Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Klickeradoms: Auf dem Weg nach Angoulême, Teil 2

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Der Louvre zeigt Comics. Das klingt gut, ist aber katastrophal mißlungen. Der Ausstellungsraum ist zu groß, die Zahl der Objekte zu klein, man braucht mehr Zeit, dorthin zu kommen, als dann das Anschauen erfordert, und von Sachkenntnis ist das Ganze gar nicht erst getrübt. Wie gut, daß Paris für Comicliebhaber noch kommerziellen Trost bietet.

 Tja, das war wohl nichts. „Le Louvre invite la BD“, der Louvre lädt den Comic ein – so lautet der Titel einer am vergangenen Donnerstag eröffneten Ausstellung. Diese Einladung hätte der Comic ausschlagen sollen, denn das Gästezimmer, das ihm im Louvre zugewiesen wurde, liegt im hintersten Winkel des Sully-Flügels, direkt vor den Toiletten unten im Tiefgeschoß, und man muß erst an den ganzen endlosen unterirdisch freigelegten Mauerfundamenten des mittelalterlichen Louvre vorbei, um schließlich einen riesigen dunklen Raum zu erreichen, an dessen Wänden die Ausstellung präsentiert wird, in dezent von hinten beleuchteten Rahmen, die jeweils mehrere Comicseiten oder -skizzen aufnehmen. In dem weiten, ansonsten vollkommen leeren Saal sieht das aus, als habe man vor einigen Jahrhunderten versehentlich ein paar Bildchen hängengelassen. Noch nie habe ich eine phantasielosere Comicpräsentation gesehen.

Vor drei Jahren kam das Museum auf die Idee, in Kooperation mit Futoropolis, einem der angesehensten Comicverlage Frankreichs, eine Reihe von Geschichten aufzulegen, in denen prominente Zeichner vom Louvre erzählen. Den Anfang machte Nicolas de Crécy mit „Période glaciale“, einem phantastischen bunten Science-Fiction, der die Museumslandschaft als ihrerseits untergegangene Zivilisation vorstellt. Dann kam 2007 Marc-Antoine Mathieu mit einem seiner typisch verrätselten und in sich doppelt und dreifach abgründigen Schwarzweißcomics, der uns auf eine Tour durch den Louvre mitnahm, die eher einem Vexierspiel glich. Schließlich zeichnete der morbide Eric Liberge im vergangenen Jahr eine Fantasy-Story, in der sich die Nike von Samothrake unmöglich benimmt: Sie benutzt ihre Flügel und verläßt den Sockel, um marodierend durch das Museum zu ziehen. Ein vierter Comic ist für dieses Jahr in Vorbereitung. Bernard Hislaire wird ihn zeichnen und uns darin in eine Zeit entführen, als der Louvre noch kein Museum war, in die Ära der Französischen Revolution nämlich. Robespierre und David werden tragende Rollen spielen, und das verspricht eine ziemlich spektakuläre Fortsetzung der Reihe zu werden.

Von all diesen Alben ist etwas im Untergrund des Louvre zu sehen, am meisten aus de Crécys Band, und dann wird es immer weniger, bis man schließlich zu Hislaires Vorhaben nur noch wechselnde Ablichtungen auf Bildschirmen sehen kann – was immer noch besser ist als das peinliche Einzelbild des Japaners Araki Hirohiko, der gerade an einem Manga über einen Zauberer zeichnet, dessen Weg ihn auch in den Louvre führen wird. Das reicht schon, um ihn mit in die Ausstellung zu integrieren, aber natürlich will das Museum nur den werbewirksamen Namen eines Mangaka. Von ihm zeigen muß man dann ja nichts.

Zu den gleichfalls kläglichen fünf Seiten, mit denen Liberge vertreten ist, gibt es wenigstens noch die jeweiligen Entwurfszeichnungen zu sehen, während Mathieus rundes Dutzend Beispielseiten wie de Crécys Konvolut ganz ohne Ergänzungen durch irgendwelche Skizzen oder Materialien auskommen muß. Katalog? Natürlich Fehlanzeige, denn die Besucher sollen ja die Comics kaufen. Begleittexte? Vom Ärmsten. Diese Schau ist, das kann man nicht anders sagen, eine Blamage für das größte Museum einer großen Comicnation.

Würde eine Stadt wie Paris nicht etliche am Sonntag geöffnete Geschäfte bieten, wäre der erste Tag meiner Tour d’Angoulême eine herbe Enttäuschung geworden. Fünfzehn Minuten reichten für die Louvre-Schau, aber der Weg bis zum Ausstellungsraum dauerte mindestens genauso lange, und wenn man wie ich den Fehler macht, zum Ausgang durch die ägyptische Abteilung zu gehen, kann man sich auf nahezu unbegrenzte Verzögerung einstellen: einmal durch die Massen an Besuchern, die sich hier am Sonntag durchwälzen, und dann durch die verführerischen Objekte, die unter anderem im ehemaligen Schlafzimmer Ludwigs XIV. präsentiert werden. Das versöhnte mich etwas mit der Frechheit aus dem Tiefgeschoß, aber dieser Trost wird wohl nicht allen Comicliebhabern einleuchten.

Aber dann bleibt eben der Besuch von Buchhandlungen. Im Caroussel du Louvre gibt es einen Virgin Megastore, der früher eine exzellente Comicabteilung enthielt. Heute ist sie geschrumpft und nicht gerade überwältigend sortiert, und die Schlangen vor den Kassen waren so lang, dass ich die drei ausgewählten Bände kurzerhand wieder zurückgestellt habe. Das war kein heldenhafter Verzicht, sondern pure Bequemlichkeit angesichts meines Wissens darum, dass auch „Album“ am Sonntag öffnet. Das ist der bestsortierte Pariser Comicladen, gelegen auf dem Boulevard Saint Germain; Vergleichbares gibt es nur in Brüssel. Dort fand sich nicht nur ein neuer Band von Dupuy & Berberian  („Bienvenue à Boboland“, eine zauberhafte Kollektion von beißend satirischen Großstadtbeobachtungen), für die ich diese Reise ja mache, sondern auch ein kleines Buch von Berberian allein („Rien que pour vos yeux“), für das er Zeichnungen zu mehr oder minder bekannten Pop-Songs angefertigt hat. Außerdem gibt es zu meiner Verblüffung nur ein einziges neues Buch von Joann Sfar, seine Version des „Kleinen Prinzen“ nach Saint-Exupéry. Was mag nur mit dem produktivsten Zeichner aller Zeiten los sein? Aber er arbeitet ja bekanntlich derzeit an einem Film.

Fassen wir uns sonst kurz, denn noch hat die Zeit nicht zur Durchsicht aller erworbenen Bände gereicht. Als bislang einzigen in Angoulême in die diesjährige Sélection officielle aufgenommenen Comic habe ich den dritten Band von Christoph Blains Serie „Gus“ gekauft. Interessanter aber noch ist Blains gezeichnetes Tagebuch von einer Reise in die Antarktis, das schon 1997 erschienen, mir aber nie zuvor über den Weg gelaufen ist. Genauso wenig wie das immerhin erst vier Jahre alte Buch „va & vient“ von Emmanuel Guibert. Die Lesezeit beträgt bei diesem Band etwa zwei Minuten, der Preis 22 Euro. Ein viel schlechteres Preis-Lese-Verhältnis ist kaum denkbar, aber das Preis-Leistungs-Verhältnis ist dennoch hervorragend. Neues von Moebius, Baru und Trondheim rundet das Konvolut ab und wird mir in Angoulême das Schleppen schwerer Tüten ertragen, die ich heute dank des durch den Zorn über den Louvre entstandenen Dampfes lässig durchs fünfte Arrondissement getragen habe. Und es hat auch noch gereicht für eine Kinovorstellung von Danny Boyles „Slumdog Millionaire“, der mehrfach oscarnominiert ist, aber in Deutschland erst im März anlaufen wird. Für etwas außer Comics muß Paris ja auch noch gut sein. Ein großer Film! Apropos „groß“: Nennt sich der Louvre nicht seit den Umbauten der neunziger Jahre „Grand Louvre“? Vergessen wir das. Dieses Museum kommt derzeit gräßlich kleinkariert daher.


1 Lesermeinung

  1. Was gibt es denn "Neues von...
    Was gibt es denn „Neues von Moebius“?

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