Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

15. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
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Betagt, aber oho!

Eine der erfolgreichsten jüngeren Comicserien auf dem konkurrenzintensiven französischen Comicmarkt ist „Les vieux forneaux“, auf Deutsch „Die alten Knacker“. Darin lässt der keineswegs alte Wilfrid Lupano (Jahrgang 1971) ein betagtes Freundestrio in dessen Heimatdorf in Südfrankreich reichlich abgedrehte Abenteuer erleben. Abgedreht deshalb, weil sich die drei Senioren im Stil französischer Filmkomödien von keiner Autorität einschüchtern lassen und vehement eine privat begründete Fehde mit dem lokalen Großunternehmen Baran-Servier ausfechten – dessen Eigentümer nicht jünger ist als sie, worauf die privaten Probleme auch zurückgehen. Das bewährte David-Goliath-Thema sorgt verlässlich für Unterhaltung, und Paul Cauuet (Noch jünger: Jahrgang 1980) hat dazu lichte und leichte Bilder gezeichnet, die in der Tradition eines karikaturesk angehauchten Realismus stehen (Leseprobe hier: https://www.splitter-verlag.de/die-alten-knacker-bd-4.html). Boucq ist wohl der Zeichner, der da am ehesten als Vorbild erscheint.

Was begeistert die Franzosen (und offenbar auch das deutsche Publikum, denn alle vier Bände sind schleunigst von Tanja Krämling für den Splitter Verlag übersetzt worden) an den „Alten Knackern“? Gewiss vor allem die politische Inkorrektheit, mit der die munteren Greise durchs Leben gehen. Dann die der Geschichte inhärente Globalisierungsskepsis und schließlich der Schuss Erotik, der durch die Enkelin eines der Knacker ins Spiel kommt. Diese junge Dame betreibt ein Marionettentheater namens „Der Wolf im Slip“, das nach der Hauptfigur der Vorführung benannt ist. Und wie erfolgreich die „Alten Knacker“ sind, zeigt sich nicht nur daran, dass der 2014 erschienene Debütband der Serie, „Die übrig bleiben“, einen Preis auf dem Comicfestival von Angoulême einheimste, sondern auch an einem bereits fertigen Spin-off: einem Bilderbuch, der die Geschichte des Puppenstücks erzählt. Auch dieser Band, wieder geschrieben von Lupano (Nomen est omen beim Thema Wolf), aber statt von Cauuet von der bilderbucherfahrenen Mayana Itoiz gezeichnet (wobei Cauuet dann doch noch bei einem zweiseitigen Appendix in Comicform zum Zuge kam), ist gerade bei Splitter erschienen.

Im neuen Band („Die Zauberin“ betitelt, nach einer seltenen Insektensorte, die es zu schützen gilt) wird der nie erlahmende Kampf zwischen dem Konzern und den alten Knackern fortgeschrieben, obwohl strenggenommen nur noch einer von ihnen im Dorf wohnt. Doch im Laufe der Handlung kommen die beiden Freunde aus Paris und Schottland angereist: der eine, um sich in den Kampf um ein von der Expansion des Unternehmens bedrohtes Stück Land einzumischen, der andere, um eine alte Liebe zu bezirzen. Wenn man sagt, dass nur einer reüssieren wird, dürfte die Prognose, wer es ist, nicht schwer fallen.

Allerdings sind die Rollen diesmal weniger klar verteilt als in den ersten drei Bänden, denn der ortsansässige Knacker ist durchaus willig, die Zerstörung der Landschaft durch eine neue Fabrik hinzunehmen, wenn dadurch im Gegenzug Jobs geschaffen werden, die das Ausbluten der Region verhindern. Doch nun kommt der Revoluzzer in Konflikt mit einer jüngeren ökologisch orientierten Generation, und es spricht für Lupano, dass er die Zwiespältigkeiten der politischen Gegenwart durch diese Konfrontation deutlich macht, ohne dabei ein verbissenes Szenario zu schreiben, das für eine der beiden Seiten Partei nähme. Wobei ihn diesmal ohnehin die Enkelin viel mehr interessiert, die sich in einen der angereisten Demonstranten verguckst, der sich aber schließlich als gar nicht so angereist erweist.

Der Mikrokosmos des kleinen südfranzösischen Dorfs wird also gar nicht einmal angekratzt, und natürlich liegt auch in der Reminiszenz an das andere widerständige Dorf in der französischen Comicgeschichte ein Reiz des Zyklus. Wobei der Slapstick mittlerweile doch arg die Oberhand gewinnt, worunter die Satire leidet. Aber für einen Mainstream-Comic sind „Die alten Knacker“ doch verblüffend schlau. Sowohl die Macher wie ihre Figuren.

 

15. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
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08. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
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Mehr Licht? Das geht gar nicht

Das ist einer der ungewöhnlichsten Comics der jüngeren Zeit, und obwohl man von Paula Bulling seit ihrem autobiographisch-dokumentarischen Debüt „Im Land der Frühaufsteher“ Überraschungen gewöhnt ist, kommt er doch ganz unerwartet. Schon deshalb, weil ich erwartete, dass die Zeichnerin weiter an ihrem schon länger laufenden Projekt arbeitet, einer großen Recherche über muslimische französische Kriegsgefangene und Widerstandkämpfer im Zweiten Weltkrieg. Aber vielleicht hing der zweimalige Aufenthalt, den Paula Bulling in Les Ateliers Sauvages, einem Künstlerhaus in der algerischen Hauptstadt Algier, absolviert hat, mit ihren diesbezüglichen Nachforschungen zusammen. Wie dem auch sei, die Stadt scheint sie fasziniert zu haben, denn nun hat sie einen Comic über ihre Eindrücke gezeichnet. „Lichtpause“ heißt er. Beim wunderbaren Rotopol-Verlag aus Kassel ist er erschienen

Der Titel ist zunächst erst einmal ein Verweis auf eines der wichtigsten Arbeitsmittel in der Architektur, und Paula Bullings Comic ist vor allem das: Architektur. Gar nicht einmal im Sinne der Seitenarchitektur allein (die allerdings von grandioser Vielfalt ist), sondern mehr noch, weil es tatsächlich die Stadt selbst ist, die auf den 36 großformatigen Seiten die Hauptrolle spielt. Einmal etwa zeichnet Paula Bulling eine ganze Doppelseite lang nur Straßenpflaster – mit alle den verschiedenen Mustern, die eine traditionelle Pflasterung hervorbringt. Diese Sequenz wirkt wie eine Sequenz von Paul Klee. Aber auch die Materialexperimente des späten Willi Baumeister fallen einem ein; das liegt aber vor allem an den Farben, die die sonnig-sandige Welt Nordafrikas heraufbeschwören. Hier kann man es sich ansehen: http://www.rotopolpress.de/produkte/lichtpause.

Kunst also kommt in den Sinn, denn das, was Paula Bulling hier macht, ist in der Tat Kunst, ein großes Experiment in visueller Assoziation. Und trotzdem ist es auch ein Comic, der vom Leben als Ausländerin in Algier erzählt, an einem einzigen Tag, der vom Morgen bis zum Abend begleitet wird, formuliert als Ansprache an einen Freund, dem von Begegnungen berichtet wird, von wechselseitigem Beobachten, auch von Enttäuschungen. Und natürlich von Begeisterung, nicht zuletzt für das Licht in dieser Stadt.

Das ist „Lichtpause“ nämlich vor allem: ein gezeichneter Essay über das Licht im Tagesverlauf, komplett mit farbigen Bleistiften angefertigt. Gelb, Blau und Orange sind dabei die vorherrschenden Töne. Und selbst die Randlinien der Panels sind hier farbig und das auch noch von Seite zu Seite meist unterschiedlich gehalten. Diese simple Idee macht großen Effekt, genauso wie die über die Seiten gestreute Erzählstimme, die aus der Perspektive Paula Bullings berichtet. Aber immer wieder verstummt sie über ganze Bilderfolgen hinweg, als müsse sie Atem schöpfen, etwas überdenken, käme vor flirrender Hitze oder unter der Fülle der Eindrücke gar nicht zur Beendigung eines Satzes.

So liest sich „Lichtpause“ blitzschnell, aber fertig ist man damit nicht so rasch, denn eie abermalige Lektüre fördert neue Details (und neues Verständnis) zutage, und das wird beim dritten oder verten Mal kaum anders sein. Man mag sich an Lorenzo Mattotii erinnert fühlen, was die Freiheit des Farbgebraucht angeht, an David Mazzucchelli bei den architektonisch anmutenden Linienführungen und an Avril oder Nicolas de Crécy, wenn es um Stadtporträts geht. Aber keiner dieser vier Meister hat Paula Bullings geradezu traumartige Erzählstruktur, mit er sie sich – und wir als Leser mit ihr – durch die Straßen und Zimmer treiben lässt. Und dann dieser Blick für Details auf den Bürgersteigen, diese Kompromisslosigkeit beim Auflösen eines Eindrucks in Liniengespinste, ja Liniengewirre, die beinahe abstrakt anmuten. Und schon ist man wieder bei der modernen Kunst. Bei Kandinsky, für den es vor allem der Rhythmus war, was ein Bild ausmachte. Und Rhythmus ist eine im Comic immer noch unterschätzte Kategorie, in der nun wieder Paula Bulling sich mehr und mehr als große Meisterin erweist.

08. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
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02. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
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Ihre beste Rolle

Der Comic „Das Hochhaus“ von Katharina Greve ist kein Buch im klassischen Sinne, obwohl man ihn auch als solches bekommt, beim Avant Verlag. Da ist der Comic schon seltsam genug, denn man muss den Band querlegen, um ihn zu lesen, also um 90 Grad drehen. Dann baut sich Stockwerk für Stockwerk das titelgebende Hochhaus auf, vom Kellergeschoss bis in die hundertste Etage. So hat Katharina Greve, die selbst fünfzehn Semester Architektur studiert hatte, aber dann doch Cartoonistin wurde, ihn publiziert: im Internet unter http://www.das-hochhaus.de/. Hundertzwei Wochen lang türmte sie ein Geschoss auf das andere, bekam dafür zwischendurch den Max-und-Moritz-Preis der Stadt Erlangen für den besten Comic-Strip, und nachdem alles fertig war, wurde das komplette Hochhaus auch noch als Buch publiziert. Und eben als etwas, das kein Buch im klassischen Sinne ist. Darum soll es hier gehen.

 

Denn „Das Hochhaus“ ist auch als Buchrolle erschienen. Was das ist? Eine aufgerollter langer Papierstreifen, auf dem das gesamte Hochhaus gedruckt ist, so dass man, wenn man will, die ganze Geschichte als einzige Zeichnung von rund sieben Meter Länge bekommen und vor sich ausbreiten kann. Wer nur eine kleine Wohnung hat, muss aber keine Sorge haben: Lesen lässt sich das Ganze auch ohne komplettes Ausrollen, denn man kann ganz nach antikem Vorbild mit der linken Hand den Anfang der abgerollten Buchrolle nach der Lektüre eines Abschnitts wieder neu aufrollen und so immer weiter machen, so dass man am Schluss eine neue Rolle bekommt, die allerdings zum Wiederlesen erst einmal wieder zurückgespult werden muss – „wie früher eine Kassette“, scheiben die Macher vom Berliner Verlag Round Not Square in der mit eingerollten Bedienungsanleitung.

Ist das ein Gag? Natürlich, aber im Falle von Katharina Greves Comic-Strip auch genau die richtige Form und mit 27 Euro nur sieben Euro teurer als die Buchausgabe von Avant (will man eine von der Zeichnerin signierte Ausgabe, kostet das 35 Euro). Aussehen tut das so: http://round-not-square.com/de/portfolio/das-hochhaus/, und anfühlen tut es sich dank sehr schönen Papiers hervorragend. Etwas gewöhnungsbedürftig ist nur das Zurückrollen statt des Zurückblätterns, wenn man etwas bereits Gelesenes noch einmal überprüfen will. Und dazu besteht oft Anlass.

Denn Katharina Greve hat nicht nur einfach 102 Etagen als wöchentliche Einzelepisoden gestaltet, sondern auch vielfach Bezüge zwischen den Stockwerken hergestellt – der größte Abstand besteht dabei zwischen Keller und Dachgeschoss, also über fast zwei Jahre Publikationsdauer hinweg, weil der Aufenthalt der Bewohner des Letzteren im Ersteren einem anderen Mieter des Hochhauses eine günstige Gelegenheit zur Ausübung seines Broterwerbs verschafft. Dessen Folgen sind übrigens mehrfach Thema des Geschehens im Hochhaus, wie auch andere Kapitel (also Stockwerke) inhaltlich miteinander verknüpft sind. Doch alle Episoden können auch für sich gelesen werden, denn in den immer gleichen zwei Räumen (Küche und Wohnzimmer samt Balkon) der Etagenwohnungen, die wir im Querschnitt sehen, spielen sich mehr oder minder burleske Szenen und Dialoge ab, deren Witz sich Katharina Greves Erfahrung als Cartoonistin verdankt – also als Gestalterin humoristischer Einzelbilder.

Aber erst die minutiösen Details machen diesen Comic so reizvoll. Details wie zum Beispiel die Aufschrift auf einer Fensterscheibe im 98. Stockwerk: „Bitte keine Werbung einwerfen“. Überhaupt ist dieses Fenster der jeweiligen Nachbarwohnung eine Quelle nie versiegenden Vergnügens: Es ist das einzige, was man von diesem kleinen Einzimmerappartement sieht (bei der Behausung im Querschnitt handelt es sich dagegen jeweils um eine Dreizimmerwohnung plus Küche und Bad, wie man einem von der Zeichnerin angefertigten Etagengrundriss entnehmen kann), und trotzdem werden auch damit kleine Geschichten ganz ohne Worte erzählt. So steht einmal ein brennender Chanukka-Leuchter auf dem Fensterbrett, und in einem anderen Stockwerk hängt dort ein Adventskranz. Diese jahreszeitliche Parallele verweist darauf, dass wir über den ganzen Comic hinweg einen identischen Moment dokumentiert haben. Es ist wichtig, das im Auge zu behalten, wenn man „Das Hochhaus“ liest.

Katharina Greve bietet uns einen Querschnitt nicht nur durch ihr Wohnhochhaus, sondern auch durch die Gesellschaft. Junge und alte Bewohner sind vertreten, hetero- und homosexuelle, Repräsentanten verschiedener Kulturen, Berufsgruppen und Geisteszustände. Wir treffen Zeugen Jehovas, die sich nicht aus dem Haus trauen und deshalb die Mitarbeiter von Lieferservices bekehren wollen. Da ist eine Domina, deren Küche in ihrer Lieblichkeit das Komplementärphänomen zur Folterkammer im Wohnzimmer ist (und ihr Kunde ist ein Hausbewohner, dessen Lebensumstände noch in zwei anderen Etagen eine wichtige Rolle spielen). Oder eine Wahrsagerin, deren Mann ihr vorausgesagt hatte, dass sie erfolglos bleiben werde – und sich damit als der bessere Prognostiker erwies. Man muss dieses Panoptikum der Mühseligen und Beladenen einfach lieben.

Wenn man ans Ende der Geschichte gerollt ist, geht es noch etwas weiter als ursprünglich im Netz bei der Erstpublikation: in den Himmel hinauf, so wie es zu Beginn auch etwas tiefer losgeht als im Keller, mit der Kanalisation nämlich. Katharina Greve hat diese kleinen Extras ergänzt, die ihr Hochhausdasein abrunden. Höher hinaus kommt man im deutschen Comic derzeit nicht. Und die Edition von Round Not Square spielt dabei die beste Rolle.

 

02. Jan. 2018
von Andreas Platthaus
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18. Dez. 2017
von Andreas Platthaus
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Stille Nacht, wilde Nacht

© Ralf König - Santa Claus JuniorNoch ahnt die Festgemeinschaft nicht, welch bittere Wahrheit ihr sogleich eröffnet wird: Szene aus Ralf Königs „Santa Claus Junior“

Es ist noch gar nicht so lange her, da flatterte pünktlich jedes Jahr zur Weihnachtszeit ein Rowohlt-Buch ins Haus. „Engel & anderes Geflügel“ hieß es, und in jedem neuen Jahr war ein neuer Illustrator damit befasst, dieses als Adventskalender konzipierte Werk (man konnte die Seiten, wenn man wollte, täglich auftrennen) zu gestalten. Daran beteiligt waren, um nur einige zu nennen: Wolf Erlbruch, Binette Schröder, Axel Scheffler, Jutta Bauer, Bernd Pfarr, Sabine Wilharm – kurz gesagt: die Creme der deutschen Bilderbuchszene.

Warum diese wunderbare Reihe eingestellt wurde, weiß ich nicht. Kandidaten für eine Fortführung hätte es genug gegeben, zum Beispiel Comic-Zeichner. Und einer davon, kein Geringerer nämlich als das Rowohlt-Urgestein Ralf König, hat jetzt in seinem Stammverlag ein kleines Buch publiziert, das genau dem Konzept von „Engl & anderes Geflügel“ entspricht, auch wenn es kein Adventskalender mehr ist. Da wird es dem die Reihe entbehrenden Leser warm ums Herz.

Das war ehedem auch ihr Sinn und Zweck. Und deshalb wäre König als Erzähler wohl nicht die erste Wahl dafür gewesen. Seinen internationalen Ruhm hat er sich mit Comics erworben, die zwar durchaus warmherzig sind, aber auch – sagen wir – großschwänzig. Und bitterböse im Blick auf unsere Gesellschaft und ihren Umgang mit Schwulen. Und durchaus auch im Blick auf den Umgang der Schwulen untereinander. So zu sehen und zu lesen erst im vor einem halben Jahr erschienenen Band „Herbst in der Hose“, der die Alterspanik unter Schwulen zum Gegenstand eines ebenso witzigen wie nachdenklichen graphischen Romans gemacht hat.

Nun also in sehr knappem Abstand schon der nächste König: „Santa Claus Junior“ (und schon der Umfang der Leseprobe des Verlags ist ein Geschenk: https://www.rowohlt.de/download/file2/row_upload/3610913/LP_978-3-499-29082-4.pdf). Es geht, schnell zusammengefasst, darum, dass die einsame Ute Hinzmann (Ehe schon länger gescheitert, neue Beziehung vor einem Jahr auch) allen Weihnachtstrubel ablehnt und am 24. Dezember allein zu Hause in der ungeschmückten Wohnung sitzt. In Köln! Jenem hillije Kölle, wo es zum guten Ton gehört, das Heim festlich herauszuputzen und ungeachtet aller religiösen Überzeugung gutchristlich zu jubilieren – sei es auch nur mittels Schallplatte. Das kann nicht gutgehen mit Ute Hinzmanns Vorhaben, und so sitzt denn auch alsbald das Christkind höchstpersönlich auf dem Sofa neben ihr und kündigt den Besuch des frischgebackenen neuen Weihnachtsmanns an. Ach was, „kündigt ihn an“ – es preist ihn an wie eine Partnerschaftsvermittlungsagentur, und tatsächlich erweist sich der Herr, als er mit seinem Rentierschlitten auf dem Balkon des Mehrfamilienhauses im Belgischen Viertel landet, als höchst attraktiv. Und es kommt, wie es unter den Geschlechtern kommen muss.

Wobei man nicht behaupten kann, dass das bei Ralf König die Regel wäre. Bei ihm kommt es sonst eher, wie es unter einem Geschlecht kommen muss. Hier aber einmal nicht. Hier ist alles so wunderbar harmonisch heterosexuell, dass es eine Art hat. Selbst vor dem emotionalen Höhepunkt (und man möchte vermuten, auch dem körperlichen), blendet die Geschichte ab. Und doch vermisst man nichts. Denn König erweist sich in „Santa Claus Junior“ als das, was ihn als Comiczeichner mindestens so selten und bedeutend macht wie seine Rolle als Chronist schwulen Lebens in Deutschland: urkomisch.

Er spielt einfach mit dem eigenen Klischeehaushalt, ist nie böse, aber auch nie harmlos. Man könnte sich als gläubiger Mensch verspottet fühlen, aber dann wäre man ein verbissener Christ, der den Fundamentalisten anderer Religionen wenig voraus hätte. König bietet eine kleine Geschichte, die in eng begrenzter Zeit (Heiligabend) und eng begrenztem Raum (Utes Etagenwohnung) nicht weniger verhandelt als die Conditio Humana. Glaubensmäßig, aber auch psychologisch und sexuell natürlich sowieso. Auch wenn es nichts zu sehen gibt, was unter die Gürtellinie ginge.

Hundert Seiten ist die Geschichte lang (und am Ende, man glaubt es kaum, liefert König noch Ausschnittbögen für Christbaumfiguren nach seiner Manier), sie liest sich in einer halben Stunde, aber man wird sie künftig häufig lesen, so häufig vielleicht wie Eilert/Gernhardt/Knorrs „Erna, der Baum nadelt“. Schön, dass die deutsche Weihnachtskomik nun ein zweites kleines Meisterwerk zu bieten hat. Ach ja, das noch: König wird immer besser beim Reimen der Texte seiner Erzählerstimme. „Nun kann man, grad des Kitsches wegen, / die Weihnachtstage durchaus mögen! / Bei Leuten, denen Glockenläuten / und Christbaumschmuck noch was bedeuten.“ Doch just bei der letzten Silbe unterbricht Ute rigoros die Erzählstimme und schmäht ihre Worte als „schlechte Weihnachtsgedichte“. Mit Verlaub, sie hat Unrecht, das Knüttelgereimte passt zur heimeligen Stimmung wie die Gans in den Ofen. Und wie die Weihnachtswichtel und pudelnackten Putten, die auch alle ihren Auftritt in „Santa Claus Junior“ haben – Engel & anderes Geflügel eben.

18. Dez. 2017
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11. Dez. 2017
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Der Mann, den Johnny Hallyday verdross

Vergangene Woche starb Johnny Hallyday, ein Musiker, von dessen Bedeutung für die französische Kultur man sich in Deutschland gar keine rechte Vorstellung machen kann, weil wir nichts Vergleichbares hatten. Peter Kraus oder Ted Herold werden gerne genannt – lächerlich, denn Hallyday war ein Star über ein halbes Jahrhundert hinweg. Und natürlich hat er auch seinen Weg in die französischen Comics gefunden. 1992 erschien ein Band namens „Johnny Hallyday – Les années soixante“. Darin erwiesen prominente Comiczeichner dem Sänger mit Kurzgeschichten ihre Reverenz, und zwar, wie am Titel erkennbar, dem jungen Johnny Hallyday. Unter den Beteiligten war einer meiner Lieblingszeichner: Hervé Barulea, der seine Comics unter dem Künstlernamen Baru publiziert.

Wie es der Zufall will, ist vor wenigen Tagen nach langer Pause wieder mal ein Baru-Band ins Deutsche übersetzt worden: „Ici et là“, im Original 2012 erschienen, nun „Hier und dort“, eine Sammlung von zuvor verstreut veröffentlichen Kurz- und Kürzesterzählungen, und darin findet sich auch „Eine Fete bei John“, der genau vor einem Vierteljahrhundert gezeichnete Beitrag zu „Johnny Hallyday“. Baru nennt den Sänger in seiner kurzen Einführung (jede der fünfzehn in „Hier und dort“ enthaltenen Geschichten hat eine eigene) „unser Nationaldenkmal“, lässt aber ansonsten Distanz erkennen: „Glücklicherweise hat man mich nur zu den ersten Schritten des ‚Künstlers‘ herangezogen …“

Wie jeder weiß, der Baru liebt, liebt der Zeichner den Rock’n’Roll, aber den authentischen, nicht den adaptierten von Johnny Hallyday. Doch die rebellische Begeisterung, die der junge Sänger unter der französischen Jugend in den frühen Sechzigern auslöste, ist genau Barus Fall. Also erzählt er auf sieben Seiten die Geschichte eines Fünfzehnjährigen, der von seinen Eltern zu einem Raymond-Devos-Auftritt mitgenommen wird. Mehr muss man einem einigermaßen musikkundigen Franzosen nicht sagen: Es geht um jenen berühmt-berüchtigten Abend im Pariser „Alhambra“ vom 20. September 1960, als ein Teil der älteren Zuschauer den im Vorprogramm auftretenden Johnny Halliday und dessen Fans wüst beschimpfte. Es kam zu Ausschreitungen im Publikum, bis Raymond Devos, ein damals höchst beliebter Komiker, sein eigenes Publikum zurechtwies: „Wenn ihr den Kleinen rauswerft, höre ich auf!“ Johnny Hallyday war durch diesen Skandal und den Einsatz von Devos mit einem Schlag berühmt.

Wie meistens in seinen Comics erzählt Baru auch diese Episode als Emanzipationsgeschichte eines Jugendlichen. Der Zeichner selbst wurde 1947 als Arbeiterkind in Lothringen geboren, hat die rebellischen Jahre, um die es hier geht, als Heranwachsender also miterlebt, allerdings in der Provinz, dafür aber intensiv mit Musik. Davon erzählt er in „Quéquette Blues“, seinem meisterlichen Erstlingswerk, das in drei Bänden von 1984 bis 1987 erschien. In Stil und Tonfall knüpft „Eine Fete bei John“ daran noch an, doch der Bildaufbau weist Parallelen zu „Der Champion“ auf, Barus kurz zuvor erschienene Boxergeschichte aus dem Algerienkrieg, die ihn erstmals als politischen Künstler mit zeitgeschichtlichem Interesse auswies und ein Erzählen in seinem Werk etablierte, das mit „Autoroute du Soleil“, „Die Sputnik-Jahre“ und „Wut im Bauch“ die Höhepunkte fand.

Aber obwohl Baru einer der größten Comic-Autoren unserer Zeit ist, hat er in Deutschland keinen großen Erfolg. Umso bemerkenswerter, dass der ehrgeizige Kleinverlag Edition 52 aus Wuppertal es immer wieder aufs Neue wagt, ihn zu übersetzen, nachdem Carlsen, die Edition Moderne und Reprodukt es leider nicht mehr tun. Bedauerlich nur, dass die deutsche Ausgabe von „Ici et là“ gegenüber der französischen etwas verkleinert wurde – zwar wenig nur, doch leider gerade im Falle der Texte um einen deutlich bemerkbaren Faktor, denn die Sprechblasen sind nun häufig geradezu gestopft voll. Da hätte sich der Übersetzer Uwe Löhmann bisweilen vom Original lösen, es verknappen müssen, denn so kommt das Verhältnis von Detailreichtum der Zeichnungen und relativer Textknappheit im Baruschen Original durcheinander. Und etwas zu dunkel gedruckt wurde der deutsche Band auch; vor allem den in späteren Arbeiten von Baru bevorzugten Aquarellfarben fehlt die Leuchtkraft. Eine Leseprobe macht das deutlich: http://edition52.de/wp-content/uploads/PDF.js-viewer.pdf. Wer noch eine umfangreichere haben will, wird hier fündig, allerdings nur auf Französisch: https://issuu.com/soopachachameow/docs/issu_pl_baru_ici-la. Leider hört dieser lange Auszug gerade vor „Eine Fete bei John“ auf.

Wer einen der intelligentesten Gegenwartskommentatoren Frankreichs kennenlernen oder endlich einmal wiederlesen will, der liegt mit „Hier und dort“ richtig. Und mit einer anderen Hommage darin, diesmal an Albert Uderzo, gezeichnet 2007, liefert Baru eine der besten Aktualisierungen eines klassischen Comics ab, hinter denen sich sogar Blutchs gerade erschienener Prachtband „Souvenirs“ verstecken muss (der lautes Pastiches auf berühmte Comic-Szenen bietet). „Abdelix und Kaderix langweilen sich“ heißt Barus nur dreiseitiges Juwell, eine geradezu akribisch nacherzählte Passage aus einem Asterix-Abenteuer, doch verlegt in die Pariser Banlieu von heute, in der zwei streitlustige junge Araber die Polizei provozieren und nach Strich und Faden verprügeln. Sehenswert, lesenswert, bedenkenswert. Baru eben.

11. Dez. 2017
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05. Dez. 2017
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Das ist und das macht sprachlos (vor Freude)

Luftschacht ist ein Wiener literarischer Verlag, der seit einigen Jahren zuverlässig ungewöhnliche österreichische Comics im Programm hat. Mit Nicolas Mahler gibt es einen Star. Mit Michaela Konrad, Thomas Kriebaum und Gerald Hartwig hochinteressante und hochunterschiedliche Autoren, sowie mit Leopold Maurer einen Wanderer zwischen Erzählwelten, wie man im deutschsprachigen Comic nur wenige findet. Und nun gibt es auch noch Albert Mitringer.

Über ihn verliert die Verlagshomepage kein Wort. Das passt, denn auch Mitringers Buch ist (und macht) sprachlos. „Lila“ heißt es, und wie man der Homepage des Autors entnehmen kann, entstand es als Diplomarbeit in Wien. Wir dürfen uns Albert Mitringer also als jungen Mann vorstellen, und damit ist durchaus in Einklang zu bringen, dass sein Stil gewisse Manga-Einflüsse verrät, vor allem in den Actionsequenzen. Doch die wichtigste Inspiration dürften Storyboard-Zeichnungen gewesen sein, also jene skizzenartigen wortlosen Sequenzen, mit denen im Filmgeschäft vor der eigentlichen Dreharbeiten die Handlungsverläufe geplant und den Mitwirkenden veranschaulicht werden (eine Leseprobe findet sich unter https://www.behance.net/gallery/4868683/LILA, einer Website, die kreative Talente vorstellt, und dort wird Mitringers Arbeit unter „Zeichentrick“ subsumiert).

Lila, so würde ich einmal vermuten, ist der Name der Hauptfigur des Comics, eines kleinen Mädchens, das in einer tristen Umgebung aufwächst, die deshalb auf den ersten drei Seiten auch streng schwarzweiß gezeichnet wird: aufstehen in der Frühe, unerfreulicher Schulalltag, Heimkehr zu einem trinkenden und offenbar gewaltsamen Vater – um das klar zu machen, braucht Albert Mitringer nicht einmal die ganze erste Seite. Die weiteren beiden der Auftaktsequenz erzählen dann von der Begegnung mit einem auf dem außeririschen Wesen, das sich in seiner Knuffigkeit an der schlichten Gestaltung des weiblichen Roboters Eve aus dem Pixar-Film „Wall.E“ orientiert, aber erzählerisch auch an „Astroboy“. Jedenfalls handelt es sich um eine uneingeschränkt positive Begegnung, und so fliegen Lila und er denn auch am Ende der dritten Seite schon hinaus ins All, und fortan wird es bunt.

Wieso Lila plötzlich fliegen, interessiert im Buch nicht, und so hat das Geschehen von Beginn an (die Begegnung findet nachts statt) den Charakter eines Traums. Aber ein Erwachen gibt es auf den nun noch folgenden neunzig Seiten nicht mehr. Dafür ein gigantisch inszeniertes Abenteuer, das Lila zunächst in den Kampf mit einem riesigen Roboter verwickelt, der als zigarrerauchender Unsympath gezeichnet wird und eine technologisch weit fortgeschrittene Zivilisation bedroht. Dieser Gegner stellt aber noch gar keine echte Herausforderung für das schlaue Duo aus Erdenmädchen und Alien-Begleiter dar, doch anspruchsvoller werden die Herausforderungen, als sich mit einem kleinen Jungen die dritten Hauptperson dazugesellt, dessen Perspektive fortan zur dominierenden wird.

Er hat seinen ersten Auftritt im Comic als einsamer Gefangener in einem Käfig über einer kalten Welt, in der Krieg herrscht – Krieg zwischen Truppen, die Mitringer als Armeen aus Playmobil- und Lego-Männchen zeichnet. das ist großartig, weil es konsequent die kindlich Perspektive ins Spiel bringt, die dann auch die Rechtfertigung für die zügellose Phantasie bietet, mit der weitererzählt wird. Mitten im Schlachtgetümmel treffen sich Lila und der Junge (und natürlich auch der Außerirdische, der jedoch eher ein ständiges Hilfsmittel ist als ein vollwertiger Akteur), freunden sich an und stellen alsbald fest, dass es einen großen Superschurken gibt, der von einem Zirkus aus agiert. Auch hier wieder die Kinderperspektive, die aus vertrauten Räumen unheimliche Bedrohungen entstehen lässt.

Bald sind beide Kinder in der Gewalt des Schurken, und Mitringer unterwirft Lila einem bösartigen Verhör, während der Junge sich in Haft Erinnerungen an eine frühere glückliche Zeit hingibt. Wie gesagt, alles ohne Worte, nur sehr vereinzelt gibt es – dann allerdings völlig überflüssig – einzelne Schriftelemente wie „Applaus, Applaus“ im Zirkus oder die Kennzeichnung einer gezeichneten Gedankensequenz als „Masterplan“. Da hat man tatsächlich den Eindruck, dass Mitringer die ganze Geschichte als Storyboard angelegt und einfach zum Comic umgewidmet hat, ohne sie noch zu überarbeiten. Aber dagegen spricht der dramaturgische Einsatz der Seitenarchitektur, die für ein Storyboard sinnlos und somit undenkbar wäre.

Das Abenteuer steuert selbstverständlich auf ein großes Finale zu – wieder extrem filmisch inszeniert. Die zuvor einmal angedeutete amouröse Faszination des Jungen für Lila bekommt neue Hoffnung, wird aber nie zu mehr als einem subtil mit den Genregesetzen einer Space Opera spielenden vertrauten Handlungselement. Oder zu einer Paraphrase auf Hayao Miyazakis Trickfilme, deren Charakteristika man immer stärker auch in „Lila“ findet. Und das sind ja die schönsten Einflüsse, die man sich wünschen kann.

Trotzdem darf man nicht erwarten, dass sich erzählerisch alles schon glatt fügt. „Lila“ ist auch ein Erstlingswerk mit gewissen narrativen Schwächen, über die man aber angesichts des graphischen Einfallsreichtums lässig hinweglesen kann. Dass der Comic aufgemacht ist wie ein Bilderbuch, könnte im Handel zu Irritationen führen, wobei ein Blick hinein jedes Missverständnis ausschließt. Aber dieser Comic braucht auch selbst ein abenteuerlustiges Publikum, dem es nicht ganz an Lese- und Seherfahrung fehlen sollte, um Mitringers Leistung würdigen zu können. Kinderkram ist das jedenfalls nicht. Sondern eine Kindergeschichte für Leser jeden Alters mit Lust am Aufbruch in nie auszulotende Phantasiewelten.

05. Dez. 2017
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28. Nov. 2017
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Viermal ja zu Jaja

Wenn man den ungewöhnlichsten deutschen Comicverlag benennen sollte, dann wählte ich derzeit Jaja. Das in Berlin angesiedelte Haus, strenggenommen ein Häuschen, wenn nicht gar nur ein Stübchen, ist als Verlagsadresse doch „Musenstube“ (eine Ateliergemeinschaft, also auch nur der Bruchteil einer Stube) angegeben, besteht seit sechs Jahren und vor allem aus Annette Köhn. In dieser kurzen Zeit hat sie Jaja zum Forum für deutschen (oder in Deutschland lebenden) Comiczeichnernachwuchs gemacht, wobei der Nachwuchs auch gerne einmal älter sein kann wie etwa Michael Beyer alias Mic, dessen Serie „Papa Dictator“ wohl das bekannteste Produkt des Verlags ist.

Anlass dieses Textes ist denn auch meine Freude über den mittlerweile fünften Band, „Papa Dictator kriegt Besuch“. Wieder ein kleines quadratisches Schwarzweißheftchen – Ausnahme dabei war der Pracht-Hardcoverband „Weltherrschaft“ – mit farbigem Umschlag, das für vier Euro sehr viel boshaften Lesespaß bietet, hat Mic doch diesmal einen anderen skrupellosen Staatschef ins Reich des politisch völlig unkorrekten Papa Dictator geschickt; die blonde Haartolle und die seltsamen Augen verraten, wer gemeint ist – und nein: Der junge Reporter Tim ist es trotz dieser Attribute nicht.

Ein „Papa Dictator“-Album zu beschreiben, ist, wie einen Witz zu erklären: kontraproduktiv. Man sehe es sich an auf der Jaja-Website an, die weniger Lese- als Erlebensproben der Bücher bietet, hier etwa https://www.jajaverlag.com/papa-dictator-kriegt-besuch/. Erwähnt sei dann nur noch, dass es wenig niedlichere Figuren im deutschen Comic gibt als diese schwarze Bestie, die vor nichts zurückschreckt. Es sei aber hier noch auf andere Jaja-Publikationen verwiesen, denn das Verlagsprogramm ist ein Gesamtkunstwerk, ein Festival der Formate, Stile und Ideen, deren jeweilige Unvergleichlichkeit die Gemeinsamkeit ausmacht. Wie etwa Valentin Krayls „Weltenbummler“, erschienen schon im Februar, ein kleines Album (wenn auch viel größer als „Papa Dictator“), das die vielfältigen Ausflüge eines Ich-Erzählers beschreibt, die nach Belgien führen können, aber auch ins schamanistisch eröffnete geistige Reich des eigenen „Krafttiers“. In „Weltenbummler“ wird gereist und erkundet, aber stets über den Rand des Phantastischen hinaus, und die dabei verwendeten Stilformen (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/weltenbummler/) weisen das Heft als ein Langzeitprojekt aus, an dem man auch die Entwicklung des Zeichners Valentin Krayl verfolgen kann.

Bei Hanna Gressnich ist das ganz anders. Ihr zauberhaftes Buch „Nichts ist doch schon etwas“ (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/nichts-ist-doch-schon-etwas/)begegnete mir erst ein Jahr nach der Publikation, weil Jaja so viele kleine Comics herausbringt, dass man kaum hinterher kommt. Eine junge Frau namens Karo und ein altkluger Vogel, der Pik gerufen wird, treten als Protagonisten auf und gehen gemeinsam durch den Alltag, der durchaus auch im Flugzeug seinen Handlungsort findet – eine wunderbar skurrile Situation, die besonderer Reiz gewinnt aus der Begegnung eines Menschen mit einem comictypisch anthropomorphen Tier, dem man aber qua Aussehen immer noch besondere Kompetenz, was das Fliegen angeht, zuspricht. Hanna Gressnich arbeitet dabei mit einer klaren Cartoonlinie, die Blau-, Rot- und Gelbstifte benutzt, und in den Sprechblasen stehen Texte, die wie mit einem Computerfont gesetzt erschienen, sich aber bei genauerem Betrachten als Handlettering erweisen.

Die zahlreichen kleinen Panels, aus denen sich die Seitenarchitektur zusammensetzt, evoziert Kindercomics, aber Dramaturgie und bewusste Reduktion der Mittel sind höchst erwachsen; ein Beispiel seltener Perfektion im Programm des Jaja-Verlags, der ansonsten eher ein Herz fürs spontan wirkende Zeichnen hat. Oder zur ganz einfachen Graphik, wie sie Tanja Esch in ihrem Band „Du kannst natürlich heute noch hier schlafen“ einsetzt, einem in heftigen Farbkontrasten erzählten Liebesreigen einer jungen Frau, die von einer gescheiterten Affäre in die nächste stolpert (Leseprobe unter https://www.jajaverlag.com/du-kannst-natürlich-heute-noch-hier-schlafen/). Im Gegensatz zum Titel des Buchs, der ähnlich wie bei Gressnichs Comic der seit Mawils „Wir können ja Freunde bleiben“ nie wieder abgeflauten Welle von Phrasentiteln zuzurechnen ist, überzeugt die Originalität, mit der Esch durch die bewusst schlicht gehaltenen Figuren einen subtilen Kontrast zum hochkomplizierten Beziehungsleben der Protagonistin schafft. Der stete Wechsel zwischen ganzseitigen Panels und kleinteiligen sonstigen Seitenarchitekturen mag dagegen Anna Haifisch abgeschaut sein. Die Lakonie des Erzählens verbindet die beiden jungen Zeichnerinnen ohnehin.

Mehr als fünfzig Autoren sind beim Jaja-Verlag mittlerweile vertreten, wobei nur die Wenigsten mehrere Titel zu bieten haben. Das mag an der steten Neugier von Annette Köhn liegen, womöglich aber auch daran, dass nur Einzelne es geschafft haben, ein größeres Publikum für ihre Comics zu begeistern. Die Bücher des Jaja-Verlag zu entdecken, ist das eigentliche Problem, denn die Darstellung im Netz wird trotz der ungewöhnlichen Präsentation dem Einfallsreichtum an jeweiliger Gestaltung nicht gerecht, und außer dem Berliner Haus Neurotitan kenne ich keine Verkaufsstelle, die eine größere Palette der Verlagserzeugnisse ausliegen hätte. Mehr Mut muss man Annette Köhn nicht wünschen, wohl aber dem Comicfach- oder auch gewöhnlichen Buchhandel bei der Präsentation von Jaja-Heften. Köhn dagegen wäre Unmut anzuraten, wenn ihre Autoren sich nach einem schönen Debüt wieder vom Comic abwenden. Zur Autorenpflege gehört auch verlegerisches Drängeln und Einfordern. Bei Esch, Gressnich und Krayl würde es sich wohl allemal lohnen. Bei Mic ist es erfreulicherweise nicht nötig.

28. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
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21. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
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Panik unter Wasser

Der Rostocker Hinstoff-Verlag, der an dieser Stelle schon mehrfach vorkam, hat ein klares Programm, was Comics angeht: Maritim müssen sie sein. Für Kristina Gerhmanns „Im Eisland“, der in drei Bänden über die Expedition von Sir John Franklin in die Arktis erzählte, gab es prompt den Deutschen Jugendliteraturpreis – das können noch nicht viele Comics von sich behaupten. Dann kam ein Störtebeker-Comic, also wieder etwas Maritim-Historisches, und nun erscheint ein Band, der in der Gegenwart spielt du reine Fiktion ist: „Der Unterwassserschweißer“.

 

Geschrieben und gezeichnet hat ihn mit Jeff Lemire ein hochgehandelter kanadischer Autor, der mit „Essex County“ einen lupenreinen Independent-Autorencomic vorgelegt, aber auch schon für den Marvel-Verlag im Superheldengeschäft gearbeitet hat. Wenn man einen graphischen wie geschäftstrategischen Vorläufer nennen wollte, dann müsste es der Amerikaner Ted McKeever sein, der in den frühen neunziger Jahren mit „Metroland“ einen phantastischen Heftzyklus publiziert hat du dann auch für die großen Comicverlagshäuser arbeitete. Wie McKeever ist Lemire ein grandioser Schwarzweißstimmungskünstler. Sein „Unterwasserschweißer“ erschien im Original schon 2012 und war die bislang letzte Arbeit Lemires für den ambitionierten Topshelf-Verlag, eine Leseprobe findet sich hier: https://www.ppm-vertrieb.de/Comics/Hinstorff/Der-Unterwasser-Schweisser::310202.html.

Der Umfang ist stolz: 215 Seiten. Das ist viel für eine eigentlich ganz simple Erzählung, in der ein professioneller Taucher namens Jack in einem kleinen nordamerikanischen Fischerdorf an der fiktiven Tigg’s Bay mit Dämonen seiner Vergangenheit konfrontiert wird. Die kommen zur falschen Zeit, weil gerade besonders konzentrierte Arbeit nötig ist: Nicht nur ist die Tätigkeit als Unterwasserschweißer anspruchsvoll und gefährlich; Jacks Frau erwartet zudem Nachwuchs, und auch diese absehbare Änderung der Lebensumstände trägt nicht zur Beruhigung des Tauchers bei. Sind doch die Schatten der Vergangenheit eng verbunden mit dem eigenen Vater, und nun wird es selbst bald ein Kind haben.

Mehr zu erzählen würde den Reiz der Geschichte zerstören, die bewusst mit dem Übersinnlichen spielt, sanfte Horrorelemente und am besten wohl als Psychothriller charakterisiert wäre, wenn Lemires Stil nicht etwas zu harmlos dafür wäre, ohne jene Exzentriken, die Ted McKeevers Zeichnungen abgründig machten. Aber dafür versteht sich Lemire auf Spannungsaufbau und höchst abwechslungsreiche Seitenarchitektur. Und wie er die Unterwasserszenen und vor allem dabei die zwischen Rausch und Panik angelegten Visionen Jacks anlegt, das ist eindrucksvoll.

Der Stoff ist bereits für eine Kinoadaption verkauft worden, allerdings haben die Dreharbeiten noch nicht begonnen; man darf gespannt sein, ob die subtile Graphik als Vorlage für eine Realverfilmung taugt. Wenn sie aber in ein paar Jahren kommen sollte, dann hat Hinstorff womöglich einen vielversprechenden Schläfer im Programm. Wer zur Avantgarde zählen will, lese aber besser jetzt. Fünf Jahre Verspätung gegenüber der englischen Fassung sind ja genug.

21. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
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13. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
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Der Krimi zweier Legenden

Zunächst einmal das: Zeigen kann ich hier nur eine Seite aus dem Comic (http://kultur-online.net/files/exhibition/04_3747.jpg). Denn die Berliner Akademie der Künste als Auftraggeber und Steffen Thiemann als Zeichner (oder besser Holzschneider) dieses Comics haben selbst keine Bilder daraus ins Netz gestellt. Und die beiden Szenaristen konnten es nicht tun; sie sind schon lange tot. Trotzdem ist es interessant, im Netz nach „Mord im Fahrstuhlschacht“ zu suchen, denn dabei stößt man vor allem auf ein Verbrechen, das 2016 in Leipzig vor Gericht verhandelt wurde. Es gibt nichts Neues unter der Sonne, oder anders gesagt: Brecht und Benjamin waren einmal mehr ihrer Zeit voraus, 83 Jahre diesmal.

Ihr „Mord im Fahrstuhlschacht“ stammt von 1933, als beide sich im Pariser Exil trafen und eine gemeinsame Leidenschaft fruchtbar machten: die für Kriminalromane. Allerdings ging das Projekt nicht über fünf mit „Tatsachenreihe“ betitelte Brechtsche Typoskriptseiten hinaus (die, wie bei ihm üblich, eine seiner Geliebten schrieb, weshalb man Margarete Steffin wohl als dritte Autorin bei „Mord im Fahrstuhlschacht“ nennen sollte) beziehungsweise über eine handschriftliche Szenenfolge, die Benjamin notiere und in einem Briefumschlag mit der Aufschrift „Kriminalroman“ hinterließ, in dem sich noch ein paar Bemerkungen dazu fanden. Die beiden Entwürfe  wurden unabhängig voneinander 1989 in den jeweiligen Werksuasgaben publiziert. Dass sie etwas miteinander zu tun hatten, merkte erst mein hochgeschätzter Kollege Lorenz Jäger, der diese Entdeckung 1993 im „Brecht-Jahrbuch“ vorstellte und ihm den Titel gab, der nun auch auf dem Comic steht: eben „Mord im Fahrstuhlfach“. Also gibt es – Ehre, wem Ehre gebührt – mit ihm auch noch einen vierten Verfasser.

Aber nun endlich zur Sache selbst, Thiemanns Comic. Angefertigt wurde er anlässlich des aktuell in der Akademie laufenden Aussstellung „Benjamin und Brecht – Denken in Extremen“, und es gibt ihn in zwei Versionen: einmal im sehr schönen bei Suhrkamp erschienenen Katalog und dann als Separatpublikation der Akademie. Ich empfehle Letztere, nicht nur, weil sie mit 7,50 Euro deutlich billiger ist, sondern vor allem, weil sie mehr als doppelt so groß ist, und das bekommt den Holzschnitten von Thiemann exzellent. Dazu gibt es im reinen Comic noch ein Nachwort des Literaturwissenschaftlers Erdmut Wizisla, das genaue Auskunft über die Geschichte der seltsamen Geschichte gibt. Und ein alternatives Titelblatt, das wesentlich dramatischer ist als das im Katalog, das allerdings wiederum im Heft fehlt. Also sollten Liebhaber kurzerhand beide Publikationen kaufen.

25 Seiten umfasst der Comic, nicht schlecht für das denkbar spärliche Ausgangsmaterial. Zumal sich Thiemann sklavisch an Brechts Text hält und ihn  Wort für Wort in Holz geschnitten hat. Da die getippte Projektskizze keine Dialoge hält, sondern nur die Handlung beschreibt, gibt es auch im Comic kaum wörtliche Rede, obwohl die ersten Sätze als Sprechblasen angelegt sind, die Brecht seiner Geliebten Steffin beim Rasieren diktiert. Und auch Benjamin kommt zu Wort und Bild: mit „Fußnoten“, die seine hinterlassenen Bemerkungen zum Gemeinschaftsprojekt wiedergeben – eine wunderbare Lösung, die so erstmals beide Überlieferungen literarisch zusammenführt.

Thiemann, Jahrgang 1966, versteht sich als Theater- und Hörspielautor aufs Montieren von Szenen und Texten. Aber er ist auch ein guter Holzschneider, der sich hier biographisch passend auf den expressionistischen Stil der zwanziger Jahre bezieht, auf Masereel, Kirchner, Heckel, auch Grosz. Es gibt wohl kaum eine andere Ästhetik, sie sosehr Berlin in seiner (kulturell) goldenen Phase heraufbeschwört, und so muss man gar keinen weiteren Gedanken daran verschwenden, wo „Mord im Fahrstuhlschacht“ spielt – obwohl der Handlungsort mit „M…“ bezeichnet wird.

Erzählt wird die Geschichte von Karl Seifert, der angeblich als Handlungsreisender unterwegs ist, aber tatsächlich Aktiengesellschaften erpresst, indem er ein häufiges Versäumnis bei deren Publizitätspflichten ausnutzt. Es ist bemerkenswert, wie Brecht und Benjamin hier ein reales Phänomen zur Grundlage einer Geschäftsidee ihres erpresserischen Protagonisten machen, die erst einmal gar nichts Kriminelles hat. Seifert nutzt gnadenlos die rechtslage aus: Sein Drohpotential ist eine Anzeige, die eine empfindliche Geldstrafe nach sich zöge. Ihn auszuzahlen, kommt billiger.

Auf diese Tricks wird mehr zeit verwandt als auf den titelgebenden Mord im Fahrstuhlschacht (der aber ja eh nicht Brechts und Benjamins Titel war). Der ereignet sich als eine höhere Gerechtigkeit, und es ist einigermaßen kompliziert, wie es dazu kommt. Denn man merkt auch Brecht den Theaterkenner (und polygamen Liebhaber) an, der ein munteres Wechsel- und Verwechselspiel zwischen Ehefrau und Liebschaften von Herrn Seifert in Gang setzt, die ein böses Ende nehmen. Ein Whodunnit ist diese Geschichte nicht, eher ein Moralstück. Es hätte aber ohnehin nur Auftakt sein sollen für eine Serie (deshalb der Typoskripttitel „Tatsachenreihe“) um eine stehende Figur, den pensionierten Richter Lexer (nomen est omen), der jedoch hier erst am Rande auftritt – und hätte Benjamin nicht zwei seiner „Fußnoten“ zu ihm hinterlassen, würde man Lexers detektivischen Blick gar nicht bemerken.

Thiemann hat erkennbar Spaß an seiner Adaption, sie quillt über von kleinen Details, und Brecht und Benjamin selbst sind wichtige Zaungäste des Geschehens. So wird die gemeinsame Arbeit an „Mord im Fahrstuhlschacht“ gespiegelt im Comic, der darüber hinaus kluge Bildübergänge und -allegorien zu bieten hat. Für 25 Seiten ist das eine beeindruckende Ausbeute. Nur, dass die Klimax vier ganzseitige Bilder gewidmet bekommt, ist ein wenig übertrieben, so schön jedes einzelne davon geraten ist. Aber „Mord im Fahrstuhlschacht“ ist eine echte Entdeckung, und das also schon zum zweiten Mal.

13. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
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07. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
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Bunt getrieben erzählt besser

Manchmal genügt ein Blick im Buchladen, und man hat einen neuen Lieblingszeichner. So geschehen vergangene Woche im Pariser Comic-Dorado „Super Héros“, das ungeachtet seines Namens kaum Superhelden, aber umso mehr Autorencomics anbietet. Darunter drei eines Franzosen namens Victor Hussenot, von denen jeder auf Anhieb verrät, dass hier ein höchst intelligenter Autor am Werk ist. Nur erlaubte die aktuelle Gepäcklage nicht den Erwerb aller drei Comics, also wählte ich den leichtesten: „Les Gris colorés“ (Die farbigen Grauen), erschienen beim Brüsseler Kleinverlag La 5e Couche (der offenbar so klein ist, dass er keien Leseprobe aus „Le Gris colorés“ anbietet, aber auf https://www.du9.org/entretien/victor-hussenot/ kann man einige Seiten finden, wenn man ganz nach unten scrollt).

Um den Titel zu finden, muss man das kleine broschierte Buch aufschlagen, denn auf dem Umschlag steht kein Wort, nicht einmal der Name des Autors. Das ist Programm, denn Hussenot erzählt hier stumm, ohne jeden Dialog, obwohl es zahllose Sprechblasen gibt. Aber die sind alle leer (mit Ausnahme von gelegentlichen Symbolen wie etwa Dollar- oder Fragezeichen), erzählen jedoch trotzdem viel, denn sie sind jeweils farbig gehalten: rot, wenn es heiß hergeht, grün, wenn hoffnungsfrohe Stimmung herrscht, blau bei harmonischer Atmosphäre und so weiter. Und natürlich gibt es dem Titel gemäß auch graue Sprechblasen: Das signalisiert Traurigkeit oder Langeweile.

Der Clou an den „Gris colorés“ ist aber, dass diese Farbzuordnungen auch auf die Figuren ausgedehnt werden. Die meisten der kurzen Episoden beginnen mit grauen Personen, und je nach Erlebnis oder eben auch Gespräch werden sie von der Stimmung oder den anderen Akteuren angesteckt und umgefärbt. Natürlich gibt es dabei auch diverse Handlungsverläufe, die am Schluss wieder in die graue Ausgangsstimmung zurückführen; das kennt man ja von Sempé, der erkennbar eines der großen Vorbilder Hussenots bei diesem Band war. Die anderen beiden Bücher sehen übrigens ganz anders aus, haben völlig andere graphische und erzählerische Charakteristika. Dieser Mann ist erkennbar einer der originellsten Denker, den der europäische Comic derzeit zu bieten hat.

Trotzdem kannte ich ihn nicht, aber besser spät als nie. „Les Gris colorés“ ist 2016 gedruckt worden, als leicht erweiterte Neuausgabe der beim selben Verlag erschienenen Originals von 2014. Die beiden anderen Bücher bei Super Héros sind vor einem und in diesem Jahr erschienen; produktiv ist Hussenot also auch noch. Dass er die Piktogrammatik des Comics beherrscht, beweist aber auch der kleine Band: Wie da mit den Farben gespielt wird, Menschen zum Beispiel nur halbrot werden oder die grauen Körper ihre kolorierten Sprechblasen Lügen strafen, das ist ebenso klug wie witzig. Alles ist rasch mit Wasserfarben angelegt, auf den ersten Blick kaum mehr als Strichmännchen, doch die simple Physiognomie ist genau durchdacht und durchaus individuell. Das Ganze liest sich äußerst schnell, denn Stimmungen vermitteln sich rascher als Worte, aber wer glaubte, nach einmaliger Lektüre schon alles erfasst zu haben, was da auf 75 Seiten so bunt getrieben wird, der dürfte beim zweiten Durchgang eine angenehme Überraschung erleben. Wie ich hoffentlich noch ein paar Mal mit den Comics von Victor Hussenot.

07. Nov. 2017
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01. Nov. 2017
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Grenzenlose Freiheit birgt Risiken

Vor drei Jahren erschien der Comic „Ein Sommer am See“, die hinreißende Adoleszenzgeschichte eines Mädchens, gezeichnet von der Kanadierin Jillian Tamaki und geschrieben von ihrer Cousine Mariko Tamaki. Es war schon die zweite Zusammenarbeit der beiden jungen Frauen (die erste, „Skim“ von 2008, hatte ein ähnliches Thema, aber nicht so großen Erfolg), doch als Mariko Tamaki im vergangenen Jahr bekanntgab, dass sie nun als Szenaristin ins Superheldengenre wechseln würde – passenderweise für allerdings jeweils noch ausstehende Serien um Superheldinnen, nämlich „She-Hulk“ und „Supergirl“ –, da war klar, dass „Ein Sommer am See“ wohl auf absehbare Zeit die letzte Kooperation der Tamakis bleiben würde. Denn Jillian zieht es nicht ins kommerzielle Comicgewerbe; sie ist vielmehr als Illustratorin vielbeschäftigt und das bei solch illustren Kunden wie dem „New Yorker“ oder der „New York Times“. Schon ihr Debütbuch „Gilded Lilies“, das sie 2006 als Mittzwanzigerin herausbrachte, hatte Comics und Illustrationen kombiniert.

Nach „Der Sommer am See“ hat auch Jillian Tamaki noch keinen neuen größeren Comic publiziert, der 2015 beim renommierten kanadischen Verlag Drawn & Quarterly erschienene „SuperMutant Magic Academy“ war vorher als Online-Fortsetzungsgeschichte entstanden. Deshalb ist „Boundless“ nun die erste Neupublikation (wieder bei Drawn & Quartely), wobei es sich dabei um eine Sammlung von Kurzgeschichten handelt, die aber überwiegend für den Band gezeichnet wurden. Er ist sofort auch ins Deutsche übersetzt worden und kommt wieder bei Reprodukt heraus, unter dem Titel „Grenzenlos“. Das wird der Vielfalt der von Tamaki verwendeten Erzähl- und Graphikstile gerecht (Leseprobe unter http://www.reprodukt.com/produkt/comics/grenzenlos/).

Wobei das Covermotiv dem Titel zu widersprechen scheint: Eine junge Frau bindet sich darauf die Haare zum Pferdeschwanz. Doch schon die erste Geschichte, „Die Weltstadt“, ist ein Bekenntnis zur Unkonventionalität und Multikultur. Ersteres auch formal, weil man das Buch zur Lektüre um neunzig Grad drehen muss, um einer sich vertikal entwickelnden Handlung zu folgen, die auch die Seitengrenzen dadurch aufhebt, dass die Bilder einfach auf der nächsten Seite fortgezeichnet werden. Hier wäre ein Leporello die ideale Form gewesen – ein Erzählformat, das derzeit beliebt sit (seit die Druckkosten für solche Sonderwünsche gesunken sind); zuletzt hat etwa der Franzose Philippe Dupuis seine unglaublich witzige „Histoire de l’art“ so gestaltet: als Fließbildgeschichte. Schade, dass im Falle von Tamakis Buch, das diesen Kunstgriff in der abschließenden Titelgeschichte noch einmal aufnimmt, dafür keine finanziellen Mittel da waren.

In den sieben Kurzgeschichten dazwischen erweist sich vor allem ein Vorbild als entscheidend: David Mazzucchelli, der vor einem Vierteljahrhundert in den drei Ausgaben seiner Serie „Rubber Blankets“ schon genau denselben eklektizistischen Stil- und Erzählmix vorgeführt hat wie nun Jillian Tamaki. Und das ist auch das große Problem von „Grenzenlos“: Bis auf die beiden vertikalen Geschichten wirkt alles ästhetisch wie aus zweiter Hand. Nähme man noch die schwarzweißen Comics von Lorenzo Mattotti dazu, dann hätte man mit ihm und Mazzucchelli alle Mittel abgedeckt, über die Tamaki verfügt. Die Vielfalt wird jedoch bei ihr ganz anders als bei Mazzucchelli scheinbar zur Ratlosigkeit über den jeweils zu wählenden Strich, weil es keine inhaltliche Notwendigkeit für die individuellen Stile gibt. „Grenzenlos“ wirbt graphisch wie ein Bewerbungsportfolio.

Erzählerisch gibt es mehr Verbindungen, auch untergründige wie den fiktiven Kult-Trashfilm „Body Pods“, die aus der Handvoll Geschichten doch etwas Größeres machen: ein Psychogramm weiblicher Selbstfindung, verkörpert durch neun individuelle Protagonistinnen, meist in Ich-Perspektive geschrieben. Dass dabei Identität, Gender, Kultur und natürlich auch Sex zu wichtigen Prüfsteinen auf dem Weg zum jeweiligen Ich werden, das dann wieder aufgeht in die eingangs beschworene metropolitane Vielfalt, für die der Band steht, ist geschickt konstruiert, aber es kaschiert schwächere Episoden wie die Soziale-Medien-Allegorie „1. Jenny“ oder die arg epigonal im Ton von „Ein Sommer am See“ gehaltene Erzählung „Sexcoven“. Dass Jillian Tamaki auf eine Reigen-Struktur, die unmittelbare Verbindungen zwischen den Teilen geschaffen hätte, verzichtet hat, erweist sich als Manko, weil man immer wieder versucht ist, die Erzählungen autonom zu lesen, und dabei bestehen die wenigsten.

Zumal die erste und die letzte als formal Gewagteste mehr Proklamationscharakter haben, als dass sie Erzählungen wären – ungeachtet eines veritablen Knalleffekts zum Abschluss. Dazwischen kann man sich dann am ständiger Seitenarchitekturvariation erfreuen (oder manchmal auch verärgern, weil auch hier die Lust an der Freiheit die an der erzählerischen Notwendigkeit verdrängt) und die erfreulich lapidaren Dialoge lesen, deren Ton Sven Scheer als Übersetzer gut getroffen hat. Gut so auch aus dem Grind, weil es ja durchaus keine Selbstverständlichkeit ist, dass Verlage ihre fremdsprachigen Autorinnen von Männern übertragen lassen, während das umgekehrte Verhältnisse eher schon normal genannt werden darf.

01. Nov. 2017
von Andreas Platthaus
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23. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
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Donald Trump im Stil von Robert Crumb

Bisweilen treffen Comics in meinem Büro ein, die auf den ersten Blick etwas Besonderes sind. So auch jetzt „Early Retirement“ von Mark Thomas Gibson. Es ist ein großformatiger Band, fast im Ausmaß von Art Spiegelmans legendärer Anthologienserie „Raw“ (oder, wenn es deutsch sein soll, die eindrucksvollen Künstlerbücher des Leipziger Lubok-Verlags), und auch die Schwarzweiß-Ästhetik der Zeichnungen erinnert an diese Projekte, mit dem der Underground sich auf die Höhen der Kunst geschwungen hat. Nur dass Spiegelman in den achtziger Jahren niemals an einen Umfang von 328 Seiten in einem einzigen dicken Band gedacht hätte – den hat ja nicht einmal sein auf zwei Bände verteilter Comic „Maus“ als Komplettausgabe. Und an einen Verkaufspreis von sechzig Euro für ein Buch hätte er wohl auch nicht geglaubt. Wobei das längst keine Ausnahme bei aufwendigen Produktionen mehr ist. Die Lubok-Hefte kosten pro Stück immerhin fünfzig. Und sind es allemal wert.

Gibson, geboren 1980 in Miami und Inhaber eines Lehrstuhls für Zeichnung an der Yale School of Art in New Haven, hat einen ungewöhnlichen Stil für seinen Comic gewählt: Er pfeift auf Einzelseitenarchitektur und legt seine Zeichnungen mit Ausnahme eines Personenverzeichnisses gleich zu Beginn jeweils ganzseitig an, manchmal allerdings auch doppelseitig, und einige Bilder sind so unmittelbar auf die gegenüberliegende Seite bezogen, dass doch wieder das comicspezifische Element des Bildarrangements zu finden ist. Der Effekt beim Lesen ist erstaunlich: Die Größe der Zeichnungen macht jedes Umblättern zum Erlebnis, und da es wenig Text in „Early Retirement“ gibt, wirkt nahezu allein die graphische Kraft der Tuschezeichnungen. Die Hauptfiguren sind in der Tradition von Robert Crumbs „Fritz the Cat“ als anthropomorphe Tiere dargestellt, aber die Nebenfiguren wiederum sind alle menschlich. Und manchmal unmenschlich – charakterlich.

Das ist Programm, denn „Early Retirement“ ist Wilsons Reaktion auf die Präsidentschaft Doanld Trumps. Da sie erst neun Monate währt, kann man sich vorstellen, in was für einem Tempo du mit was für einer Wut im Bauch hier gezeichnet worden ist. Gibson ist als Kurator und Mitwirkender bei afroamerikanischen Kunstprojekten aktiv, unterstützt die Kampagne „Black lifes matter“, und in Trump sieht er das verkörperte Böse. Der Präsident tritt denn auch auf dem Höhepunkt der Geschichte als blondiertes Schwein auf, das mittels einer Sänfte durch die Stadt getragen wird – besser hätte Crumb das auch nicht darstellen können.

„Early Retirement“ knüpft an einen 2016 entstandene Vorläufergeschichte an: „Some Monsters Loom Large“, und das es keine Leseprobe des aktuellen Bandes gibt, sei auf ein Interview der „Huffington Post“ mit Gibson verwiesen, in dem man sich ansehen kann, wie er zeichnet (https://www.huffingtonpost.com/ridley-howard/some-monsters-loom-large-_b_9706150.html). Auch über die Entstehung der neuen Erzählung gibt es einen amerikanischen Bericht, der aber nur wenige Bilder bietet (http://brooklynrail.org/2017/10/artseen/MARK-THOMAS-GIBSON-Early-Retirement). Aus der früheren Geschichte werden vor allem zwei Figuren wiederbelebt: Mr. Wolfson und einen Engel-Trommler, der die Apokalypse verkündet, die nun aber, aus dem Vorruhestand reaktiviert, zur Rettung vor Trump wird. Das ist eine wunderbar zynische Sicht auf den Zustand Amerikas.

Verlegt wird „Early Retirement“ – auch das ist wohl bezeichnend – bei der in Zürich beheimateten Edition Patrick Frey, einem auf Kunst- du Künstlerbücher spezialisierten Verlag. In einem handgeschriebenen Vorwort erläutert Gibson seine Motivation, aber die Lektüre braucht es ebenso wenig wie die Kenntnis des Vorgängerbandes. Denn Gibson erzählt so bildassoziativ, dass man selbst in den surrealistischen Passagen immer das grundlegende Anliegen des Zeichners spürt: seinen Zorn auf die eigene Gesellschaft und den Aufruf zum Widerstand. Es ist ein kämpferisches Buch und zugleich eine graphische Tour de force, ein Elementarereignis, das man wohl als eine der wenigen positiven Folgen der Trumpschen Präsidentschaft verbuchen darf.

23. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
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16. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
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Fotorealismus auf zweierlei Weise

Schauen Sie sich zuerst einmal die vom Verlag angebotene Leseprobe an, die sich unter http://www.avant-verlag.de/comic/der_riss findet. Was sehen Sie da? Nach einem fotorealistischen Cover geht es genauso weiter: mit zwei ganzseitigen historischen Fotos, die allerdings graphisch überarbeitet wurden: koloriert, leicht weichgezeichnet, im Ganzen einer Zeichnung nähergebracht. Und um Textkästen ergänzt. So sehen dann auch die Folgeseiten aus, die nun allerdings ein typisches Comic-Arrangement aus jeweils mehreren Bildern aufweisen, aber weiterhin erkennbar auf Fotovorlagen beruhen. Dennoch handelt es sich bei dieser Geschichte nicht um das, was in Spanien „fotonovela“ heißt, also eine Bildergeschichte aus lauter mit Texten versehenen Fotografien. Hier wurde vielmehr eine Zwischenlösung angestrebt. Das ist das formal Besondere an Carlos Spottornos und Guillermo Abrils Comic „Der Riss“.

Comic und besonders deshalb, weil Spottorno aus mehr als 25.000 Fotos, die er im Laufe der gemeinsamen Reise gemacht hat, comicartige Bildsequenzen montiert und die Aufnahmen am Computer so bearbeitet hat, dass sie den bereits erwähnten graphischen Charakter bekommen. Dabei wurden die Motive nicht manipuliert, nur moderat korrigiert – die Korrekturen beschränken sich neben Kolorierung und Weichzeichnung auf Begradigungen von Motiven oder eine mehrfach simulierte Fernglasperspektive. Alles, was gezeigt wird, hat sich so ereignet wie gezeigt. Wenn auch, wie Abril einräumt, nicht notwendig in der exakten Reihenfolge des Buchs. Da wurde auf die Erwartungen an eine stringente Geschichte Rücksicht genommen.

Es gibt aber auch inhaltlich Besonderes an „Der Riss“. Das Buch ist ein Reportagecomic, oder genauer: ein Reportagecomicsammelband. Denn es umfasst insgesamt sieben Reiseberichte, die der Fotograf Spottorno und sein spanischer Landsmann, der schreibende Journalist Abril, im Auftrag der Wochenzeitschrift „El País Semanal“ seit 2013 drei Jahre lang quer durch die Europäische Union getätigt haben – und über die EU hinaus, zum Beispiel nach Tunesien, in die Türkei oder die Ukraine. Ihr anfängliches Thema: die Flüchtlingskrise, 2013 noch lange nicht auf dem Höhepunkt, aber durch etliche Schiffskatastrophen im Mittelmeer schon präsent. Im Zentrum des Buchs steht deshalb auch eine im März 2014 entstandene Reportage von Bord eines italienischen Rettungsschiffs der EU-Grenzschutzmission Frontex. Bei dieser und den anderen von Spottorno fotografisch festgehaltenen Konfrontation der Kulturen und des differierenden Wohlstands an den Außengrenzen der EU fiel beiden Berichterstattern auf, dass sich dabei ein Riss in ihrem Zivilisationsverständnis auftat, der auf den Fotos sichtbar gemacht wurde durch Zäune, Sicherheitszonen, einander gegenüberstehenden Menschenmengen oder auch Meeresströmungen und Bergketten. Dieser Riss gab dem Buch, in dem die Reportagen versammelt wurden, seinen Titel.

Aber er will noch mehr symbolisieren. Abril schreibt unter dem Eindruck der Pariser Attentate vom November 2015 und eines Besuchs im Baltikum an der russischen Grenze: „Bei unserer Reise entlang der Außengrenze – des großen Risses – haben wir Dutzende kleinere Risse im europäischen Boden gesehen. (…) ‚Alle sind miteinander verbunden’, sagte Carlos kurz vor dem Attentat. ‚Hält man sie nicht auf, kollabiert die Struktur.’“ Hier zeigt sich am im Deutschen etwas schiefen Bild die Herausforderung für den Übersetzer André Höchemer: Einen Riss kann man nicht aufhalten, man kann ihn nur schließen; aufhalten ließe sich das Aufreißen. „La grieta“, wie der Band im Original heißt, ist auch „die Spalte“, und hier ist das Aufhalten der Spaltung gemeint.

Gemeint ist damit sowohl die Diskrepanz zwischen dem europäischen Wohlstand und der Armut in den Ländern jenseits des Mittelmeers als auch das wachsende Misstrauen gegenüber Russland. Der zweite Teil des Buchs führt die beiden Reporter deshalb im Winter 2015/16 in den Nordosten der EU, nach Lettland, Estland und Finnland. Hier gibt es kein Flüchtlingsproblem (zumindest kein gravierendes), dafür aber ein politisches, das sich zu einem militärischen ausweiten könnte. Und dadurch würde die wohlige Ruhe, die Europa für Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten so attraktiv macht, gefährdet. Es könnte auch uns drohen, was die Menschen, die hierher fliehen, in ihren Heimatländern erleben mussten. Das ist die Warnung, die Spottorno und Abril in „Der Riss“ aussprechen.

Es ist ein Jahr nach der mit heißer Nadel gestrickten spanischen Originalausgabe nun auf Deutsch erschienen, beim immer auf ungewöhnliche Erzählformen neugierigen Avant Verlag. Letzte Woche hat zudem im Literaturhaus Stuttgart, wo Erwin Krottenthaler in den letzten Jahren dafür gesorgt hat, dass Comics zum festen Bestandteil des dortigen Programms geworden sind, eine große Ausstellung zu „Der Riss“ eröffnet, die danach auf Tournee gehen wird, auch außerhalb Deutschlands. Das Thema brennt ja nicht nur hier den Menschen auf den Nägeln. Man kann sich nur wünschen, dass dieser Comic und die Ausstellung ein großes Publikum finden werden. Dann wird der Horizont erweitert: über Europa hinaus, aber auch über die Klischees hinaus, was ein Comic sein und wie er aussehen soll.

Dasselbe gilt für Olivier Kuglers gleichzeitig bei der Edition Modern erschienenen Reportagecomicband „Dem Krieg entronnen“. Dieses Projekt habe ich vor drei Jahren über eine Ausstellung kennengelernt, die beim Comicfestival Fumetto in Luzern gezeigt wurde: eine gezeichnete Reportage über das Flüchtlingslager in Domiz im kurdischen Teil des Nord-Iraks. Auf den ersten Blick – die Leseprobe des Verlags enthält nur eine, dafür allerdings sehr textintensive Seite: https://www.editionmoderne.ch/de/82/leseprobe/312/dem-krieg-entronnen.html; mehr und typischere Beispiele sind auf Kuglers eigener Homepage zu finden: http://www.olivierkugler.com/syrian_refugees_on_kos_island/4_omar.html) – kann man sich kaum einen größeren Unterschied zu „Der Riss“ vorstellen. Hier ist alles sichtbar Handwerk, also Zeichnung. Der Witz dabei ist allerdings, dass auch Kugler seine Reportagen mittels Fotos erstellt, die er während seinen Reisen und Gespräche aufnimmt, diese dann aber später im Atelier nachzeichnet und die eingescannten Zeichnungen teilweise digital übereinanderlegt, als wären alle diese Bilder als rasche Skizzen, für die kaum genug Platz auf dem Blatt gewesen ist, am Ort der Ereignisse selbst entstanden. Die zur Bewahrung des Skizzencharkters nur selektiv eingesetzten Farben stammen aus dem Computer, sind also nicht aquarelliert, und überhaupt ist der von Kugler erzielte Gesamteindruck des Handwerklichen ein Produkt größter computertechnischer Sorgfalt. Über das Verfahren hat Kugler in einem großen Porträt in der englischen Grafikdesig-Zeitschrift „Eye“ (No. 93, Vol 24, 2017) Auskunft gegeben.

Selbst die scheinbar chaotisch, weil so spontan über die Seiten gestreuten Texte sind Resultat genauester Überlegung und auch nicht handgelettert, sondern mit einem eigens für Kugler erstellten Font gesetzt. Das erleichtert die Ersetzung der Texte durch Übersetzungen.

Und das ist wichtig, denn Kugler ist zwar Deutscher, arbeitet aber in England, und zwar für dortige, hiesige und auch französische Zeitschriften, also in drei Sprachen. Sein Flüchtlingsprojekt entstand in enger Kooperation mit der Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“, die Kugler Ende 2013 einen Besuch in einem kurdischen Flüchtlingscamp im Nord-Irak ermöglichte. Später recherchierte Kugler dann auf der griechischen Insel Kos, im sogenannten „Dschungel“, dem verrufenen Migrantencamp bei der französischen Hafenstadt von Calais, und in Birmingham, wo der Zeichner eine syrische Familie traf, denen die Flucht durch ganz Europa bis nach Großbritannien geglückt ist. Den Abschluss bietet ein Besuch am Jahresende 2016 in Kuglers Schwarzwälder Heimatdorf, wo auch syrische Flüchtlinge untergekommen sind.

Also nahezu derselbe Entstehungszeitraum wie bei Spottorno und Abril, dieselbe Episodenstruktur, dieselbe zentrale Rolle der Fotografie als Bildquelle und vor allem natürlich dasselbe Generalthema. Wobei Kugler sich für den Blick von außen auf Europa interessiert und deshalb vor allem Gespräche mit Flüchtlingen führt, während in „Der Riss“ der Blick von Innen auf die Flucht erfolgt – weshalb die beiden Spanier mehr auf Interviews mit Grenzschutzbeamten oder Soldaten aus der EU setzen als mit Flüchtlingen. Beiden Comics gemeinsam ist aber ein fast verzweifelter Grundton angesichts der humanitären Lage in den Lagern und auf den Fluchtstrecken. Und beide kaschieren diese Verzweiflung hinter ästhetisch ausgefuchsten Konzepten, so dass der Reiz der Graphik die Beschäftigung mit dem ebenso heiklen wie deprimierenden Thema erleichtert.

Mit diesen beiden Comics etablieren sich die Autoren als wichtige Protagonisten des internationalen Reportagecomics, auf demselben Niveau wie der Amerikaner Joe Sacco, der Kandier Guy Delisle und der Franzose Emmanuel Guibert. Letzterer hat in „Der Fotograf“ als Erster den Reiz der Kombination von Fotografie und Comic für sein Genre sichtbar gemacht. Von Sacco wiederum weiß man, dass er Fotos als Gedächtnisstützen benutzt – jedoch nicht als unmittelbare Vorlagen. Delisle schließlich setzt auf seine Skizzen. Mit dem schon seit einigen Jahren aktiven Kugler und dem neu als Comic-Erzähler auftretenden Duo Sponotto/Abril kommt nun ein synthetisches Verfahren zum Zuge, das unsere Sehgewohnheiten verändert. Unsere Einstellung zur Gegenwart womöglich auch.

16. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
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09. Okt. 2017
von Andreas Platthaus

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Wortlos triumphieren

Das ist doch mal originell: Ein Comic, der nach dem berühmtesten aller Partisanenlieder benannt ist („Bella Ciao“), aber keine einzige Zeile oder Note daraus enthält. Wobei der komplette Text sich als letzte Seite dann doch in der deutschen Übersetzung findet, die aber nicht mehr zur eigentlichen Bildergeschichte gehört. Und eine „deutsche Übersetzung“ ist es auch gar nicht, denn an diesem Band war nichts zu übersetzen, weil er wortlos erzählt. Und der Buchtitel ist ja auch ein italienischer. Obwohl er neben dem kommentierten Liedtext die einzige Eigenleistung der Berliner Verlags Jacoby & Stuart ist, denn im Original heißt Maurizio A. C. Quarellos Geschichte ganz anders. An das berühmte Lied dürfte der Zeichner also gar nicht gedacht haben. Das singt man ohnehin in deutschen Linkskreisen häufiger als in Italien selbst. Quarella nannte seine Geschichte schlicht „‘45“ – nach dem Jahr, in dem sie spielt.

Es ist das Jahr der deutschen Kapitulation im Zweiten Weltkrieg, doch bis es im Mai soweit sein wird, ist in Norditalien erst noch eine alliierte Offensive auszufechten, die aus dem längst befreiten Süden kommt. Noch ist Mussolini pro forma Herrscher in einem Schattenreich, der Republik von Saló, doch auch seine Tage sind gezählt. Bedroht wird seine Pseudomacht und die immer noch höchst reale der deutschen Verbündeten in Italien, aber nicht nur von den überwiegend amerikanischen Truppen, sondern auch von den einheimischen Partisanen, die seit Jahren im Untergrund gegen Faschismus und deutsche Besatzer kämpfen. Von einem dieser Partisanen, Mauricio Damarco, erzählt „Bella Ciao“. Und wer sehen will, wie das aussieht, der muss mangels „deutscher“ Leseprobe zum italienischen Verlag und dort das pdf namens Scarica anwählen: https://www.orecchioacerbo.com/editore/index.php?option=com_oa&vista=catalogo&id=509. Da lohnt sich, dass es keinen Text gibt, doppelt

Da der Autor und Zeichner Quarello sein Werk den eigenen Großeltern widmet, darunter einem gewissen Maurizio, nach dem er dann wohl auch selbst benannt wurde,, darf man in der gleichnamigen Hauptfigur wohl den Vater seiner Mutter sehen. Die Großmutter Maria dagegen lebt noch, und eigentlich muss man ihr die Ehre erweisen und auch sie eine Hauptfigur nennen, auch wenn es allein Maurizios Truppenausweis ist, den man zum Auftakt der Geschichte sieht. Doch dann führt uns eine Nachtszene in das Schlafzimmer seiner Frau, die in der Einsamkeit ihres Bauernhofs in den Bergen wachliegt und auf die Rückkehr ihres Mannes von einem Überfall auf eine deutschen Truppentransport wartet. Das klingt noch ziemlich passiv.

Es ändert sich, als Maurizio siegreich, aber verwundet nach Hause zurückgekehrt ist, doch sich nur wenig später eine deutsche Patrouille aus zwei Wehrmachtssoldaten dem Hof nähert und sich der Herr des Hauses rasch auf dem Dachboden verbirgt. Und nun erweist sich das stumme Erzählen von Quarello als schlüssig, denn beide Seiten verstehen einander nicht mit Worten, aber dank Gesten, und wie der Comic auch alle seine Leser durch erste Missverständnisse zum Begreifen des Dialogs zwischen Maria und den beiden deutschen Soldaten führt, das ist wunderbar gelöst. Wobei es eine Frage wert gewesen wäre, ob es nicht noch besser nur diese Szene wortlos geblieben wäre.

Aber dann hätte man auch Onomatopöien, also Lautmalereien, bei den zahlreichen Schlachtszenen einsetzen müssen, und die Stille der Gewaltausbrüche, der Überfälle, des wechselseitigen Tötens hat etwas besonders Beklemmendes. Und Quarello vertraut eben den Gesichtern einer Protagonisten, um große Gefühle von Leid, Triumph, Angst oder Freude auszudrücken. Und gerade das etwas rührselige Ende profitiert extrem davon, dass man für das Glück im Augenblick des Sieges der Partisanen keine Worte finden muss. Und ein letzter Blick zwischen zwei Akteuren auch wortlos bleiben kann.

Bleibt die Frage nach den Zeichnungen. Sie sind konventionell, als Aquarelle in wechselnden, aber meist konventionellen Seitenarchitekturen angelegt; nur gelegentlich überrascht Quarello mit doppelseitigen Arrangements, die erfreulicherweise gar nicht den Action-Höhepunkten gelten, sondern Stimmungsbilder sind. Bisweilen gibt es auch Tempoverschärfungen des Erzählens, etwa in dem Moment, als die Frau die Siegesnachricht im Radio hört (und wir zunächst noch nicht ganz sicher sein können, was sie gehört hat) – da folgen kleine Bilder in rascher Abfolge bis zu dem erlösenden großen Panel, das auch als Titelbild des Bandes fungiert. Leider verrät das schon zu viel vom Inhalt.

Quarello, geboren 1974, ist als Kinderbuchillustrator in seiner Heimat erfolgreich, aber auch bei Jacoby & Stuart ist das nicht sein erstes Buch – und auch nicht der erste Comic. Vor zwei Jahren erschien dort eine von ihm allerdings lediglich gezeichnete Geschichte um die amerikanische Bürgerrechtsaktivistin Rosa Parks, und zwei weitere von Quarello nach fremden Szenarien illustrierte Bücher führten auch schon in die jüngere italienische Vergangenheit. Dabei gab es allerdings jeweils noch große Textanteile, auch wenn das Talent Quarellos, Worte durch Bilder überflüssig zu machen, klar erkennbar war. „Bella Ciao“ ist ein Schritt in die richtige Richtung, wobei abzuwarten bleibt, ob dieser solide Illustrator auch noch graphisch originell werden kann.

09. Okt. 2017
von Andreas Platthaus

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02. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
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Hier zeigt Anne Franks Tagebuch auch seine freche Seite

Vor sieben Jahren erschien beim Carlsen Verlag ein Comic über Anne Frank. Das 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen wohl am Typhus gestorbene, damals erst fünfzehnjährige jüdische Mädchen ist das weltweit bekannteste Opfer der Schoa. Im Versteck in einem Amsterdamer Hinterhaus, wo Anne sich mit den Eltern, der älteren Schwester Margot und vier weiteren untergetauchten Juden vor den deutschen Häschern erfolglos verborgen hatte, blieb ihr über zwei Jahre hinweg geführtes Tagebuch erhalten, das der Vater Otto Frank, der einzige der acht Leidensgenossen, der Deportation und Gefangenschaft überlebt hatte, 1947 in bearbeiteter Form publizierte. Es wurde eines der meistverkauften Bücher überhaupt und aus dem niederländischen Original in mehr als siebzig Sprachen übersetzt, darunter 1950 auch ins Deutsche. Seit 1991 liest man das „Tagebuch der Anne Frank“ hierzulande in der Übersetzung der Kinderbuchautorin Mirjam Pressler.

Wir sind weit vom ersten Satz dieses Blogeintrags abgekommen, aber das ist nötig, denn nun ist ein neuer Comic über Anne Frank erschienen, diesmal beim Verlag S. Fischer, der publizistischen Heimat der deutschen Fassung des Original-Tagebuchs. Der neue Comic heißt denn auch „Das Tagebuch der Anne Frank“, während der sieben Jahre ältere Band „Das Leben von Anne Frank“ betitelt war. Beide allerdings bedienen sich ausgiebig mit wörtlich übernommenen  Passagen bei Mirjam Presslers Text. Beide taten das natürlich auch autorisiert.

© Carlsen Verlag, Hamburg 2010Seite aus „Das Leben der Anne Frank“

Und trotzdem sind die Konzepte beider Bände denkbar gegensätzlich, was man beim ersten Blick aber nicht glauben sollte. Das Format ist identisch, selbst der Umfang ist genau gleich, nur ist das jüngere Buch drei Euro teurer. Und natürlich hat es andere Autoren – wenn man angesichts der dominanten Vorlage die Schöpfer der Comics so nennen soll. 2010 waren es mit Sid Jacobson und Ernie Colón zwei damals jeweils schon um die achtzig Jahre alte Veteranen des amerikanischen Comics, die also in ihren Kinderjahren noch Zeugen des Zweiten Weltkriegs und des danach einsetzenden Erfolgs des Tagebuchs der Anne Frank waren. Die neue Version ist von Ari Folman und Davod Polonsky erstellt worden, zwei vergleichsweise jungen israelischen Illustrationsstars (Jahrgang 1962 beziehungsweise 1973), als deren größter Erfolg der Animationsfilm „Waltz with Bashir“ von 2008 gelten darf, den Folman schrieb und produzierte, während Polonsky einer der Chefzeichner dabei war. Viel prominenter kann man eine Comic-Adaption nicht besetzen. Was sind dagegen die beiden amerikanischen Veteranen, die außerhalb der Szene kaum jemand kennt.

Ihren Job hatten sie gleichwohl gut gemacht, wobei sie auf das setzten, was sie aus ihren Erfahrungen heraus blendend beherrschten: geradlinig und spannungsgeladen erzählen. Originell waren Colóns Zeichnungen nicht, und selbstverständlich bemühte sich der Band um möglichst große Annäherung an die überlieferten Fotos von Anne Frank und ihrer Familie (in der Leseprobe, die Carlsen bereitstellt, kann man sich das ansehen). So berühmt das Tagebuch ist, so berühmt sind auch die Porträtbilder des dunkelhaarigen jungen Mädchens mit den großen schwarzen Augen. Von beiden Covern aus blickt sie den Lesern direkt in deren Augen.

David Polonsky allerdings zeichnet dabei eine ganz andere Anna, wie man auch in der Leseprobe sehen kann, die der Fischer-Verlag anbietet. Frontal porträtiert ist das eine viel selbstbewusstere junge Frau als die von Colón, mit einem leicht spöttischen Gesichtsausdruck. Das passt zum Charakter der Tagebucheinträge, die ja von einer Einsicht ins eigene Leben und das der Umgebung geprägt sind, die diesen Text erst richtig sensationell macht. Anne Frank ist eine psychologische Beobachterin von höchsten Graden, und gleichzeitig bricht doch auch immer wieder der Backfisch in ihr durch. Und niemals kann man bei der Lektüre vergessen, was diesem lebensgierigen Mädchen dann noch zustoßen wird.

Da Folman und Polonsky sich nicht ans ganze Leben, sondern nur an den Tagebuchtext halten, setzt ihr Band im Juni 1942 ein und endet im August 1944, wenige Tage vor der Verhaftung Anne Franks. Zudem wahren die beiden Israelis den Notat-Charakter der Vorlage: Im Regelfall umfasst ein zitierter Abschnitt zwei Comicseiten, wobei es durchaus auch lange schriftliche Einträge gibt, die bestenfalls illustriert, manchmal gar nur von kleinen Einzelbildern begleitet werden. Die Comicform wird aufgelöst, Bilderbuchästhetik kommt zum Zug. Der Text steht klar im Vordergrund.

Das war bei Jacobson anders. Er nutzte zwar auch Originalzitate, erfand jedoch viel dazu, um die Lücken zu überbrücken – im Lebenslauf von Anne Frank und auch während der Phase ihres Tagebuchschreibens. Die Dialoge im Comic waren dagegen notgedrungen alle imaginiert – wie nun auch bei Folman, der allerdings weitaus mutiger zu Werke geht, indem er sich auf Andeutungen im Tagebuchtext stützt, um die Gedankenwelt eines pubertierenden Mädchens in dessen Unterhaltungen mit den anderen sieben Menschen im Hinterhof deutlicher zu machen. Hier fallen Themen und Begriff, die im Tagebuch nicht deutlich ausgesprochen werden. Und hier wird auch mit viel boshafterem Blick auf die Mitbewohner geblickt. Polonsky findet dafür eine geradezu surrealistische Bildsprache, wenn er etwa Auguste van Daan immer wieder auf einem Nachttopf zeichnet und damit eine Bemerkung aus Anne Franks Tagebuch zum Leitcharakteristikum der von Anne keineswegs wohlgelittenen Dame macht.

© Ari Folman / David Polonsky - S. Fischer Verlag 2017Seite aus „Das Tagebuch der Anne Frank“

Die Vielzahl der graphischen Einfälle von Folman und Polonsky ist mitreißend: Aufrisszeichnungen, Bildallegorien, Metonymien, Fotozitate, Ellipsen – was die Form des Erzählens im Comic hergibt, wird hier auch benutzt. Bis hin zu dem kleinen, aber wirkungsvollen Kunstgriff, dass Annes Kopf im Verhältnis meist etwas größer angelegt ist als bei ihren Mitbewohnern, sie also nicht nur in den Panels auffällt, sondern auch comictypischer inszeniert wird. Vor allem nimmt Polonsky den Reichtum an Wortbildern im Tagebuchtext wörtlich und schafft so unvergessliche Panels, die eine Anschaulichkeit begründen, die uns neu die Qualität von Anne Franks Schreiben vor Augen führt.

Also darf die neue Version als die klar bessere gelten. Es ist auch die erste vom Anne Frank Fonds in Basel, dem Rechteinhaber des Tagebuchs, genehmigte, während die von Jacobson und Colón auf Veranlassung und Genehmigung des Anne Frank Hauses in Amsterdam gezeichnet worden war und dann das Glück hatte, dass der Fonds seine Zustimmung zur Einbeziehung von Originalzitaten gab. Aber es waren eben viel weniger, und der Comic der beiden Amerikaner war auch viel vorsichtiger, weil hier der Respekt unmittelbarer Zeitzeugen überwog, während Folman und Polonsky mit einer Frechheit zur Sache gehen, die dem ungestümen Zug, der Anne Frank zu eigen war, viel gerechter wird. Plötzlich ist da keine reine Märtyrerin mehr zu sehen, sondern eine Frau aus Fleisch und Blut, mit Herz und Galle. So kommt man noch schwerer darüber hinweg, dass dieses Leben so brutal beendet wurde.

© Ari Folman / David Polonsky - S. Fischer Verlag 2017.

Das Tagebuch der Anne Frank, Comic, S. Fischer, Ari Folman, David Polonsky, Carlsen Verlag

Das Leben der Anne Frank, Sid Jacobson, Ernie Colón, Anne Frank Fonds, Anne Frank Haus, Mirjam Pressler, Amsterdam, Basel, Bergen Belsen, Otto Frank

02. Okt. 2017
von Andreas Platthaus
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