Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

19. Apr. 2021
von andreasplatthaus
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Dies- und jenseits aller Geschlechtsgrenzen

Il faut être absolument moderne – selbst als Mangaka. Und allemal als deutscher Manga-Verlag, denn der Markt ist zwar groß, aber die Moden darauf wandeln sich durch rascheren Generationenwechsel  schnell, und was gestern angesagt war, ist morgen vergessen. Also heute lieber etwas Neues, ganz Zeitgemäßes publizieren. Wie die Serie „My Genderless Boyfriend“ von Tamekou.

Die erscheint nicht nur im gerade etablierten Manga-Imprint Hayabusa (Wanderfalke) des Carlsen Verlags, sondern ist überdies ein witziges Beispiel für den Segensreichtum von Modemachern im Verlag, denn normalerweise hätte man wohl damit rechnen dürfen, dass die deutsche Serie sich am englischen Titel orientiert hätte, der „The Andrygynous Boyfriend“ heißt, aber „androgyn“ klingt doch nicht halb so aktuell wie irgendetwas mit dem derzeitigen Reizwort „gender“. Und so ist es auch genau richtig, denn der japanische Originaltitel verwendet explizit auch den englischen Begriff „genderless“, also geschlechtslos und eben nicht zweigeschlechtlich, wie es bei „androgyn“ der Fall wäre.

Dass Tamekou bürgerlich Kojiro Narihira heißt, ist leicht herauszubekommen. Die einschlägigen Websites sind dann aber geizig mit Informationen: bei der Frage von Geburtsjahr und Geburtsort wird genauso auf fehlende Angaben der Künstlerin verwiesen wie bei ihrem Geschlecht. Wie auch immer Tamekou es empfindet, er/sie/es vermag sehr feinfühlig darüber zu erzählen, was es bedeutet, zwischen den Rollenzuschreibungen zu agieren. Denn genau das tut der Protagonist Meguru.

Der Verkäufer in einer kleinen Modeboutique in Tokio ist zwar nur Angestellter, aber zugleich als Influencer ein Star, dank seines Gespürs für geschlechtsübergreifendes Verhalten und Kleiden. Zugleich ist er der treueste Freund der Welt, denn obwohl er von zahllosen Mädchen umschwärmt wird, ist er fest verbandelt mit der Mangaredakteurin Wako. Das indes gefährdet seinen jungfräulichen Ruf bei seinen Fans, doch Meguru pfeift auf verlogene Inszenierungen – wenn er sich gewissen Vorsichtsmaßnahmen beim Öffentlichmachen seines Privatlebens unterwirft, dann nur aus Rücksicht auf die Interessen anderer, er selbst ist grundehrlich. Dass aus dem Ruhm im Netz als Rollenvorbild und der geradezu spießbürgerlichen Existenz im trauten Heim sowohl Komik- als auch Konfliktstoff entsteht, macht den Reiz von „My Genderless Boyfriend“ aus. Der Peinlichkeiten sind kein Ende, wobei etliche davon von japanischem Publikum als peinlicher empfunden werden dürften als vom deutschen.

Für uns dagegen ist der erste Band ein faszinierender Einblick in die Vermarktungsmechanismen von Sozialen Medien, Bekleidungshandel und nicht zuletzt auch Manga. Tamekou versteht von allem etwas, und wenn auch nicht originell gezeichnet wird (eine Leseprobe gibt’s unter https://www.bic-media.com/mobile/mobileWidget-jqm1.4.html?https=yes&width=850&height=750&metadata=no&links=no&showLanguageButton=no&buyButton=yes&tellafriend=no&download=no&clickTeaser=no&showExtraShopButton=no&showTAFButton=no&showMenu=no&showExtraFacebookButton=no&showFullScreenButton=no&borderWidth=0&resizable=yes&noNavi=yes&fullscreen=undefined&isbn=9783551620361&navigationContext=book&fullscreen=yes&jump2=23, natürlichbin mangatypischer Leserichtung zu blättern, also gegen das westliche Gefühl), so ist das doch souveränes Handwerk des Shojo-Genres, also der Manga für junge Frauen, die im Bishonen, dem „schönen jungen Mann“, ein wichtiges Element haben. Dass dabei gerade effeminierte Figuren erfolgreich sind, ist altbekannt, doch hier wird in vielen Bildern jede Geschlechtszuweisung vermieden, während die Basis des Ganzen die konventionellste aller Liebesgeschichten ist: boy meets girl.

Das ist schon sehr schlau, denn dadurch ist wirklich für alle Leser etwas dabei. Bleibt nur die Frage, ob sie auch brav dabei bleiben werden, denn die Erscheinungsfrequenz ist eine langsame: Auf Englisch ist der vierte Band für 2022 angekündigt, womit nicht einmal ein Halbjahresrhythmus erreicht wäre. Was ist mit diesen Mangaka los? Treibt die von Verlagsseite niemand mehr an? Oder ist ein „Genderless Boyfriend“ auch noch zeitlos? Da wäre ich allerdings vorsichtig: Denn noch ist eben vieles, was mit Gender zusammenhängt, Mode. Auch das hat Tamekou sehr klug in seinem Manga berücksichtigt.

19. Apr. 2021
von andreasplatthaus
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12. Apr. 2021
von andreasplatthaus
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Diese Oma lässt Motorrad fahren

Normalerweise sollte man ja nicht das Ende eines Buchs ausplaudern, aber bei „Mari Moto“ vergibt man sich selbst und der Geschichte nicht damit, denn zum Abschluss zeigt Dorothée de Montfreid die doppelseitige Zeichnung eines Motorrads. Einer ganz normalen 125er Straßenmaschine, um die herum sich neun Mal kleine Zeichnungen der Titelfigur dieses Comics tummeln, um uns Einzelheiten des Motorrads zu erklären – von dessen Anschaffung über die technische Ausstattung bis zum Muster, das man mit regennassen Reifen auf den dunklen Asphalt zeichnen kann: „Trop classe.“ Ja, einfach super. All das macht aus der ganz normalen Maschine etwas ganze Besonderes: Es ist das Motorrad von Maris Großmutter.

Im Deutschen gibt es den Kindergassenhauer „Mein Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“. Man könnte nun glauben, „Mari Moto“ wäre dessen Bebilderung, aber dieser Kindercomic ist viel mehr. Vor allem nicht nur etwas für Kinder. Obwohl er sich in Aufmachung und Erzählweise ganz klar an sie richtet und auch prächtig reüssieren dürfte. Schon das Titelbild mit der kleinen Mari, die in regnerischem Wetter auf dem Motorrad durch die Dämmerung braust, wird das Herz von Kindern höherschlagen lassen, denn da ist ein Mädchen sichtbar in der Rolle von Erwachsenen unterwegs. „Ein Motorrad“, so hat Dorothée de Montfreid mir kürzlich erzählt, „das steht für Freiheit. Meine eigene Oma hatte zwar selbst keines, aber sie hat meinem Vater eines gekauft, und das habe ich als Kind bewundert.“

Dorothée de Montfreids Großmutter muss eine bemerkenswerte Frau gewesen sein. Sie habe ihrer Enkelin viel mehr Freiheiten eingeräumt als die Eltern, sagt die 1973 in Paris geborene französische Zeichnerin. Das mag noch einigermaßen üblich sein, aber diese Großmutter rauchte auch wie ein Schlot und malte und war überhaupt unkonventionelle und damit ein Rollenvorbild für das Mädchen aus der Großstadt. Und genau so ist auch die Großmutter in „Mari Moto“ gezeichnet: als toughe Frau, die weitaus besser als die ängstlichen Eltern der zehnjährigen Mari weiß, was so ein Mädchen alles leisten kann. „Mari Moto“ ist die Geschichte der Rettung einer ganzen Gegend, die von dem Kind bewerkstelligt wird. Mit dem Motorrad.

Worum geht es? Ein Sturm hat die Region verwüstet, die Kommunikationsleitungen sind unterbrochen, die Menschen sind von der Umwelt abgeschnitten, nicht wenige schwerverletzt. Auch Maris Oma kann wegen einer Handverletzung nicht selbst mit dem Motorrad zur nächsten Feuerwehrstation fahren, um Hilfe herbeizuholen, also schickt sie damit Mari los, der sie schon vorher mal ein paar Runden auf dem heimischen Anwesen mit der Maschine erlaubt hatte. Auf dem Weg durchs Chaos vollbringt Mari bereits erste Heldentaten, und natürlich kommt sie durch. Das darf man von einem Kindercomic ja wohl auch erwarten.

Nicht indes, wie er erzählt ist. Dorothée de Montfreid ist in Frankreich (und seit einigen Jahren auch in Deutschland) als Bilderbuchzeichnerin bekannt, doch in der jüngsten Zeit hat sie den Comic als Erzählform entdeckt. Ihre Serie „Ada & Rosie“, ein autobiographischer Familien-Strip für Erwachsene, entstand in zweiwöchigen Episoden für den Netzauftritt der französischen Tageszeitung „La Libération“, die sich wie kein anderes Blatt in Europa um Comics bemüht. In „Les petites philosophes“ erklärt Monfreid nach Szenarien von Sophie Furlaud in kurzen Geschichten Philosophie für Kinder, und ihr kürzlich erschienener kleiner Band „Les choses de l’amour“ bietet jeweils Liebesaffären in vier Bildern, allerdings ausgeführt von Gebrauchsgegenständen, die je nach Design ihre ganz eigene Form der Erotik finden. In Deutschland hat Montfreid in dem Kölner Illustrator Nikolaus Heidelbach einen Kollegen, der ähnlich geistreich-frivol das Liebesleben unbelebter Objekte ins Bild setzt. Leider hat man sich hierzulande bisher nur für Dorothée de Montfreids Bilderbücher interessiert; bei m Moritz Verlag und bei Reprodukt gibt es eine Handvoll Übersetzungen. In ihrer französischen Heimat hat die Zeichnerin bereits mehr als fünfzig Publikationen vorzuweisen.

„Mari Moto“ ist die jüngste, erst vor wenigen Tagen in Frankreich erschienen, und sie vereint erzählerische Elemente verschiedener Formen. Das Buch ist ein Comic mit Bildsequenzen und Sprechblasen, aber es gibt auch längere Textpassagen ohne Illustrationen oder Bilder, die ohne Wort auskommen. Dadurch variiert Dorothée de Montfreid das Tempo ihrer Geschichte, und das entspricht genau dem Inhalt, der abenteuerlichen Motorradfahrt von Mari.

Auf der Verlagsseite von Seuil kann man sich das anhand der ersten vierzehn Seiten der Geschichte ansehen: http://www.seuiljeunesse.com/ouvrage/mari-moto-dorothee-de-monfreid/9791023514759. Dort ist auch zu erkennen, dass Monfreid durch monochromen Einsatz von Zusatzfarben Stimmungen erzeugt, besonders auffällig bei der roten Einfärbung des Motorrads und Maris Helm, wodurch man auch auf doppelseitigen Totalen immer die Hauptfigur auf ihrer Fahrt im Fokus hat.

Was soll daran aber nun Erwachsene interessieren? Das Ende der Rettung, das Dorothée de Montfreid zu einer großartigen Satire auf Politik und Presse nutzt. Und ihr leichthändiger Stil, der sich dem Vorbild von Sempés „Kleinem Nick“ verdankt. Mit Mari hat die Zeichnerin eine Figur geschaffen, von der man weitere Abenteuer erhoffen darf. Und womöglich erkennt sogar ein deutscher Verlag im derzeitigen Rausch von Selbstermächtigung, Emanzipation und Generation Greta das Potential eines solchen Mädchencomics, der fernab aller Plakativität ganz selbstverständlich davon erzählt, was Kinder können. Und auch davon, was Erwachsene verbocken. Ach ja, als ich Dorothée de Monfreid nach ihrem Lieblingsbild aus „Mari Moto“ fragte, nannte sie die abschließende Doppelseite mit dem Motorrad. In Mari dürfte viel von dem Freiheitswillen und der Lebenslust ihrer Autorin stecken.

12. Apr. 2021
von andreasplatthaus
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06. Apr. 2021
von andreasplatthaus
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Fürchten Sie sich nicht vor Fahrenbühl

Die Stadt Schwarzenbach im Fichtelgebirge ist seit einigen Jahren für ihr Erika-Fuchs-Haus bekannt. Das ist das erste Comics gewidmete Museum in Deutschland, und seinen Namen verdankt es der langjährigen Übersetzerin von Disney-Comics. Erika Fuchs – pardon, Dr. Erika Fuchs für ihre Bewunderer, und natürlich bin ich einer – lebte von 1906 bis 2005, und die Hälfte davon in Schwarzenbach, wo ihr Mann, ein Tüftler wie Daniel Düsentrieb, eine kleine Fabrik besaß. Die viel größere Tüftlerin aber war seine Frau, die unsere Sprache beherrschte und bereicherte wie wenige.

Ich schwärme, aber das ist für einen Donaldisten normal, der das meiste, was er über Entenhausen weiß, Erika Fuchs verdankt, die dieser Welt erst Ausdruck verliehen hat. Deshalb kenn ich auch den Namen Fahrenbühl, der in Entenhausen für ein Fuhrunternehmen steht, ein besonders reelles überdies, wie Donald Duck zu berichten weiß. Und wie so manches aus den von Fuchs übersetzten Berichten ist dieser Name der Umgebung von Schwarzenbach entnommen: Ein einsames Forsthaus einige Kilometer außerhalb heißt so, es bietet Gästezimmer an, und man kann sich denken, wo ich abstieg, als ich das erste Mal in Schwarzenbach übernachtete. Und wo ich das seither immer so gehalten habe.

Damit bin ich nicht allein, andere Donaldisten hielten es genauso, und da das Erika-Fuchs-Haus unter Leitung seiner rührigen Direktorin Alexandra Hentschel enorme Aktivitäten entfaltet, steigen bisweilen auch undonaldische Gäste im Forsthaus Fahrenbühl ab, unter anderem die international mittlerweile bekannteste deutsche Comiczeichnerin, Anna Haifisch aus Leipzig.

Ich kenne Anna, ich kenne Fahrenbühl, ich hätte mir denken können, dass das auf skurrile Weise zueinander passt, aber was diese Kombination jetzt publizistisch ergeben hat, hätte ich mir nicht träumen lassen: einen ganzen Comic mit dem Titel „Residenz Fahrenbühl“. Er ist gerade erschienen, bei Spector Books, dem vielfach ausgezeichneten Kunst- und Theorieverlag aus Leipzig, also einem Haus, das noch keinen Comic verlegt hat, aber besser könnte er nicht damit beginnen. Wobei „Residenz Fahrenbühl“ im Taschenbuchformat daherkommt und von außen nicht signalisiert, was drinsteckt: Das Cover bietet nichts weiter als die Fotografie einer aufgespannten Mausefalle, Verfasserin und Titel finden sich auf der Rückseite. Dazwischen aber verstecken sich 140 Comicseiten, wunderbar krakelig mit violettem Kugelschreiber gezeichnet, unverkennbar haifischig (auf ihrer Homepage kann man sich ein paar Doppelseiten ansehen: https://www.hai-life.com/) und entsprechend komisch.

Aber auch verblüffend. Nicht, weil es in „Residenz Fahrenbühl“ doppeldeutig und reichlich seltsam zugeht, das kennt man aus allen bisherigen Geschichten von Anna Haifisch – wie hätte sie sonst auch derart erfolgreich werden können (mehr künstlerisch, weniger kommerziell)? Nein, was wir hier vor uns haben, ist ein fichtelgebirgiges „Shining“: Zwei Mäuse sind als artists in residence auf einem Landgut namens Fahrenbühl zugange und es entwickelt sich unter allerhand „irrem Künstlergeschwätz“ (Eigencharakterisierung der beiden Protagonisten) eine abgründige Binnendynamik in der Abgeschiedenheit, die man nach dem Auftakt mit der Anfahrt eines Rettungswagens zwar hätte vermuten können, dann aber über die köstlichen Idiosynkrasien der Gäste wieder vergisst, ehe die Handlung ihren Beginn wieder einholt und ebenso überraschend wie versöhnlich auflöst.

In einem knappen Nachwort erläutert Anna Haifisch die Entstehung des Buchs. Eigentlich hätte es in Columbus/Ohio entstehen sollen, wo sie selbst eine Residenz antreten wollte, die aber der Pandemie zum Opfer fiel. In ihrem Leipziger Atelier habe sie während des zweiten Lockdowns jedoch „dieselben beklemmenden Zustände abrufen können, die Fahrenbühl zu so einem psychopathischen Ort machen“. Ich war nicht nur in Fahrenbühl, sondern vor zwanzig Jahren auch einmal für eine Übernachtung in Columbus und könnte mir vorstellen, dass die Geschichte dort noch psychopathischer geworden wäre. Fahrenbühl ist in seiner Einsamkeit nichts gegen die abends ausgestorbene Innenstadt der Hauptstadt von Ohio. Aber Schwamm drüber, dieser Comic ist ja so schon sensationell gut.

Was Anna Haifisch während ihres dort verbrachten Wochenendes im Forsthaus Fahrenbühl erlebt hat („Vergessen Sie Ihr Schießgewehr nicht“), vermag ich nicht zu sagen, ich habe dort eine wie aus der Zeit gefallene Atmosphäre und größte Gastfreundschaft erlebt – allerdings war das Haus jeweils bis zur Turmspitze, wo der berüchtigtste Schnarcher der D.O.N.A.L.D. – Friede seiner Asche – untergebracht war, auch voller Donaldisten. Das Fahrenbühl des Comics ist winterlich eingeschneit, von weiten Feldern umgeben und auch eher im Flachland angesiedelt – die Autorin hat den Schauplatz in den fiktiven norddeutschen Landkreis Cahlenberg verlegt, wie sie ihn aus einem 1994 erschienenen Roman von Bernd Schirmer kennt. Man sieht: Hier werden die unterschiedlichsten Inspirationen vermengt, aber alles, was herauskommt, ist ganz Anna. Sie bleibt die Haifisch im Karpfenteich der deutschen Comics.

06. Apr. 2021
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29. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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Die wahren Regenten von Frankreich

Frankreich ist ein Land der Überraschungen. Vor wenigen Wochen ist zum ersten Mal in der Fünften Republik ein ehemaliger Staatspräsident strafrechtlich verurteilt worden: Nicolas Sarkozy muss wegen Bestechlichkeit ins Gefängnis, weitere Gerichtsverfahren gegen ihn sind noch anhängig. Und genau gleichzeitig erschien ein Comic, der ihn zum Helden einer Gruppe von Geheimagenten macht, die darum bemüht ist, den französischen Staat einigermaßen durch die Wirren der Gegenwart zu steuern. „Héros de la République“ lautet der Titel des Albums, und er soll der Auftakt zu einer ganzen Serie sein.

Wer sich nun fragt, ob dieser Comic das Werk von Sarkozyards oder Anti-Sarkozyards ist, dem möge ein Verweis auf die beiden Autoren genügen: Joann Sfar und Mathieu Sapin. Ersterer tut sich seit Jahren als spitzfedriger Kritiker der Regierungspolitik hervor; Sfar ist regelmäßiger Mitarbeiter von „Le Canard enchainé“, der zentralen Instanz des investigativen Journalismus in Frankreich, und seine Postings zur Corona-Politik von Präsident Macron sind an Schärfe kaum zu überbieten.

Sapin wiederum ist bekannt geworden durch seine zeichnende Begleitung des Wahlkampfs und der Amtszeit des sozialistischen Präsidenten François Hollande, jenes Politikers, der Sarkozy an der Spitze des Staates abgelöst. So desaströs seine fünf Jahre als Präsident auch waren, so treu stand ihm Sapin zur Seite, der sich während der Wahlkampagne mit dem Kandidaten angefreundet hatte und danach dessen Vertrauen genoss, so dass er Einblick in Hollandes Regierungsgeschäfte bekam, die kaum ein anderer Journalist hatte. Die drei Bände „Campagne présidentielle“, „Au Château“ und „Comédie française“, die Sapin von 2012 bis 2020 sind deshalb das bisher intimste Hollande-Porträt. Und trotz aller Freundschaft auch das deprimierendste.

Eines jedenfalls dürfte klar sein: Weder Sapin noch Sfar haben Sympathien für Sarkozy. Sie haben allerdings größte Sympathien füreinander, und das schon seit Jahren, denn Sapin hat auch die Dreharbeiten von Joann Sfars Spielfilm „Gainsbourg“ zum Gegenstand eines seiner dokumentarischen Comics gemacht. Nun revanchiert sich Sfar mit dem Szenario zu „Héros de la Rébublique“, den Sapin gezeichnet (und zwar so: https://www.dupuis.com/le-ministere-secret/bd/le-ministere-secret-tome-1-heros-de-la-republique/87016), aber gewiss auch mitverfasst hat. Denn eine so aberwitzige Satire kann sich wohl nicht einmal jemand wie Sfar alleine ausdenken. Zumal auch Hollande eine wichtige Rolle spielt, denn Ausgangspunkt der Handlung ist ein Geheimministerium, das sich aus den ehemaligen Staatspräsidenten zusammensetzt, deren Erfahrung zur Abwehr von Gefahren genutzt werden soll. Plötzlich wird also aus Sarkozy und Hollande ein Team. Man hat eigene Truppen, ein unterirdisches Hauptquartier, wundersam ausgestattete Fahrzeuge (besonders erwähnenswert ist Hollandes Vespa, also jenes Fahrzeug, das untrennbar mit einem der privaten Skandale seiner Amtszeit verbunden ist) und die Lizenz zu so ziemlich allem, was als staatsdienlich eingeschätzt werden kann. Das Vorbild ist überdeutlich die Welt von James Bond, und Sfar und Sapin haben mit deren Übertragung auf die kläglichen Politgestalten erkennbar ihren Spaß.

Wobei wie bei Sfar üblich, das Pathos nicht zu kurz kommt, hier in der Gestalt des amerikanisch-jüdischen Superagenten Yacoov Kurtzberg, der die europäische Ordnung noch mehr durcheinanderbringt als sein (im bereits vor einem Jahr abgeschlossenen, aber eben erst jetzt publizierten Comic noch amtierender) Präsident Trump oder der russische Staatschef Putin, die beide schon für genug Chaos sorgen. Kurtzberg ist gezeichnet wie The Thing, also die beliebteste Figur der Superheldentruppe der Fantastischen Vier, und sein Name verdankt sich dem Zeichner dieser Serie, der seinen bürgerlichen jüdischen Namen durch die amerikanisierte Form Jack Kirby ersetzt hatte. Die comic- und kulturhistorischen Anspielungen sind sfartypisch zahlreich.

Dabei kommt aber auch, wie bei Sapin üblich, die Selbstironie nicht zu kurz. Denn der neue Band knüpft augenzwinkernd an seine drei dokumentarischen Comics an, indem der Zeichner selbst mitspielt, ja sogar die Hauptrolle einnimmt: als mehr oder minder unfreiwillig von seinem alten Spezi Hollande in die Machenschaften des Geheimministeriums hineingezogener Naivling, dem plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen wird, als sich alle bisherigen politischen Sicherheiten in Luft auflösen und irgendwann der unkontrollierbare Kurtzberg mit dem vollkommen perplexen Sapin durchbrennt. Was sie erleben, muss man selbst lesen, wobei zu befürchten steht, dass sich wie schon im Fall der dokumentarischen Hollande-Comics kein deutscher Verlag finden wird. Der einzige Band aus Sapins grandiosem Reportagewerk, der bislang den Weg über die Sprachgrenze gefunden hat, ist sein „Gérard – Fünf Jahre am Rockzipfel von Depardieu“ (erschienen bei Reprodukt), udn  das verdankte sich natürlich der Popularität des Schauspielers in Deutschland. Weder von Hollande noch Sarkozy kann man Ähnliches behaupten.

Man darf jedenfalls gespannt sein, wie es mit den „Héros de la République“ weitergeht. Fürst Albert von Monaco und Greta Thunberg spielen bereits im Auftaktband auf jeweils sinistre Weise mit, und das Ende ist offen. Die eigentliche Bedrohung, so viel wissen wir schon, sind Außerirdische – mit weniger darf sich ein Superheldencomic ja auch nicht zufrieden geben. Wenn es Sfar und Sapin gelingen sollte, die Tagesaktualität etwas mehr in die Handlung einfließen zu lassen als im ersten Teil, dann könnte aus den „Héros de le République“ eine Satireserie der Extraklasse werden.

 

 

 

 

29. Mrz. 2021
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22. Mrz. 2021
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Oupapotentiell phantastisch

Vor zwanzig Jahren gründeten einige französische Comiczeichner in Anlehnung an die Literaturschule von Oulipo die Arbeitsgruppe Oubapo – Ouvroir de Bande dessinée Potentielle (sinngemäß übersetzt: Werkstatt für die Möglichkeiten des Comics). Viele Leser hätten allerdings, das, was dabei herauskam, wohl eher als unmöglich betrachtet: Geschichten zum Beispiel, die immer dieselben Bilder variierten, mitten im Verlauf die Erzählrichtung wechselten oder Auf dem Kopf gelesen werden wollten. Prinzip dieser Versuche war nämlich, das Potential der Comics dadurch auszuloten, dass man den Autoren strenge formale Vorgaben macht. Wer damit zurecht kommt, der hat etwas von der eigenen Kunstform verstanden.

Deutsche Mitglieder von Oubapo gab es nicht, Nicolas Mahler hat sich, sofern ich mich recht erinnere, ein paar Mal beteiligt, aber der Mann ist ja Österreicher. Jemand, der indes mit offenen Armen dort willkommen geheißen worden wäre, ist Henning Wagenbreth, ehedem Mitglied der legendären „PGH Glühende Zukunft“ der Ostberliner Nachwendezeit (neben ihm noch darin vertreten Anke Feuchtenberger, Holger Fickelscherer und Detlef Beck, also alles singuläre Comic- und Cartoon-Könner) und seit 1994 Professor an der UdK Berlin, die er seitdem zu einer der wichtigsten Nachwuchsschmieden für Comiczeichner in Deutschland machte. Wagenbreth selbst indes ist nur selten auf diesem Feld unterwegs; seine Schwerpunkte sind Plakat- und Buchillustration. Umso schöner aber, wenn nun im Peter Hammer Verlag tatsächlich wieder einmal ein Comic von ihm erscheint: „Rückwärtsland“.

Das Oupapotential der Geschichte liegt in der Umkehrung von Ursache und Wirkung: Im Rückwärtsland ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik außer Kraft gesetzt. Die Entropie nimmt zu, alles wird ordentlicher, funktioniert vor allem besser. Konkretes Beispiel: Die Tasse Kaffee wird vom Ehemann schon vor der Bitte seiner Gattin darum serviert. Das klingt noch einigermaßen machbar auch für unsere Welt, aber wie da Forstarbeiter mit Kettensägen Bäume aufrichten oder jemand sein gerade gewonnenes Vermögen gegen einen Lottoschein eintauscht, das hat schon aberwitziges, ja, Potential. Wobei beim letztgenannten verdrehten Ereignis ein Fehler in Wagenbreths Geschichte steckt, denn da heißt es: „Die Millionen tauscht er ein / gegen einen Lottoschein. / Legt den Zettel ins Regal / und vergisst die Superzahl.“ Wäre das der umgekehrte Ablauf der Geschichte, hätte der Schein ja als vergessener nie die gewinnsumme eingespielt.

Man hat eben gemerkt: In Rückwärtsland kommt alles gereimt daher. Das hat Wagenbreth zu seiner bevorzugten Ausdrucksform gemacht, auch schon im vor neun Jahren im selben Verlag erschienenen Band „Der Pirat und der Apotheker“, bei dem es aber unumgänglich war zu dichten, weil es sich dabei um die Übersetzung (und Illustration) einer Ballade von Robert Louis Stevenson handelte. Im neuen Buch merkt man Wagenbreth den Zauber des Reimzwangs an, das Versschema ist zwar simpel, aber umso effizienter. „Rückwärtsland“ gibt ein grandioses Vorlesebuch ab.

Und natürlich ein Bilderbuch – wie könnte es anders sein bei Peter Hammer? Jeweils die Hälfte einer Doppelseite ist mit einer ganzseitigen Illustration im unverkennbaren Wagenbreth-Stil gefüllt (wer ihn nicht kennt, kann ihn sich hier ansehen und lieben lernen: http://www.wagenbreth.de/projekt.php?nummer=280 zeigt ein Poster zu „Rückwärtsland, https://www.peter-hammer-verlag.de/fileadmin/user_upload/PDF__s/Vorschauen/PHV_Fruehjahr_2021_Novitaeten_DS.pdf die Verlagsvorschau mit Auszügen aus dem Buch), daneben sind dann die jeweiligen Verse zu Oberthemen wie „Geirk“, „Hcahcs“ oder „Nefoelhok“ zu finden, um einmal die am skurrilsten zu lesenden zu nehmen. Mit der ungewohnten Schreibweise werden Kinder auch das lesen anders erleben. Es ist ein Lust, durch dieses Buch und damit durch „Rückwärtsland“ zu gehen.

22. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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15. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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Suspense wird keinesfalls suspendiert

Alfred Hitchcock ist für vieles berühmt, auch dafür, in fast jedem seiner Filme einen Cameo-Auftritt hingelegt zu haben. Man mag das eitel nennen – und das war er auch –, zumal die Bezeichnung „Cameo-Auftritt“ in diesem Fall mit dem eingerahmten Juwel, das damit angesprochen ist, physiognomisch betrachtet einen fetten Klunker präsentiert, jedenfalls unübersehbar. Von Subtilität keine Spur. Und darauf hat sich Hitchcock einiges zugutegehalten, wie wir dem berühmtesten Buch der Filmgeschichtsschreibung entnehmen können, Francois Truffauts Gesprächsband „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“.

Jetzt ist der erste Teil einer zweibändigen Comicbiographie über Alfred Hitchcock erschienen (beim Splitter Verlag), und seine beiden französischen Autoren, der Szenarist Noel Simsolo und der Zeichner Dominique Hé, müssen gleich zwei Legenden gerecht werden: Hitchcock selbst und Truffauts Buch. Das für den Comic natürlich eine wichtige Quelle war, weil die beiden Filmregisseure im Gespräch miteinander wunderbar ins handwerkliche Detail gingen und auch die persönlichen Prägungen des 1899 geborenen Briten nicht aussparten. Simsolo ist die Konkurrenzsituation offensiv angegangen und bettet den Großteil des Auftakts der Comic-Biographie einfach auch in ein Gespräch ein: hier zwischen Hitchcock und seinen beiden Hauptdarstellern Grace Kelly und Cary Grant am französischen Sert von „Über den Dächern von Nizza“. Den drehten sie 1954, und in munterer Plauderei mit Grant bei gelegentlicher Assistenz (und verbaler Verführung) durch Kelly erzählt Hitchcock ihnen und uns von seiner Jugend und der Karriere bis zum großen Schritt: dem Wechsel nach Hollywood Ende der dreißiger Jahre. Der Rest ist Filmgeschichte – und reserviert für den bereits angekündigten zweiten Band.

Aber ganz ohne den Ruhm der zweiten Karrierehälfte kommt auch der erste Teil nicht aus. Wenn wir das Allerberühmteste benennen sollten, das mit Hitchcocks Name verbunden ist, dann wäre es „Psycho“, jener Film, der einem ganzen Genre den Namen gab, indem er 1960 einen Schrecken auf die Leinwand brachte, den es vorher noch nicht gegeben hatte. Mit dem Erfolg dieses Werks, einem Neubeginn auch für Hitchcock selbst, startet die Comic-Biographie, und im mörderischen Außenseiter, den Anthony Perkins in „Psycho“ spielt, wird so etwas wie ein Selbstporträt des Alfred Hitchcock sichtbar: des manischen Arrangeurs mit gestörten sozialen Beziehungen. Allerdings wird im Comic auch die symbiotische Beziehung zu seiner Frau Alma vorgeführt, seiner wichtigsten Mitarbeiterin und Urheberin vieler Elemente des spezifischen Hitchcock-Touchs (bei Truffaut kommt sie so gut wie nicht vor; die Kinogrößen der Nouvelle Vague waren ganz dem Auteur-Gedanken und damit einer Art Geniekult verfallen).

Wie sieht Alfred Hitchcock auf Comicseiten aus? Zunächst einmal wie seine eigene Karikatur, aber so hat er sich ja auch selbst immer wieder inszeniert – er wusste um das Paradox des kleinen dicken Mannes, dessen Filmkunst rund ums Thema des Verbrechens die Menschen faszinierte. Hé ist ein realistischer Zeichner ohne jede Originalität, ihm liegt an wiedererkennbaren Zügen seiner prominenten Figuren und an markanten Stimmungsdekors in den eher spärlich angelegten Hintergründen (die Leseprobe zeigt es: https://www.splitter-verlag.de/alfred-hitchcock-1-mann-aus-london.html). Im Grunde also, könnte man sagen, arbeitet Hé wie Filmausstatter und Kameraleute. Dass der erste Band komplett schwarzweiß gehalten ist, passt zur darin vorgestellten Werkphase, und ausgerechnet „Psycho“ war ja nach den Farbfilmen der fünfziger Jahre die Rückkehr Hitchcocks zu Schwarzweiß. „Über den Dächern von Nizza“ war natürlich auch in Technocolor gedreht, aber der Film selbst kommt im ersten Band gar nicht vor, nur die Dreharbeiten sind Thema. Ich bin jedenfalls gespannt, ob Teil 2 mit „Cocktail für eine Leiche“ (1948) Farbe einfließen lassen wird, wie es fortan in Hitchcocks Werk geschah.

Anfangs ermüdete mich die Geschichte: zu viel Altbekanntes, zu viel Kleinklein, das vor allem über Dialoge, nicht über Bilder vermittelt wird. Wozu denn dann ein Comic? Doch über die 150 Seiten hinweg entfaltet die Sachlichkeit der Geschichte einen eigentümlichen Sog, man könnte fast sagen: Suspense, denn wie bei diesem von Hitchcock geprägten Erzählprinzip wissen wir als Betrachter schon viel mehr als die Beteiligten und lauern aufs unvermeidliche Eintreten dessen, was wir wissen. Im Falle dieses Lebens sind es die zahlreichen Meisterwerke, und im ersten Teil von „Alfred Hitchcock“ suchen wir nach deren Vorboten. Es gibt viel zu finden.

Simsolo hat die Biographie in einzelne Kapitel gegliedert, deren Übergänge bei der Lektüre Atem holen lassen, ehe es nach jeweils einer atmosphärischen Szene vor ganz weißem Hintergrund wieder in die üblich kleinteilige Seitenarchitektur hineingeht. Nur selten brechen größere Panels das konventionelle Vier-Reihen-Schema auf, aber wenn es geschieht, ist es dramaturgisch sowohl im Kontext der Erzählung als auch der Einzelseite klug gesetzt. Diese Biographie ist ein Beispiel von großer Professionalität bei wenig Spektakel – und das schließt die genaue Übersetzung von Tanja Krämling mit ein, die ja auf all die deutschen Filmtitel etc. achten musste. Beim raschen Durchblättern wird der Band wenig überzeugen, weil so unaufgeregt daherkommt, aber wer sich auf die Lektüre einlässt, wird belohnt. Auch mit zahlreichen Anekdoten, die Hitchcock Truffaut verschwiegen hat. Und dazu trägt nicht zuletzt bei, dass Cary Grant einer der verkappten Homosexuellen jener bigotten Hollywood-Jahre war, so dass er und Hitchcock sich als Superstars ihres Metiers doch auf der Ebene von Außenseitern unterhalten. Ob es solche Gespräche jemals gegeben hat? Darüber nachzudenken macht schon einen Teil des Reizes aus.

15. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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08. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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Comic-Strip als Seelenstriptease

Schon fürs Wortspiel des Titel muss man ihn lieben: „Vervirte Zeiten“. Ralf König hat im ersten Lockdown, also vor bald einem Jahr, spontan angefangen, jeden Tag eine Vier-Bilder-Episode (bisweilen auch mal mehr) um das Leben seiner seit mehr als einem Vierteljahrhundert bewährten Figuren Konrad und Paul zu zeichnen. Das schwule Paar, Klavierlehrer der Erstere, Science-Fiction-Erotik-Autor der Letztere, geht mittlerweile auf die sechzig zu und hat, wie man schon im Prachtband „Herbst in der Hose“ lesen konnte, genug Probleme mit Profession und Potenz. Nun kommt noch die Isolation dazu, die dem lebenslustigen Paul arg zusetzt. Das Ergebnis ist eine Serie, die der Bezeichnung Comic-Strip eine zusätzliche Bedeutung verleiht: Hier lässt König wirklich alle Schutzhüllen fallen.

Er machte den tagesaktuell die Pandemie begleitenden Comic-Strip in den sozialen Medien zugänglich, vom 18. März bis zum 31. Oktober, mehr als ein halbes Jahr also. Und fand ein begeistertes Publikum, vor allem einer neuen Figur wegen, die zunächst gar nicht selbst auftrat. „Der Filialleiter vom Rewe an der Subbelstraße“ bezauberte seinen  Kunden Paul zunächst durch Physis, dann durch seine sexuelle Orientierung und schließlich durch die Bereitschaft zu einem Skype-Meeting. Bis es indes soweit kam, vergingen Monate, und die Spannung über den Verlauf dieser virtuellen Affäre gehört zum Schönsten, was König schreibend und zeichnend erreicht hat. Dass er den Filialleiter nicht zeigte (zumindest nicht sein Gesicht …), ließ mit Paul fiebern, und als dann doch ein Gesicht auf seinem Bildschirm gezeigt wurde, war es das des Partners des Filialleiters. Man lauerte auf jeden neuen Tag, aber Bastian Knaller (so der Name des Filialleiters), hielt uns Leser ebenso hin wie seinen immer geileren Verehrer.

Nun ist die komplette Serie unter dem bereits genannten Titel „Vervirte Zeiten“ als Buch herausgekommen: bei Rowohlt, einem der beiden Hausverlage von König (der andere ist Männerschwarm). Und wenn man gedacht hätte, die Sache verlöre durch Gesamt- und Zweitlektüre an Reiz, hat sich getäuscht. Es ist schon irre komisch, wie jetzt Pauls wechselnde Sozialkontakte im Lockdown (und der zwischenzeitlichen Öffnung) erst richtig plastisch werden. König baut einen Freundeskreis um ihn auf, dessen Mitglieder in unterschiedlicher Weise und Intensität über die Zeitläufte verzweifeln (die Leseprobe auf seiner Homepage zeigt es: https://www.ralf-koenig.de/vervirtezeiten.html, die des Verlags bietet auch noch das Vorwort: https://www.book2look.com/book/9783498002114), natürlich telefoniert oder skypt man vor allem, und der Comic liefert nicht nur eine grandiose Augenblicksaufnahme, sondern auch das Psychogramm (manchmal Psychopathogramm) einer Szene, die unter den aktuellen Bedingungen mehr zu verlieren hat als die Angehörigen dessen, was gesellschaftlich immer noch als „Normalzustand“ gilt.

Das Buch bietet zudem einen kleinen Bonus. Um die Geschichte abzurunden , inhaltlich wie chronologisch, hat König noch einmal ein paar Folgen gezeichnet und so das Geschehen bis Silvester 2020 forterzählt. Dabei hat er einer literarischen Liebe nachgegeben, die schon einige seiner Bücher geprägt hat: gereimte Bildtexte nach dem Vorbild Wilhelm Buschs. Ich zitiere ganz frech diesen Schluss, weil man ohne die Bilder eh nur den halben Spaß hat (und also umso besseren Grund, das Buch zu kaufen): „Draußen prasselt kalter Regen / auf die Fensterscheibe … / Du liegst im Bett. Genau deswegen / rück ich dir zu Leibe. / Draußen kreisen Krankheitsviren: / Corona, Grippe, Schnupfen … / Wie sollte es mich da nicht verführen, / zu dir ins Bett zu schlupfen? / Draußen rauschen Autos laut / auf nasser Straßenkreuzung … / Ich schmiege mich an deine Haut, / so schön wärmt keine Heizung. / Draußen stecken alle Leute / in Anoraks und Jacken … / Ich lieg an deiner Hinterseite / und riech an deinem Nacken. / Dein Arsch ist nackt und kuschlig warm / und ich leg dir meinen Arm / um den behaarten Bauch … / Soll’s kalte Treiben /draußen bleiben … / … und 2020 auch.“ Das war leider nur ein frommer Wunsch vom Atheisten König.

08. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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01. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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Die Welt hört auf Kinderhände

Einen Comic, der gleichzeitig auf Deutsch, Englisch, Türkisch und Dänisch erscheint, darf man schon in dieser Hinsicht bemerkenswert nennen. Aber an „Fuchs“ vulgo “Fox“, „Tilki“ oder noch einmal „Fox“ ist noch viel mehr bemerkenswert als seine polyglotte Publikation. Seine Geschichte umfasst fast zehntausend Jahre und veranschaulicht eine archäologisch-anthropologische These. Verfasst hat ihn ein Deutscher, gezeichnet ein Grönländer, Ort der Handlung ist Jordanien.

Das klingt eklektisch, aber das ganze fügt sich aufs Interessanteste. Moritz Kinzel, ein 1976 geborener Bauforscher, ist Mitglied eines Grabungsteams des Danke Institut i Damaskus, einer dänischen Forschungseinrichtung in der Art des Deutschen Archäologischen Instituts. Tätig ist diese Gruppe im jordanischen Shkarat Msaied, nicht weit von der berühmten Felsenstadt Petra. Die Besiedelung beider Stätten reicht bis in die Jungsteinzeit zurück, doch Shkarat Msaied wurde erst seit 1964 archäologisch erschlossen, als eine dänische Ausgräberin hier die ersten Funde machte. Zwanzig Jahre später kam ein deutsches Team, und seit 1999 sind wieder Dänen hauptverantwortlich tätig. Über die Ergebnisse dieser letzten Kampagne und speziell ein 2002 aufgefundenes Skelett einer etwa fünfunddreißigjährigen Frau, die vor circa 9500 Jahren gelebt hat, informiert Kinzel in seiner Geschichte, die er nach einem mutmaßlichen Totemtier der damaligen Ansiedelung „Fuchs“ betitelt hat.

Gezeichnet hat sie Konrad Nuka Godtfredsen, der allerdings nicht bei den Ausgrabungen in Shkarat Msaied dabei war. Kinzel schickte ihm ein Szenario mit Skizzen und Fotos – wie das ausgesehen hat, davon gibt ein kleiner von Kinzel gezeichneter Anhang mit der Entstehungsgeschichte des Comics Auskunft. Wie wiederum Godtfredsen sich der sache annahm, das kann man auf dieser Website sehen: https://cseas.ku.dk/shkaratmsaied/graphicoutreachinitiative, inklusive einem kurzen Film über seine Arbeit an „Fuchs“. Wie man den Comic selbst beziehen kann, weiß ich leider nicht; mein Exemplar kam direkt von Moritz Kinzel aus Istanbul, wo auch der Ege Verlag residiert, der die Bände in den vier Sprachen im Programm hat.

Wer auch nur geringes Interesse an Frühzeitarchäologie hat, für den wird der quadratische Band ein Fest sein. Denn auch wenn vor allem die Geschichte einer Heilerin erzählt wird, die den spirituellen Mittelpunkt einer Dorfbevölkerung bildet, die sich am Übergang vom Nomaden- zum Siedlertum befindet und also noch sowohl aus Jägern und Sammlern als auch ersten Viehhirten besteht. Wir begleiten sie bei der Einführung in ihre Position bis zu ihrem Tod, und tatsächlich ist das Einzige, was wirklich sicher über ihre Existenz ist, das Faktum, dass beim Begräbnis erst der Kopf vom Körper getrennt wurde und danach die Verwesung abgewartet wurde, ehe die Knochen vermischt und zusammen mit anderen sterblichen Überresten endgültig beigesetzt wurden. Kinzels Erklärung dafür orientiert sich an Arnold van Genneps berühmtem dreistufigen Schema der „rites de passage“.

Hier ist nicht der Ort, um diese Überlegungen nachzuvollziehen; dafür gibt es ja den Comic (der einen zwanzigseitigen wissenschaftlichen Anhang aufweist, in dem genau Rechenschaft über die Grundlagen der Geschichte abgelegt wird). Kinzel hat versucht, die spärlichen Kenntnisse zu einem Individuum mit den schon etwas reichhaltigeren Vermutungen zur damaligen Gesellschaftsform zu einer Geschichte zu verbinden, die auch noch die Ebene der gegenwärtigen Erforschung miteinbezieht, indem immer wieder Parallelhandlungen über die Grabungen Berücksichtigung finden – witzigerweise in Schwarzweiß gehalten, während die Jungsteinzeit farbig daherkommt. Godtfredsen befleißigt sich eines illustrativ-realistischen Stils, hat aber, wie man dem Anhang entnehmen kann, durchaus auch eigene Vorstellungen in die Zeichnungen eingebracht; offenbar nicht immer ganz zur Zufriedenheit der Archäologen. Aber es sollte ja auch ein attraktiver Comic entstehen, um einmal neue Wege der Fachwissenvermittlung zu beschreiten.

Auf diese Weise passt sich „Fuchs“ ins Feld der Sachcomic an, allerding mit einen notwendig fiktionalen Handlung, weil ja nicht die Grabung Hauptgegenstand des Geschehens ist, sondern das Leben und Sterben der Heilerin. Dass nebenher viel Information über die kulturellen rites de passage vermittelt werden, die sich in jener Aufbruchsepoche abspielten, ist hocherfreulich. So lernt man etwa, dass die Menschheit zunächst runde Gebäude errichtete und sich die später üblichen rechteckigen Formen dann von innen (Raumunterteilungen) nach außen (Hausmauern) durchsetzten. Das wird überaus witzig ins Bild gesetzt durch ein aufgewecktes Kinderpaar, die sich etwas abseits der Siedlung eigene Überlegungen zur Bauweise ihres Dorfes macht. Und am Ende sind drei Sandzeichnungen von Kinderhand zurückgeblieben, die historisch weit vorausweisen: mit den Grundrissen des Labyrinths des Minos, der Villa Rotonda von Palladio und Mies van der Rohes Barcelona-Pavillon. Wer so lustvoll Wissen zu verbreiten versteht, dem darf man noch viel mehr Sprachen zur Verbreitung wünschen als die vier, in denen „Fuchs“ nun vorliegt.

01. Mrz. 2021
von andreasplatthaus
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22. Feb. 2021
von andreasplatthaus
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Die Arbeitswelt der Achtziger

Der frankokanadische Zeichner Guy Delisle ist dabei, das Wort „Chroniques“ zu seinem Markenzeichen zu machen. Hießen seine beiden ersten internationalen Erfolgscomics Anfang des Jahrtausends noch einfach „Shenzhen“ und „Pjöngjang“ – nach seinen zeitweisen Aufenthaltsorten, die er darin beschrieb –, nannte er 2007 seine Erinnerungen an die Zeit, die er in Myanmar verbrachte (ein leider durch die dortigen politischen Ereignisse gerade wieder hochaktuelles Buch) „Chroniques birmanes“. Vielleicht, weil er darin erstmals keine Arbeitssituation schilderte, denn nach Myanmar war Delisle als Begleiter seiner Frau gekommen, die dort für „Ärzte ohne Grenzen“ arbeitete, während er in China und Nordkorea als Trickfilmzeichner engagiert worden war. Er hatte also nun viel mehr Zeit, Land und Leute zu beobachten, und das wiederholte sich später in Israel: Delisles Aufenthalt dort, wieder als Anhängsel seiner Frau, fand 2012 Niederschlag in seinen „Chroniques de Jérusalem“. Und nun, noch einmal neun Jahre später, bringt der 1966 geborene Zeichner „Chroniques de Jeunesse“ heraus: Chroniken/Aufzeichnungen seiner Jugend.

Damit ist aber auch wiederlegt, dass die Vergabe der Gattung „Chroniques“ durch Delisle einen inhaltlichen Grund haben könnte, denn im neuen Comic steht ja wieder die eigene Arbeitswelt im Zentrum. Als sechzehnjähriger Schüler verdingte sich Guy Delisles für die Zeit der Sommerferien in einer Papiermühle seiner Heimatstadt Québec, genauer gesagt im Vorort Stadacona. Das war 1982, und die Fabrik existierte schon seit 1927: ein grandioser Art-déco-Industriebau, der in prominenter Lage am Zufluss des Flusses Saint-Charles in den Sankt-Lorenz-Strom errichtet wurde, weil dort das im Inland geschlagene Holz angeflößt wurde. Im Laufe der Jahrzehnte wechselte das ursprünglich Anglo-Canadian Pulp and Paper Mills genannte Unternehmen (diese englische Bezeichnung dürfte im kulturellen Herzen des frankophonen Kanada als Affront empfunden worden sein) mehrfach den Eigentümer; heute firmiert es unter „White Birch“ (wieder englisch!) und gehört einem amerikanischen Konzern, mit dem es seitdem nur Ärger gegeben hat: Entlassungen, angedrohte Werksschließung, Pensionsausfälle. Aber das war alles schon lange nach Delisles Zeit als Ferienaushilfskraft in Stadacona.

Wir reisen mit ihm zurück in die achtziger Jahre, und wie das kulturelle Umfeld jener Zeit mit in die sozialreportagenartige Schilderung vom Arbeiten in der Papiermühle eingefügt wird, ist eine der großen Leistungen von „Chroniques de Jeunesse“ und rechtfertigt dann doch den Titel. Denn noch mehr als über die Abläufe in einem großen Industrieunternehmen (damals noch mehr als tausend Arbeiter und ein brutales Zweischschichtsystem mit jeweils zwölf Stunden Arbeitszeit an vier aufeinanderfolgenden Tagen – ich weiß dank einiger früherer Jobs als Werkstudent bei der Bayer AG, was zwölf Stunden Produktionsarbeit bedeuten, und damals traf mich das nur alle zwei Wochen einmal) erfährt man über Guy Delisle selbst: Porträt des Künstlers als junger Mann, in dessen Jugendzimmer die Popmusikplakate an der Wand jährlich wechseln, die Vorliebe für französische Comics aus der örtlichen Bibliothek aber gleich bleiben – Moebius über alles! Das ist ebenso zauberhaft wie informativ zu lesen, und aus dem subjektiven Blickwinkel des jungen Aushilfsarbeiters am untersten Ende der Werkshierarchie bekommt man dann doch einen beklemmenden Eindruck von der Schufterei. Sehr anschaulich und unbedingt glaubwürdig. Und gleichsam nebenbei eine Geschichte der Papierherstellung. Das musste einen Comiczeichner thematisch ja reizen!

Der Stil von Delisles ist noch markanter als seine Titel: eckig abstrahierte Figurendarstellungen, eine Zusatzfarbe (diesmal Ocker, mit dem vor allem das Arbeitshemd des Protagonisten koloriert wird, so dass man ihn in den teilweise großen Totalen mit Hallenansichten aus dem Fabrikinneren jeweils gut identifizieren kann). So sieht das in der fabelhaften zwanzigseitigen Leseprobe des französischen Verlags Delcourt aus: https://www.editions-delcourt.fr/bd/preview/chroniques-de-jeunesse. Man kann daran auch erkennen, dass Delisle keine falschen Rücksichten nimmt. Seine Erinnerungen lassen auch die unangenehmen Seiten einer Arbeit unter lauter eher schlichten Männern nicht aus, bis hin zu einem Verhalten eines Vorgesetzten, das man zumindest als übergriffig, aber wohl auch als sexuelle Belästigung deuten kann. 

Diese Dichte der Beschreibung hebt „Chroniques de Jeunesse“ aus dem Gros sowohl der autobiographischen  als auch der Sachcomics heraus. Marjane Satrapi hat mir kürzlich im Gespräch gesagt, dass ihre vor zwanzig Jahren erschienene vierbändige Autopbiographie „Persepolis“ deshalb so erfolgreich war, weil die Geschichte größer war als sie selbst als deren Protagonistin. Das gilt auch für Delisle als Chronisten seines Lebens – und auch für den fulminanten Comic „Geisel“, den er 2016 nach den Erinnerungen eines im Kaukasus verschleppten, aber dann seinen Entführern entkommenen Franzosen gezeichnet hat. So lebensnah erzählen wenige Comic-Autoren, und wir spreche ja im Falle von für Delisles Werk von Büchern über ferne Länder oder Tätigkeiten, die den meisten seiner Leser fremd sein dürften.

Der einzige auffällige Fehler in den neuen „Chroniques“ betrifft die Eigentumsverhältnisse von Delisles Arbeitsplatz. Er spricht im Comic für seine drei aufeinanderfolgenden Sommer-Jobs ständig vom Unternehmen Daishowa, doch diese japanische Firma kaufte das Werk laut Deslisles eigener Übersicht erst im Jahr 1988. Wie ihm, der so viel Wert auf Akkuratesse legt, und dem Lektorat des renommierten Delcourt-Imprints Shampooing diese Unstimmigkeit unterlaufen konnte, ist mir schleierhaft. Bleibt zu hoffen, dass Reprodukt als Delisles deutscher Verlag bei der sicher bald anstehenden Übersetzung aufpasst. Die dürfte übrigens davon profitieren, dass Kanada nun erst in diesem Jahr seinen eigentlich für 2020 geplanten Frankfurter Buchmesse-Gastauftritt bekommen wird (wenn’s denn pandemisch möglich ist). Dazu passt diese Québec-Geschichte perfekt.

 

22. Feb. 2021
von andreasplatthaus
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15. Feb. 2021
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Wie bald ist „soon“?

„Soon“ ist das englische Wort für „bald“. Ist das Jahr 2151 bald? Ich wäre aus meinem persönlichen Erwartungshorizont heraus geneigt zu sagen: nein. Aber bezogen auf die ganze Menschheitsgeschichte oder gar die unseres Planeten reden wir über ein Augenzwinkern. In dem allerdings so manches passieren wird, wie wir von Thomas Cadène erfahren, denn dessen Science-Fiction-Comic mit dem Titel „Soon“ lässt in den kommenden 130 Jahren folgendes geschehen sein: Klimakollaps, Impfstoff-Konkurrenz, Dritter Weltkrieg, Ressourcenschwund, Neukonzeption von Lebensraum und Einflusssphären auf der Erde, Diktatur und schließlich Start eines großen Raumfahrtprogramms zur Besiedelung eines neuen Planeten. Viel Stoff, selbst für etwas mehr als zweihundert Albumseiten. Aber all diese Ereignisse werden beiläufig miterzählt. Im Zentrum steht ein Generationenkonflikt zwischen Mutter und Sohn. Es ändert sich eben doch nicht so bald etwas unter der Sonne.

Bevor das aber nun negativ aufgenommen würe, sei gesagt: „Soon“ ist ein meisterhaft erzählter und sehr gut in Bilder umgesetzter Comic. Cadène, den Lesern von faz.net durch die von ihm geschriebene Serie „6 aus 49“ bekannt sein könnte, die einige Monate lang hier publiziert wurde, hat mit Benjamin Adam einen versierten Zeichner gewonnen, der „Soon“ in eine halbrealistische Funny-Ästhetik kleidet, die durch kapitelweisen Wechsel einer jeweils stimmungsfördernden monochromen Kolorierung das komplexe Geschehen leichter zugänglich macht der Carlsen Verlag hat wieder mal keine Leseprobe, also hier zur Anschauung ein paar Seiten im französischen Original: https://www.actuabd.com/Soon-Par-Thomas-Cadene-et-Benjamin-Adam-Ed-Dargaud und auch noch ein ordentliches Konvolut deutsche: https://diezukunft.de/review/comic/soon-von-thomas-cadene-benjamin-adam). Man sollte drei Stunden Lektürezeit einkalkulieren, und was man liest, ist keine leichte Kost.

Denn das, was von der uns vertrauten Zivilisation in der Mitte des zweiundzwanzigsten Jahrhunderts übriggeblieben ist, sind sieben noch einigermaßen für menschliches Leben geeignete Zonen, die sich vier Kontinente verteilen – und Europa ist nicht dabei. Irgendwo im Comic findet sich übrigens eine Karte, die noch eine achte Zone ausweist: Neuseeland (was angesichts der Isolation dieses Landes sehr glaubwürdig wäre), aber seltsamerweise spielt dieser Lebensraum dann keine Rolle mehr. Mag sein, dass da der Weltgeist dem Zeichner Adam die Hand geführt hat und ihn den fernen Inselstaat markieren ließ, obwohl sonst niemand davon weiß. Ein vor den Schutzgebieten geschütztes Schutzgebiet sozusagen.

Hauptfiguren sind die Astronautin Simone Jones aus der amerikanischen (falls man das 2051 überhaupt noch so sagen kann) Zone New Winnipeg und ihr fast erwachsener Sohn Juri, der seinen Vornamen natürlich Gagarin verdankt. Frau Jones ist die Leiterin der SOON-Mission, die sich nach neuen Lebensmöglichkeiten in anderen Sternensystemen umsehen soll. Aber auch im kommenden Jahrhundert ist die Technik noch nicht weit genug fortgeschritten, um so etwas wie Warp-Geschwindigkeiten zu ermöglichen – sprich: Die Expedition in die unendlichen Weiten wird mehr als die Dauer eines Menschenlebens erfordern. Nachdem sie gestartet sein wird, wird Juri seine Mutter niemals wiedersehen.

Vor diesem endgültigen Abschied gegen beide noch einmal auf reisen rund um die Welt, soweit etwas von ihr übrig ist. So lernen wir die verschiedenen Zonen kennen, die sich in sozialer Schichtung und Regierungsform durchaus heftig voneinander unterscheiden. Juri verlässt auch einmal in der chinesischen Zone New Hefei das kontrollierte Gebiet und erfährt nicht nur, wie es im Niemandsland drum herum aussieht, sondern auch, wie sich Liebe anfühlt. Das hilft ihm dabei, seine Mutter gehen zu lassen. Und auch hilfreich ist deren Gefährtin Andrea („Mich verjagt keiner!“), eine ebenso lebenspraktische wie resolute Frau, die Mutter und Sohn auf ihrer Reise begleitet und die Aufpasserin gibt, während sich Simone Jones ihren zahlreichen repräsentativen Verpflichtungen stellen muss. Andrea ist die dritte Hauptperson des Comics.

Unterbrochen wird die Tour in die Zonen durch eine wie bei einem Countdown herabnumerierte Abfolge von Exkursen, die Juris Vergangenheit zeigen und anhand deren man überhaupt erst erfährt, was die Situation geschaffen hat, in der man sich 2051 befindet, also Klimakollaps, Impfstoff-Konkurrenz, Dritter Weltkriek et cetera. Diese Passagen sind in einem Lindgrün auf dunkelblauem Papier gehalten und graphisch so abwechslungsreich strukturiert, dass selbst Chris Ware bisweilen staunen würde.

Und dann wird auch noch ergreifend erzählt, denn der Mutter-Sohn-Konflikt ist wird nicht tränenträchtig ausbuchstabiert, sondern auf subtile Weise, die für die emotionalen Ausnahmezustände Stimmungsbilder in den verschiedenen Lebensräumen findet. So muss man die Erzählform Comic nutzen. Dass es dann auch nicht eine Dystopie ist, macht den Band auch sympathisch. Selten habe ich bessere Science-Fiction als Comic gelesen. In jüngerer Zeit sogar nur einmal, und darauf müssen alle anderen wohl noch Jahre warten. Denn der Mühlheimer Comickönner Hendrik Dorgathen hat beim Leibinger-Comicbuchpreis seinen noch viel umfangreicheren und auch noch viel einfallsreicheren Band „Pretty Deep Space“ eingereicht und ist damit unter die Finalisten dieses Jahrs gekommen. Darin steckt noch mehr als in Cadène/Adam. Aber wie gesagt: So „bald“ wird der nicht erscheinen. So lange bitte „Soon“ lesen! Es lohnt sich.

15. Feb. 2021
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08. Feb. 2021
von andreasplatthaus
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Mach dir ein Bild von Musik

Dieser Comic ist ein offenes System. Es gibt keine Panelumrahmungen, und viele Bilder gehen bis an den Seitenschnitt. Damit treten sie mit- und untereinander in engeren erzählerischen Kontakt, als das sonst der Fall ist – Comics verdanken ihre Besonderheit ja neben der Bild-Text-Kombination auch gerade den räumlich akzentuierten Auslassungen zwischen den Panels, die wir als Leser gedanklich auszufüllen haben. Doch hier ist alles im Fluss, geht ineinander über. Wie sehr, das kann man sich auf dem Tumblr-Eintrag des Zeichners dieser Graphic Novel ansehen: https://joonassildre.tumblr.com/.

Er heißt Joonas Sildre, sie heißt „Zwischen zwei Tönen“. Das ist verblüffend, weil dieser Titel doch geradezu dazu aufzurufen scheint, das klassische Auslassungsprinzip des Comics eher noch zu betonen, statt es wie hier durch übergreifende Seitenarchitektur zu kaschieren. Aber dem 1980 in der estnischen Hauptstadt Tallinn geborenen Zeichner geht es darum, ein musikalisches Element in die Form seines Comics zu bringen, und Musik suggerieren wir eben mit Fluss, wenn es auch etliche Beispiele dafür gibt, wie Unterbrechungen dramaturgisch in einer Komposition einzusetzen sind – von der traditionellen Unterteilung diverser musikalischer Formen in einzelne Sätze ganz zu schweigen.

In „Zwischen zwei Tönen“ indes geht es um einen Komponisten, der gerade dadurch bekannt geworden ist, dass er weit zurück in die Geschichte seines Faches geht und über die Gregorianik unser Verständnis von Musik wieder auf die Anfänge der europäischen Tradition aufmerksam gemacht hat: Arvo Pärt, 1935 geboren, auch in Estland. Er ist mittlerweile einer der populärsten Gegenwartskomponisten weltweit, wozu nicht zuletzt der häufige Einsatz seiner pathetisch-melodischen Musik in Filmen beigetragen hat.  Das wiederum nimmt Joonas Sildre mit seiner Bildkontinuität im Comic auf. So, wie er Pärts Musik in Bilder setzt, haben die meisten von uns sie wohl auch kennengelernt: durch Bilder.

Pärt, heute Inbegriff eines durchaus mehrheitsfähigen E-Musik-Komponisten, hat als Avantgardist begonnen und ist dementsprechend in der Sowjetunion, die sich sein Heimatland 1940 einverleibte, heftig angeeckt, denn mit Sozialistischem Realismus hatten seine Klangexperimente überhaupt nichts am Hut. Es gibt in Sildres Comic eine Szene, die Pärt in den späten sechziger Jahren, also mit Anfang dreißig, bei einer Performance zeigt, in deren Verlauf eine Geige angezündet wurde, nachdem sie zuvor als Schläger zum Federballspielen gebraucht worden war. So etwas konnte bei den Behörden nur Ärger erregen – als bürgerliche Dekadenz. Pärts Aktion hätte genauso gut irgendwo im Westen stattfinden können, er hatte sein Ohr auch jenseits des Eisernen Vorhangs am Puls der Zeit. Sildre führt ihn uns als einen Freigeist vor, dessen spätere Entscheidung, immer mehr die Tradition einzubeziehen, auf der Grundlage unbändiger Neugier erfolgt ist.

Allein das macht die Schilderung dieses Lebens und Schaffens schon hochinteressant. Pärt ist zudem eng mit Deutschland verbunden, denn als er 1980 mehr oder minder freiwillig die Sowjetunion verließ, ging er zwar zunächst nach Österreich, dessen Staatsbürgerschaft er auch annahm, lebte dann aber von 1981 bis 2008 in Berlin. Danach kehrte er in seine mittlerweile wieder unabhängig gewordene estnische Heimat zurück, wo ihm 2018 ein eigenes Zentrum eingerichtet wurde. Anlässlich dessen Eröffnung entstand damals Sildres Comic, den Maximilian Murmann nun kenntnisreich für den experimentierfreudigen Buchverlag Voland & Quist ins Deutsche übersetzt hat.

Man sieht ihm seine Herkunft nicht an, denn Sildre hat offenbar ein Auge auf den Puls der Zeit. Seine graphische Handschrift in „zwischen zwei Tönen“ verdankt sich vor allem dem Vorbild des Amerikaners David Mazzzucchelli, der mit seiner kurzlebigen Anthologie „Rubber Blanket“ (in der sich ausschließlich seine eigenen Geschichten fanden) Anfang der neunziger Jahre jene monochrome und fettlinige Ästhetik  prägte, die das Superhelden-Erscheinungsbild der achtziger Jahre (das Mazzucchelli entscheidend mitbestimmt hat) in den Autorencomic überführte. Diese reduzierte Graphik erlaubt porträtähnliche Darstellungen der Figuren, ohne dass man sich als Zeichner auf Fotorealismus verpflichtet sähe. Und Pärt ist ohnehin durch den markanten Kinnbart unverwechselbar.

Der Comic erzählt sein Leben bis zur Ausreise 1980, also ist noch reichlich Luft für eine Fortsetzung, die man nur erhoffen kann. Dass ein estnisches Publikum sich vor allem für die Zeit des Komponisten im eigenen Land interessiert, ist leicht einzusehen; für uns deutsche Leser hätte die Zeit danach aber auch großen Reiz. Und dann könnte man sehen, wie das Umsetzen von Musik in Bilder sich bewährt, denn zur noch wilderen Anfangszeit Pärts passt die synästhetische Übersetzung von Klang in Graphik natürlich gut; die Strenge des späteren Pärts dagegen dürfte Sildres Geschick einiges abverlangen.

 Aber man darf ihm auch einiges zutrauen. Programmatisch verzichtet er auf jegliche Lautmalereien in seiner Geschichte, so dass man bei der graphischen Darstellung von Musik kein Textelement vermisst. Musik wird in „Zwischen zwei Tönen“ stets als kleine fliegende schwarze Punkte dargestellt – ganz selten werden sie auch einmal weiß gezeichnet; ein Grund dafür ist leider nicht ersichtlich –, und die schweben nicht einfach durch den Raum, sondern sie sind mit durch speedlines erkennbarer großer Dynamik unterwegs. So durchwehen sie als Sternschnuppen ganze Bildsequenzen, sind aber zugleich auch Samen, die im Gemüt von Arvo Pärt auf fruchtbaren Boden fallen.

Die Darstellung nimmt natürlich auch Bezug auf das Symbol einer ganzen Note, und einen geradezu meisterlichen Einfall hat Sildre, wenn er im schönsten Abschnitt seiner zweihundert Seiten Pärt auf einen Baum klettern lässt, dessen Äste in eine gängige Notenlinie ausfasern, die dann von einer riesigen Schere gekappt wird, worauf Pärt abstürzt und aus den fallenden Notenlinie eine Wellenlandschaft wird, in die er eintaucht und wieder an die Oberfläche kommt, ehe er sich mittragen lässt. Diese Sequenz wird ausgelöst durch Pärts Feststellung „Alle Weisheit liegt in der Reduktion.“ Und genau nach dieser Maxime handelt Sildre – nicht nur als Zeichner, sondern auch als sein eigener Szenarist.

Dass ihm dabei Pärt selbst aus Auskunftgeber und Berater zur Seite stand, macht „Zwischen zwei Tönen“ zu so etwas wie einer autorisierten Biographie. An diesem Comic werden Musikliebhaber schwer vorbeikommen. Doch auch bloße Comicliebhaber sollten ihn lesen. Aus Estland oder auch den anderen baltischen Staaten ist bislang nicht viel an Bildergeschichten zu uns gekommen. Wie man Skildes Arbeit ansieht, gibt es dort aber viel zu entdecken.

08. Feb. 2021
von andreasplatthaus
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01. Feb. 2021
von andreasplatthaus
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Mittelmangameisters Spitzenwerk

Der Datsun Sunny ist ein japanisches Äquivalent zum VW Golf: jahrzehntelang gebaut, millionenfach verkauft. Und also auch millionenfach verschrottet. Ein Wrack dieses Typs steht auf dem Nachbargrundstück des Kinderheims „Star Kids“, und wenn die Insassen des Heims sich wegträumen wollen aus ihrer Umwelt, dann setzen sie sich auf den Fahrersitz, und das Autor wird zum Flugkörper. Oder auch einfach nur wieder fahrtüchtig, und plötzlich ist man auf den tollsten Verfolgungsjagden. Natürlich alles in der Phantasie.

So ist das herrenlose Auto Treff- und Bezugspunkt für die Kinder, und deshalb gibt es auch einer ganzen Mangaserie seinen Namen: „Sunny“, geschrieben und gezeichnet in den Jahren 2010 bis 2015 von Taiyo Matsumoto, einem, sagen wir mal, Mittelmangameister, denn der 1967 geborene Zeichner ist zwar schon lange im Geschäft, aber seine Geschichten sind in Japan keine Renner. Das liegt daran, dass Matsumoto höchst anspruchsvoll erzähl und auf eine Weise zeichnet, die leicht europäisch beeinflusst ist. Immer wieder ist beschrieben worden, wie er noch als ganz junger Mangaka auf einer Europareise in den späten achtziger Jahren von Prado, Bilal und Moebius beeinflusst worden sein soll. Mag sein, aber den Moebius-Einfluss sieht man etwa bei Jiro Taniguchi viel deutlicher (von deren Kooperation bei „Ikarus“ ganz zu schweigen), Bilals Brutalismus in der Figurengestaltung seiner Achtzier-Jahre-Geschichten ist bei Matsumoto gar nicht vorhanden, und an Prado mögen manche Figurensilhouetten erinnern (in „Sunny“ vor allem die von Junsuke), aber genauso gut könnte man Egon Schieles Vorbild dahinter vermuten. Und Matsumoto erzählt bei aller Faszination für westliche Darstellungsweisen doch japanische Geschichten.

Es ist also ein bisschen wie mit dem Datsun Sunny darin. Seitlich am Heck hat dieses Autowrack einen Schriftzug mit dem Typennamen in westlicher Schreibweise, aber dort liest man „Suny“. Ob das ein Gag von Matsumoto ist oder tatsächlich ein realer Fehler des Nissan-Konzerns war, vermag ich nicht zu sagen, aber die Bemühung, dem Erscheinungsbild einer anderen Kultur zu entsprechen, kann nur immer in den Grenzen des eigenen kulturellen Hintergrunds erfolgen. Das macht ja auch den Reiz der Sache aus. Im europäisch angehauchten „Sunny“ (dem Comic, nicht dem Wagen) steckt eben immer noch viel mehr Japan drin. Gerade auch in den Verhaltensweisen der Akteure.

Im Mittelpunkt stehen der bereits erwähnte Junsuke, der Neuankömmling Sei und vor allem Haruo: ein vielleicht Zwölfjähriger mit schlohweiß gebleichten schulterlangen Haaren, dessen Konterfei auch das Titelbild der ersten deutschen Ausgabe von „Sunny“ ziert, die jetzt bei Carlsen gestartet ist (und wie so oft bietet Carlsen keine für mich auffindbare Leseprobe an, also einfach dies hier: https://www.bing.com/images/search?q=matsumoto+sunny+manga&qpvt=Matsumoto+Sunny+Manga&form=IGRE&first=1&tsc=ImageHoverTitle). Es mag mich täuschen, aber wenn man sich Bilder des Verfassers von „Sunny“ ansieht, dann gibt es da eine Ähnlichkeit. Äußerlich vor allem wegen der schon angegrauten Haare von Matsumoto, aber sie besteht auch biographisch, denn der Zeichner wuchs selbst in einem Kinderheim auf. Nicht weil er Waise gewesen wäre, sondern weil seine Eltern ihn dorthin gaben. Und so ist es auch mit dem Großteil der Kinder in „Sunny“. Was sie alle eint und was erklärtermaßen auch Matsumotos prägendstes Gefühl als Heimkind war, das ist die Enttäuschung darüber, von den eigenen Eltern abgeschoben worden zu sein. Wie „Star Kids“ fühlen sie sich jedenfalls nicht.

Es gibt rund ein Dutzend Insassen im gleichnamigen Heim, ein paar mehr Jungen als Mädchen. Dazu kommen als weitere wichtige Figuren die Betreuer, ausgesprochen geduldige und tolerante Menschen – eine Hölle auf Erden ist „Star Kids“ keinesfalls, aber dennoch wollen alle eigentlich weg. Erst mit der Zeit lernt man die einzelnen Protagonisten kennen, Matsumoto lässt sich Zeit, und ich zumindest bin hochgespannt, ob auch der Zeitverlauf eine Rolle in „Sunny“ spielen wird, die Kinder also größer werden.  Fünf weitere Bände werden jedenfalls noch folgen, dann ist die Serie mit weniger als 1500 Seiten abgeschlossen, also von der Länge her eher ein Mittelstreckenmanga, was ja gut zum Mittelmangameister passt. Aber in jeder anderen Kategorie ist „Sunny“ ganz vorne mit dabei.

Erzählerisch deshalb, weil Matsumoto in seinen jeweils etwa dreißig- bis vierzigseitigen Episoden abgeschlossene Episoden bietet, die dennoch Teile eines großen Panoramas sind. Zeichnerisch, weil hier karikatureske Elemente in einer ansonsten ganz realistisch ins Bild gesetzten Welt zum Zuge kommen, wenn es grotesk wird – und die blühende (manchmal auch trauernde) Phantasie der Kinder sorgt für einige Skurrilität. Und schließlich auch psychologisch, denn der Einblick in kindliche Gemüter, die zwar Teil einer verschworenen Gruppe sind, aber sich doch allein fühlen, ist tief und vor allem im Comic, soweit ich sehe, ohne Beispiel. „Oliver Twist“ wäre das literarische Äquivalent, allerdings in ungleich tragischerer und somit auch klischeebehafteter Gestalt.

Worauf ich besonders gespannt bin in den Folgebänden (der zweite ist gerade erschienen, aber mein Comicladen hat zu; in Sachsen dürfen nicht mal Buchbestellungen abgeholt werden): Ob sich Matsumotos Vorliebe für ganzseitige Auftaktbilder, die in den Anschnitten und ungewöhnlichen Perspektiven in die Tradition der Holzschnitte von Hiroshige stellen, fortsetzt oder gar noch verstärkt. Es hat jedenfalls lange keinen Manga mehr gegeben, der mich so berührt hat, inhaltlich und ästhetisch. Es ist, als säße ich zumindest auf dem Beifahrersitz des Datsun Sunny.

 

 

01. Feb. 2021
von andreasplatthaus
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26. Jan. 2021
von andreasplatthaus
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Emotion in Art Déco

Was ist da los mit der belgischen Comicserie „Spirou“, dass ich beinahe vierteljährlich neue Geschichten bespreche? Und wieso mache ich das, wenn darunter so unsägliche sind wie erst unlängst „Spirou bei den Sowjets“ (https://blogs.faz.net/comic/2020/10/19/spirou-im-lande-des-klischees-1624/)? Beides hängt zusammen: Der Dupuis Verlag hat erkannt, dass eine legendäre Serie wie die seit 1938 laufenden Abenteuer um die Abenteuer des anfänglichen Hotelpagen und dann Journalisten Spirou gleich mehrere Generationen interessiert, dass man aber gerade deshalb unterschiedliche Formen bieten muss, um alle bei der Stange zu halten.

Also gibt es an den klassischen Geschichten eines André Franquin orientierte neue „Spirou“-Comics, zeitgemäß flotte Erzählungen (Slapstick, Action) und solche, die bewusst einen ganz anderen als den üblichen Ton in den Kosmos der Serie einbringen. Besonders erfolgreich bei Letzterem war Émile Bravo, paradoxerweise mit gleich mehreren Ursprungsgeschichten für Spirou (2008 das „Porträt eines Helden als junger Tor“ und nun der noch im Erscheinen begriffene Vierteile „Spirou oder Die Hoffnung“), die jeweils in die vierziger Jahre zurückführten, in die deutsche Besatzungszeit, aber genau dadurch etwas Neues boten. So ernsthaft hatte man die Serie noch nicht erlebt (zuletzt im November 2019 von mir gewürdigt unter https://blogs.faz.net/comic/2019/11/03/von-der-kollaboration-zur-deportation-1459/).

Der Wille zur Diversifikation des Erfolgsrezepts erfordert Mut, denn bisweilen enttäuscht man das Publikum damit (siehe oben). Aber anders als bei der Wiederkehr des Immergleichen („Asterix“), ere Festlegung auf einen festen Stil („Lucky Luke“, „Blake und Mortimer“) oder gar dem Einfrieren einer Serie auf dem kanonischen Stand („Tim und Struppi“, seit Hergés Tod vor 38 Jahren nicht mehr fortgesetzt) ist bei „Spirou“ immer etwas Unerwartetes möglich – und zwar sowohl inhaltlich als auch graphisch. Damit wird die Tradition nutzbar gemacht für Revolution (wie bei Bravo) oder zumindest für Evolution (wie in den meisten Fällen). Und – kaum minder interessant – ganz selten auch für Reaktion.

Reaktion verstanden einerseits als konservative Rückgriff auf Bewährtes, aber damit auch auf etablierte Vorbilder, die außerhalb der Serie standen – selbst für solche Einflüsse bietet „Spirou“ ein Forum. Der gerade in Frankreich erschienene Band „Pacific Palace“ bietet dafür ein Musterbeispiel. Er gehört zur Untergruppe der „Le Spirou de …“-Alben: Geschichten außerhalb des Hauptstrangs der Saga, bei denen etablierte Autoren sich  einmalig an der Welt von „Spirou“ versuchen dürfen. Im aktuellen Fall ist Christian Durieux der Glückliche, ein in Deutschland noch wenig bekannter Veteran des belgischen Comics, geboren 1965 in der Stadt, der auch Spirou entstammt: Brüssel, und bislang eher im realistischen Stil à la André Juillard unterwegs. Nun verleiht er Spirou einen Look, den man noch nicht gesehen hat. Eine wunderbare elfseitige Leseprobe bis genau zur schönsten Einzelseite des Albums findet man hier: https://www.bdgest.com/preview-3119-BD-pacific-palace-le-spirou-de-christian-durieux.html?_ga=2.80045972.220698461.1611061832-1994709679.1512648958.

Man merkt dem Band an, dass er, wie Durieux einleitend schreibt, aus purer Freude entstanden ist: Freude vor allem Art-Déco-Architektur, wie es sie ja in Brüssel reichlich gibt und die auch zeitlich perfekt zu den Anfängen von „Spirou“ passt. Aber weder spielt die Geschichte in Brüssel noch in den dreißiger Jahren. Schauplatz ist das titelgebende „Pacific Palace“, ein Luxushotel irgendwo im bergigen Süden Frankreichs, alles stilechter Art Déco. Wir befinden uns jedoch in relativer zeitlicher Gegenwart: Die Autos lassen optisch einen Rückschluss auf die Zeit von 1990 bis 2000 zu. Und inhaltlich spricht auch einiges für diese Zeit, denn es geht darum, dass ein gestürzter osteuropäischer Machthaber seine alten Beziehungen zur französischen Regierung spielen lässt, um im Westen komfortablen  Unterschlupf zu finden. Um seine Sicherheit zu gewährleisten , wird der ganze Hotelkomplex für diesen Iliex Korda und seine kleine Entourage reserviert.

In Korda kann man unschwer (schon vom Äußeren her) ein Abbild des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu erkennen; dass seine junge Tochter Elena heißt, ist ein weiterer Hinweis, denn das war auch der Vorname von Ceausescus Frau, die gemeinsam mit ihm Ende 1989 erschossen wurde. Im „Spirou“-Abenteuer ist die ganze Familie davongekommen, aber die Sorge, dass die nicht näher spezifizierten Untaten des „Schlächters seines Volkes“, wie ihn die Opposition nannte, Rache nach sich ziehen, sorgt für eine kleine Truppe von Leibwächtern im „Pacific Palace“. Gemeinsam mit ein paar französischen Regierungsvertretern sind das die Logiergäste im leeren Grandhotel, das von einer Mini-Truppe betreut wird: Direktor, Küchenchef, ein Zimmermädchen und zwei Pagen.

Einer davon, Überraschung!, ist Spirou, der andere sein ständiger Begleiter Fantasio. Durieux bringt den Abenteurer also nach bravoschem Muster noch einmal auf die alte Spur, zurück an die beruflichen Anfänge, aber in einer späteren Lebensphase – etwas dubios ist davon die Rede, dass Spirou und  Fantasio sich vom Journalismus abgewandt haben und hier eine Art Auszeit nehmen. Prompt läuft ihnen die beste Story vor die Füße, aber natürlich müssen sie schweigen über Kordas Anwesenheit. Zudem verlieben sich beide in die schöne Elena, Fantasio gewohnt oberflächlich-großspurig, Spirou geradezu tragisch tiefempfunden. Durieux gelingt hier psychologisch etwas, womit sich Bravo noch deutlich schwerer tut: die Darstellung einer Leidenschaft des Helden.

Die Geschichte ist im Geist eines der berühmtesten aller französische Comics erzählt: „Treibjagd“ von Pierre Christin und Enki Bilal, der 1983 erschienene Band, in dem die seelischen und politischen Abgründe der Führer des real existierenden Sozialismus eine Darstellung fanden, deren Intensität und Ausweglosigkeit kein anderes Kunstwerk seitdem erreicht hat. In gewisser Weise schickt Durieux eine der Figuren aus „Treibjagd“ einige Jahre später ins Exil und setzt das perfide Spiel fort, dass sie und deren Kollegen seinerzeit vorgeführt haben. Stimmung, Farben, Tonfall – alles wie bei Christin/Bilal, nur dass es dort nicht den comic relief durch die arrogante Art Fantasios gab. Aber mit dem melancholischen Spirou von Dureiux hätte auch „Treibjagd“ etwas anfangen können.

Etwas Genaueres zur Handlung zu sagen, wäre kontraproduktiv, „Pacific Palace“ lebt von der Unfassbarkeit seiner Figuren, ihren steten Motivationswechseln, in denen nur die aufkeimende Liebe zwischen Elena und Spirou eine Konstante darstellt. Ihren atmosphärischen Höhepunkt findet sie im nächtlichen Swimming Pool des Hotels, und später, als beide kurz vor der finalen Intrige im Dunkel eines Stromausfalls stehen, sind die schwarzen Panels beredter als das Gros der Dialoge – wie überhaupt die weitgehend stummen Seiten von Durieux die stärksten sind.

Was gibt es noch zu preisen? Dass es eine Ich-Erzählerstimme gibt, die aber nur gelegentlich Handlung kommentiert. Es ist die von Spirou selbst. Dann gibt es die erste Nacktszene mit dem Pagen zu entdecken, wenn auch nur hinter dem Milchglas einer Duschtür. Dass die abgeschattete Farbpalette der Bilder von Durieux nach einer Verfilmung geradezu schreit, zugleich jedoch rätseln lässt, warum es von „Pacific Palace“ auch eine teurere Schwarzweißausgabe gibt (zumal die kolorierten Originale gerade bei der Brüsseler Galerie Champaka zum Kauf angeboten werden). Und dass man bei Dupuis eben den nötigen Mut hat, ein solches im Wortsinn erwachsenes „Spirou“-Album zu publizieren. Der deutsche Lizenznehmer Carlsen wird übrigen bereits am 23. März mit seiner Übersetzung nachziehen. So dass es wieder etwas Gutes hierzulande von „Spirou“ zu lesen gibt. Wobei ja hoffentlich auch bald der dritte Band von Émile Bravos Tetralogie anstehen dürfte. Spätestens dann auch hier wieder mehr zum Pagen und seinen Autoren und deren Möglichkeiten.

 

26. Jan. 2021
von andreasplatthaus
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18. Jan. 2021
von andreasplatthaus
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Geschichtsverständnis braucht Geschichten

Edel sei der Comic, lehrreich und gut. So könnte man in etwa die Erwartung an die über Jahrzehnte hinweg geschmähte Erzählform zusammenfassen, die nun von deren früheren Verächtern gehegt wird: Wenn sie schon zugestehen sollen, dass ein Comic etwas taugt, dann hat der es auch auf der ganzen Linie zu tun. Entsprechend selten gelingt es, sie von einem zu überzeugen.

Dabei ist es zwar eine Binsenweisheit, dass Comics sich sowohl auf graphischer wie textlicher Ebene zu bewähren haben, aber ihnen nur auch noch didaktische Rücksichtnahmen oder gar moralische Zwecke abzuverlangen, geht doch etwas weit – bei welchem Kunstprodukt würde das denn sonst getan? Und wenn denn in diesen Hinsichten etwas geleistet wird, ist dann nicht ein wenig Nachsicht bei der Beurteilung der graphischen Qualität statthaft? Ich war schon immer der Meinung, dass selbst ein schlecht gezeichneter Comic noch Aufmerksamkeit verdient hat, wenn er gut erzählt ist. Umgekehrt bin ich mir da schon weit weniger sicher. Aber selbstverständlich ist der optische der erste Eindruck bei einer Bildergeschichte. Es fällt schwer, sich davon zu lösen, und eine erste negative Wertung unter dem Eindruck der Lektüre zu revidieren. Wenn man es denn überhaupt noch zur Lektüre kommen lässt.

Viel Prolegomena für eine Besprechung, die einen Comic gegen seine Verächter verteidigen will. „Hammaburg“ heißt der Band, geschrieben und gezeichnet wurde er von dem 1975 geborenen Jens Natter auf Anregung des Archäologischen Museums Hamburg. Ziel war, die neuen Erkenntnisse über den Ursprung der Stadt Hamburg in populären Form zu veranschaulichen; wie reden dabei über eine Siedlung in der Karolingerzeit, die damals durch den Bau einer Kirche und den dort entstehenden Reliquienkult kurzzeitig überregionale Bedeutung gewann, bevor sie bei einem Wikingereinfall wieder zerstört und dann erst Jahrzehnte später wiederaufgebaut werden konnte. Immerhin war Hamburg dann etabliert.

Man merkt ja schon: Lehrreich ist der Comic allemal. Aber das Problem seiner Kritiker liegt offenkundig buchstäblich in deren Auge: Sie lassen sich inhaltlich nicht mehr ein auf das, was sie als graphisch misslungen abgetan haben. Dabei ist selbst die harsch kritisierte Graphik von „Hammaburg“ zu verteidigen: Man lese sich nur einmal durch, wie der Comic entstand: https://blog.amh.de/hammaburg_ein_historischer_comic_entsteht/. Natürlich ist aufwendige Recherche noch keine Entschuldigung für schlichte Graphik, aber schon das Titelbild ist dramaturgisch höchst reizvoll, und was Jens Natter im Inneren veranstaltet, ist seitenarchitektonisch  ebenso abwechslungs- wie einfallsreich. Dass er bewusst eine leicht karikatureske Darstellung der Figuren wählt, nimmt Rücksicht auf das Zielpublikum: Kinder und Jugendliche. „Hammaburg“ erzählt mit Witz von alle den Intrigen, die zur Etablierung des neuen Kirchenbaus geführt haben; die Ironie von Kabalen und Getriebe ist unübersehbar, und dem folgt auch die zeichnerische Charakterisierung. Diese Geschichte will über Komik Wissen vermitteln, und dafür dürfen die Figuren auch komisch aussehen.

Sein Vorbild hat „Hammaburg“ am ehesten in der Comic-Kolumne „Vita obscura“, die Simon Schwartz  (pikanterweise auch Wahl-Hamburger wie Natter) zunächst für die Wochenzeitung „Freitag“ gezeichnet hat und nunmehr im F.A.Z.-Magazin fortführt. Die Verbindung von historischen Stoffen mit Funny-Ästhetik, die Schwartz aus seiner Zeit als Zeichner beim „Mosaik“ entwickelt hat, macht nunmehr Schule, und Natter ist einer der konsequentesten Adepten dieses Stils, wobei er ihn noch etwas rauer anlegt, Aber ein fast neunzigseitiger durcherzählter Comic ist ja auch etwas anderes als eine immer wieder neu ansetzende Serie aus einseitigen Episoden. Schwartz spielt darin mit den Mitteln seines Stils, Natter muss notgedrungen konsequent bei einer Darstellungsweise bleiben.

Er erlaubt sich andere Extravaganzen: Anspielungen auf Asterix-Elemente, ironische Blicke auf opportunistische Nebenfiguren, flapsig-lapidare Töne für große Ereignisse. Und er typisiert sein Personal nach allen Regeln des Klischees. Doch wen stört’s, wenn das der Geschichte zugutekommt. Und dem von ihr und dem Museum als Auftraggeber angestrebten Geschichtsverständnis? „Hammaburg“, der Comic, hat mittlerweile schon die zweite Auflage erreicht. Und Hammaburg, die historische Siedlung, sah auch nicht gerade aus wie aus dem Ei gepellt. Aber aus ihr ist einiges geworden. Auf Jens Natters weiteren Weg bin ich gespannt.

18. Jan. 2021
von andreasplatthaus
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11. Jan. 2021
von andreasplatthaus
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Der Wille zur Dokumentation des Bösen

Neunzehn Jahre alt war Susanne Schuller, als sie aus Ungarn ins Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert wurde. Dort zeichnete sie für ihre Mutter ein Bildertagebuch, das jetzt reich kommentiert auf Deutsch erscheint. Kein Comic, und doch lässt sich einige Verwandtschaft erkennen.

Wie geht man als Kritiker mit einer Bildergeschichte um, die teilweise im Konzentrationslager Bergen-Belsen entstand, gezeichnet von einer jungen Frau, die glücklicherweise überlebte, aber deren Verwandte nicht? Der Bruder starb unter ungeklärten Umständen als Deportierter in deutschem Gewahrsam, die Mutter, für die die Geschichte angefertigt worden war, ist im Ghetto umgekommen – wegen fehlender medizinischer Versorgung. Dass die Autorin, Zusuza Merényi, nach der Räumung des KZ Bergen-Belsen, in das sie aus Budapest deportiert worden war, und der Befreiung durch die Rote Armee in einem brandenburgischen Dorf, noch eine Typhuserkrankung überstand, kann man ein Wunder nennen. Von all dem erzählt die Bildergeschichte.

Wie hat so etwas überhaupt zustande kommen können, und wie hat es sich erhalten? Aus dem südfranzösischen Deportationslager Gurs kennen wir den berühmtesten Fall eines solchen Comics: „Mickey au Camp de Gurs“, eine kurze Geschichte des dort als Siebenundzwanzigjähriger gefangengehaltenen deutschen Juden Horst Rosenthal, den die nationalsozialistischen Häscher im Exil ergriffen hatten und 1942 dann in Auschwitz umbrachten. Das war eine eskapistische Phantasie mit Walt Disneys Micky Maus als Hauptfigur und herzzerreißend. Da das winzige Heft in Gurs verblieb, zeugt es heute von seinem Zeichner.

Zsuzsa Merényi, geboren 1925, war Ungarin, allerdings in Deutschland geboren: als Susanne Schuller, Kind einer protestantischen Familie, deren jüdische Urgroßeltern sich hatten taufen lassen, schon im neunzehnten Jahrhundert. Um der Verfolgung im antisemitischen Wahnsystem der Nazis zu entgehen, reichte das nicht aus, doch die Familie Schuller (neben Susanne deren Eltern und die beiden älteren Geschwister Lea und Stefan) erkannte die Zeichen der Zeit früh und zog bereits 1934 nach Budapest, wo Lea zuvor eine Tanzausbildung begonnen hatte. Der Vater starb schon 1937, doch der Rest der Familie lebte bis 1944 einigermaßen unbehelligt. Dann begann auf deutschen Druck auch die Hetze auf Juden in Ungarn, und die Schullers wurden getrennt; Susanne kam gemeinsam mit der Schwester nach Bergen-Belsen. Ihr „Bildertagebuch“, wie der Verlag es nennt, zeichnete sie als Chronik für die in Budapest verbliebene Mutter, weshalb es inhaltlich auf Schonung bedacht ist. Die erzählten Episoden sind nie drastisch, lassen das Gewaltregime im Lager aber dennoch deutlich werden. Das Böse wird selbst in dieser bewussten Zurücknahme noch dokumentiert.

Von Dezember 1944, dem Monat der Deportation, bis zur Rückkehr nach Budapest im Sommer 1945 entstehen dreißig Seiten, zunächst meist als kleine Bilderblöcke, die dann ausgeschnitten und auf das größere Karopapier eines Notizblocks aufgeklebt und manchmal auf den Rändern durch zusätzliche Bilder erweitert werden. Für eine neunzehnjährige junge Frau ist die Darstellung stilistisch naiv ausgefallen, aber wenn man die Umstände der Entstehung bedenkt, ist die Leistung erstaunlich genug. Mit normalen Maßstäben ein solcher Comic nicht zu messen.

Comic im vertrauten Sinne aber ist die Geschichte schon deshalb nicht, weil weder in den wenigen Kinderjahren, die Susanne Schuller in Deutschland erlebte, noch in der darauffolgenden Jugendzeit in Ungarn viele Comics zu lesen gewesen wären. Nur im französischsprachigen und italienischen Raum war die amerikanische Erfindung bereits erfolgreich; das „Bildertagebuch“ orientiert sich also an anderen Vorbildern, die eher Bilderbuchtraditionen folgen, wenn es etwa ums Arrangement der Texte in den Panels geht. Andererseits ist ein Wille zur Seitenarchitektur zu erkennen, der über die Üblichkeiten europäischer Bildergeschichten weit hinausgeht (eine Leseprobe bietet der Verlag leider nicht an, aber eine Seite ist unter https://blog.befreiung1945.de/befreiung-von-haeftlingen-aus-dem-kz-bergen-belsen-in-troebitz/ zu besichtigen). Susanne Schuller war ein Naturtalent des Comics.

Ihre Geschichte brachte sie mit nach Budapest, doch die Mutter war tot. Später wurde die junge Frau Tänzerin, wie ihre Schwester, und unter ihrem 1946 hungarisierten Namen Zsuzsa Merényi sollte aus ihr eine der bedeutendsten Ballettlehrerinnen in Ungarn werden. Sie starb 1990. Dass nun bei Wallstein ihr gezeichnetes Tagebuch erschienen ist, unter dem Titel „Das Lager im Bild“ mustergültig faksimiliert, aus dem Ungarischen übersetzt und vor allem reich durch historische und biographische Texte eingeleitet, ist eine späte Großtat, die sich vor allem den Nachkommen verdankt und dem Engagement der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Wallstein hat zwar gerade kürzlich seinen ersten Comic ins Verlagsprogramm genommen („Black Box Blues“ von Ambra Durante, einer Zeichnerin, die, wie’s der Zufall will, kaum älter ist, als es Susanne Schuller 1945 war; in diesem Blog auch schon gewürdigt: https://blogs.faz.net/comic/2020/12/14/freude-ist-ein-kleines-wort-mit-grosser-wirkung-1657/), doch die Publikation von Zsuzsa Merényis Geschichte verdankt sich nicht einem starken Willen zur Comic-Expansion, sondern der langen Reihe von Publikationen zur Schoa . Aber wenn nun beides zusammengekommen ist, darf man vielleicht noch auf weitere überraschende Funde hoffen. Die Kraft, auch noch in den schlimmsten Zwangslagen, in Bildern zu erzählen, ist offenbar eine universelle.

11. Jan. 2021
von andreasplatthaus
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