Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

02. Dez. 2020
von andreasplatthaus
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Italienischer Wackerstein als Meilenstein

Wenn es eine große Comicnation gib, die in Deutschland immer noch sträflich vernachlässigt wird, dann Italien. Nicht, dass keine italienischen Comics übersetzt würden, im Gegenteil sind es sogar vergleichsweise viele, aber das Gros davon fällt auf die monatlich erscheinenden „Lustigen Taschenbücher“ mit Disney-Geschichten, die es seit 1967 auf nunmehr 538 Ausgaben gebracht haben, jede mehr als 250 Seiten stark. Disney aus Italien? Ja, denn in keinem anderen Land der Welt werden so viele Entenhausener Geschichten gezeichnet. Und nirgendwo sonst im Taschenbuchformat, das seit den vierziger Jahren in Italien Standard für Disney-Publikationen ist und deshalb auch eine dermaßen große Eigenproduktion erforderte. Und nirgendwo sonst wurde dieses Format wiederum so begeistert aufgenommen wie in Deutschland.

Aber solche Comics meine ich nicht, obwohl einige davon zum Besten zählen, was der Disney-Kosmos zu bieten hat. Sondern das Erwachsenensegment, und damit ist nun auch nicht das gemeint, was dabei Comicfreunden sofort in den Sinn kommt: Drastik in Gewalt („Diabolik“) oder Sexualität (Guido Crepax, Paulo Eleuteri Serpieri). Nein, in Italien gibt es – vor allem dank dem Zeichner, Autor und Strippenzieher Igor Tuveri alias Igort und dessen Verlag Coconino Press, eine Kontinuität des anspruchsvollen graphischen Erzählens, das weltweit nur in Frankreich seinesgleichen hat. Aber kümmert sich jemand in Deutschland darum, abseits der Comics von Altmeistern wie Hugo Pratt und Lorenzo Mattotti oder eben des grandiosen Igort, die auch erst alle den Weg über Frankreich zu uns nehmen mussten?

O ja, und zwar Hannes Ulrich vom Avant Verlag. Bei ihm erscheint seit mehr als einem Jahrzehnt ein grandioser italienischer Titel nach dem anderen (und manchmal, aber selten, auch eine Enttäuschung). Der Kontakt zu Igort und Coconino ist dabei entscheidend, auch wieder bei der jüngsten Entdeckung, einem sage und schreibe 570 Seiten starken – ja, wirklich starken! – Band des 1966 geborenen und in der Romagna aufgewachsenen Davide Reviati.

Dieser vierundfünfzigjährige Zeichner, der in seiner Heimat in den letzten zwanzig Jahren sechs umfangreiche Comicbände publiziert hat, ist bei uns in der Tat immer noch eine Entdeckung, und was für eine! „Sputa tre volte“ lautet der Originaltitel seines bislang jüngsten Bandes, der in Italien 2016 erschien und seitdem Furore macht: 2018 kam die französische Übersetzung auf die Auswahlliste der besten Comics des Jahres beim Festival von Angoulême, eine englische und nun die deutsche Ausgabe folgten. „Dreimal spucken“ heißt die Letztere, und um das vorwegzunehmen: Myriam Alfano, die mittlerweile schon einige Comics aus dem Italienischen übersetzt hat, leistete wieder einmal Beachtliches.

Gar nicht einmal, was die Menge an Text angeht, denn Reviati hat große Passagen in seinem Comic, der aus wortlosen Seiten besteht: Stimmungsbildern, die die Landschaft der Romagna als Handlungsort ebenso anschaulich machen wie die Figuren, die noch mehr als über ihre Worte über ihre Handlungen und Gesten charakterisiert werden. Ansehen kann man sich das hier: https://www.avant-verlag.de/comics/dreimal-spucken/, wobei diese Leseprobe eher auf textintensive Seiten setzt; die italienische von Reviatis Homepage ist deshalb eine gute Ergänzung: https://davidereviati.wordpress.com/comic-books/sputa-tre-volte/. Aber dass dieser Autor mit Bildern so aussagekräftig erzählt wie mit Worten, macht die Übersetzung nicht leichter. Vielmehr muss der deutsche Text der Bildgewalt standhalten. Und dem italienischen natürlich gerecht werden.

Das ist gar nicht so einfach, denn es geht zwar vorrangig um die Jugend einer Clique in der Provinz mit allen privaten, schulischen und später beruflichen Problemen, aber das große Thema im Hintergrund ist die Ausgrenzung einer Roma-Familie, in deren Tochter sich die Jungs verguckt haben und die einigen von ihnen auch ihre Gunst gewährt, so sehr sie eigentlich dabei auch ausgenutzt wird. Aber auch das ist nicht das eigentliche Hauptmotiv. Das liegt vielmehr im faszinierten Blick des Protagonisten Guido, aus dessen Sicht der Band erzählt ist, auf die Kultur der Roma, die so ganz anders ist als die italienische mit ihrer unbedingten Liebe für den eigenen Herkunftsort und die damit einhergehende, oft auch verlogene Beständigkeit. Dabei spielt auch ein Buch eine Rolle, das 1956 in Polen erschien: mit Gedichten der 1910 geborenen Bronislawa Wajs, einer Roma, die bei ihrem Volk „Papusza“ (Puppe) genannt und unter diesem Namen auch publiziert wurde. In Guidos Klassenzimmer taucht plötzlich eine polnische Ausgabe des Buchs auf, Guido selbst streitet ab, es mitgebracht zu haben, aber alles spricht dafür, denn er hat als Einziger Interesse an den Roma und lässt sich von einem auch die Geschichte ihrer Verfolgung durch die Nazis erzählen.

Mit dieser Erzählung bricht eine große bedrohliche Wirklichkeit in die kleine und weitgehend kommode Welt von Guido ein, und Verachtung und Beleidigungen der Roma durch seine Freunde und die anderen Ortsansässigen bekommen einen noch weitaus dramatischeren Zungenschlag. Angesiedelt ist die Handlung, wie man den Bauten, Kleidungsstücken, Autos und Zügen ansehen kann, in den siebziger und achtziger Jahren (nicht in den Sechzigern, wie der Klappentext behauptet), und somit wird „Dreimal spucken“ – der Titel verdankt sich einem abergläubischen Ritual – zur Analyse dessen, was heute Antiziganismus genannt wird und in den letzten zwanzig Jahren vor allem in Frankreich und Rumänien scheußliche Taten hervorgebracht hat – ohne dass es in den meisten anderen europäischen Staaten viel besser stünde um Vorurteile und Benachteiligungen von Sinti und Roma.

Davide Reviati gelingt mit seinem Comic eine beklemmende Verzahnung von Alltag und Ausnahmezustand. Und in einem Epilog erzählt er auch noch die Geschichte von Papusza und zieht damit seiner eigenen Handlung noch eine zusätzliche Ebene ein. Dass Guido neben seiner Neugier auf die Roma noch von einem guten Geist in John-Wayne-Gestalt begleitet wird, bringt ein phantastisches Element ins Geschehen, das die vielen expressiven Bildmetaphern erstaunlicherweise vielmehr erdet als verstärkt. Denn die Diskrepanz zwischen dem in unzähligen Filmen bewährten Hüter von Recht und Gesetz und Anstand und seinem jugendlichen Bewunderer Guido ist eher komisch als tragisch.

Graphisches Vorbild für „Dreimal spucken“ sind eindeutig die Schwarzweißcomics von Lorenzo Mattotti, obwohl Reviati viel realistischer zeichnet als Mattotti. Aber immer dann, wenn es poetisch und phantastisch wird, sind die Anleihen deutlich. Warum sollte jedoch ein Zeichner sich nicht am Besten und Intensivsten orientieren, was die eigene Comic-Kultur hervorgebracht hat? Zumal, wenn es eine so reiche ist.

02. Dez. 2020
von andreasplatthaus
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28. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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Wundervoll schreibt sich hier nicht nur anders

Die französische Comicautorin Camille Jourdy war gerade einmal dreißig Jahre alt, als sie 2010 ihre Trilogie „Rosalie Blum“ abschloss und dafür in Angoulême ausgezeichnet wurde. Zu Recht, denn diese Geschichte, die auf Deutsch als dicke Sammelausgabe bei Reprodukt erschien, war so lebensklug, dass man es einer so jungen Zeichnerin kaum zutrauen mochte. Fortan war Jourdy eine der großen Hoffnungen des französischen Comics.

Dann warteten wir fast zehn Jahre auf ein Nachfolgeprojekt, zumindest in Deutschland, wo ihr zweiter Comic, die sehr ambitionierte Geschichte „Juliette“, 2016 einfach ausgelassen wurde. Inzwischen durften wir auf Camille Jourdys Blog zahlreiche illustrative Projekte bewundern (http://camillejourdy.canalblog.com/), aber das war kein Trost. Bis dann 2019 in Frankreich ihr dritter Comic erschien: „Les Vermeilles“. Dieser Band ist nun in der ganz wundervollen Übersetzung als „Die Vunderwollen“ (Vermeilles ist ein buchstabenverdrehtes „merveilles“, eben die Wunderbaren) auch auf Deutsch, wieder bei Reprodukt, herausgekommen ist. Große Vorfreude – und große Enttäuschung.

Auch deshalb, weil man auf Jourdys Blog einige Proben aus der Geschichte hatte sehen können, die sehr gelungen wirkten. Aber als Ganzes, über 150 meist kleinteilige Seiten hinweg, erweist sich die Fantasygeschichte als Versammlung etlicher Klischees (sprechende Tiere, dunkler Wald, böse Herrscher, tiefe Verliese, herzige Hexen) einer Parallelwelt, in die das ungebärdige Mädchen Jo ganz zufällig gerät, als es einem zwergenhaften, aber arroganten Reiterpaar folgt, das zu einem Treffen multikulturellen Widerstandsgruppe gegen den üblen Kaiser Kater unterwegs ist. Man erkennt das Vorbild leicht: „Alice im Wunderland“. Nur leider macht Jourdy nichts aus dieser überoffensichtlichen Übernahme, so dass man das schale Gefühl bekommt, sie wolle eher kaschieren als honorieren, bei wem sie da geklaut hat.

Dabei hätte Lewis Carroll so viele Möglichkeiten für ironische oder auch ganz ernsthafte Bezüge geboten, aber die Grenzen von Camille Jourdys Erzähltalent werden hier  gnadenlos offengelegt. Sie liegen in der Fähigkeit, für Kinder zu schreiben. „Die Vunderwollen“ richten sich eindeutig an ein junges Publikum, aber die Qualität guter Jugend- oder Kinderbücher erkennt man daran, dass sie allen Generationen gefallen. Hier werden Erwachsene angesichts der Albernheit der Handlung und der banalen Schwarzweiß-Charakterisierung der ach so bunt wirken sollenden Figuren wenig Vergnügen finden. Und dass es Kindern wesentlich anders gehen wird, wage ich zu bezweifeln. Von den Längen des Geschehens, die den Band eher wie ein zweihundertfünfzigseitiges Buch wirken lassen, ganz zu schweigen.

Was ist der Autorin widerfahren? Nun, sie wollte ein neues Segment bedienen, aber reiner Wille begründet noch keine Fähigkeit. Schön sind Jourdys Zeichnungen nach wie vor, kaum jemand aquarelliert so gekonnt wie sie. Aber der Zauber dieser unwirklichen Farbtransparenz entafltet sich besser in Alltagsgeschichten wie „Rosalie Blum“ und „Juliette“. In einer Märchenwelt wie in „Die Vunderwollen“ wirft man damit dagegen mit der Wurst nach der Speckseite. Und erzählerisch? Ob Jourdy wohl dachte, dass gute Erwachsenenbücher auch fürs Kindergeschichtenerzählen prädestinieren? Dann wäre sie einem gängigen Irrtum aufgesessen. Aber das hätte ihr Verlag ja auch merken können.

Und warum hat Reprodukt den Vorgängercomic nicht übersetzt, diesen viel schlechteren aber schon? Weil der Verlag seit einigen Jahren eine attraktive Marktlücke erschlossen hat: Kindercomics. Großartige Bände sind da erscheinen, allen voraus Luke Pearsons „Hilda“-Reihe, aber auch die charmanten Bestseller um den kleinen Esel „Ariol“. Aber Erfolg macht offensichtlich auch Verleger blind. Schade fürs Profil des Reprodukt-Kinderprogramms.

 

 

28. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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23. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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Vom Willen verweht

Im neuesten Album der Serie „Lucky Luke“ (dem angeblich neunundneunzigsten, was fürs nächste ein großes Remmidemmi erwarten lässt, wobei die Zählung nur deshalb so hoch ausfällt, weil einige Geschichten in Deutschland doppelt publiziert wurden) findet sich eine Vorbemerkung des seit mittlerweile sechzehn Jahren als Stammzeichner der Reihe agierenden Hervé Darmenton alias Achdé. Darin erweist er dem im März verstorbenen „Asterix“-Zeichner Albert Uderzo seine Reverenz: „Was sein Talent anging, war er ein Gigant.“ Achdé spricht von Zeichner zu Zeichner, und somit hat er recht. Was den Autor Uderzo angeht, konnte er schweigen. Auch im neuesten „Lucky Luke“-Band arbeitet Achdé ja wieder nach einem fremden Szenario, diesmal von Jul (Julien Lucien Berjeaut, geboren 1974), der damit sein Debüt als „Lucky Luke“-Autor gibt.

Und man könnte meinen, dass Achdé so viel Sympathie für Uderzo empfindet, weil er mit demselben Problem konfrontiert ist wie der „Asterix“-Zeichner: schlechte Geschichten, die man dann schönzeichnen muss. Nun war Uderzo selbst schuld daran, denn so lange er die Rechte an „Asterix“ besaß, behielt er sich selbst die Abfassung neuer Geschichten vor. Achdé dagegen ist im Auftrag der Erben des 2001 gestorbenen „Lucky Luke“- Schöpfers Morris tätig und kann sich nicht aussuchen, was geschieht. Es ist ja bezeichnend, dass beide Serien nie wieder das Niveau erreicht haben, dass sie hatten, als jeweils noch René Goscinny die Geschichten schrieb.

Immerhin wurde bei „Lucky Luke“ seither viel ausprobiert. Der jüngste Band indes verfällt nun in denselben Fehler, den Uderzo vor Jahren schon begangen hat: Die erfolgreiche Comicreihe soll politisch werden, indem sie zwanghaft als aktuell empfundene Themen in den Kosmos der Serie integriert. Bei „Asterix“ waren es etwa Feminismus und Manga, bei „Lucky Luke“ ist es nun „Black Lives Matter“. Denn das neue Album widmet sich dem Thema Rassismus in den Vereinigten Staaten.

Eigentlich war das überfällig. Denn „Lucky Luke“ spielt ja zu Zeiten, in die Sezession, Bürgerkrieg und Reconstruction fielen – alles Folgen der Sklaverei und des Bemühens, sie abzuschaffen. Nun agiert Lucky Luke normalerwiese im Wilden Westen westlich des Mississippis, also nicht in ehemaligen Sklavenhalterstaaten. Diesmal aber lässt ihn Jul nach Louisiana reiten, wo ihm eine begeisterte Leserin seiner Abenteuer eine Baumwollplantage hinterlassen hat.

Das ist eine witzige Idee, denn damit werden die Comics zu zeitgenössischen Berichten. Im Herrenhaus der alten Dame hängen an den Wänden Porträtbilder von Lucky Luke, die den verschiedenen Stadien seiner Gestaltung seit 1947 durch Morris entsprechen – eine Ahnengalerie, mit der Achdé den eigenen Ahnherren feiert. Die Bewunderung der alten Dame wiederum für Lucky Luke ist ein Missverständnis, denn ihre moralische Überzeugung entspricht nicht der des integren Cowboys, der keinerlei Rassenvorurteile hegt. Sie dagegen hat die vierhundert Arbeiter auf der Plantage auch nach Beendigung der Sklaverei munter weiter ausgebeutet.

Man kann darin einen augenzwinkernden Seitenhieb auf das Lesepublikum von „Lucky Luke“ erkennen, das auch bloß in wohliger Nostalgie genießt, aber keine humanistischen Konsequenzen aus seiner Lektüre zieht.  Also bekommt es jetzt ein grundmoralisches Album. Und eine neue Figur, die brillant ausgewählt ist: Bass Reeves, einen realen schwarzen Hilfsmarshall, den Jul und Achdé zu einem ebenbürtigen Partner von Lucky Luke machen: in Sachen martialischer Kompetenz, aber auch als langjährigen Freund des einsamen Cowboys, bei dem man sich aber fragt, wo er denn bislang in beinahe hundert Abenteuern gewesen ist. Die Bemühung, eine neue Figur gleich zur ganz großen Gestalt aufzublasen, hat leider etwas sehr Bemühtes.

Wie der deutsche Titel: „Fackeln im Baumwollfeld“, eine Anspielung auf  bekannte Südstaaten-Epos „Fackeln im Sturm“. Nun ja, wenn’s der Leserbindung dient. Schöner schon, dass eine starke Frauenfigur unter den schwarzen Plantagenbewohnern den Vornamen von Angela Davis trägt. Und am schönsten sind die Bilder des Albums. Da der deutsche Verlag keine ordentliche Leseprobe im Netz anbietet, sei hier die französische von Dargaud genannt: https://www.dargaud.com/bd-en-ligne/les-aventures-de-lucky-luke-dapres-morris-tome-9/9810/eb94b945002bca10105121e388692757. Aber gerade die – pardon – sklavische Treue von Achdé zur Linie von Morris lässt die Defizite von Juls Geschichte umso drastischer hervortreten, denn man wünscht sich nicht nur Schönheit, sondern auch Intelligenz, wie es sie früher in der Serie einmal gab. Hier ergänzen sich  viele Handlungsstränge bis hin zu einem völlig überflüssigen Seitensprung zu den Daltons nicht zum großen Ganzen, sondern zu einer narrativen Farce. Zumal etliches schlecht geklaut ist, etwa der groteske Auftritt des Ku Klux Klans beim grandiosen Spielfilm „O Brother, Where Art Thou?“ der Coen-Brüder. Die satirische Absicht scheitert im Comic am kreuzbraven Willen zur Güte. Der Witz wird vom guten Willen verweht.

Eine gute Geschichte zu erzähle wird nicht dadurch erleichtert, Geschichtsschreibung im Dienste des Gurten zu betreiben. Oder simpler formuliert: Gut gemeint bedeutet leider immer noch nicht gut gemacht, und so ist das bislang allgemeine Lob im Blätter- und Websiteswald für „Fackeln im Baumwollfeld“ nicht mehr als ein allgemeines Missverständnis, das die Qualität von Kunst an ihrer polirischen Korrektheit misst. Seltsam, aber so steht es geschrieben.

 

23. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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20. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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Und unsere Leidenschaft ist ihnen rätselhaft

Da sitzt man und kommt sich wunders wie originell vor. Jahrelang hatten mein Redaktionskollege Patrick Bahners und ich Artikel mit Überschriften und Bildtexten versehen, die auf Entenhausener Geschichten anspielten oder sie zitierten; schließlich war dieser Praxis, nachdem der „Spiegel“ darüber berichtet hatte, sogar von Frank Schirrmacher ein ausdrückliches Plazet erteilt worden, und plötzlich merkt man, dass das, was einem selbst so viel Vergnügen bereitet hat – Verweise in der Zeitung unterzubringen, die gar nicht allgemein als solche erkannt werden –, auch von anderen beherrscht wird. Denn irgendwann wies mich jemand darauf hin, dass sich im Feuilleton der F.A.Z. Überschriften häuften, die Formulierungen aus Tocotronic-Liedern benutzten. Ich hatte nie Platten von Tocotronic gehört, es also auch nicht bemerkt. So musste es also Lesern gegangen sein, die plötzlich mitbekamen, dass ihnen Donaldistisches untergejubelt worden war.

Wobei ja die Kunst solcher Reminiszenzen darin besteht, dass sie die Kenner erfreuen und die Ignoranten nicht ärgern. Das beherrschten die Tocotronic-affinen Kollegen mindestens so gut wie ich. Und sie machten mich neugierig auf das, was sie offenbar derart begeisterte. Nicht, dass ich zum Fan der Hamburger Band geworden wäre, aber den Reiz ihrer Texte konnte ich nachvollziehen. Und darum auch verstehen, dass auf deren Grundlage nun ein ganzer Comicband entstanden ist: „Sie wollen uns erzählen“ (einen schöneren Namen als diesen Liedtitel vom Album „Es ist egal, aber“ kann man sich nicht wünschen) , gerade erschienen in einem mir auch bislang unbekannten Mainzer Verlag namens Ventil (einen schöneren Namen kann ich mir für ein Haus, das auch Comics publiziert, gar nicht denken).

Umso vertrauter ist mir der Großteil der elf beteiligten Zeichner, genauer gesagt: Zehn von elf Zeichnern kannte ich, von Jim Avignon angefangen bis zu Philip Waechter. Nur vom letzten im Alphabet, Arne Zank, hatte ich noch nichts gelesen, und das erwies sich als wenig überraschend: Zank ist Bandmitglied von Tocotronic, wobei ich sein zeichnerisches Talent etwas unterhalb des musikalischen ansiedeln würde. Und recht weit unter dem Niveau der anderen im Buch. Aber lustig und informativ ist sein kleiner Einblick in die Bandgeschichte, als „Zugabe“ ganz ans Ende gestellt, trotzdem.

Die anderen zehn Beiträger haben sich jeweils einen Songtext ausgesucht und bebildert, vom inhaltlich visionären Titel „Digital ist besser“ aus dem Jahr 1995 bis zum 2018 veröffentlichten Lied „Electric Guitar“. Die Chronologie der Entstehung gibt auch die Reihenfolge im Buch vor. Ausgedacht und herausgegeben hat das der Popmusik-Journalist Michael Büsselberg, der auch die Mitwirkenden dafür gewann. Und unter denen ist, um das Dutzend vollzumachen, auch Dirk von Lotzow selbst, der als Sänger das Gesicht von Tocotronic ist. Zu jedem der ausgewählten Songs steuerte er einen Kommentar bei. Über die jeweiligen graphischen Interpretationen verliert er allerdings vorsichtshalber kein Wort.

Dabei sind sie alle lesenswert. Wie auch nicht, wenn Zeichnerinnen wie Moni Port, Anna Haifisch, Julia Bernhard, Katja Klengel, Eva Feuchtner oder Tine Fetz beteiligt sind? Man merkt schon: Die Frauen sind klar in der Überzahl, wobei Klengel nach einem Szenario von Christopher Tauber gezeichnet hat, so dass dann immerhin fünf Männer aus der Comicszene dabei sind: neben Tauber, Avignon und Waechter noch Sascha Hommer und Jan Schmelcher. Zank rechne ich kurzerhand nicht ein.

Leider verkneift sich der Verlag eine Leseprobe. Den umfangreichsten Einblick im Netz gewährt ein Beitrag des Bayrischen Rundfunks über den Band, bei dem man aber auch nur fünf Einzelseiten von fünf Zeichnern geboten bekommt: https://www.br.de/kultur/tocotronic-song-comic-sie-wollen-uns-erzaehlen-ventil-verlag-100.html. Das ist schade, denn aus den Geschichten spricht eine Liebe zu den jeweiligen Songs, die weit mehr über die Faszination durch Tocotronic aussagt als jeder Fan- oder Fachmann-Artikel. Und in die von dem Comic-Journalisten Jonas Engelmann (plötzlich sind dann doch wieder die Männer in der Überzahl) geschriebenen kleinen Porträts der Zeichner fließt jedes Mal auch eine kleine Bemerkung über das Verhältnis der jeweils Porträtierten zu Tocotronic ein.

Ein Band also, der aus Liebe entstanden ist. Und augenblicklich ein Lieblingsband von mir. Notabene: ein Lieblingsband. Damit Tocotronic eine Lieblingsband werden, muss noch etwas mehr passieren.

 

20. Nov. 2020
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16. Nov. 2020
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Warum denn taub, Herr van Beethoven? Blind müssten Sie sein!

Vor etwa zwei Jahrzehnten – ich kann mich nicht genau erinnern und will es auch gar nicht – entdeckten die Comicverlage eine neue Masche: die Jugenderlebnisse berühmter Comicfiguren. Losgegangen sein mag es mit dem „Kleinen Spirou“ oder „Lucky Junior“, vielleicht haben auch die „Disney-Babys“ den Trend gesetzt, oder es war doch der einfallslose Albert Uderzo, der uns unbedingt zeigen musste, wie Obelix als Kind in den Zaubertrank gefallen ist. Egal, es war alles furchtbar. Und das meiste sind wir erfreulicherweise auch schon wieder los. Denn mehr als Albernheit kam dabei jeweils nicht heraus, und wenn wir gute Comics mit Kindern in der Hauptrolle lesen wollen, dann greifen wir zu den „Peanuts“ oder „Calvin & Hobbes“.

Oder bald zu „Goldjunge“? So vermuteten wir zumindest, als wir einen Vorabdruck daraus in der dritten Ausgabe des Kindercomicmagazins „Polle“ lasen. In „Goldjunge“ geht es um niemand Geringeren als Beethoven, allerdings beginnend mit dessen achtem Lebensjahr. Da wir in diesem Dezember den zweihundertfünfzigsten Geburtstag des Komponisten begehen, aber das mutmaßlich nicht im Konzertsaal tun dürfen, ist ein biographischer Comic doch eine hübsche Idee. Und wenn der auch noch von Mikael Ross stammt, dem mit „Der Umfall“ einer der besten deutschen Comics der letzten Jahre zu verdanken ist, kann wenig schiefgehen. Sollte man meinen.

Die knapp zwanzig Seiten aus „Polle“ gaben denn auch zu den schönsten Hoffnungen Anlass, wenn man sich auch fragen durfte, was daran wohl für Kinder attraktiv sein sollte – außer womöglich der Identifikationsfigur eines achtjährigen Knirpses, dem das Talent aus jedem Knopfloch herausschaut, was ihn gegenüber den Erwachsenen drückend überlegen macht. Aber leider noch nicht erfolgreich, und das dürfte ein Kind genauso wenig verstehen wie der kleine Ludwig des Bandes selbst. Aber wie Mikael Ross Musik zu visualisieren versteht – als schwelgerisches Träumen –, das war so schön anzusehen, dass man vermuten durfte, endlich ein synästhetisches Buch über Beethoven lesen zu dürfen. Die Leseprobe unter https://www.avant-verlag.de/comics/goldjunge/ deutet es aufs Schönste an.

Doch dann kam der fertige Comic bei mir an, mehr als 180 Seiten im Umfang, sehr stark im Stil an Christophe Blain orientiert (macht nichts, von den Besten lernen ist das Beste) und quicklebendig gezeichnet, voller Energie und Farbkraft – eine Augenweide. Aber dann liest man, und plötzlich stellen sich Kopfschmerzen ein, so banal ist das geworden. Weil es gar nicht um Musik oder die Möglichkeit, ihr Erlebnis visuell zu vermitteln, geht, sondern ums Drama des begabten Kindes. Wie oft wir das gelesen haben? Ich mag nicht zählen. Das Großartige am „Umfall“ von Ross war ja auch, dass dessen Protagonist außergewöhnlich war, aber eben nicht wegen einer klassischen „Begabung“.

Diesmal hat Ross mit der Hilfe seines bewährten Skriptdoktors Jean-Baptiste Coursaud versucht, die Erwartungen dadurch zu unterlaufen, dass es möglichst derb zugeht. Der Spaß am Skatologischen muss groß gewesen sein in den Storykonferenzen, aber der vierte oder fünfte Furz- oder Defäkier-Gag ist nicht einmal mehr ein Viertel oder Fünftel so witzig wie der erste, der es auch schon nicht wirklich war. Glaubt Ross etwa tatsächlich, dass sich sein Comic an Kinder richtet, und hält er die alle für Vier- bis Achtjährige, die ihren Spaß nur an Tabuverletzungen haben? Er hätte wohl eher an der Geschichte selbst etwas feilen sollen, die sich über vierzehn Jahre hinzieht, bis Beethoven einundzwanzig ist.

„Jugendjahre“ verheißt der Untertitel, aber das Gros entfällt eindeutig auf den schon mehr als Halbwüchsigen, der in hilfloser Faszination für schöne Frauen entbrennt und dessen Gedärm permanent zu explodieren droht. Erwachsenenstoff das eine, Kinderkram das andere, weder Fisch noch Fleisch das Ganze. Dass dann irgendwann unmotiviert auch noch die notorischen Gehörschwierigkeiten dazukommen, fällt angesichts der bis dahin exzessiv ausgebreiteten Probleme mit dem Intestinaltrakt kaum auf. Es sei denn, Ross wollte andeuten, dass Beethoven aus Scham über seine fortwährenden Flatulenzen und die ähnlich peinlichen Lautäußerungen seiner beiden jüngeren Brüder taub geworden wäre. Weiß Gott, Grund hätte er gehabt. Aber angesichts des Comics, der davon erzählt, wäre er wohl eher erblindet.

P.S.: Von Mikael Ross ist gerade auch ein dünner Comic in kleinem Schwarzweißquerformat für das Museum Europäischer Kulturen in Berlin entstanden: „Will haben“, eine gerade mal zehn Halbseiten lange Geschichte über die Verführbarkeit zum Konsum. Auch da hat Ross gut geklaut: diesmal beim Pixar-Trickfilm „Inside Out“ (auf Deutsch: „Alles steht Kopf“). Oder, das der selbst schon Diebesgut war, noch früher: bei dessen Disney-Vorbild „Reason and Emotion“ von 1943. Sprich: Wir sind im Inneren eines Menschen und sehen dessen verschiedene Körperteile im Widerstreit um die Kontrolle über seine Handlungen. Sehr nett zu lesen. Aber die Vorstellung, wir hätten im Beethoven von Ross gesessen … ein Albtraum.

16. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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13. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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Sie sind wiederauferstanden

Wir befinden uns im Jahr 22 nach dem Beginn der Serie, und mein Regal wird nun wohl doch noch voll. 1998 hatte ich etwa einen halben Meter freigeräumt, um dort Platz für ein französisches Comicprojekt zu haben, dessen Konzept so verrückt  klang, dass ich ihm treu bleiben wollte, komme, was da wolle. Das hatte auch damit zu tun, dass es von Lewis Trondheim und Joann Sfar erdacht worden war, zwei französischen Zeichnern, die ich damals gerade erst für mich entdeckt hatte – Ersterer Mitgründer des erst seit 1990 aktiven, aber damals schon legendären Autorenverlags L’Association und unfassbar produktiver Zeichner, Letzterer sogar noch etwas produktiver und mit seinen Comics im Programm von L’Association vertreten. Ihre gemeinsame Serie aber sollte bei einem Verlag laufen, den es auch noch nicht lange gab, der aber schon auf dem Weg zum ganz großen Player auf dem riesigen französischsprachigen Comicmarkt war: Delcourt, gegründet 1986.

Die Serie heißt „Donjon“ und entstand aus der gemeinsamen Begeisterung von Trondheim und Sfar für das amerikanische Fantasy-Rollenspiel „Dungeons & Dragons“. Das hatte ich 1980 als Austauschferiengast in den Vereinigten Staaten auch spielen und lieben gelernt, also gab es über die Prominenz der Schöpfer hinaus einen Anknüpfungspunkt. Vor allem jedoch erfreute mich die wahnwitzig anmutende Ankündigung, die Serie sei auf dreihundert Alben angelegt. Und wem außer diesen beiden offenbar rastlos zeichnenden Autoren sollte man das glauben?

Streng genommen glaubte ich es auch innen nicht. Sonst hätte ein halber Meter nicht ausgereicht. Es ging zwar flott los, jedes Jahr erschienen zunächst  mindestens vier Titel, bisweilen auch ein halbes Dutzend, aber selbst dann wäre das Ganze ja auf fünfzig Jahre hinausgelaufen, und Trondheim war damals schon fast vierzig. Dabeibleiben machte aber auch Spaß, wenn man sich vorstellte, dass es vielleicht hundert Bände werden würden, Und dafür würde ein halber Meter reichen. Die Erscheinungsfrequenz wurde nach 2005 auch geringer.

Dann vor elf Jahren der Schock: Nach bis dahin 34 Alben, die sich auf sechs Unterserien verteilten, stellten Trondheim und Sfar die Arbeit an „Donjon“ ein. Sie hatten alle Geschichten geschrieben, einige auch selbst gezeichnet und viele Freunde aus dem Association-Umfeld (aber nicht nur) als Zeichner derjenigen Abenteuer engagiert, die sie nicht selbst ins Bild setzen wollten. Zum Paradeplatz war die Unterserie „Donjon Monsters“ geworden, die auch als einzige keinen festgelegten Zeitabschnitt im Donjon-Gefüge zum Thema hatte. Ihre Alben konnten zu jedem beliebigen Zeitpunkt spielen, und da Trondheim und Sfar die Freiheit lieben, fühlten sie sich hier am wohlsten. Sie schrieben wie die Weltmeister, und unter den Monster-Zeichnern waren Andreas, Blutch, Patrice Killoffer, Jean-Christophe Menu, Stanislas und Yoann, um nur die Bekanntesten zu nennen. In anderen Unterserien tummelten sich unter anderen Manu Larcenet und Christophe Blain.

Man merkt schon, „Donjon“ ist ein Jungsding, keine einzige Frau unter den Mitwirkenden. Dafür hatten die Jungs umso mehr Spaß. Aber der war offenbar 2009 zu Ende, und mein halber Regalmeter war noch nicht voll. Sfar sprang zwar mit immer weiteren Comics in die Bresche, aber „Donjon“ habe ich vermisst. Und dann erschienen 2014 auch noch zwei Alben, die sich an einer Art Abschluss versuchten, so dass keine Hoffnung mehr zu bestehen schien, dass man auch nur vierzig Bände erreichen würde. Was für eine Enttäuschung!

Aber dann das Jahr 22 nach Beginn: Gleich im Januar kamen zwei neue Bände, und Trondheim und Sfar erklärten, sie wollten sich endlich mal wieder bei ihrer Arbeit an Comics amüsieren. Was das über ihre vielen Alben und Hefte seit 2014 aussagt, möchte man nicht wissen. Zumindest Sfar wirkte auch immer uninspirierter, Trondheim hatte mit seiner Langzeitserie „Ralph Azam“ zwar ein „Donjon“-Surrogat geschaffen, das sich aber in Langatmigkeit erschöpfte. Sie schienen jedenfalls richtig Lust aufs alte Rezept zu haben: In diesem Jahr sind bereits fünf neue Bände herausgekommen. So viel wie in den besten Jahren.

Der jüngste ist vorletzte Woche in Frankreich erschienen, wieder in der Monster-Unterserie, gezeichnet von David B. Dass der, ein alter Kumpel von Trondheim bei L‘Association und ein  früherer Mitstreiter von Sfar beim Album „Urania“, noch nicht am „Donjon“-Kosmos mitgearbeitet hatte, war eigentlich unglaublich. Zumal ihm das Phantastische liegt wie keinem anderen französische Zeichner seit Moebius: David B. ist der große Meister der Traumschilderungen im Comic. Und „Donjon“ ist ja so etwas wie ein Knabentraum. Aber Trondheim und Sfar haben ihm dann doch eine Geschichte regelrecht auf den Leib geschrieben: „Réveille-toi et meurs“ – Wach auf und stirb, oder besser neutestamentlich gelesen: Wiederauferstehe und stirb.

Diese düstere Prognose gilt Hyacinthe de Cavallère, dem gardien, also Wächter des Donjon, einer der zentralen Figuren im Zyklus. Zu Beginn des neuen Albums ist er tot, verscharrt und bereits zum Skelett zersetzt. Dann gräbt er sich heraus und trifft an der Oberfläche auf einen ganzen Zug von Skeletten, einem, veritablen Totentanz in der Manier der alteuropäischen Kunst, dem er sich anschließt, und recht bald entbrennt ein wilder Kampf mit bösen Mächten, in dem weitere Hauptfiguren aus „Donjon“ eine wichtige Rolle spielen. Wollte man ins Detail gehen, müsste man die Handlung von bislang vierzig anderen Bänden zusammenfassen. Ich verzichte lieber darauf.

Dafür sage ich: Egal, ob man schon mal einen „Donjon“-Band gelesen hat oder nicht, man setze hier wieder ein oder beginne überhaupt. Denn  wie immer bei David B. ist das Resultat eine Augenweide, ein visuelles Fest des Unheimlichen. Die Delcourt-Leseprobe der ersten vier Seiten, die man unter https://www.editions-delcourt.fr/bd/series/serie-donjon-monsters/album-donjon-monsters-t13-reveille-toi-et-meurs findet, dürfte es zur Genüge belegen. Und die deutsche Übersetzung angesichts dieses Comic-Triumvirats wohl nicht lange auf sich warten lassen, zumal der Berliner Verlag Reprodukt gleich nach der Wiederbelebung der Serie seinerseits mit den Übersetzungen losgelegt hat; der Rückstand beträgt aktuell nur zwei Alben. Ich räume schon ein paar Zentimeter mehr im Regal frei als den bislang erhofften halben Meter. Denn es wird wohl wieder ein paar produktive Jahre geben, ehe auch für „Donjon“ als Ganzes das gelten wird, was der Titel des jüngsten proklamiert: Wiedererstehe und stirb.

 

13. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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09. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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Emanzipation beginnt im Wohnzimmer, nicht im Parlament

Vor drei Tagen ging es in diesem Blog schon einmal ums Jahr 1974: Der tragische Fall des Kriegsdienstverweigerers Hermann Brinkmann, den seine Nicht Hannah Brinkmann in ihrem Comic „Gegen das Gewissen“ erzählt, erwies sich im Nachhinein als Zäsur. Die erste Hälfte der Siebziger hatte aber noch ein anderes gesellschaftsrelevantes Ereignis in der Bundesrepublik zu bieten: die von der sozialliberalen Regierung 1973 verabschiedete Reform des Ehe- und Familienrechts. Zuvor waren verheiratete Frauen Bürger de facto zweiter Klasse, die vor allem bei beruflicher Betätigung auf die Zustimmung ihrer Ehemänner angewiesen waren. Das änderte sich am 1. Januar 1977, als die neuen Bestimmungen rechtsverbindlich wurden und der vom Grundgesetz garantierten Gleichheit aller Menschen endlich auch im Ehestand Wirkung verschafften. Aus der Zeit zwischen Beschluss und Inkrafttreten des neugefassten Gesetzes erzählt ein Comic, der als Titel die Jahreszahl 1974 trägt.

Autorin ist die Duisburger Illustratorin Silvia Dierkes, und gezeichnet hat sie ihren schmalen, aber äußerst hübschen Band (eine Leseprobe bietet der Jaja Verlag unter https://www.jajaverlag.com/1974-1/ an) mit raschen schwarzen Filzstiftlinien und unter Hinzufügung von rosaroter Zusatzfarbe für einzelne Bildelemente wie die Röcke der Protagonistin Rita, Tischdecken, Vorhänge, Tapeten, Vasen – mit einem Wort: für das Dekor, und mehr ist auch Rite nicht in der Ehe mit Günther. Beide haben eine vierjährige Tochter, und die Rollenverteilung scheint klar: Günther verdient das Geld und erwartet bei dem Heimkehr ein kühles Bier und warmes Essen auf dem Tisch, Rita kümmert sich um Kind und Haushalt. Doch ihr fällt die Decke auf den Kopf, und in der nahen Kneipe jobbt ihre Freundin Agnes – eine Art Rollenmodell, aber für Günther kommt Berufstätigkeit seiner Frau nicht in Frage: „Was sollen denn die Nachbarn denen? Meine Frau geht arbeiten … das haben wir nicht nötig!“

Diese Grundkonstellation ist so reißbrettartig angelegt wie nur denkbar, aber sie trifft die Verhältnisse jener Zeit. Im Hintergrund der Familienwohnung laufen permanent Radio udn Fernseher und berichten von den Reformanstrengungen der Regierung Brandt, aber im Wohnzimmer von Rita und Günther bleiben sie wirkungslos. Scheinbar. Denn Silvia Dirkes erzählt gar nicht die Geschichte eines Heimchens, sondern eine wortlose Emanzipationsgeschichte insofern, als dass Rita am Schluss als Schneiderin arbeitet, obwohl es niemals zum großen Krach mit Günther gekommen ist. Und einer Schlussbemerkung kann man entnehmen, dass der Mann nur sogar stolz ist auf seine Frau. Und zwar, bevor das reformierte Ehe- und Familienrecht in kraft tritt. Es ist also keine erzwungene, sondern eine eigenständige Einsicht in die gewandelten Verhältnisse.

Alles demnach Friede, Freude, Eierkuchen, Fortschritt ganz ohne Enttäuschung? So simpel macht es Silvia Dierkes auch nicht. Auslöser für Ritas Aufbegehren war Agnes, aber nicht durch deren Selbständigkeit, sondern aufgrund ihrer Kündigung, nachdem sie selbst geheiratet hat. All ihr Zuspruch, ihre Ermunterung Ritas, sich zu emanzipieren, war also nur Gerede, doch gerade deshalb geht Rita die Sache nun an. Wie gesagt: Nichts davon wird gezeigt. In diesem Comic muss man noch mehr als in der Erzählform generell zwischen den Bildern lesen.

Abgeschlossen werden die rund fünfzig Comicseiten mit einem kleinen zeitgeschichtlichen Rückblick. Über die eigene Motivation der jungen Illustratorin, sich dieses Themas anzunehmen, wird nichts gesagt. Neben der naheliegenden Erklärung, dass es ein wichtiges ist und die großen gesellschaftlichen Ereignisse immer noch am besten anhand von Einzelbeispielen erzählt werden, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass eine ähnliche Erfahrung wie bei Rita eine Rolle gespielt haben könnte. Aber das ist egal. Von solchen unspektakulär auftretenden, aber umso klüger ausgeführten Comics dürfte es gerne mehr geben.

09. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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06. Nov. 2020
von andreasplatthaus
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Nicht nur Familienfrage, sondern eine des ganzen Landes

Dass sich eine junge deutsche Comiczeichnerin heute für die Frage von Kriegsdienstverweigerern interessiert, durfte man aus mehreren Grünen für unwahrscheinlich handeln. Es gibt gar keine Wehrpflicht mehr in Deutschland, als es sie noch gab, betraf sie nur Männer, und die wirklich harte gesellschaftliche Auseinandersetzung um die Frage liegt ungefähr vier bis fünf Jahrzehnte zurück. Trotzdem hat sich Hannah Brinkmann, Jahrgang 1990, des Themas angenommen. Der Grund dafür ist entgegen allen Erwartungen autobiographisch: Ihr Onkel Hermann wollte 1973 den Kriegsdienst verweigern, kam damit aber nicht durch. Nach dreieinhalb Monaten als Soldat brachte er sich um.

Der Fall machte damals Schlagzeilen, weil die Familie in den Todesanzeigen für Hermann Brinkmann andeutete, dass man sowohl bei den Verhandlungen über den Verweigerungsantrag als auch bei späteren medizinischen Untersuchungen während der Dienstzeit weder die Gewissensbedenken des jungen Mannes noch seine psychische Belastung ernst genommen hatte. Aus dem individuellen Drama entstand eine allgemeine Debatte, die zu einem Umdenken zumindest beim Ersatzdienst führte: In der zweiten Hälfte wurde er erleichtert und vor allem gesellschaftsfähig. Der Tod von Hermann Brinkmann mag nicht als politisches Zeichen gedacht gewesen sein, aber er hatte politische Wirkung.

Hannah Brinkmann wusste nichts davon, denn als sie Kind war, wurde über den toten Onkel in der Familie nicht mehr gesprochen. Zu groß war das Leid für die Eltern und Hermanns vier Geschwister gewesen, zu traumatisch auch die damalige Presseberichterstattung. Doch nach dem Tod ihrer geliebten Großmutter im Jahr 2004 fand Hannah Brinkmann Fotos und Dokumente, die ihr die Geschichte des Onkels nahebrachten, und 2015 entschloss sie sich, aus ihr einen Comic zu machen. Fünf Jahre hat die Arbeit daran gedauert, zwischendurch erhielt das Projekt einen der Comicförderpreise der Berthold-Leibinger-Stiftung. Nun ist „Gegen das Gewissen“ erschienen, und er ist eine Sensation.

Zunächst einmal natürlich der Geschichte selbst wegen, die Brinkmann so intensiv erzählt, als hätte sie ihren Onkel noch selbst kennengelernt. Charakter und Motivation des 1955 geborenen Hermann werden im buchstäblichen Sinne anschaulich, und wenn Hannah Brinkmann an den Schluss ihres Bandes ein Foto des schlaksigen jungen Mannes setzt, glaubt man, mit diesem Menschen längst vertraut umgegangen zu sein. Die familiäre Recherche, die in den Comic einging, kann man da ahnen.

Doch das noch Bemerkenswertere an dem Buch ist seine Form. 230 Seiten, die meisten davon als im besten Sinne plakative Arrangements mit wenigen Bildern, oft sogar nur einem, und aufgebaut ist alles sowohl einfalls- als auch abwechslungsreich. Das geht gleich zu Beginn los: mit der Parallelmontage eines Radiobeitrags von 1956 (dem Jahr der Gründung der Bundeswehr) über die Frage des im Grundgesetz garantierten Rechts auf Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen und der letzten Minuten im Leben von  Hermann Brinkmann am 20. Januar 1974. Links auf den Doppelseiten wird also die Vorgeschichte erzählt, rechts das Resultat. Links wird die sachliche Zusammenfassung in einem symbolreichen Stil illustriert, die ihre Vorbilder in Jacques Tardi und Igort hat; rechts läuft eine stumme Sequenz ab, die den Tod mit einer Dezenz schildert, die bereits die Sensibilität ahnen lässt, mit der Hannah Brinkmann dann den Hauptteil des Geschehens erzählt.

Die Leseprobe des Avant-Verlags (https://www.avant-verlag.de/comics/gegen-mein-gewissen/#cc-m-product-8987786420) ist konfus, denn sie bietet einen Querschnitt, der nicht der Reihenfolge im Buch folgt; die letzten vier Seiten entstammen der Eingangssequenz. In ihrer Auswahl kann man aber die Vielfalt der verwendeten seitenarchitektonischen Mittel erkennen, und es gibt im Band selbst diesbezüglich noch mehr zu entdecken. Höhepunkt ist in der Mitte des Comics die Schilderung der ersten Verhandlung über den Verweigerungsantrag im Kreiswehrersatzamt: Hannah Brinkmann wählt dazu eine braune Umrahmung der eigentlichen Seitenarchitektur und schneidet in die Dialoge mit dem Richter (natürlich einem ehemaligen Bundeswehroffizier) Gedankensplitter des an seiner Ehrlichkeit scheiternden Hermann ein, ehe sie ihn in seiner Hilflosigkeit ganz abdriften lässt in eine psychedelische Traumvision, die vorausweist auf die psychische Verstörung, die ihn wenig später das Leben kosten wird.

Der Alltag der siebziger Jahre ist akribisch rekonstruiert, manche Panels zum Familienhaus der Brinkmanns sind veritable Fundgruben an Details zu Mobiliar oder Popkultur der Zeit. Davor agieren Figuren, die bewusst holzschnittartig gezeichnet sind – es bewegt sich nicht viel in den Gesichtern dieser Personen, aber das macht so nur noch eindrucksvoller und wiederkennbarer, auch über Jahrzehnte hinweg, denn Hermanns Angehörige werden in einem Abstand von erst zwanzig und dann vierzig Jahren auftreten, um Hannah Brinkmanns Motivation zur Anfertigung des Comics klarzumachen. Und wie in diesen über den gesamten Band verteilten Einschüben schon Spuren gelegt oder später wiederaufgenommen werden, das ist sowohl zeichnerisch wie erzählerisch höchst geschickt gemacht.

Es ist ein reifer Debütband einer Autorin, die bislang nur durch Kurzgeschichten, unter anderem in „Strapazin“ oder der „taz“ aufgefallen war. Aber man merkt den inspirierenden Einfluss der Hamburger Hochschule für Angewandte Wissenschaften, an der Hannah Brinkmann bei Anke Feuchtenberger studiert hat. Einmal mehr zeigt sich dieser Einfluss nicht in einer graphischen Handschrift, sondern in der Eigentümlichkeit des persönlichen Tons – als läse man das Werk einer alten Bekannten. Diese unmittelbare Vertrautheit mit Gegenstand und Erzählweise zu erzeugen, ist die größte Leistung von „Gegen das Gewissen“.

06. Nov. 2020
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02. Nov. 2020
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So möchte man Griesgram sein

Lesezeit: circa drei Minuten. Zweiunddreißig Seiten, wenig Text, insgesamt nur vierundzwanzig Bilder, Kleinquadratformat, Klammerheftung, fahlblaue Zusatzfarbe, nur hundert Stück Auflage. Und den besten Titel für dieses Corona-Jahr: „Die Sommereise der Griesgrame“. Preis: leider keine Ahnung, aber teuer wird’s nicht sein, wenn denn noch Exemplare da sind. Und egal, wie wenig teuer auch, das Heft ist jeden Cent wert.

Was ist das überhaupt? Die Rückkehr eines Hamburger Traumpaars des deutschen Comics: Jan-Frederik Bandel und Sascha Hommer. Gemeinsam haben sie vor mittlerweile dreizehn Jahren in der „Frankfurter Rundschau“ einen surrealen Fortsetzungs-Strip namens „Im Museum“ gestartet, der immerhin zwei Jahre lang lief und in zwei wunderschönen Sammelbänden bei Reprodukt nachgedruckt wurde. Danach kümmerte sich Bandel um andere publizistische Projekte und zog irgendwann nach Leipzig, während Hommer an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften an der Seite von Anke Feuchtenberger lehrte, zum Zentrum der Hamburger Comiczeichnerszene avancierte und zahlreiche Bände herausbrachte, die in In- und Ausland Beachtung fanden. Dass sich die beiden für ein Winzprojekt wie „Die Sommerreise der Griesgrame“ wieder zusammenfinden würden, war kaum zu erwarten.

Herausgekommen ist das Heftchen im Selbstverlag vor ein paar Wochen zum Hamburger Comicfestival, einem weiteren jener Kulturereignisse, die nur virtuell stattfinden konnten. Wenn dann aber so eine Geschichte übrig bleibt, hat sich das Ganze noch gelohnt. Bandel kultiviert wieder den lapidaren Grundton von „Im Museum“ (der im Kontrast zu dem darin auftretenden geschwätzigen Kaninchen besonders komisch war), und Hommer zeichnet gewohnt schematisch, aber dabei höchst expressiv. Kein anderer deutscher Zeichner beherrscht mit derart wenig Mimik eine solche Tiefe der Figurencharakterisierung. Aussehen tut das so: https://saschahommer.com/portfolio/die-sommerreise-der-griesgrame/.

Die Geschichte ist so schnell erzählt, dass man sich Mühe geben muss, noch etwas für etwaige Leser übrigzulassen. Drei absolut identische dicknasige Knubbelwesen mit ausgesprochen missmutiger Miene verbringen den Sommer zusammen, verabscheuen aber jede Form von Vergnügen. Nur, wo etwas misslingt, fühlen sie sich wohl. Und das war’s. Aber natürlich passiert viel mehr, denn das Duo Bandel/Hommer steht für Kulturkritik und Kulturhommage gleichermaßen, und von beidem steckt ein gerüttelt Maß in diesem Pamphletchen, das der asiatischen Bildtradition übrigens ebenso viel verdankt wie der europäischen. Aber der stärkste Einfluss – ich sage es ungern, weil ich seine Comics nicht mag – dürfte der Amerikaner James Kochalka gewesen sein.

Genug geschrieben. In der Zeit hätte man das Heftchen schon zweimal durchgeblättert. Wer sich vorstellen kann, dass Misanthropie komisch und Büchereibesuche dann am angenehmsten sind, wenn man wegen Ruhestörung des Hauses verwiesen wird, ist hier richtig. Alle anderen aber auch, weil sie sich über die drei Griesgrame erhaben fühlen dürfen, die am Ende doch gar nicht so griesgrämig auf den Sommer zurückblicken. Aber damit deutet sich schon die nächste Jahreszeitenerzählung an. Wollen wir hoffen, dass Bandel den Jahreszeitenzyklus fortschreibt und Hommer ihn dann weiterzeichnet. Gerne auch wieder beim nächsten Hamburger Comicfestival dann auf einer Herbstreise zu erwerben.

02. Nov. 2020
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26. Okt. 2020
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Asterix wie aus dem Bilderbuch

Ein neuer Asterix-Band, so rasch nach der erst 2019 erschienenen „Tochter des Vercingetorix“? Das bekommt nicht einmal das aktuelle Autorenduo Jean-Yves Ferri und Didier Conrad hin, das konnten nur René Goscinny und Albert Uderzo zu ihren Glanzzeiten in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre, mit dem einsamen Höhepunkt des Jahres 1966, in dem auf Französisch gleich drei Alben erschienen: „Kampf der Häuptlinge“, „Asterix bei den Briten“ und „Asterix und die Normannen“. Letzteres verkaufte sich als erstes Asterix-Album mehr als eine Million Mal. Und von diesem Annus mirabilis zehrt auch noch das jetzt erschienene „neue“ Album „Der goldene Hinkelstein“, das vergangene Woche gleichzeitig in Frankreich und Deutschland herausgekommen ist.

Als der Comic-Erfolg von Asterix sich 1966 überschlug, kümmerten sich Goscinny und Uderzo bereits um weitere Verwertungsmöglichkeiten. Der erste Zeichentrickfilm, „Asterix der Gallier“, wurde produziert, und man gedachte auch die jüngste Zielgruppe ins Auge zu fassen: Kinder. Für die waren die Comics in der von Goscinny geleiteten Zeitschrift „Pilote“, die die Asterix-Abenteuer vorgedruckte, nicht gedacht; Zielpublikum von „Pilote“ waren Jugendliche, und die teuren Alben kauften vorwiegend Erwachsene. Der Film sollte die ganze Familie außer Haus ins Kino locken, aber für die Kinderzimmer gab es eine damals besonders populäre Erzählform: die Schallplatte. Und so schrieb Goscinny eigens für dieses Medium ein neues Abenteuer, eben „Der goldene Hinkelstein“ (Le menhir d’or), das 1967 kurz nach dem Film als französische Langspielplatte herauskam, eingesprochen von denselben Schauspielern, die den Figuren auch auf der Leinwand ihre Stimmen ließen.

Dazu zeichnete Uderzo vierzehn Illustrationen, eine für das Platten-Cover und den Rest für ein beiliegendes Textheft, das auf neun Seiten alle Dialoge des halbstündigen Hörspiels enthielt. Das ist nun die Grundlage des Albums, wobei es 56 Seiten hat, davon vierzig für den Nachdruck der Dialoge und der Illustrationen. Da hätten vierzehn Bilder etwas kleinlich ausgesehen, also hat man Uderzos personenreiche Actionszenen auseinandergenommen und einzelne  Figuren daraus isoliert und noch einmal abgedruckt. So hat man zumindest auf jede Doppelseite eine Illustration einbauen können, und fertig war ein schönes Asterix-Bilderbuch im klassischen Comicformat.

Schön vor allem, weil Uderzo nie besser gezeichnet hat als in jenen Jahren. Natürlich hat man es weder beim französischen Verlag Gallimard noch den deutschen Lizenznehmern von Egmont nicht nötig, eine Leseprobe bereitzustellen, also kann man sich noch am besten auf der offiziellen Asterix-Homepage einen winzigen Eindruck verschaffen: https://www.asterix.com/de/die-buecher/die-illustrierte-alben/der-goldene-hinkelstein/. Leider gar nicht eingestellt ist etwas aus Goscinnys Dialogen, die sehr witzig sind und vom etatmäßigen Übersetzer Klaus Jöken stilsicher ins Deutsche gebracht wurden – wobei es eine Rolle gespielt haben mag, dass mit Michael Groenewald und Matthias Wieland zwei grandiose Experten für Comicübersetzungen als Berater zu rate gezogen wurden. Gut so, denn man bietet im Netz auch erstmals eine deutsche Fassung des Hörspiels an.

Worum geht es? Der Barde Troubadix nimmt am großen gallischen Sängerwettstreit im Karnutenwald teil, wobei ihn Asterix und Obelix begleiten. Als er von den Römern entführt wird, machen sich seine beiden Freunde auf zur Befreiung. Mehr muss man gar nicht sagen, das Erzählschema ist altvertraut – Goscinny hat hier die Ausgangssituation von „Asterix bei den Goten“ mit der von „Asterix bei den Normannen“ gemischt.

Wie gesagt: Das Zielpublikum für den „Goldenen Hinkelstein“ waren Kinder, und das merkt man daran, dass Goscinny im Hörspiel keine gesellschaftspolitischen Anspielungen unterbrachte und vor allem auf bewährte Kloppereien und Frotzeleien setzte. Trotzdem liest man seine Texte mit Begeisterung, weil plötzlich der ironische Grundton von Asterix wieder da ist, der mit dem Tod des Szenaristen im Jahr 1977 ausgestorben war. Und dass etwa der römische General Eucalyptus als dekadenter Ästhet zeichnerisch der für die damalige Zeit typischen Klischeedarstellung eines Homosexuellen entspricht, trägt eher zum nostalgischen Wohlgefallen bei, als dass es verärgerte. Erstaunlich trotzdem, dass es keinen Warnhinweis im Heft gibt. Oder ein gutes Zeichen dafür, dass Schwule Humor haben.

Die größte Herausforderung war die Übersetzung der Lieder, die auf dem Bardenwettbewerb vorgetragen werden. Goscinny wählte lauter einheimische Gassenhauer als Vorlagen, angefangen mit Charles Trenets Evergreen „Ménilmontant“ (der zu „Menhir montant“ wurde) bis zur französischen Version von „If I Had a Hammer“. Im letzteren Fall konnte man die Sache leicht ins Deutschen bringen, weil der Hit von Trini Lopez auch bei uns bekannt ist, ansonsten aber mussten ähnlich populäre Entsprechungen gefunden werden. Kompliment an die Übersetzer für die Idee, aus Leonard Bernsteins  und Stephen Sondheims „I Like to Be in America“ ein Gallierlied namens „Ich wäre gern in Aremorica“ zu machen, und einen Barden namens Comedianharmonix „Wochenend und Hinkelstein“ trällern zu lassen. Das ist jeweils witziger als Goscinnys Original.

Und so könnte man „Der goldene Hinkelstein“ das beste Asterix-Album der letzten Jahre nennen, wenn es denn ein Comic wäre und nicht nur ein zauberhaftes Stück Nostalgie. Aber das ist mehr, als ich erhofft hatte, als ich vom Plan, aus dem Hörspiel ein Buch zu machen, hörte. Nun warten nur noch „Les Traveaux d’Astérix“ (auf Deutsch: „Zwölf Prüfungen für Asterix“) auf eine ordentliche Albenpublikation. Das ist ein Comicstrip, der die Handlung des Trickfilms „Asterix erobert Rom“ von 1977 erzählt, damals gezeichnet von Marcel Uderzo, Alberts jüngerem Bruder. Bitte nicht verwechseln mit dem aufgemotzten Album „Asterix erobert Rom“, das 2016 auf Deutsch erschien! Das war auch ein Bilderbuch. Die „Traveaux“ dagehen sind ein ganz ordentlicher Schwarzweiß-Comic, der endlich mal koloriert und gut ediert gehört

 

26. Okt. 2020
von andreasplatthaus
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19. Okt. 2020
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Spirou im Lande des Klischees

Einige mögen sich fragen, wieso in diesem Blog immer wieder von der belgischen Comicserie „Spirou“ die Rede ist, aber sehr selten nur von „Tintin“, also „Tim und Struppi“. Das liegt daran, dass die Figuren von „Tim und Struppi“ Eigentum ihres Erfinders Georges Rémi alias Hergé waren und nun der nach ihm benannten Stiftung gehören, während Robert Velter alias Rob-Vel, der erste „Spirou“-Zeichner, zwar auch im Auftrag eines Verlagshauses arbeitete, aber diesem die Rechte überließ. So konnten in der mittlerweile zweiundachtzigjährigen Laufzeit von „Spirou“ diverse andere Zeichner engagiert werden, um die Abenteuer des  Brüsseler Hotelpagen zu zeichnen, darunter André Franquin, Jean-Claude Fournier, Yves Chaland und Émile Bravo, um nur die Besten zu nennen, während Hergé nie jemand anderem zugestand, bei seine Schöpfung Hand anzulegen. Und testamentarisch verfügte er ein Verbot der Fortführung.

Deshalb gibt es dauernd neue „Spirou“-Comics und zu „Tim und Struppi“ nur ständig neu aufbereitete Werk- oder Sonderausgaben des längst Bekannten. Käme nicht mit schöner Regelmäßigkeit „Tim im Kongo“ ins politische Gerede, wäre Hergés Serie im makellosen Klassikerstatus erstarrt, während die jeweils aktuellen Macher von „Spirou“ sich bemühen, ihre Serie im Geist der Zeit fortzusetzen. Aber seit einiger Zeit hat man nach amerikanischem Superheldenvorbild eine weitere attraktive Einnahmequelle entdeckt: Sonderalben mit Geschichten, die außerhalb des regulären Handlungsverlaufs angesiedelt sind, aber trotzdem engen Bezug auf die Tradition nehmen.

Der jüngste davon trägt den Titel „Spirou bei den Sowjets“. Comic-Kenner werdne sofort hellhörig, denn das erste „Tim und Struppi“-Abenteuer von 1929 hieß „Tim im Lande der Sowjets“ und war Hergé später zeichnerisch und inhaltlich so peinlich, dass er jahrzehntelang keine Neuausgabe zuließ. Da er „Tintin“ zunächst für die Jugendbeilage einer katholischen Tageszeitung gezeichnet hatte, hatte man ihn für das Debüt der Serie auf einen kommunistenfresserischen Grundton festgelegt, und die Geschichte strotzt vor Klischees. Bevor der Antirassismus-Diskurs das „Kongo“-Album in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rückte, galt der „Sowjet“-Band als politisch dubios. Das immerhin hat sich mit dem Kollaps der Sowjetunion geändert. Heute gilt das Ganze eher als skurril.

Was macht nun die Konkurrenz von „Spirou“ im kommunistischen Russland? Und wie kommt sie da im Jahre 2020 überhaupt hin? Nun, i den Sonderbänden stehen den Autoren alle Zeitebenen zu Spirous Lebenszeiten offen, und da er 1938 erstmals auftrat, siedelte der Szenarist Fred Neidhardt seine Geschichte in den frühen sechziger Jahren an, als der Ost-West-Konflikt mit der Kuba-Krise seine gefährlichste Zuspitzung erfuhr. Ganz wie Tim mehr als drei Jahrzehnte zuvor werden Spirou und sein Freund, der Reporter Fantasio, von ihrem Verlag nach Moskau entsandt, um einen Blick hinter den Eisernen Vorhang zu werfen (Fantasio hat sogar das Album „Tim im Lande der Sowjets“ dabei, um den Verlagschef vom Reiz der Reise zu überzeugen). Hintergrund ist allerdings, dass ein russisches Kommando den Grafen von Rummelsdorf, einen großen Pilzforscher und weiteren engen Freund Spirous, entführt hat, damit der an der Entwicklung einer biologischen Wunderwaffe mitarbeiten soll.

So weit, so abstrus. Und so schön anzusehen, denn Fabrice Tarrin, mit dem Neidhardt schon vor mehr als zehn Jahren den „Spirou“-Sonderband „Die Gruft derer von Rummelsdorf“ herausgebracht hat, begibt sich graphisch wieder auf die Spuren des virtuosesten alle seiner Vorgänger, André Franquins. Nicht nur trifft er genau den elektrisierenden Schwung des prägenden Zeichners des „style atome“ (wie man diese ästhetische Form nach dem 1958 errichteten Brüsseler Atomium nennt), der Band spielt auch noch genau in der Zeit der Entstehung dieses Stils. Der Band ist also eine reine Augenweide. Die fünfseitige Leseprobe des Carlsen Verlags gibt davon einen Eindruck: https://www.carlsen.de/softcover/spirou-und-fantasio-spezial-30-spirou-bei-den-sowjets/115686#.

Und eine Verstandesfolter. Denn derart sinn- und geistlos ist selten in „Spirou“ erzählt worden. Neidhardt verlässt sich ganz auf die historischen Anspielungen, etwa eine Nebenfigur wie Trofim Lyssenko, Stalins bevorzugten Agrarwissenschaftler, der die aberwitzigsten Theorien vertrat, oder zahllose Details aus dem Leben im sozialistischen Sowjetstaat unter Chruschtschow, aber er erzählt, als schriebe er für Kleinstkinder. Die Wendungen sind hanebüchen, die Figuren unglaubwürdig und inkonsequent, platter Humor geht über alles (vor allem auch über die düsteren Aspekte der Erzählung – wann wurde denn bei „Spirou“ zuvor je so nonchalant gestorben?), und alles mündet in einen alternativen Geschichtsverlauf, der die russische Gegenwart veralbern soll, aber die postsowjetische Entwicklung auf die Präsenz von Werbeflächen in Moskau beschränkt.

Dazu kommt eine Präsentation des deutschen Bandes, die es versäumt hat, die Insignien des belgischen Dupuis-Verlags (große „D“s als Türgriffe) durch „C“s für Carlsen, wie der Verlag in der deutschen Ausgabe heißt, zu ersetzen, es dafür aber als notwendig ansieht, vor der Äußerung einer Figur im Gespräch mit einem afrikanischen Lastenträger als „rassistisch“ zu warnen (das Gesagte solle man „aus dem Selbstverständnis der damaligen belgischen Kolonialisten“ lesen und verstehen). Für wie dumm halten eigentlich die Redakteure bei Carlsen ihr Publikum? Und haben sie schon einmal einen Gedanken daran verschwendet, wie sich Russen oder Frauen bei der Lektüre dieses von Klischees über beide Gruppen nur so strotzenden Bandes fühlen könnten? Wird davor auch gewarnt? Natürlich nicht, weil man ihnen zutraut, die wenig subtile Ironie anzuerkennen, mit der Neidhardt erzählt. Aber Schwarzen oder deren Unterstützern muss man paternalistisch erklären, das nicht so gemeint ist, was da steht. Die Herablassung, die daraus spricht, ist unerquicklich.

Im Begleitmaterial zur Geschichte hätte man auf all das gut eingehen können, aber dort bastelt man lieber am heilen Bild des „Spirou“-Zeichner-Kosmos als einer großen Familie von Humoristen. In „Spirou bei den Sowjets“ wird aber nur gealbert. Das hat nicht einmal das grässliche sowjetische System verdient. Und die große Tradition von „Spirou“ noch weniger.

 

19. Okt. 2020
von andreasplatthaus
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12. Okt. 2020
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Weltstadt Darmstadt

Es war mir angekündigt worden, dass „Bei mir zuhause“ der dickste Band sei, den der Berliner Jaja Verlag je produziert hat. Aber dass der Comic dann 1,685 Kilogramm auf die Waage (eine grammgenaue aus meiner Küche!) bringen würde, das hatte ich nicht erwartet. Jaja hatte ich vor Jahren kennengelernt als Verlag der bitterbösen „Papa Diktator“-Serie von Michael Beyer, also von Heftchen im Pixi-Format, deren Gewicht ich jetzt des Vergleichs wegen auch bestimmt habe: 25 Gramm. Aber „Bei mir zuhause“ hat ja auch satte 616 Seiten, Hardcover, Vierfarbdruck – kurz: Er ist der bislang ambitionierteste Comic des Hauses. Und kostet trotzdem nur 35 Euro, während „Papa Diktator“ pro Heftchen mit 2,95 zu Buche schlägt.

Mehr als sechshundert Seiten, das gibt es nicht oft bei Comics außerhalb von Japan. Dabei erzählt die Zeichnerin Paulina Stulin nicht einmal von einem besonders langen Zeitraum. Man kann die Handlung auf etwas mehr als ein Jahr eingrenzen, denn alles beginnt mit der Trennung eines Paars, und es endet mit einem Wiedersehen der Getrennten. Dazwischen verfolgt der Comic den Alltag der Frau, der auch deren dreißigsten Geburtstag umfasst. Und es gibt eine Sequenz kurz vor Schluss, in der sie sich als Joggerin betätigt, die von Stulin grandios inszeniert wird, nämlich als Dauerlauf quer durch alle vier Jahreszeiten. Das lese ich als Hinweis auf die tatsächliche Handlungsdauer.

Paulina Stulin ist als Comicautorin bislang noch nicht sehr bekannt gewesen, aber das dürfte sich nun ändern. Vor sechs Jahren kamen – damals auch schon bei Jaja – zwei Comics heraus: „Mindestens eine Sekunde“ und „The Right Here Right Now Thing“. Ein fulminanter Start also mit zwei autobiographischen Bänden in einem Jahr, wobei sie denkbar unterschiedlich daherkamen: Ersterer war schwarzweiß gezeichnet, Letzterer farbig. Wer sehen will, wie die aussahen, der kann das auf der Website von Paulina Stulin tun, wo sich auch Anschauungsmaterial zum neuen Buch findet: http://www.paulinastulin.de/. Noch viel mehr aus und über den Band bietet aber die Verlagsseite https://www.jajaverlag.com/bei-mir-zuhause/.

Dann aber sechs Jahre Pause. Aus gutem Grund, der eben in sechshundert Seiten und 1,685 Kilogramm zu bemessen ist. „Bei mir zuhause“ setzt die Schilderung des Lebens der Paulina Stulin fort, wobei für einen Außenstehenden schwer zu sagen ist, wie authentisch das ist, was darin erzählt wird. Aber da Bezug auf die früheren Comics genommen wird, besteht zumindest Kontinuität im Erzählkosmos. Und glaubwürdig realistisch kommt eh alles daher. Auch deshalb, weil diese Studie in weiblicher Ermächtigung nicht als geradliniger Triumphzug, sondern als immer wieder von Selbstzweifeln geprägte Schlangenlinie erzählt wird.

Die Paulina Stulin des Comics lebt in Darmstadt wie ihre gleichnamige Zeichnerin. Äußere Ähnlichkeit besteht auch, der Brotberuf ist der gleiche, und Comiczeichnerinnen sind beide aus Leidenschaft nebenher, aber mit vollem Einsatz. Nach sechs Jahren geht die Beziehung zwischen der Protagonistin des Buchs und ihrem Freund Matthias in die Brüche – und in die Brüche geht noch etliches mehr, unter anderem auch der rechte Ellbogen der Zeichnerin.

Heilungsprozesse sind dementsprechend das große Thema der Geschichte. Nicht nur emotionale und medizinische, auch gesellschaftliche. So wird der vorsichtig-optimistische Schluss eingeleitet durch Paulinas Teilnahme an einer Demonstration junger Menschen für Toleranz, nachdem sie hundert Seiten zuvor in einem Club eine erbitterte politische Diskussion mit einem jungen Mann geführt hat, der sich gleichgültig gegenüber Flüchtlingsschicksalen zeigte. Es gibt viele solche Erzählbögen in „Bei mir zuhause“, die den oberflächlichen Eindruck einer eher impressionistisch erzählten Geschichte konterkarieren. Der Aufbau des Ganzen ist sehr komplex; gegenüber den früheren beiden Comics hat sich Paulina Stulins Erzählgeschick extrem weiterentwickelt. Die Autorin lässt vieles unausgesprochen. Wenn ihre Hauptfigur am Ende das „Geburtstagsgeschenk“ einer Freundin umsetzt, geschieht das stumm. Und das ihr dabei verheißene Glück bleibt zweifelhaft.

Der Titel des Comics nimmt Bezug auf den Dreh- und Angelpunkt der Existenz ihrer Hauptfigur: deren Dachwohnung in der Darmstädter Alicenstraße. Wie akribisch Stulin das innenstadtnahe Viertel rund um diese Adresse – ihre eigene – in den Zeichnungen porträtiert ist eine Meisterleistung: eines der intensivsten Stadtporträts im deutschen Comic, ohne dass damit graphisch geprotzt würde. Wir durchstreifen mit der Paulina des Buchs ganz Darmstadt, aber bis der Name der Stadt überhaupt einmal fällt, ist fast schon alles vorbei – so selbstverständlich wird das Dekor genommen. Und so unmissverständlich wird eine tiefe Zuneigung von Figur und Zeichnerin zur Heimatstadt sichtbar. Die bietet den Rückhalt im Krisenjahr nach der Trennung, selbst noch im fernen Portugal, wohin Paulina mit ihrer besten Freundin reist – was in einem kurzen, aber grandiosen Stück Comic-Reportage über einen jungen Mann resultiert, der dort seine Wohnung an Touristen vermietet. Und eine beeindruckend-bedrückende Begegnung mit einem Exhibitionisten am Strand gibt es obendrauf.

Diese sechshundert Seiten sind überreich an Überraschungen. Klar, Paulina Stulin nimmt sich auch den nötigen Platz dafür, aber große Teile ihrer Geschichte bestehen aus Stimmungssequenzen, stummen Passagen, die der Hauptfigur durch ihre Verrichtungen folgen, und die einzelnen Kapitel werden abgegrenzt durch ganzseitige Blicke auf Details des Stadtrums oder nächtliche Himmelansichten, wie sie durch das Dachfenster von Paulinas Wohnung möglich sind. So wechseln die Bilder, die wir als Leser gewinnen, ständig zwischen subjektiven und objektiven Perspektiven. Erzählt wird auktorial, bis in die Gedanken von Paulina hinein. Aber nie über etwas, was sie selbst nicht wissen könnte. Alles fokussiert sich auf sie.

Dadurch entsteht ein Persönlichkeitsporträt, das in dieser Intensität wenig Konkurrenz im deutschsprachigen Comic hat. Natürlich kann man Ulli Lusts autobiographisches Werk anführen, aber durch dessen jahrzehntelangen Abstand von den wirklichen Ereignissen sind diese Geschichten schon historisch. Paulina Stulin dagegen ist mit ihrem Comic denkbar nahe an der Zeit, die er erzählt: 2017/18 ist er angesiedelt, und man erfährt aus ihm auch etwas über die Anfertigung. Dadurch entsteht der Eindruck eines Tagebuchs, und das ist womöglich der größte Kunstgriff dieses Großprojekts: dass man sich zwingen muss, nicht einfach alles für genau so geschehen zu halten, wie es hier gezeichnet wird. Der malerische Stil der Panels ist der einzige Warnhinweis, dass künstlerisch verfremdet wurde.

Der faszinierendste Aspekt von „Bei mir zuhause“ ist jedoch das Können, mit dem Paulina Stulin auf wenigen Seiten komplexe Personen zu erschaffen versteht. Ein junger Muslim mit radikalen Ansichten oder ein bindungsunwilliger Liebhaber werden genauso plastisch wie die Figur, die sechshundert Seiten lang im Mittelpunkt steht. Das spricht nicht gegen den Umfang dieses Buchs, sondern für die psychologische Erkenntniskraft seiner Autorin, die die Erzählweisen des Epos genauso beherrscht wie die der Episode.

12. Okt. 2020
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05. Okt. 2020
von andreasplatthaus
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Wie finanziert man Vielfalt?

Immer noch sind Anthologien für junge Zeichner der Königsweg auf den Comicmarkt, und gerade in Deutschland haben sich die Hochschulen zu den eifrigsten Förderern von entsprechenden studentischen Projekten entwickelt. Es könnte einem ja auch wie ein publizistischer Traum vorkommen: Druckmöglichkeiten in den universitären Werkstätten, finanzielle Förderung durch die Institution, Nutzung der hochschuleigenen Infrastruktur beim Versand. Doch so mag es einmal gewesen sein – heute ist auch eine studentische Anthologie nicht nur ein ästhetisches Wagnis, sondern auch ein ökonomisches.

Man nehme etwa die neunte und neueste Ausgabe von „Triebwerk“, dem jährlich erscheinenden Comicmagazin der Kunsthochschule Kassel, konkret: der dortigen Illustrationsklasse von Hendrik Dorgathen. Es ist ein aufwendiges Produkt, an dem sich 36 Personen als Beiträger beteiligt haben, und dazu hat die bekannte Comicautorin Paula Bulling, die jüngst in Kassel gelehrt hat, noch ein dreiseitiges gezeichnetes Vorwort beigesteuert, eine private Klimawandel-Apokalypse in Feuerrot und Giftgelb, die in einen geschriebenen Dialog zwischen zwei Sprechern A und B übergeht, der in der Erkenntnis mündet: „Wir brauchen die Zeit, um alles nochmal neu anzufangen. Von vorne, aus der Asche, aus Sinnlosigkeit, aus Spaß.“ Und das passiert dann auch in den Arbeiten der sechsunddreißig jungen Künstler. Der Leseprobe sieht man es an: http://rotopolpress.de/produkte/triebwerk-9.

Aber um diese prachtvolle Publikation herzustellen, brauchte es Unterstützung von einem Förderkreis, eine Crowdfunding-Kampagne und eine billige Druckerei in Litauen. Dazu hat der aus ehemaligen Absolventen der Kasseler Comicschmiede hervorgegangene Rotopol-Verlag die Anthologie in sein Programm aufgenommen. Und weil das alles nicht reicht, haben die Mitwirkenden nach dem Vorbild des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ für Anzeigenkunden deren Werbeauftritte im Heft gestaltet – ein ebenso probates wie reizvolles Mittel, Zusatzeinnahmen zu generieren. Manchmal staunt man über den Einfallsreichtum bei den Anzeigen mehr als in den Geschichten. Aber wirklich nur manchmal.

Ähnlich finanziert sich die ebenfalls jährlich publizierte Anthologie „Spring“ aus Hamburg. Sie war allerdings nie an eine Hochschule gekoppelt, sondern entstand als Zeichnerinnen-Forum: Nur Frauen treten hier auf, viele leben in Hamburg, aber das Einzugsgebiet reicht weit darüber hinaus, und der Mitarbeiterinnenkreis wandelt sich ständig, auch wenn der Großteil wie etwa Birgit Weyhe, Stephanie Wunderlich, moki, Larissa Bertonaso, Almuth Ertl, marialuisa oder Kathrin Stangl zum wiederholten Mal mit dabei ist. Sogar Anke Feuchtenberger, die Doyenne der deutschsprachigen Comiczeichnerinnen, hat auch wieder mal für „Spring“ zum Kohlsteift gegriffen, und niemand Geringere als die Schriftstellerin Karin Köhler hat das Vorwort verfasst: „I Ain’t ‘Fraid of No Ghosts“, eine Hommage an den Kinofilm „Ghostbusters“. Das diesmalige Thema von „Spring“ – die Anthologie hat immer ein spezielles – lautet denn auch „Gespenster“.

Da hätte sich, wenn sich denn nicht das Geschlechterproblem gestellt hätte, eine Zusammenarbeit mit dem seit 2006 existierenden Literaturmagazin „Kultur & Gespenster“ angeboten, das Gustav Mechlenburg auch in Hamburg herausgibt (im Textem Verlag)  und mit Jan Frederik Bandel einen denkbar comicaffinen Mitarbeiter hat. Bei der Zahl der Ausgaben ist das unregelmäßig erscheinende Magazin mit zwanzig sogar weiter als „Spring“, das jetzt bei siebzehn angekommen ist. Und wie schon in den letzten Ausgaben zu bemerken, weichen die Comics mittlerweile zugunsten illustrativer Zyklen, die bisweilen nur übers Oberthema noch so etwas wie sequentielles Erzählen für sich in Anspruch nehmen können. Ausnahmen sind Birgit Weyhe und Larissa Bertonasco, die am klassischen Comicverständnis festhalten. Ansonsten wirkt „Spring“ im besten Sinne wie ein Bewerbungsportfolio für Illustrationsaufträge. Und natürlich ist auch die hier die zur Finanzierung notwendige Werbung von den Zeichnerinnen selbst gestaltet.

Diesmal ist ein dunkles Lila als Zusatzfarbe gewählt worden, wodurch eine adäquat gespenstische Nachtatmosphäre in den Geschichten entsteht (Lese- oder eher Bildprobe unter https://www.mairisch.de/programm/spring-17-gespenster/). Und was etwas Doris Freigofas oder Nina Pagalies veranstalten, ist ein wunderbares Albtraumspektakel – mal heroisch, mal hermetisch. „Spring“ ist immer noch das Maß der Dinge, wenn es um deutsche Comicanthologien geht, auch wenn (oder weil?) die Kunstform hier weit ausgelegt wird. Vertrieben wird das Heft seit einigen Jahren übrigens in einem der besten kleinen Literaturverlage, Mairisch in Hamburg. Und gedruckt erstaunlicherweise in Berlin. Wir das in dieser Qualität zu stemmen ist – diesmal sogar mit fluoreszierendem Cover! -, das wüssten gewiss viele Konkurrenten gerne. „Triebwerk“ hat aber offenbar auch die Witterung aufgenommen.

05. Okt. 2020
von andreasplatthaus
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28. Sep. 2020
von andreasplatthaus
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Uns ist so wohltuend plümerant zumute

Seit den seligen Tagen der Shadoks habe ich so etwas nicht mehr gesehen – so geistvoll und zugleich so (graphisch) schlicht. Die Shadoks liefen Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre im französischen Fernsehen und wurden in unserem Nachbarland ein Kultphänomen: seltsame außerirdische Vogelwesen (runde Leiber mit monochromem Federkleid auf filigranen Beinen), die ihren Tag vor allem damit zubrachten zu pumpen, zu pumpen, zu pumpen. Sinn- und endlos. Das wurde als Verspottung der kapitalistischen Gesellschaft gedeutet (man befand sich in den Tagen und Nachwehen der Achtundsechziger-Bewegung), aber in den Jahrzehnten seither sind die Shadoks zu einem Merchandising-Phänomen geworden, das sich gewaschen hat. Mit den irren Vögeln bedruckte Waren gibt es überall, die Fernsehserie läuft längst nicht mehr.

Natürlich haben wir Deutschen nichts Ähnliches hinbekommen. Wobei auch die Shadoks nicht ganz originell waren, sondern gewisse inhaltliche Anleihen bei Peyos Schlümpfen gemacht hatten (reduzierte Sprache, individuelle Unterscheidbarkeit nur durch lebensweltliche Attribute). Also gibt es keinen Grund zu klagen, dass nun doch ein Comic erscheint, der (mich) an die Shadoks erinnert: „Die letzten 23 Tage der Plüm“ von Katharina Greve. Über den Einfallsreichtum dieser Zeichnerin muss man keine großen Worte mehr verlieren; ihr „Hochhaus“-Fortsetzungscomic war eine der erstaunlichsten formalen Leistungen auf diesem Feld seit Jahren.

Auch der neue Band, wieder bei Greves mittlerweiligem Hausverlag Avant erschienen, wurde zuerst als Fortsetzungscomic publiziert: 2016 im Lokalteil der Berliner „tageszeitung“. Für die Buchveröffentlichung hat Katharina Greve den als Countdown konzipierten Handlungsverlauf aber erweitert, auf die titelgebenden 23 Tage plus einem Bonus-Tag, deren jeder Grundlage für ein meist (eine Ausgabe gibt es) vierseitiges Kapitel ist: ein lexikalischer Eintrag zum Dasein der Plüms vorneweg, dann ein Splashpanel, schließlich zwei Seiten mit der eigentlichen Episode, das Ganze als Querformat angelegt. Sehr schön anzusehen, vor allem aber sehr witzig.

 Wer sind die Plüm? Eine außerirdische Zivilisation, deren Planet durch die Kollision mit einem heranrasenden Himmelskörper ausgelöscht werden wird. Von Folge zu Folge wird der pinke Kreis am Firmament größer. So sehr panisch, wie das Titelbild des Buchs suggeriert (die Leseprobe zeigt es: https://www.avant-verlag.de/comics/die-letzten-23-tage-der-pl%C3%BCm/), reagieren die Plüm – drei lernen wir kennen: Pla, Schte und Rüm mit Namen – aber nicht. Vielmehr begleiten wir sie bei ihren ungeachtet aller Bedrohung beibehaltenen Idiosynkrasien und Konflikten, die zu slapstickartigen Situationen führen. Ein Schelm, der Böses dabei denkt. Alles lässt sich selbstverständlich leicht als ironischer Kommentar zu menschlichem Verhalten angesichts Klimakatastrophe und dergleichen deuten. Greve ist schließlich ausgewiesene Satirikerin.

Wie die Shadoks bestehen die Plüm aus einem dominanten Leib (hier allerdings in Form überdimensionierter grüner Köpfe) mit extrem dünnen Gliedmaßen. Die Individualisierung erfolgt über Frisuren, Körperproportionen und jeweils abgeschatteten Grüntönen. Die Lexikoneinträge liefern Mosaiksteine zu einem Gesamtgesellschaftsbild, beziehen sich inhaltlich aber jeweils auf die in den jeweiligen Episoden vorgestellten Ereignisse. Stilistisch sind die Zeichnungen so reduziert wie nur möglich. Man glaubt sich, ins Bühnenbild eines Beckett-Stücks versetzt, und ähnlich existenzialistische geht es denn auch zu. Die Komik dieses Comics ist eine tiefschwarze.

Warum es so lange gedauert hat, bis Katharina Greve ihre ursprüngliche Serie zum Buch erweitert hat, weiß ich nicht. Das Warten hat sich aber gelohnt. Nun müsste sie nur noch das Glück haben, dass irgendjemand das Vermarktungspotential ihrer skurrilen Kopfwesen erkennt. Auf Bettwäsche machten sie sich bestimmt gut. Und die Vorstellung, unter einem Plüm-Plumeau zu ruhen, ist eine höchst trostreiche angesichts all der Katastrophen um uns her. Da könnte man friedlich den Weltuntergang verdämmern.

28. Sep. 2020
von andreasplatthaus
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22. Sep. 2020
von andreasplatthaus
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Bunte Vergangenheit in der Zukunft

Genre kann etwas Wunderbares sein. Gesetzt den Fall, man erfüllt die Grunderwartungen daran. So sollte es im Horror drastisch zugehen, im Krimi spannend, im Romantikfach gefühlig und so weiter. Doch ganz besonders schön wird ein Genrewerk, wenn auch noch etwas aus anderen Genres mit hineingemischt wird. Damit wird nämlich auch Leuten wie mir etwas gebeten, die gar kein einzelnes Lieblingsgenre haben und somit mit einem puren Horror-/Krimi-/Romantik-Comic wenig anfangen können. Aber ein Genre-Curry, das würzt mir den Tag.

Vor einer Woche packte ich einen Band aus, der mich erst einmal durch seine schreienden Cover-Farben verstörte. So ähnlich poppig-knallig in Blau, Rosa und Gelb hat einer der größten Comiczeichner aller Zeiten, der Franzose Yves Chaland, vor bald vierzig Jahren den ersten Band der „Incal“-Reihe seines Kollegen Moebius koloriert. Chaland war damals jung (alt ist er leider nicht geworden) und brauchte das Geld, und er bewunderte nicht nur Moebius, sondern war auch ein Riesen-Genre-Fan, wie sein Debütcomicband „Captivant“ (gemeinsam mit Luc Cornillon; natürlich nie ins Deutsche übersetzt) beweist – eine wilde Anthologie der Stile und eben Genres, als wäre ein frankobelgisches Comicmagazin der fünfziger Jahre wiederauferstanden. Aber ich schweife ab.

Chaland wusste genau, was er tat, als er die Geschichte von Moebius (und dessen Szenaristen Alejandro Jodorowsky) in diese futuristischen Farben setzte: Es war ja Science Fiction, und da konnte es nach den siebziger Jahren im Comic gar nicht psychedelisch genug aussehen. Also vermutete ich in dem Band, den ich ausgepackt hatte, eine Retro-SF-Geschichte. Irritierend waren daran zwei Dinge: Zugeschickt hatte mir den Band der Zwerchfell-Verlag, der nicht eben einschlägig ist, wenn es um Science Fiction geht (eher Horror, Gothic, Fantasy), und als Autoren war ein deutsches Duo ausgewiesen: Philipp Spreckels als Szenarist und Dave Sidney Tula Scheffel-Runte (solche Namen gibt es wirklich nur hierzulande). Auch Deutschland ist nicht eben einschlägig für dieses Genre, trotz den hinreißenden Parodien von Ralf König.

„Yellowstone“ heißt der Band, und er ist tatsächlich Science Fiction, allerdings angesiedelt in einer sehr nahen Zukunft: 2042. Zehn Jahre zuvor wird im titelgebenden Nationalpark der Vereinigten Staaten ein Vulkan ausgebrochen sein, dessen Detonation eine Evakuierung des gesamten amerikanischen Mittleren Westens erforderlich macht. Nur noch die Randzonen sind seitdem bewohnt, allerdings denkbar dicht, denn die vielen Ausgesiedelten müssen hier Aus- und Unterkommen finden. Konflikte sind programmiert, zumal die Heimatvertriebenen wieder zurückstreben – gegen den Willen der amerikanischen Regierung, die das aufgegebene Terrain längst an Konzerne verpachtet hat.

Das dahinter eine Verschwörung steckt, kann man sich denken. Dass gerade im Mittleren Westen auch  Leute leben, die nicht lange fackeln, wenn es gilt, ihr Recht in die eigene Hand zu nehmen, weiß man. Also wird einer der Evakuierten, Noah mit Namen, zum Helden im Kampf gegen KJeptokratie und Großkapital. Soweit erwartbar.

Nicht erwartbar war der Stil, in dem Scheffel-Rute das gezeichnet hat. Die Vorbilder sind erkennbar amerikanische Independent-Serien aus der Zeit um die Jahrtausendwende, vor allem, was die großflächige Kolorierung der Panels angeht, die in langen Sequenzen monochrom erfolgt (mit kleinen Effekt-Akzentuierungen), um die Stimmungen des jeweiligen Geschehens zu unterstützen. So sieht das aus: https://zwerchfellverlag.de/yellowstone-2/ (leider nicht mit Beispielen aufeinanderfolgender Seiten).  Erkennbar wird dabei auch, dass Dekors von Moebius tatsächlich ein wichtiger Einfluss waren. Und am Ende des zweiten Kapitels gibt es sogar den emblematischen Sturz in eine Stadtkulisse, die an Beginn und Ende des sechsbändigen „Incal“-Zyklus steht.

Leider geht der Handlung von „Yellowstone“ weitaus schneller die Luft aus. Nach 130 Seiten im Heftformat ist schon Schluss, und bereits weitaus früher, nach einem temporeichen Auftakt,  verliert die Geschichte ausgerechnet dann an Dynamik, wenn es in die geräumte Zone geht, wo zudem außer leeren Landschaften, die es aber auch heute dort schon überreichlich gibt, keine markanten Szenerien warten, die uns einen Vorgeschmack einer wenn auch nahen Zukunft verschaffen. Die Autos sehen aus wie SUVs, die Gebäude  orientieren sich am Betonbrutalismus, und der schönste Einfall ist schon die regenbogenfarbige Gestaltung des bösen Masterminds im Hintergrund beim – ja – genreüblichen Enthüllen der eigenen Perfidie vor den entgeisterten Gegenspielern.

Ein Klischee reiht sich ans andere, und leider wird auch aus anderen Sparten (Western, Öko-Thriller) nur jeweils die kleinste Münze entliehen. Daraus resultiert kein Gewinn. Eine gute Ausgangsidee ist da irgendwann im überehrgeizigen Konzept versandet. Trotzdem lohnen die ersten beiden Kapitel die Lektüre. Und der Rest mag dann Genrefanatiker nicht ganz so unzufrieden lassen wie mich.

22. Sep. 2020
von andreasplatthaus
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