Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Finissage im Quai d’Orsay: Der Weg nach Angoulême, Teil 3

Wer auf seiner Reise zum Comicfestival von Angoulême eine Veranstaltung besucht, auf der die Haute volée der Pariser Gesellschaft zu finden ist, kann derzeit sein blaues Wunder erleben. Da kann die grüne Periode von Pablo Picasso nicht mithalten.

Dieser Tag in Paris begann grau und endete bunt. Denn angesichts des tristen Wetters blieb nicht viel mehr als ein Spaziergang zu all den Orten, die ein Comicfreund eben aufsucht, wenn er in der französischen Hauptstadt ist und Schutz vor Kälte sucht – nur daß am Montag die meisten davon geschlossen sind, wie etwa die Comicgalerien am Quai de Grands Augustins oder in der Rue Dante. Immerhin hatten einige Läden auf, so daß meine Kollektion an Publikationen von Emmanuel Guibert aufgestockt werden konnte, nachdem mir gestern sein „va & vient“ so gefallen hatte. Der dritte Band der wunderbaren Serie „La guerre d’Alan“ ist nun ebenso in meinem Besitz wie Guiberts großer Skizzenband „Japonais“, der allerdings eher als Kunst- denn als Comicbuch zu bezeichnen ist. Und ein paar fehlende Alben der „Donjon“-Serie von Lewis Trondheim und Joann Sfar sind mir auch noch über den Weg gelaufen.

Eigentlich war für den Abend wieder ein Kinobesuch vorgesehen, diesmal in Frank Millers Verfilmung von Will Eisners Serie „The Spirit“, womit sich ein schöner Stoff für diesen Blogeintrag ergeben hätte. Doch daraus wurde nichts, denn über einen Freund ergab sich die Möglichkeit zum Besuch der Finissage von gleich drei Ausstellungen im Musée Quai d’Orsay. Wer Comics verstehen will, der kann in der Kunstgeschichte gar nicht firm genug sein, und hier ergab sich gleich dreifaches Staunen: Die große Schau mit Pastellen machte mich mit einem mir bislang weitgehend unbekannten Zweig der Malerei des neunzehnten Jahrhunderts bekannt, und das gleich in hunderten Beispielen. Weitaus weniger umfangreich geriet dagegen die Präsentation von Picassos Adaptionen des Manet-Gemäldes „Dejeuner sur l’herbe“, die Anfang der sechziger Jahre entstanden sind und von Werner Spies als „grüne Periode“ des Malers bezeichnet werden. Das Schöne daran: Der Manet, diese Ikone der Kunstgeschichte, hing im gleichen Saal wie Picassos Interpretationen des Bildes. Und schließlich gab es noch die überraschendste der Ausstellungstrias: „Masques“, eine Überblicksschau vom siebzehnten Jahrhundert bis heute über das Motiv der Maske in der bildenden Kunst.

Über die drei Präsentationen will ich aber kein weiteres Wort verlieren, denn es kann sie ja nun bald ohnehin niemand mehr sehen. Interessant jedoch war die Gesellschaft, die sich an diesem eigentlich besucherfreien Tag im Museum versammelte. Schon der erste Herr, dem wir vorgestellt wurden, war ein Kunsthändler, dem allein sechs der achtzehn ausgestellten Picassos gehörten. Dann lernten wir die Leitung des Quai d’Orsay und den Direktor der Bibliothèque Nationale kennen, die Witwe von Picassos Drucker und eine Vielzahl weiterer Prominenz, die mir aber leider in ihrer Bedeutung nicht detailliert genug bekannt ist. Kurz, tout Paris war da.

Doch das Beeindruckendste war das vollkommen menschenleere Museum. Wer jemals zu normalen Öffnungszeiten in dem ehemaligen Bahnhofsgebäude war, weiß, was ich meine. Das ständige Stimmengewirr, das Gedränge, die Menschentrauben vor den Bildern – nichts davon an diesem Montagabend. Stattdessen majestätische Stille in der gigantischen Halle. Und warum? Weil die meisten Gäste dieser Veranstaltung im Sauseschritt die großen Ausstellungsfluchten durchmaßen, um schnellstmöglich zum Empfang im Obergeschoß zu kommen. Kaum hatte man also die Kunst hinter sich gelassen, empfing einen doch noch das hier sonst so vertraute Brausen, und beim Eintritt in den goldgeschmückten Saal, in dem Getränke und kleine Speisen serviert wurden, erschlug es einen vor Überfülle.

Die Krise in Frankreich muß gravierend sein, denn vor den Rechauds, aus denen warme Speisen gereicht wurden, standen hastig schlingende Männer, die ihren ersten Teller in Windeseile leerten, um sofort und ohne neues Anstellen einen zweiten gefüllt zu bekommen. Als süßes Gebäck gereicht wurden, blockierten zwei junge Herren in tadelloser Kleidung den Zugang dazu, um erst einmal selbst in aller Ruhe eine Sorte nach der anderen zu probieren. Man könnte mit Fug sagen, daß hier etliche Gäste ihre Höflichkeit für ein Linsengericht aufgaben, denn just das wurde am Buffet serviert.

Für Frank Millers Comic-Verfilmung hat es dann nicht mehr gereicht, stattdessen aber für einen durchaus witzigen Abend in der Pariser Oberschicht.