Nachbarland: Angoulême.

Natürlich das dortige Festival international de la bande dessinée, die wichtigste Comicveranstaltung in ganz Europa, Mekka der Szene, ausgerichtet tief im Südwesten Frankreichs, in einer Kleinstadt, die vier Tage lang aus allen Nähten platzt und in der das ganze Jahr über Straßennamen zu lesen sind, die berühmte Zeichner ehren. Diese Stadt lebt Comic, und für vier Tage im Jahr lebt der Comic dort. Und das ist der Handlungsrahmen für Bastien Vivès, in Angoulême schon ausgezeichnet für sein Debüt, das fabelhafte Album „Der Geschmack von Chlor“ aus dem Jahr 2009, da war der Autor gerade einmal fünfundzwanzig Jahre alt. Heute, dreizehn Jahre später, ist aus ihm ein Star geworden, der sich auf allen Felden tummelt, kürzlich erst als Modernisierer von Hugo Pratts Abenteuercomicklassiker „Corto Maltese“ (auch von diesem Blog gewürdigt: https://blogs.faz.net/comic/2022/09/26/ausweitung-der-corto-chronologie-1976/).

Der neue Band ist dagegen selbst geradezu klassisch: Als hätte ein Filmregisseur wie Eric Rohmer oder Claude Chabrol sich an einem Porträt der Comicszene versucht. Wunderschön sieht das aus, ganz leise läuft das aus, aber mit kühler Präzision hin zum unauflösbaren Dilemma. Die Geschichte: Der mit einem in der NS-Zeit spielenden Album namens „Opération Hitler“ erfolgreiche Zeichner Denis Choupin trifft am ersten Festivaltag in Angoulême ein, ist dort einsamer als erwartet, weil sein Szenarist erkrankt ist, und hat sich am letzten Tag in die schöne Vanessa verliebt, die als Begleiterin ihres comicbegeisterten Gatten Christophe angereist ist und sich in Angoulême zu Tode langweilt. Wer je dort war und das übliche Pech hatte, in Schnee und Kälte zu geraten (auf beides ist die Stadt wie ebenfalls üblich nicht gut vorbereitet), der wird sich vorstellen können, was die Anwesenheit für jemanden bedeutet, der keinen Drang verspürt, in die Ausstellungen zu gehen oder sich in die Signierschlangen einzureihen.

So sieht das aus: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/albums/dernier-week-end-de-janvier – grau und kalt wie eben Angoulême meist Ende Januar. Vivés hat die Grauschattierungen längst zu einem Markenzeichen gemacht, kaum noch Spuren des großflächigen Farbauftrags von „Der Geschmack von Chlor“, und hier passt seine Ästhetik perfekt zum Inhalt. Auch zur Tristesse von Vanessa, die sich auch in Denis verliebt, aber am Ende weg ist. Vorher aber gibt es noch viel mehr Reise- als Liebesverwirrungen, denn eigentlich müsste Denis schon am Samstagabend nach Paris zurück, um die Hochzeit seines Sohnes zu feiern. Ein Ticket hat er nicht, und in den französischen TGV gilt harte Reservierungspflicht. Aber nachdem er Vanessa durch Zufall kennengelernt hat, sind seine Gedanken ohnehin selten bei der Familie daheim

Diese Liebesaffäre ist typisch französisch und als solche wenig originell. Was „Dernier week-end de Janvier“ reizvoll macht, sind Stimmung und Dekors. Nur ganz zu Beginn grüßt eine Comicfigur in die Geschichte hinein: vom Eingangsportal des Bahnhofs, danach spielten sich zwar viele authentische Details im Hintergrund ab, aber sie sich meist nur angedeutet, also nur für Kenner zu genießen. Wen das Festival nie besucht hat, wird aber trotzdem nichts vermissen.

Denn was zählt, ist die amouröse Ambivalenz der beiden Hauptfiguren (Christophe bleibt ein Abziehbild, eine echte Comicfigur, wie Vanessa sie in deren Eindimensionalität verspottet). Aber was Denis und Vanessa zueinander zieht, das erklärt Vivès nicht, das zeigt er einfach als Faktum, und man glaubt jede Geste. Dieser große Erotiker des französischen Comics macht sogar einen Liebesakt völlig unpeinlich zu einer Sequenz von mehreren Seiten, den hier wird im besten Sinne bürgerlich geliebt: kein Hollywood-Gestöhne oder Strip-tease für die Betrachter, sondern ein sich aus den Berührungen ergebendes Verführen, das auf Dialoge ebenso verzichten kann wie auf Haut-Schauwerte. Vivès, möchte man einen, ist auf einen Schlag erwachsen geworden.

Unvergesslich der nächtliche Besuch eines Clubs irgendwo unterhalb des Hügels mit der Altstadt, und man geht in Gedanken mit den Protagonisten, weil man ihre Unvertrautheit mit dem Angoulême abseits des Festivals kennt. Da sind die Treffen der Zeichner und Verlagsleute im „Chat noir“ und anderswo, die Abendessen, die beiden großen Hotels, in denen alle Etablierten unterkommen, und da sind die kleinen Rituale der Besucher. Psychogramm einer Faszination, Topographie eines Comicfestivals – Vivès liefert beides in Vollendung.

Man möchte danach sofort aufbrechen nach Angoulême, obwohl keine der Schattenseiten des Festivals verschwiegen wird. Aber wie immer, wenn man bei Lektüren bekanntes Terrain vorfindet, entsteht Sehnsucht. Und es würde mich interessieren, ob es Menschen, die bislang nicht dorthin gereist sind, dank Bastien Vivès‘ Liebeserklärung an Stadt und Festival ähnlich gehen könnte. Das spräche dafür, dass er einen glaubwürdigen Raum für seine Geschichte geschaffen hat – eine Stadtlandschaft, die wir als reale erkennen, auch wenn wir nie dort gewesen sind. Für die von diesem Comic hoffentlich derart Bewegten also hier die wichtigste Information: Das nächste Festival findet vom 26. bis zum 29. Januar 2023 statt.

22. Nov. 2022
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11. Nov. 2022
von andreasplatthaus
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Kein Einfluss auf niemand

Der Mainzer Ventil-Verlag hat ein Themennest gefunden, voller goldener Eier. Seit zwei Jahren publiziert er Comicsammelbände zu Popmusik, aber mit einem besonderen Konzept: Zeichner adaptieren (und interpretieren dabei natürlich auch) Songtexte von bekannten deutschen Bands. Los ging es mit Tocotronic und Stereo Total (beides an dieser Stelle auch gewürdigt: https://blogs.faz.net/comic/2020/11/20/und-unsere-leidenschaft-ist-ihnen-raetselhaft-1641/ und https://blogs.faz.net/comic/2022/07/18/drei-grosse-tote-in-berlin-1934/), dann kamen Fehlfarben, und nun sind Ton Steine Scherben dran, angekündigt sind bereits die Go-Betweens..

Ganz neu ist die Idee natürlich nicht. Hierzulande ist mir dieses Konzept vor bald anderthalb Jahrzehnten zum ersten Mal begegnet: mit dem von Olivia Vieweg herausgegebenen, im Mangastil gehaltenen „Storybook“ zu Liedern der Band Subway to Sally, dem 2012 noch ein zweites folgte. Auch darin hatten jeweils unterschiedliche Comiczeichner die Texte der Band als Vorlagen für Geschichten genommen. Aber warum soll eine gute Idee keine Wiederauferstehung erleben? Zumal, wenn die beiden Herausgeber der Ventil-Reihe, Gunther Buskies und Jonas Engelmann, namhafte Mitwirkende zu bieten haben?

Die Liste der Beteiligten liest sich in der Tat wie ein Who is Who der deutschsprachigen Comicszene (und eine Leseprobe hat Ventil immer noch nicht hinbekommen, aber in einer Rezension des Deutschlandfunks findet man zumindest wenige Beispiele aus dem Band: https://www.deutschlandfunkkultur.de/keine-macht-niemand-comic-ton-steine-scherben-100.html). Um nur einige zu nennen, die am jüngsten Band, dem zu Ton Steine Scherben, mitgezeichnet haben: Kathrin Klingner, Nicolas Mahler, Bianca Schaalburg, Sheree Domingo, Reinhard Kleist, Mia Oberländer, Sascha Hommer, Jan Soeken, Ulli Lust. Die Reihenfolge dieser Berühmtheiten folgt der Anordnung im Buch, die sich wiederum an der Playlist des Ton-Steine-Scherben-Albums „Keine Macht für niemand“ von 1972 orientiert, denn mit dem Fehlfarben-Band wurde ein neues Konzept etabliert: nicht einfach Lieblingssongs wie in den ersten beiden Comicbüchern, sondern Konzeptalben, die eine gesamte Platte abbilden. Bei Fehlfarben war es natürlich „Monarchie und Alltag“, und auch bei Ton Steine Scherben ist die berühmteste ausgewählt worden.

Das erweist sich allerdings als Problem, denn dieses weitaus eingeschränkterer Konzept erlaubt nur noch in Ausnahmefällen die Umsetzung von  Lieblingsstücken. Das meiste wird zur Pflichtaufgabe, und genau so klingen dann auch die einleitenden Worte der beteiligten Zeichner. Der Regelfalle ist: Ich kannte das Stück noch gar nicht … oder „Ich bin nicht mit Ton Steine Scherben … aufgewachsen – was auch daran liegen mag, dass die Platte fünfzig Jahre alt ist, die älteste beteiligte Künstlerin aber erst fünfundfünfzig. Biographische Erlebnisse verbinden sich also für kaum jemanden mit der Musik.

Und das merkt man etlichen Comics auch an. Daran können dann nicht einmal die kurzen Stellungnahmen von Musikern oder Aktivisten, die an der Aufnahme von „Keine Macht für niemand“ mitgewirkt haben, vor den einzelnen Liedadaptionen etwas ändern. Natürlich sieht man gerne Comics von solchen Könnern, aber gute Zeichnungen allein machen noch keine guten Geschichten aus. Und Liedtexte bieten in wenigsten Fällen geeignete Szenarios. Da muss etwas hinzutreten, was aber nur von der Zeichnerin Daniela Heller in ihrem Comic zu „Der Traum ist aus“ geleistet wird: eine zweite inhaltliche Ebene.

Schade also, dass das vielversprechende „Songbook“-Konzept schon so schnell verwässert. Zumal diesmal auch die comicartigen Zugaben aus dem Bandumfeld eher peinlich sind: Kürzestgeschichten von Rio Reiser und Nikel Pallat. Aber auch solche Zugaben gehören eben zum Konzept; Qualität darf da keine Rolle spielen. Aber nur daran wird sich die Berechtigung der Reihe bemessen lassen. Sofern es dem Ventil Verlag nicht reichen sollte, an die jeweiligen Fans einer Band ein paar hundert Bücher zu verkaufen.

11. Nov. 2022
von andreasplatthaus
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05. Nov. 2022
von andreasplatthaus
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Widerstand muss nicht schön aussehen

Kurz bevor die letzten Résistance-Mitglieder gestorben sein werden, bekommen sie noch einmal die verdiente Aufmerksamkeit. Siehe Anne Webers Versroman „Annette – Ein Heldinnenepos“ über die 1923 geborene Anne Beaumanoir, der vor zwei Jahren den Deutschen Buchpreis bekam – früh genug, damit die im vergangenen März im Alter von 98 Jahren gestorbene Widerstandskämpferin es noch erleben konnte.  Und auch Madeleine Riffaud, Jahrgang 1924, kann sich daran erfreuen, dass der ihr gewidmete Comiczyklus „Madeleine, die Widerständige“, den der Szenarist Jean David Morvan und der Zeichner Dominique Berthail auf der Grundlage gemeinsamer Gespräche erarbeitet haben, nun erschienen ist – zumindest Teil eins von drei geplanten. Und nicht nur, dass der Auftaktband prompt in diesem Jahr den in Angoulême verliehenen Prix Réné Goscinny für das beste Szenario gewann – womit die als Mitautorin ausgewiesene Riffaud zur ältesten Comicpreis-Siegerin aller Zeiten wurde –, er ist auch schon in deutscher Übersetzung erschienen, beim Avant Verlag.

Und die Lektüre lohnt. Nicht wegen der Zeichnungen, dafür ist Berthails Kunst zu konventionell, wie man hier überprüfen kann: https://www.avant-verlag.de/comics/madeleine/#cc-m-product-9120665720. Blaustichig, wie man es aus den Klischeedarstellungen historischer Stoffe kennt, realistisch gehalten und seitenarchitektonisch unoriginell, aber genau das kommt in Frankreich gut an bei Lesern von Geschichtscomics. Und die gibt es so viele wie nie zuvor, zumal wenn es sich um Stoffe über den Zweiten Weltkrieg handelt. Die Zahl speziell der Berlin- oder Résistance-Comics aus jüngerer Zeit ist Legion.

Davon ist bislang wenig über den Rhein zu uns gekommen. Man mag es nachvollziehbar finden, denn für deutsche Leser bieten diese Erzählungen keine erfreulichen Tatsachen. Bezeichnend, dass es vor allem Jacques Tardis Weltkriegs-Comics sind, die auch hierzulande bekannt sind, denn Tardi ist Antimilitarist und schaut auf beide Seiten mit derselben Skepsis; Krieg ist für ihn unmoralisch. Die Aktionen der Résistance aber waren es nicht; und auch wenn Madeleine Riffaud während des Untergrundkampfs gegen die deutschen Besatzer getötet hat, kann man ihr das angesichts der NS-Verbrechen in Frankreich und anderswo nicht vorhalten. Sie selbst wurde in deutschen Gefängnissen gefoltert.

Das ist noch gar nicht Thema des ersten Bandes mit dem prätentiösen Untertitel „Die entsicherte Rose“. (Was soll die Übersetzerin Annika Wisniewski machen? Auf Deutsch klingt das einfach miserabel, während „la rose dégoupillée“ zwar das Gleiche meint, aber viel besser mit „die scharfgemachte Rose“ ausgerückt wäre – doch wie könnte man das über eine Frau sagen?) Der erste Teil ihrer Lebensbeschreibung geht bis Herbst 1942, als Madeleine, die sich als Résistance-Kämpferin den Decknamen „Rainer“ (nach Rilke) geben wird, ihrem ebenfalls im Widerstand aktiven Freund den Laufpass gibt, weil das Risiko zu groß ist, dass Sich-Liebende von den Deutschen gegeneinander ausgespielt werden, wenn beide verhaftet werden. Die Existenz im Untergrund beginnt also gerade erst am Ende dieses ersten Teils, aber interessant ist die Handlung allemal schon jetzt, weil man erzählt bekommt, wie die damals noch nicht volljährige Madeleine in den Widerstand gelangt. Und wie viel mutige Franzosen es damals gab.

Die Geschichte lebt von der stets durchhörbaren Stimme der heute greisen Riffaud, die überhaupt erst in ihren Siebzigern über ihre Erlebnisse Zeugnis abgelegt hatte – um den im Widerstand getöteten oder danach gestorbenen Kameraden ein Andenken zu sichern. Von der Idee, daraus auch einen Comic zu machen, musste die dann bereits Mittneunzigerin durch andere überzeugt werden, aber mit Morvan und Bertheil scheint sie gut zusammengearbeitet zu haben, wenn man einem mehrseitigen illustrierten Anhang glauben darf, in der das Zustandekommen dieses Teams erzählt wird – und es auch noch etliche Details gibt, die im Comic keinen Platz gefunden haben. So ist der Band ganz nebenbei eine Art Lehrbuch für Adaptionen von oral history. Auch nicht uninteressant.

Falsches Pathos gibt es nicht in Riffauds Erinnerungen, aber eine Menge echter Gefühle, und Morvan hat es exzellent verstanden, genau das in den Mittelpunkt des ersten Bandes zu stellen. Besonders spannend verspricht es aber zu werden, wenn Riffaud lange nach dem Krieg zur politischen Aktivistin und Journalistin wird und unter anderem nach Nordvietnam reist, um dort die Bombenangriffe der Amerikaner zu dokumentieren. Das ist eine verblüffende Parallele zu Anne Beaumanoir, die sich als ehemaliges Résistance-Mitglied für den algerischen Unabhängigkeitskampf engagierte. Beie ernteen nicht nur Verständnis in ihrer französischen Heimat dafür. Egal, wie unverlockend die Bilder dieses Comics sind, die Geschichte reißt mit. Und Morvan weiß das genau, weshalb es etliche Vorausverweise gibt. Ich kann Band zwei und drei kaum erwarten. Und Mme Riffaud möge bitte mindestens hundert werden, damit sie den Abschluss ihres Lebensprojekts noch erlebt.

05. Nov. 2022
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28. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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Kim und seine Killer

Über die Funktionsweisen von Diktaturen sind wir in diesem Jahr bereits mehrfach leidvoll aufgeklärt worden: durch Putins Russland mit seinem Krieg gegen die Ukraine, durch Xis China mit seinem vor ein paar Tagen beendeten Parteitag der Kommunistischen Partei, die jede Oppositionstendenz beseitigt hat, durch Chameneis Iran mit dessen Terror gegen Demonstranten oder durch Kims Nordkorea mit seinen Raketendemonstrationen über der Japanischen See, die von der katastrophalen nationalen Wirtschaftslage ablenken sollen. Braucht es neben der eigenen Politik ihrer Führer noch weitere Nachweise für den hemmungslosen Totalitarismus dieser Länder?

Wenn ja, dann empfiehlt sich im Falle Nordkoreas die Lektüre eines Comics, er gerade bei der Edition Moderne erschienen ist und lange erwartet wurde. Zumindest seit vergangenem Herbst, als er den höchstdotierten deutschen Comicpreis zugesprochen bekommen hat: den der Berthold-Leibinger-Stiftung, der jedes Jahr für eine noch in Arbeit befindliche Geschichte vergeben wird. Die Zeichnerin dieses Comics ist die in Berlin lebende Sheree Domingo, die bereits mit ihrem Debüt „Ferngespräch“ in die engere Auswahl für den Leibinger-Preis gekommen war, und als Szenarist tritt Patrick Spät auf, auch er schon leibingernominiert für „Der König der Vagabunden“. Erfreuliche Gleichung: Zweimal Finalisten zusammen macht einmal Triumph.

Wobei ich als Mitglied der Jury des Leibinger-Preises weiß, dass alles streng anonymisiert wird, bevor wir die eingereichten Comicprojekte prüfen, und Domingos Stil war mittlerweile derart anders als in ihrem ersten Buch, dass ich niemals geahnt hätte, welche Macher sich hinter der Gewinnergeschichte verbargen. Nun aber endlich deren Name: „Mme Choi & die Monster“. Und so sieht der Comic aus: https://www.editionmoderne.ch/buch/madame-choi-und-die-monster/.

Wie gesagt: Es geht um Nordkorea. Aber nicht nur. Es geht auch um Film- und Mythengeschichte, um Liebe, Psychologie und Wahnsinn. Die Handlung ist derart unglaublich, dass es wohl zwingend war den Zusatz „nach einer wahren Begebenheit“ aufs Cover zu setzen. Anfang 1978 ließ Kim Jong-il, damals bereits designierter Nachfolger seines Diktatorenvaters Kim  Il-sung, die südkoreanische Starschaupielerin Choi Eun-hee und deren Ex-Ehemann, den Regisseur Shin Sank-ok, beide damals einundfünfzig Jahre alt und nicht mehr ganz auf der Höhe ihres früheren Ruhms, getrennt voneinander entführen und in sein Land verschleppen, wo sie erst einmal jahrelang indoktriniert, umerzogen, im Falle von Shin auch gefoltert wurden, ehe sie 1983 wieder zusammengeführt, verheiratet und zu gemeinsamen Dreharbeiten im Dienste Kims gezwungen werden. Denn Kim war Filmliebhaber. Drei Jahre später gelang beiden bei einem Filmfestival in Wien die Flucht, sie fanden Exil in den USA, und der einzige bedauerliche Aspekt dieser Rettung ist, dass Shin schon 2006 starb, während Choi ihren Peiniger Kim, der 2011 das Zeitliche segnete, noch um sieben Jahre überlebte.

Irre Geschichte – was bräuchte es mehr? Nun, Spät und Domingo führen es vor. Sie erzählen diese Menschenräuberpistole als große Allegorie auf Diktaturen schlechthin, denn sie bauen in freier Bearbeitung den Stoff eines von Shin mit Choi gedrehten Spielfilms  mit ein: „Pulgasari“ von 1985, bizarrerweise das Remake eines südkoreanischen Films des Jahres 1962 von einem anderen Regisseur, dessen Kopie aber heute verschollen ist – es geht das Gerücht, dass Kim Jong-il das Werk so sehr geliebt hat, dass er es stehlen ließ. Und später eben durch seine Menschenbeute nachdrehen ließ. Beide Filme erzählen von einem eisenfressenden Monster, das Angst und Schrecken unter der koreanischen Bevölkerung verbreitet. Vorbild war die japanische Godzilla-Serie, und der Filmfan Kim ließ es sich nicht nehmen, den Japaner, der im Godzilla-Kostüm gesteckt hatte, Kenpachiro Satsuma, für sein Remake als Monsterdarsteller zu engagieren (notabene: nicht zu entführen!).

Deshalb also „die Monster“ im Titel des Comics, aber mit denen sind natürlich mehr noch Kim und seine Handlanger gemeint. Und in gewisser Weise auch die Männer, unter denen Choi privat gelitten hat: ihr erster Ehemann und dann auch Shin, der ihr untreu geworden war. Die Schauspielerin ist als Titelfigur auch Mittelpunkt des Geschehens, und das kleine Mädchen, das in „Pulgasari“ mit Hilfe des Monsters gegen den bösen König  kämpft, bis es am Ende auch die nimmersatte Kreatur besiegen muss, ist Chois Alter Ego in jedem Sinne. Wie Spät und Domingo die beiden Erzählstränge montieren, ist höchst subtil, und wie es ihnen gelingt, koreanische Elemente in ihre Bildersprache einzubringen, ohne Exotismus anheimzufallen, ist fast schon mustergültig (wenn wir mal von ein paar ganzseitigen allzu blüten- und vogelseligen Panels absehen, die aber als retardierende Momente eine wichtige erzählende Funktion besitzen).

170 Seiten hat dieser Comic, und wäre er doppelt so dick geworden, hätte ich mich nicht beklagt, denn man kann ihn gar nicht aus der Hand legen. Zumal er sich leicht liest: textreiche Passagen, vor allem aus der nordkoreanischen Umerziehungsgefangenschaft, wechseln mit bildmächtigen Sequenzen aus dem Pulgasari-Stoff ab, die bewusst filmische Schnitttechniken nachahmen. Und dann ist der ganze Comic noch aufgemacht wie ein Pulp-Heft: reißerisch die Titelbildgestaltung, broschiert das Buch, aber dann mit dem grandiosen Kniff eines Ausfaltumschlags, der plötzlich ein historisches Foto zeigt, auf dem Choi und Shin den grinsenden Kim Jong-il flankieren. Und dieses Dokument belegt aufs Schönste, wie geschickt sich Domingos Zeichnungen der Realität anschmiegen, ohne nur im Ansatz realistisch zu wirken. Aber alles ist wahrhaftig in dieser Wahnsinnswelt – leider für die Welt, erfreulicherweise für den Comic.

28. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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24. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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Zeitweise Zeitreise

Viel über Alan Moore habe ich geschrieben, letzte Woche erst wieder. Aber keine einzelne Comicserie dürfte in diesem Blog so häufig Beachtung gefunden haben wie „Spirou“. Einerseits liegt das daran, dass ich sie sehr mag, andererseits daran, dass der seit 1938 abenteuerlustig durch die ganze Welt reisende Hotelpage und spätere Reporter jung geblieben ist, indem er immer wieder neuen Autorengenerationen übergeben wurde: Auf den Erfinder Rob-Vel folgte erst Jijé, dann André Franquin. Ihm folgten wiederum Jean-Claude Fournier, Nic & Cauvin, Tome & Janry, Morvan & Munuera sowie Yoann & Vehlmann, gar nicht gerechnet die Unzahl von berühmten Zeichnern, die ambitionierte Einzelprojekte mit den Figuren um Spirou veranstalten durften, beginnend mit Yves Chaland 1982 über den erfolgreichsten Gastautor, Émile Bravo, dessen „Journal d’un ingénu“ (auf Deutsch: „Porträt eines Helden als junger Tor“) die Serie 2008 einerseits historisierte und andererseits aus dem Dornröschenschlaf weckte, bis hin zu Yann und Schwartz, die in ihren Sonderalben diese durch Bravo populär gemachten Zeitreisen in Spirous Frühzeiten weiterführten. Und damit sind noch längst nicht alle Macher von „Spirou“ benannt. Der Dupuis Verlag versteht es wie kein anderer, seine Hauptserie ständig neu zu beleben (manchmal auch zu jungforsch, siehe Lewis Trondheims Beitrag).

Nun ist wieder mal ein neues Autorenteam in der regulären Serie am Werk, und einer davon ist ein alter Bekannter: Olivier Schwartz mit seinem Zeichenstrich, der die Novelle Ligne Claire noch einmal erneuert. Ihm stehen Benjamin Abitan und Sophie Guerrive als Szenaristen zur Seite – Letztere die erste Frau, die an „Spirou“ mitwirkt (und eine erfolgreiche Bilderbuchautorin). Ihr kürzlich erschienenes erstes Album, das sechsundfünfzigste. In der französischen Serie, tut indes so, als wäre alles sofort wieder zu Ende: Es trägt den Titel „La mort de Spirou“, und Ende Februar wird es bei Carlsen auch auf Deutsch erscheinen („Der Tod von Spirou“ wird erstaunlicherweise als Band 54 der hiesigen Reihe ausgewiesen).

Und ja: Spirou stirbt tatsächlich. Wie, das soll hier nichts zur Sache tun, denn Spannung muss sein, und für eine Wiederauferstehung ist ein Hintertürchen offengelassen. Doch erst einmal wird am Ende dieses Albums angesichts des Ablebens des Altstars ein neuer Titelheld vorgestellt, und zwar im Rahmen der feiern des hundertsten Geburtstags des belgischen Originalverlags Dupuis – der in diesem Jahr tatsächlich real gefeiert wird. Man darf gespannt sein, wie Carlsen dieses Übersetzungsproblem löst, aber da das Hamburger Haus im kommenden Jahr siebzig wird, dürfte man das eigene Jubiläum in den Text einbauen.

Die Geschichte ist actionreich und spielt unter Wasser wie André Franquins „Spirou“-Klassiker „Das Versteck der Muräne“ von 1955. Genau den Stil dieser Zeit hat sich Schwartz zum Vorbild genommen, aber er unterzieht die Welt von Spirou trotzdem einer Modernisierung, denn die Handlung ist ja heute angesiedelt. Und so gibt es Tablet-Computer, und der legendäre Turbot-Sportwagen von Spirou und seinem Freund Fantasio sieht aus wie ein Limited-Edition-Roadster unserer Tage. Dieser Comic ist wie auf ständiger Zeitreise zwischen den fünfziger Jahren und der Gegenwart. Einen Eindruck von diesem ästhetischen Epochenhybrid bekommt man hier: https://www.bubblebd.com/spirou-et-fantasio-tome-56-la-mort-de-spirou/album/UDhCICyz0rSlvJ.

Es gibt etwas zuviel Action, und das neue Autorenteam will auch einige alte Bekannte zu viel revitalisieren, aber man schaut einfach gerne zu, was Schwartz da zeichnet. Mit sechzig Seiten nehmen Abitan und Guerrive sich richtig Platz, wobei es zwei ganzseitige Bilder gibt – das erste pathetisch, allerdings auch dramaturgisch redundant kurz vor Schluss, und das zweite dynamisch zum Abschluss als Ausblick auf kommende Abenteuer. Und wenn man dieses im Stil eines Covers gehaltene Bild sieht, dann möchte man tatsächlich, dass Spirou tot bleibt und sich die neue Figurenkonstellation bewähren darf, die sich da vorstellt. Natürlich wird es nicht so kommen, denn das wär ja wirklich das Ende von „Spirou“. Aber eine Serie, die sich schon so häufig neu erfunden hat, könnte doch einmal ganz radikal mit allen Erwartungen brechen.

24. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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19. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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Hollywoods schwarze Seite

Alan Moore und Kevin O’Neill? Seit „The League of Extraordinary Gentlemen“ ein Traumpaar des Comics. 1999 haben die beiden Engländer ihre Zusammenarbeit an der Serie begonnen und 2020 mit „Der Sturm“ so etwas wie einen Abschluss geschaffen – wobei gerade Moore dermaßen offen seinen Abschied von der Comicbühne verkündet hat, dass man ihm kein Finale mehr glaubt.  Doch jetzt haben er und O’Neill eine neue Serie begonnen, die zumindest kaum Luft für weitere „Extraordinary Gentlemen“-Abenteuer lassen dürfte.

Sie heißt „Cinema Purgatorio“ und erzählt in jeweils achtseitigen Schwarzweißcomics skurrile Episoden aus der Kinogeschichte. Wobei acht Seiten für Moore natürlich ein Witz sind, und so hat es damit auch nicht sein Bewenden, sondern jedem Comic-Kapitel ist ( noch ein zwischen zwei und zehn Seiten (in der mir vorliegenden deutschen Ausgabe von Dantes Verlags) umfassender Kommentarteil beigegeben, der zwar manchmal auch Einzelillustrationen aus O’Neills Feder aufweist, aber durchaus auch aus reinem Text von Moore bestehen kann. Die Lektüre der Annotationen dauert jedenfalls immer deutlich länger als die des Comics, den sie erläutern.

Wir kennen dieses Verfahren aus einem Begleitband zur legendären Moore-Serie „From Hell“ (dieser über einen Zeitraum von zehn Jahren entstandene Comic über Jack the Ripper war von Eddie Campbell gezeichnet und von den Hughes-Brüdern 2001 verfilmt worden, mit Johnnie Depp in der Hauptrolle) . Darin waren Seite für Seite, Panel für Panel, Detail für Detail die Quellen und Überlegungen von Moore zum geschichtlichen Hintergrund aufgelistet, und es gibt weitere Bücher, die seine minutiösen Szenarios wiedergeben, die den Zeichnern kaum Luft für irgendwelche Eigenleistungen außer ihrem jeweiligen Stil lassen. Das hat solche Stars wie Brian Bolland (mit „The Killing Joke“), Dave Gibbons („Watchmen“), David Lloyd („V for Vendetta“) , Bill Szienkiewicz („Big Numbers“) oder John Totleben („Swamp Thing“) nicht abgehalten, mit dem anspielungsreichsten Szenaristen der Comicgeschichte zusammenzuarbeiten, doch mir keinem währte eine solche Kooperation derart lange wie mit Kevin O‘Neill.

Die beiden Autoren sind Jahrgang 1953 – im kommenden Jahr steht also zweimal siebzigster Geburtstag an, und mit „Cinema Purgatorio“ sind sie bei Geschenken schon einmal in Vorleistung gegangen. O’Neills kantiger Figurenstil ist auch im für ihn ungewohnten Schwarzweiß (die „League“-Comics waren rauschende Farbenfeste) unverkennbar – man sehe es sich hier an: https://www.dantes-verlag.de/gesamtprogramm/cinema-purgatorio/cinema-purgatorio/#cc-m-product-11473019421 -, und Moore packt einmal mehr sein enzyklopädisches Wissen bei ephemeren Themen aus.

Wobei Kinogeschichte den Vorzug hat, über die beteiligten Stars populäre Mythen zu schaffen, die einem großen Publikum zumindest in Ansätzen bekannt sind. Und Moore hat einen durchaus konventionellen Geschmack, was Filmklassiker angeht. Der längste Anmerkungsteil gilt seiner Variation auf Billy Wilders „Sunset Boulevard“. Und Todd Brownings „Freaks“ oder der alte „King Kong“ sind auch nicht gerade überraschende Entdeckungen. Immer jedoch erzählt Moore mit nur leicht veränderten Namen Anekdote um die Entstehung oder Rezeption der ausgewählten Filme oder Schauspieler, und so wird „Cinema Purgatorio“ zum Hollywood-Porträt (andere als amerikanische Filme haben es nicht in diesen immerhin zweihundertfünfzigseitigen Band geschafft; hoffen wir auf einen zweiten).

Der Titel ist dagegen als Verweis auf einen italienischen Film gemeint: Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“ von 1988, im Jahr danach in Cannes ausgezeichnet und noch einmal ein Jahre später Oscargewinner in der Kategorie „Bester fremdsprachiger Film“. Das war eine nostalgische Liebeserklärung an die Macht des Kinos, aber so etwas ist Moores Sache natürlich nicht. Er entfaltet vielmehr einen Hexensabbat, der zwar auch von Liebe zu den Gegenständen spricht, aber statt Nostalgie ist hier Makabres Trumpf. Die Entgegensetzung von Paradies und Fegefeuer in den Titeln bringt es auf den Punkt, und hätte Moore nicht schon „From Hell“ in seiner Werkliste, wäre auch „Cinema Inferno“ passend gewesen – aber womöglich könnte ja auch so ein Folgeband heißen.

Anstrengend ist die Lektüre der gebotenen Faktenfülle in den Anmerkungsapparaten halber, doch die kurzen Comic-Kapitel selbst sind sogar reizvoller, wenn man sie mit dem eigenen Kinowissen abgleicht. Natürlich ist das von Alan Moore unvergleichlich viel größer, aber darauf mögen sich dann die Nerds und/ oder Philologen  einlassen. Auch wenn mehr als ein Drittel des Buchs aus anderem als Comics besteht, bieten die anderen zwei Drittel immer noch ein Meisterstück der Gattung – oder besser gesagt: achtzehn Meisterstücke, den so viele Kapitel gibt es. Und separat lesen kann man sie auch.

19. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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10. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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Energiemix ohne menschlichen Faktor?

Energiekrise dürfte das meistgebrauchte Wort der letzten Wochen in Deutschland sein. Und gerade haben wir deshalb wieder ein paar Monate länger Atomkraft in Aussicht, als es eigentlich vorgesehen war. Nach dem 11. März 2011, als ein Tsunami die Kernreaktoren von Fukushima so schwer beschädigte, dass ein GAU eintrat, hatte es ja ein wundersames Umdenken unter der damaligen Regierung gegeben, und der deutsche Ausstieg aus der Atomenergie war rasch beschlossen. Dass rund um uns herum kein anderes Land dasselbe machte, interessierte nicht so recht. Aber klar: Obwohl Strahlung keine Grenzen beachtet, ist jeder Reaktor weniger auch eine Minderung des Risikos.

Nur wird gerne argumentiert, unsere Kernkraftwerke wären ja so sicher. Das mag sein, aber Fukushima hat gezeigt, dass bestimmte bedrohliche Ereignisse nicht planbar sind. Oder die gewählten Gefahrenabwehrmaßnahmen nicht ausreichen – so war der Schutzdamm vor Meeresfluten in Fukushima niedriger als schon mehrfach dort aufgetretene Springfluten. Das liest man ganz nebenbei in einem Comic, den die beiden französischen Autoren Bertrand Galic (Text) und Roger Vidal (Zeichnungen) im vergangenen Jahr zum zehnten Jahrestag der japanischen Katastrophe veröffentlicht haben, und der nun, als wäre er topaktuell zur laufenden Debatte gezeichnet, auf Deutsch erscheint: „Fukushima“ heißt er wenig einfallsreich.

Das ist nicht der erste Comic zum Unfallhergang. Vor sechs Jahren erschien der sechsbändige Manga „Reaktor 1F“ von Kazuto Tatsuta (von mir an dieser Stelle hier damals vorgestellt: https://blogs.faz.net/comic/2016/08/31/unterwegs-zum-kern-der-kernschmelze-913/). Der stammte von einem früheren Aufräumarbeiter in Fukushima und erzählte von den Folgen der Kernschmelze. Galics und Vidals „Fukushima“ erzählt dagegen von deren Hergang, den fünf Tagen des eigentlichen GAUs. Allerdings auch retrospektiv: Den Rahmen der Handlung stellt die Aussage des Direktors der Anlage, Masao Yoshida, vor einem Untersuchungsausschuss im auf das Unglück folgenden Sommer dar. Er erzählt, was vom 11. März 2011 an geschah, und wer sollte es besser wissen?

Andererseits: Wer sollte interessierter daran sein, die Dinge schönzufärben? Nun, die Chefs von Tepco etwa, der Betreibergesellschaft von Fukushima. Sie kommen katastrophal weg in Yoshidas Bericht, und auch die für ihre frühe Reaktion oft gefeierten japanischen Politiker treten hier vor allem als auf symbolische Besuche bedachte Störfaktoren bei den Bemühungen, das Schlimmste doch noch zu verhindern, auf. Yoshida weiß, dass er den Mitarbeitern beim Bemühen, den Kollaps der Reaktoren zu verhindern, deren leben abverlangt. Schon in den fünf Tagen der Handlung sterben einige an der immensen Strahlung; andere werden bald folgen, Yoshida selbst etwa mehr als zwei Jahre nach dem Unglück an einer durch die Strahlenüberdosis ausgelösten Krebserkrankung. In der kurzen Lebensspanne, die ihm noch vergönnt war, wurde Yoshida zum Mahner. Das beglaubigt seine Aussage über die dramatischen Umstände.

Die im Comic geleistete Rekonstruktion der Ereignisse ist ungeachtet der Tragödie so sachlich und genau, wie man es von einer Aussage vor einer Untersuchungskommission erhofft. Trotzdem ist die Spannung beim Lesen groß. Allerdings ist der Band wie so oft auf dem Feld des Sachcomics (oder sagen wir: der semifiktionalen gezeichneten Dokumentation) in einem gesichtslosen Stil gehalten, der zwar graphisch sorgfältig genannt werden kann, aber eben keine individuelle Zeichnerhandschrift verrät, gehalten. Warum der deutsche Verlag, Cross Cult, keine Leseprobe anbietet, möchte man gerne wissen (sicherlich nicht der bescheidenen Qualität wegen). Aber es gibt ja die des Originalverlags Glénat zur französischen Ausgabe, und die ist aussagekräftig: https://www.glenat.com/hors-collection-glenat-bd/fukushima-9782344034378. Da kann man sehen, was ich meine.

Aber man lernt sehr viel aus „Fukushima“. Zumal es auch noch einen zehnseitigen Anhang mit Erläuterungen zum Unfall und den Beteiligten gibt. Wer danach Kernenergie noch für beherrschbar hält, sitzt einer Schimäre ab: dass der menschliche Faktor bei der Verhütung von Unfällen keine Rolle spielt. Und er wird immer eine Rolle spielen. Das muss man wissen, wenn man über Risikoabwägung redet. Technik allein gibt es nirgendwo.

10. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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02. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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In diesem Band steckt alles drin, was Comic kann

Hamed Eshrat hat die Zauberformel gefunden, um einen ebenso persönlichen wie ästhetisch ambitionierten Comic zu machen. Dabei sieht erst einmal alles so aus, als hätte er einfach nur gute Vorbilder (aber was heißt da „nur“?). Das Titelbild könnte auch von dem französischen Zeichner Baru stammen, der es wie kein Zweiter versteht, Alltagsgeschichten einer Provinzjugend zu erzählen (aber was heißt da „wie kein Zweiter“, wo doch jetzt auch Hamed Eshrat eine solche Geschichte erzählt?). Und die zweitwichtigste Figur in Eshrats Comic, Sven, der beste Freund des Ich-Erzählers Hamed, könnte mit seiner überlangen dünnen Nase geradewegs einem Comic von Christophe Blain entstiegen sein, dem französischen Zeichner, der so beispiellos brillant physiognomische Abstrusitäten mit Wirklichkeitshandlungen zu vereinen versteht, etwa jüngst in seinen Bildern zum Klima-Sachcomic „Welt ohne Ende“ (aber was heißt da „Beispiellos“, wo doch Blain selbst offensichtlich das beste Beispiel für Eshrat war?). Aber genug der Rhetorik. Man schaue sich Eshrats Comic in der Leseprobe des Avant-Verlags einfach mal an: https://www.avant-verlag.de/comics/coming-of-h/#cc-m-product-9120677120.

„Coming of H“ heißt dieses dritte Buch, das der 1979 in Teheran geborene, aber in der deutschen Provinz (Bünde in Ostwestfalen, nahe bei Bielefeld) aufgewachsene Hamed Eshrat in dem Berliner Verlag veröffentlicht hat. Entdeckt wurde er allerdings in Frankreich, 2009 vom Autorenverlag Sarbacane, wo Eshrats „Tipping Point“ erschien, die Geschichte seiner Eltern und deren Entscheidung, die iranische Heimat nach der Islamischen Revolution von 1979 zu verlassen. Dieser Comic ist immer noch nicht auf Deutsch erschienen (was an der damals noch schlichten Graphik liegen mag, die vor allem von Joe Sacco und Marjane Satrapi inspiriert war – also weiß Gott auch keine schlechten Einflüsse. Aber „Venustransit“, Eshrats erste deutsche Albumpublikation (2015), war dann weniger epigonal, obwohl nun klar französisch beeinflusst (Charles Berberian und schon deutlich erkennbar Blain), und so wäre „Tipping Point“ als nachgereichte Veröffentlichung wie ein Rückschritt erschienen. Aber das hätte man auch über Eshrats deutschen Zweitling, den nach einem Szenario des Zeithistorikers Jochen Voit entstandenen „Nieder mit Hitler!“ über jugendlichen Widerstand im „Dritten Reich“, sagen können. Warum fehlt „Tipping Point“ also immer noch? Er war doch der Startpunkt für Hamed Eshrat, auch inhaltlich.

Nicht nur, weil er gewissermaßen den Ausgangspunkt von Eshrats Leben erzählt, sondern auch, weil „Venustransit“ und „Coming of H“ sich entscheidend an der Biographie ihres Autors anlehnen. „Venustransit“ spielt in Berlin, und dorthin bricht der Hamed aus „Coming of H“ am Schluss des neuen Bandes auf. Zuvor jedoch lebt er 170 Seiten lang noch in der (nie explizit genannten, aber deutlich identifizierbaren) Kleinstadt Bünde. Wie Eshrat die triste Atmosphäre einer dortigen Jugend während der achtziger und neunziger Jahre einfängt und trotzdem eine wilde Abenteuergeschichte daraus macht, das ist das Meisterhafte an „Coming of H“.

Der Titel spielt mit drei Bedeutungen. Einmal phonetisch mit „coming of age“, also einer Geschichte vom Erwachsenwerden einer Gruppe Jugendlicher. Dann mit der Abkürzung „H“ für Heroin: Härtere Drogen ziehen im Laufe des Geschehens in den schon zuvor rauschmittelgeprägten Alltag (Alkohol, Zigaretten, Haschisch) des Freundeskreises um Hamed und Sven ein: „Coming of H“ also als Ankunft von Heroin – wobei dieser Erzählstrang nicht so wichtig ist, wie es der Klappentext suggeriert. Und schließlich ist H für seine Freunde auch ein Rufname von Hamed. Es ist also mit dem Titel auch der Weg von Hamed zu dem, was er einmal sein wird, angesprochen.

Dieser Comic ist offen bis zur Selbstentblößung, etwa in den Szenen der wenig souverän absolvierten ersten sexuellen Erfahrungen. Er ist drastisch in der Dokumentation de Auseinandersetzungen rivalisierender Jugendgruppen (Skater, Neonazis, Türken). Er ist geradezu euphorisch in den Bildern des befreiten Skatens, das Hamed und seine Freunde zu ihrer Hauptbeschäftigung gemacht haben. Und er ist komplex in seiner Verschränkung der Zeitebenen, denn immer wieder springt die 1997 angesiedelte Haupthandlung zurück in Hameds Kindheit und bietet so auch ein Porträt der Integrationsbemühungen einer Flüchtlingsfamilie. Das daraus resultierende Psychogramm ist bei aller Traurigkeit grandios.

Dazu hat Hamed Eshrat seine graphischen Mittel noch einmal forciert. Seine randlosen Panels sind meist im Sechserraster angeordnet, doch es gibt zahlreiche Ausbrüche bis hin zu doppelseitigen Bildern. Lange stumme Sequenzen wechseln sich mit exzellent geschriebenen Dialogen ab – dieser Comic gäbe auch eine tolle Vorlage für ein Theaterstück ab. Und Eshrat schiebt bisweilen Schemazeichnungen ein, isoliert Einzelbilder auf sonst leeren Seiten, bringt Bildmetaphern zur Charakterisierung des Seelenzustands von Hamed und wechselt zu stimmungsvollen Totalen, etwa Luftansichten von Straßen oder Panoramabilden von Stromtrassen, die über die Umgebung von Bünde Auskunft geben und damit auch das Bemühen der Jugendlichen auszubrechen begreiflich machen. Nicht zuletzt ist der Comic eine große Liebeserklärung an den Vater von Hamed.

Eine solche Jugendautobiographie hat es noch nicht gegeben. Gemeinsam mit „Tipping Point“ und „Venustransit“ bildet sie ein Comic-Triptychon, und als dessen chronologische Mitteltafel darf „Coming of H“ Anspruch darauf erheben, das Zentrum zu sein. Meine Begeisterung für dieses Buch ist groß. Größer, als ich es sagen kann.

02. Okt. 2022
von andreasplatthaus
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26. Sep. 2022
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Ausweitung der Corto-Chronologie

Hugo Pratt ist seit 27 Jahren tot, doch seine bekannteste Figur, der Seemann Corto Maltese, lebt weiter. Das ist nicht Besonderes in der Weltliteratur, zu der die „Corto Maltese“-Serie gehört. O ja, diese Alben sind ein erzählerisches Meisterwerk des zwanzigsten Jahrhunderts, unvergleichlich, obwohl sie so viel Anleihen bei Joseph Conrad nehmen, bei Robert Louis Stevenson oder auch Emilio Salgari („Sandokan“). Aber was der Italiener Pratt daraus machte, ist eine Schöpfung eigenen Rechts, ein eklektischer Geniestreich (um einmal paradox sein zu dürfen), der nicht umsonst seinen italienischen Landsmann Umberto Eco begeisterte – von Pratt lernte er, wie man Mystik und Mythos so verbindet, dass unter dem Strich Abenteuer herauskommt. Aber Abenteuer qualitativ jenseits des Genres und diesseits von Eden. Paradiesische Literaturgefilde.

Seit sieben Jahren gibt es „Corto Maltese“ wieder, denn Pratts Erben ließen sich dafür gewinnen, die Abenteuer der Kultfigur fortsetzen zu lassen. Dafür, dass sie qualitativ wieder jenseits des Genres (wenn auch nicht mehr diesseits von Eden) angesiedelt sind, sorgt das spanische Autorengespann Juan Diaz Canales als Szenarist, der mit „Blacksad“ eine Noir-Detektivserie geschaffen hat, die in Frankreich alle Rekorde gebrochen hat, und Rubén Pellejero als Zeichner, der sich Pratts eigentlich unverwechselbarer Tuschetechnik so täuschend ähnlich angeeignet hat, wie es Didier Conrad mit dem „Asterix“-Stil von Albert Uderzo gelungen ist. So sieht Pellejeros Corto aus: https://www.casterman.com/Bande-dessinee/Catalogue/corto-maltese-edition-couleurs/corto-maltese-16-nocturnes-berlinois. Vier Alben des spanischen Duos sind mittlerweile erschienen, und sie führen den Weltenbummler Corto Maltese an Orte, zu denen er es bei Pratt noch nicht geschafft hatte.

Das jüngste, in Frankreich erst vor zwei Monaten erschienene Album heißt „Nocturnes berlinois“ (Berliner Nachtszenen; für Oktober bereits auf Deutsch bei Schreiber & Leser angekündigt als „Nacht in Berlin“), und man kann Canales nur bewundern für die Anschmiegsamkeit, mit der er die deutsche Hauptstadt in ihrer schillerndsten Phase, den goldenen Zwanzigern, in die Corto-Chronologie einpasst. Zwei Jahre, nachdem Walter Rathenau umgebracht worden ist, verschlägt es Corto Maltese 1924 zu seinem Freund Joseph Roth nach Berlin, wo er die Bekanntschaft von Reichspräsident Friedrich Ebert macht und in die Suche nach einem Dossier verwickelt wird, das die perfiden Hintergründe des Attentats auf den Außenminister enthüllen soll.

Das ist erstaunlich konkret für eine Corto-Maltese-Geschichte, historisch geradezu veristisch, während Hugo Pratt Alternativgeschichtserzählungen zu konstruieren pflegte, in denen sich zwar Versatzstücke der Wirklichkeit finden, doch selten mehr als Namensähnlichkeiten und Mythenfortschreibungen benutzt werden. Dagegen Roth, Ebert, Rathenau, auch Marlene Dietrich oder Adolf Hitler – Canales fährt großzügig und bedenkenlos auf, was Berlin an Berühmt- oder Berüchtigkeiten zu bieten hat. Dabei spielt fast die Hälfte der achtzig Comicseiten von „Nocturnes berlinois“ in Prag, wohin sich die Intrige zusammen mit den Dreharbeiten eines Ufa-Films verlagert. Immerhin kommt Kafka nicht als Figur vor. Dabei hätte er 1924 sogar in beiden Städten auftauchen können.

Der Ausflug in die zweite Ikonenstadt der Dunkelheit überrascht, denn so ziemlich alles in „Nocturnes berlinois“ außer den angesichts des Pratt’schen Erbes natürlich unvermeidlichen jüdisch-kabbalistischen Elementen hätte statt in Prag auch weiterhin in Berlin spielen können. Da hat Canales zu viel in seine Geschichte gepackt. Aber wie Pellejero sie zeichnet, das ist aller Ehren wert, zumal er diesmal nicht nur akkurat Pratt kopiert, sondern in einigen Film- und Phantastikszenen auch dem expressionistischen Zeitgeist der Zwanziger huldigt. Dazu eine besondere Empfehlung: Wie jüngst üblich gibt es neben der für ein breites Publikum gedachten Farbausgabe auch eine durch Zusatzmaterial angereicherte Schwarzweißversion des Albums, und sie zeigt Corto Maltese in einer graphischen Perfektion wie seit Pratts „Argentinischem Tango“ nicht mehr. Berlin passt einfach als Dekor, die Stadt wird dem Geist der Vorlage gerecht. Was für eine Faszination deutsche Abgründigkeit auf Pratt ausgeübt hat, kann man etwa seinen bereits lange vor „Corto“ entstandenen Zweiter-Weltkrieg-Comics der Serie „Ernie Pike“ ablesen, die gerade beim Avant-Verlag als kiloschwere Gesamtausgabe erschienen sind.

Dass man allerdings gar nicht sklavisch am Vorbild von Pratt kleben muss, um mit Corto Maltese zu reüssieren, hat kürzlich erst der junge französische Zeichner Bastien Vivès vorgeführt, der die Figur für den Band „Océan noir“ (als „Schwarzer Ozean“ im vergangenen Februar auf Deutsch erschienen, auch bei Schreiber & Leser, hier deren Leseprobe: https://www.schreiberundleser.de/index.php?main_page=popup_img&pID=760&zenid=f45100c687772a5e3e77362fbda8c411&imgType=lese1) in die Gegenwart versetzte – oder genauer gesagt: in eine nahe Vergangenheit, nämlich den Herbst 2001und damit ins Umfeld der Attentate vom damaligen 11. September. Wobei gar nicht sie im Mittelpunkt der Handlung stehen, sondern – cortogemäß – die Suche nach einem Konquistadorenschatz in Peru. Und wie der Szenarist dieses Abenteuers, Martin Quenehen, geradezu nebenbei die Wirtschaftsgeschichte des südamerikanischen Landes dazu benutzt, das Geschehen auch noch nach Japan zu verlagern, das gehört zu den großen erzählerischen Leistungen der jüngeren Comicgeschichte.

Noch bemerkenswerter ist allerdings das Geschick von Vivès bei der Aktualisierung des Protagonisten. Ihm gelingt das Kunststück, eine Figur aus den zwanziger Jahren fast hundert Jahre später ganz zeitgemäß wirken zu lassen, indem er ihre wesentlichen Charakteristika – die melancholische Lässigkeit und die einsame Ungebundenheit des Seemannes – auf einen heutigen Drifter überträgt. Dazu tritt mit Rasputin die charismatischste Nebenfigur der Pratt’schen Serie in einer Rolle auf, die diesem ambivalenten Herrn ebenfalls gerecht wird: als erpresserischer Rebellenführer. Quenehen und Vivès haben „Corto Maltese“ sogar noch besser verstanden als Canales und Pellejero, weil sie Pratts Muster modernisieren, ohne mit der Tradition zu brechen. Corto lebt. Und wie!

26. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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19. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Chimäre der Comics

Normalerweise lasse ich mir etwas Zeit, bevor jemand zum nächsten Mal in diesem Blog vorkommt. Bei der italienischen Zeichnerin Zuzu aber ist das erst etwas mehr als ein Jahr her (https://blogs.faz.net/comic/2021/06/21/verschoenerung-durch-verstoerung-1745/), und trotzdem, soll hier schon wieder von ihr die rede sein. Der Grund dafür ist ganz einfach: Was sie macht, ist so ungewöhnlich, dass ich ins Staunen komme. Das war beim ersten Mal so, und jetzt ist es wieder der Fall. Doch diesmal  aus anderen Gründen.

„Glückliche Tage“ heißt der neue Band, wieder in Übersetzung von Denise Hofer bei der Edition Moderne erschienen, aber in kleinerem Format und knallbunten Farben. Nicht,. Dass man das bei diesem Umschlagbild vermuten würde Es zeigt die Protagonistin Claudia als Profilansicht in Schwarzweiß, deren rote Lippen und gelbe Augen die einzigen kleinen Farbflecken bilden. Aber der mehr als 45o Seiten umfassende Comic selbst ist mit Buntstiften koloriert, als feierte er die Freuden des Lebens. In der Leseprobe https://www.editionmoderne.ch/buch/glueckliche-tage/ kann man sich diesen Kontrast ansehen.

Nun konnte man bei Zuzu nach dem ersten Comic kaum eine optimistische Sicht auf die Welt erwarten, und obwohl ihr neues Buch den Titel „Glückliche Tage“ trägt, ist das auch hier überwiegend nicht der Fall. Wer sich ein wenig fürs Theater interessiert, weiß, dass „Glückliche Tage“ auch der Titel eines Dramas von Samuel Beckett ist, und wer sich ein wenig mit Beckett beschäftigt hat, der weiß, dass seine Figuren alles andere als glückliche Tage verleben. Das ist bei der Mittzwanzigerin Claudia nicht anders, die sich mit einem Monolog aus dem Beckett-Stück für eine Schauspielausbildung in Rom bewirbt. Ob diese von ihr bewegend vorgetragene und von Zuzu noch bewegender gezeichnete Probe bei der Auswahlkommission Eindruck machte, erfährt man nie, denn Claudia läuft danach einfach weg. Zu sehr entsprach das, was sie vortrug, ihrem eigenen Seelenzustand.

Der ist aufgewühlt, denn in Rom hat sie ihre frühere Liebe Giorgio wiedergetroffen, der – Achtung: extremer Spoiler! – in der Nacht vor dem Vorsprechen sexuell übergriffig und von Claudia erschossen wurde. Ihr aktueller Freund Piero ist weit weg, und der Comic hat von Beginn an diese zweite Liebesbeziehung als im Schatten der ersten stehend charakterisiert – vor allem sexuell. Als Claudia Giorgio kennenlernte, war sie achtzehn und er jenseits der dreißig, entsprechend formte er sie, und sie ließ sich formen. Piero dagegen ist ein eher noch jugendlich agierender Archäologiestudent, von dem Claudia gerne mehr Aufmerksamkeit bekäme, als er ihr zugestehen will. Daraus resultiert die Sehnsucht nach der verflossenen Beziehung – und das Drama beim Wiedersehen mit Giorgio.

„Glückliche Tage“ ist das Psychogramm einer jungen Frau, die als Chimäre gezeichnet wird: spitze, nach oben gebogene knallrote Nase, scharfe lange Reißzähne, oft ein Katzenschwanz und bisweilen auch Engelflügel – immer dann, wenn sie sich in Träumen verliert Das könnte man surrealistisch-abgeschmackt nennen, aber Zuzu nutzt diese Attribute für ihre Handlung, bis hin zu einem rettenden Flug, den Claudia antritt. Man sollte es nicht glauben angesichts ihrer Seelenpein und der drastischen Ereignisse, aber das Ganze geht – Achtung: schon wieder Spoiler, aber der wird Sie freuen – gut aus. Und das hätte ich Zuzu nicht zugetraut.

Und noch ein Wort zum Stil: Hier wird ganz anders als im Erstling „Cheese“ erzählt. nicht nur farbig, sondern auch in strengen Seitenarchitekturen aus jeweils gleichgroßen Panels: entweder drei seitenbreite, sechs moderat querformatige oder zwölf quadratische; ganz selten gibt es ganz- oder gar doppelseitige Bilder, die aber dann nicht notwendig spektakuläre Handlungselemente markieren, sondern viel eher als Zäsuren eingeschoben sind, die den Rhythmus der kleinteiligen Sequenzen zuvor durchbrechen. Ich habe ein solches dramaturgisches verfahren noch nicht gesehen. Es verstört, und das passt zur Geschichte.

Manches sperrt sich in mir gegen Zuzus Geschichten, das ist bei „Glückliche Tage“ nicht anders, als im Falle von „Cheese“ war. Aber dass da ein ganz großes Talent zeichnet und erzählt, ist unübersehbar. Und dass endlich einmal nicht immer nur der Berliner Avant Verlag ein Auge für italienische Comic-Pionierarbeit hat, sondern auch die Schweizer Edition Moderne es nun beweist, ist eine große Freude. Es gibt plötzlich Wildpfade neben dem ausgetretenen Wegenetz der deutschen Rezeption von Comics (aus Amerika, Frankreich, Japan). Auf denen läuft es sich nicht leicht, aber sie führen an Ziele, die wir noch nicht kannten.

19. Sep. 2022
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13. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Trivialliteratur mit Blutdurst

Ich bin kein Pulp-Leser, kein Freund des Westerngenres, auch nicht mit Comics von Hansrudi Wäscher sozialisiert worden – was also um Himmels willen sollte ich mit einem Billy-Jenkins-Comic, der im Stil eines Pulp-Heftes von den Abenteuern eines Westernhelden erzählt, und das in einer Geschichte, die Wäscher auch nicht unglaubwürdiger hinbekommen hätte? Nun, ich hatte meinen Spaß damit, und das kam so.

Rainer Gabriel aus Düsseldorf, Zeichner und Autor dieses Heftes und ersichtlich großer Freund all des Vorgenannten, das mich nicht interessiert, schickte mir seinen 128 Seiten starken Comic, der als Eigenpublikation hergestellt wurde und bei Fanpro im Vertrieb ist. Liebhabersache in jeder Hinsicht also. Die Hauptfigur Billy Jenkins orientiert sich an einem realexistierenden Westernhelden, der allerdings nur in Deutschland  agierte: Otto Rosenthal alias Erich Fischer (so die Namenswahl, als jüdische Abstammung in Deutschland tödlich zu werden begann) trat von 1909 bis zu seinem Tod 1954 als Darsteller in und schließlich auch Impresario von Wildwest-Shows durch Deutschland. Im „Dritten Reich“ heulte er mit den Wölfen, denn einige Granden des Regimes zählten zu seinen Bewunderern. Nach 1939 war er in den deutsch besetzten Ländern zur Truppenunterhaltung der Wehrmacht unterwegs, und er überlebte sowohl den Krieg als auch die Schoa.

Was ein Stoff, und tatsächlich entnimmt Gabriel dieser Vita etliche Versatzstücke für eine hanebüchene Geschichte: Jenkins ist im Winter 1945 in Pommern Teil der vor der Roten Armee gen Westen flüchtenden Deutschen und bewährt sich dabei in jener heroischen Rolle, die er bis dato immer nur gespielt hat. „Mr. Jenkins ’45 – Billy auf der Flucht“ ist ein sehr schlaues Balancespiel zwischen Realität und Fiktion, und drei Ebenen werden durch unterschiedlichen Farbeinsatz markiert: Blau eingefärbt sind Billy Jenkins‘ Tagträume von seinen Heldentaten, braun Rückblicke ins Leben des tatsächlichen Otto Rosenthal und schwarzweiß mit einzelnen Einsprengseln von Blutrot ist das eigentliche Geschehen. Gabriel überführt diese drei Ebenen sehr geschickt ineinander.

Weniger geglückt ist die Graphik dieses Hefts. Um eine Anschauung zu geben, verlinke ich hier einfach auf eine andere Besprechung: die der verdienstvollen Comiczeitschrift „Alfons“ (https://www.reddition.de/blog/frisch-gelesen-archiv/sonstigeverlage2/fg-301-fanpro-billy-jenkins-auf-der-flucht), der man noch viel mehr zum medialen Erbe des Billy Jenkins entnehmen kann. Was Gabriel da macht, erinnert an die unbeholfenen Versuche von Yves Chaland in den späten siebziger und frühen achtziger Jahren, und was ist aus dem noch geworden! Nur war Chaland damals ein Jüngling, Gabriel ist etwas fortgeschritteneren Alters, und in Deutschland haben es Genrecomics schwerer als in Frankreich.

Sehr hübsch sind die farbigen Binnencover z jedem der drei Teile des „Billy Jenkins“-Abenteuers. Damit wird das Gefühl einer ganzen Heftserie erweckt, wobei die Konsequenz von Gabriel nicht so weit geht, dass die drei Teile auch jeweils die gleiche Länge hätten. Eingeleitet werden sie zweimal mit einer Archivalienseite – warum der dritte Teil nicht mehr in diesen Genuss kommt, ist unerfindlich. Bei den Covern haben Vorbilder wie Jijé oder die „Simplicissimus“-Zeichner Pate gestanden, und wäre das Proportionengefühl bei Gabriel etwas ausgeprägter, könnten auch die Comic-Panels ähnlich überzeugen. So indes hat man manchmal den Eindruck bloßer Fan-Fiction. Was ja auch nicht das Übelste ist.

Die Handlung strotzt vor Klischees – negativen, was die Nazis angeht, positiven betreffs der Roten Armee, und dazwischen agieren einmal eine recht naive Gruppe deutscher Flüchtlinge und dann der alternde, aber heroische Jenkins. Wie geschickt Gabriel die Ambivalenz eines Protagonisten zu nutzen versteht, zeigt eine Episode, in der Jenkins von zwei Nazi-Killern angeschossen und für tot liegengelassen wird: Die Maschinengewehrgarbe überlebt er, weil ein Stahlkorsett die Kugeln ablenkte. Und tatsächlich trug der reale Otto Rosenthal aus gesundheitlichen Gründen in den vierziger Jahren solch ein Korsett.

Damit protzt Gabriel nicht, er baut es ein und überlässt es dem Publikum zu überprüfen, was wirklich und was phantastisch ist. Einige Anregungen legt er auch offen, und auf manches hätte er besser verzichtet: so etwa die miserabel gedruckten Skizzen, die zwischen den Hauptteilen zu finden sind, oder eine ganzseitige Porträtzeichnung im Halbprofil, von der man gerne gewusst hätte, wen sie darstellt: Rosenthal? Oder doch Gabriel selbst? Oder ist es ein idealiter gezeichneter Jenkins? Ach ja: Noch eine Warnung: Blut fließt hier in Strömen, und Drastik scheint dem Autor zu gefallen. Man könnte das tarantinoesk nennen, aber ich neige bei einigen Szenen doch eher zu „geschmacklos“.  Doch im Ganzen ist das ein Buch, an dem man seine eigene Erzähltoleranz gegenüber dem Trivialen auf angenehmste Weise überprüfen kann.

13. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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07. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Malen nach dem kosmischen Prinzip

So nach und nach erscheint in jedem deutschen Verlag der eine oder andere Comic. Schön, dass die alten Vorbehalte über Bord gegangen sind und jeder seine Chance sucht. Selbst ein Haus wie Hatje Cantz, bekannt für seine Kunstbände, ist nun vom Comicfieber gepackt worden. Wobei das Debütwerk dieses Hauses so Hatje-Cantz-affin ist wie nur möglich. Es handelt sich um einen biographischen Comic über die schwedische Malerin Hilma af Klint.

Die hat in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt, nein, das ist falsch: eine Entdeckung, denn obwohl sie 1944 starb, war sie sechs Jahrzehnte lang vergessen. Und zu Lebzeiten hatte sie auch nicht den Erfolg, den sie verdient gehabt hätte. Natürlich hatte das damit zu tun, dass sie eine Frau war. Der Kunstmarkt und die Museen setzten damals (und noch lange danach) auf männliches Genie. Das hat sich heute gründlich geändert und Hilma af Klingt kam geradezu in Mode, gipfelnd in einer Ausstellung des New Yorker Guggenheims vor vier Jahren, die zur bestbesuchten des Museums wurde.

Nicht ganz unbeteiligt an diesem postumen Siegeszug war und ist meine frühere F.A.Z.-Kollegin Julia Voss, die bis 2008 auch nichts von der schwedischen Malerin gehört hatte, dann aber eine Begegnung mit ihrem Werk hatte, die sie zu dessen begeisterter Propagandisten machte – hier gipfelnd in der großen Biographie, die 2020 erschienen ist. Der ersten weltweit.

Was kann ein biographischer Comic da noch leisten? Einen anderen Blick – einen in Bildern auf die Bilder. Philipp Deiners, für den dieser Band auch sein Debüt als Comiczeichner ist, nutzt das farben- und formenfrohe Werk Hilma af Klints zu großen (teilweise gar doppelseitigen) Kompositionen, die das Leben und das Schaffen der Malerin aufgehen lassen in ihre Bilderwelt. Af Klint war stark von der Anthroposophie beeinflusst (und tief enttäuscht vom weitgehenden Desinteresse Rudolf Steiners, des Begründers dieser Lebensanschauung, an ihren Bildern), und die anthroposophische Ästhetik mit ihren organischen Formen und dem bewegten Linienspiel (hierin ganz Kind des Jugendstils) gibt auch den stärksten Seiten des Comics deren Gestalt. Dagegen sind die eher sachlich erzählenden Panels und Sequenzen schlicht gehalten, meist vor leerem Hintergrund, aber immer in kräftigen Farben. Und je nach Einstellung (Close-up oder Halbdistanz) sind die Figuren so stilisiert, als wäre Deines bei Hergé in die Lehre gegangen. Oder in die Leere.

So sieht das aus: https://www.hatjecantz.de/die-5-leben-der-hilma-af-klint-8099-0.html. Und das Ganze heißt „Die 5 Leben der Hilma af Klint“. Fünf, weil das Buch fünf Kapitel hat, wovon eines zu einem nicht unwesentlichen Teil vor ihrer Geburt spielt: beginnend 1790, als ihr damals noch jugendlicher Großvater als Sohn eines Marineleutnants einen Rettungsplan für die von einer russischen Blockade bedrohten schwedischen Flotte schmiedet. Er war ein begabter Kartograph, und seine Fähigkeit zur Abstraktion von Wirklichkeit in gezeichnete Schemata wird von Deines als familiäres Erbe gedeutet, das die 1862 geborene Enkelin Hilma, die diesen Großvater nie kennenlernen sollte, antrat.

Denn als Pionierin der Abstraktion ist sie zuletzt gefeiert worden, wobei Deines implizit vermittelt, sie sei wohl eher eine Malerin gewesen, die sehr klare Vorstellungen vom Inhalt ihrer Bilder gehabt hätte, aber dafür Darstellungen fand, die anderen verschlossen blieben – eine Art kosmisches Prinzip wird bebildert, und so etwas entzieht sich naheliegenderweise einer weltlichen Sichtweise. Zur Ungegenständlichkeit kamen dann noch die Misogynie des seinerzeitigen Kunstbetriebs, die lesbische Liebe, die Hilma af Klint pflegte, und die Abgeschiedenheit in Stockholm, das damals nicht als ästhetischer Hot Spot galt.

Das alles kann man auch bei Julia Voss nachlesen, aber Deines hat nicht abgeschrieben (oder nachgezeichnet), sondern mit an dieser Deutung gearbeitet, denn er und Voss sind verheiratet. Sein Comic entstand also neben íhrer Biographie, und sie hat ein Nachwort beigesteuert, dass die Genese der beiderseitigen Begeisterung für Hilma af Klint rekapituliert. Was für eine glückliche Familienfaszination! Und wir profitieren doppelt davon, wenn auch die Entscheidung von Deines, Bildverweise wie Fußnoten unter die einzelnen Panels abzudrucken, nicht gerade elegant ist. Und Lautmalereien setzt er auch entschieden zu viele ein. Da merkt man den Comicnovizen. Auch Handlettering wäre schön gewesen.

Wobei sein Comic die Dynamik der Kunst Hilma af Klints im buchstäblichen Sinne anschaulich vor Augen führen kann, anders als noch die emphatischste schriftliche Beschreibung. In Deines‘ Bildern von den Kreativitätsexplosionen der Malerin ist die Lebendigkeit von Wilhelm Buschs „Virtuos“ gepaart mit dem surrealen Visionen von Moebius. Auch das eine erstaunlich schlüssige Kombination. Beide werden das Werk von Hilma af Klint nicht gekannt haben, und die Künstlerin mutmaßlich auch nicht das von Busch. Aber in diesem Comic findet Kunst über ein Jahrhundert hinweg zur organischen Genese – ganz im Sinne Ernst Haeckels, den Af Klint durchaus kannte und schätzte. Aber nun genug des Namedropping und ran an die Lektüre. Sonst ergänzt man die Berühmtheiten nicht um den Namen Hilma af Klint.

07. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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02. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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Gutgläubig? Schwer zu glauben

Leser der F.A.Z. kennen Simon Schwartz durch seine Serie „Vita obscura“ im Magazin dieser Zeitung. Der 1982 in Erfurt geborene und heute in Hamburg lebende Comiczeichner versteht es wie kaum ein anderer, die Abstrusitäten in realen Lebensläufen zum Thema zu machen – und die rechte Form dafür zu finden, denn „Vita obscura“ in ihrer Gesamtheit ist auch eine Phänomenologie der Seitenarchitektur. Und für die Bücher von Schwartz gilt das ähnlich: Stets bildet sein Layout auch die Thematik mit ab. So nun wieder in seinem Comicalbum „Nachts im Dom“.

Das muss ein Traum gewesen sein für Schwartz: der Auftrag des Bischöflichen Ordinariats Limburg, eine Geschichte zu zeichnen, die ihren Handlungsort im dortigen Dom hat. Der im Kern romanische, aber dennoch himmelstürmende Bau liegt für jeden Autofahrer unübersehbar mitten in der Stadt neben der A3. Seit ich in Tübingen studiert habe, habe ich die spektakulär aussehende Kirche unzählige Male passiert, und stets nahm ich mir vor: Beim nächsten Mal fahre ich ab und besichtige sie. Es dauerte mehr als dreißig Jahre, ehe es passierte, und ich gebe zu, dass mich das Innere enttäuscht hat. Weil das Gebäude von außen so beeindruckend ist. Drinnen ist alles ziemlich durchschnittlich, wenn man andere deutsche Kathedralen kennt.

Aber Schwartz konnte aus der vertikalen Architektur Honig für seine Geschichte saugen, indem er sie mit zwei kleinen Protagonisten konfrontiert: dem Limburger Messdiener Nico und dessen englischem Austauschgast, einem farbigen Mädchen namens  Georgia. Gemeinsam schleichen sich die beiden Kinder eines Nachts in den Dom ein und lernen dort das süße Gruseln, als der legendäre Erbauer Graf Konrad Kurzbold als Geist seinem Grab entsteigt und ihnen so etwas wie eine geführte Tour durch Bauwerk und Bildprogramm der darin enthaltenen Kunstwerke gibt. Jetzt würde man gerne ein paar Bildbeispiele beigeben, aber der kirchliche Verlag Schnell + Steiner, der „Nachts im Dom“ herausgebracht hat, versteht nichts von Comics und weiß also auch nicht, dass eine Leseprobe in diesem Metier wichtiges ist als bei „normalen“ Büchern. Also hier nur das Cover: https://schnell-und-steiner.de/produkt/nachts-im-dom/.

 Typisch Schwartz, das immerhin kann man sehen. Weniger typisch ist die kindliche Zielgruppe und das unkritische Verhältnis zum Gegenstand. Nun zeichnet sich gerade „Vita obscura“ meistens auch durch große Affirmation der porträtierten Persönlichkeiten aus, aber hier musste Schwartz den Erwartungen eines Auftraggebers entsprechen, der laut seinem Selbstverständnis über den Schlüssel zur Wahrheit verfügt. So ist natürlich alles herrlich im Dom, von Kindesmissbrauch in katholischen Einrichtungen keine Rede, und unter den Figuren tritt einmal sogar Franz-Peter Tebartz-van Elst aus, Limburger Bischof von 2008 bis 2014, der bekanntlich für Abermillionen seinen Amtssitz neben dem Dom um- und ausbauen ließ. Kein Wort darüber im Comic, das ist bei Schwartz‘ sonst scharfsinnigen Zeitkommentaren erstaunlich.

Aber mag man nicht in der Tatsache eines herumspukenden Toten eine ironische Relativierung des katholischen Glaubens sehen? Im schrägen Orgelspiel des Küsters ein groteskes Element, das jede Ernsthaftigkeit der gezeigten Handlungen ad absurdum führt, oder in dem zum Leben erweckten Drachen des heiligen Georgs einen Widerspruch zu allen mythischen Überlieferungen („Hallo Kinder, bitte habt keine Angst. Ich bin ganz harmlos.“). So gutgläubig könnte man sein, aber gerade beim Bistum Limburg ist denn doch etwas zu viel vorgefallen im letzten Jahrzehnt, als dass dieser der Imageförderung dienen sollende Comic nicht besser ein paar images geboten hätte, die zumindest ambivalent gemeint gewesen wären. So ist „Nachts im Dom“ meine erste Enttäuschung mit Simon Schwartz. Klar, eine Auftragsarbeit und sicher nicht nur für Gotteslohn (was dem Autor zu gönnen ist), aber die Lektüre lohnt sich nicht.

02. Sep. 2022
von andreasplatthaus
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22. Aug. 2022
von andreasplatthaus

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Solidaritätsvergessene Generation

Es ist kein Zufall, dass eine Woche nach Lewis Trondheims „Par Toutatis!“ nun Daniela Hellers „Pfostenloch“ hier vorgestellt wird. Nicht, weil die deutsche Debütantin und der französische Veteran im Hinblick auf Ruhm, Publikationsmasse oder Thema etwas gemeinsam hätten. Bei „Pfostenloch“ geht es zwar in dem Sinne auch um die Antike, als darin archäologische Grabungen durchgeführt werden, aber von Satire ist dabei ebenso wenig die Rede wie von Parodie oder dem Teil einer ganzen Comic-Serie, was dagegen alles für Trondheims „Asterix“-Spaß gilt. Nein, der Zusammenhang ergibt sich allein daraus, dass „Pfostenloch“ ohne Trondheims Vorleistungen wohl kaum hätte enstehen können.

Daniela Heller ist wie gesagt noch ein relativ unbeschriebenes Blatt, was sich aber mit „Pfostenloch“ ändern dürfte, denn dieser Comic gewann vor zwei Monaten auf dem Erlanger Comicsalon den Max-und-Moritz-Preis für das beste deutschsprachige Debüt (nicht, dass es einen Preis für das beste fremdsprachige gegeben hätte …). Erschienen ist er beim Avant Verlag, was man als Ritterschlag schon vor der Prämierung betrachten kann. Heller ist selbst Archäologin, die in Kassel aber in Hendrik Dorgathens Comic-Klasse gelernt hat – und eine bessere Schule findet man in Deutschland nicht leicht. „Pfostenloch“ war ihre Abschlussarbeit.

Als Trondheim von Frankreich aus die Erzählweise von Autorencomics revolutionierte, dürfte Heller noch ein Kind gewesen sein, sofern überhaupt schon geboren. Was er damals machte, war ebenso einfach wie neu: Europäische Erzählweise gepaart mit amerikanischer Funny-Animal-Ästhetik à la Walt Disney. Trondheim ist mit Comics von Carl Barks groß geworden (sowohl biologisch als auch künstlerisch), und entsprechend  setzte er in seiner Erfolgsserie „Lapinot“ ebenso auf sprechende Tiere wie bei seinen bahnbrechenden autobiographischen Comics. Und genau darin folgt ihm nun Daniela Heller. So sieht das aus – und zwar ausnahmsweise mal  in Stand- und Bewegtbildern: https://www.avant-verlag.de/comics/pfostenloch/.

Menschen mit tierischen Zügen agieren zu lassen, das taten vor Heller schon  mindestens zwei Zeichnergenerationen, und seit Anna Haifisch ist es in Deutschland auch noch stilprägend geworden. Neu ist also an „Pfostenloch“ nur das Thema. Und zwar nicht etwa Archäologie (dazu gibt es längst einiges) oder gar der sozialkritisch aufgefasste Selbsterfahrungsbericht (dergleichen gibt es noch viel mehr), sondern die konsequent ohne jede Empathie durchgehaltene Darstellung einer Generation Praktikum, die einerseits ausgebeutet wird und andererseits darüber ihres Solidaritätsgefühls verlustig geht.

Worum geht es in „Pfostenloch“? Das kann man in einem einzigen Satz sagen: um die Besetzung eines durch Krankheit überraschend freigewordenen festen Stelle in einem Grabungsteam. Da dieses Team aber überwiegend aus Praktikanten besteht, die sich alle einen Job in ihrem Traumberuf erhoffen, ist die Rivalität groß. Wobei das nicht etwa zu Intrigen oder Bosheiten führt, denn dafür agieren Hellers Protagonisten viel zu gedankenlos  Das Bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, wie automatisiert und unreflektiert die Übernahme von egoistischen Verhaltensweisen bereits erfolgt ist. Niemandem kann man richtig böse sein, aber niemand handelt gut im Sinne von Kollegialität oder gar Solidarität.

Gefällt mir das nun? Moralisch natürlich nicht, aber Heller kann ja nichts  dafür, dass sie so genau hingesehen und so genau aufgezeichnet hat, was allen meinen Erkenntnissen nach derzeit verbreitet Sache ist bei Ü30-Menschen. Aber ästhetisch gefällt es mir leider auch nicht, weil ich solche Tierwesen nun etwas zu oft gesehen habe, und die Wackelpanellinien oder Doppelseitenschemazeichnungen noch ein wenig öfter. Obwohl die Geschichte interessant ist, lässt sie mich kalt, weil ich auch eine Anteilnahme erwartet hätte, die sich in einer ungewöhnlichen Graphik ausgedrückt hätte. Viel verlangt, das weiß ich. Aber „Pfostenloch“ ist ja auch schon vielgelobt.

 

 

22. Aug. 2022
von andreasplatthaus

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