Comic

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Sieben Millionen Jahre zwischen jedem Bild: Angoulême, der zweite Tag

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Das Comicfestival von Angoulême hält für seine Besucher eine eigene Rache parat, und gestern hat sie mich erwischt. Doch zuvor konnte ich noch bei der Vorstellung von Jens Harders Band "Alpha" zuhören. Der Berliner Zeichner erzählt die ganze Geschichte der Evolution und hat damit den ambitionierstesten Comic des ganzen Festivals geschaffen.

Erst habe ich den frühen Zeitpunkt verflucht, dann erwies er sich als sehr glückliche Fügung: Zum morgendlichen Gespräch mit Jens Harder, unmittelbar nach Öffnung der Festivaltüren, waren nur zwei Handvoll Leute erschienen – eine Schande angesichts der Tatsache, daß der Berliner Zeichner nach vier Jahren Arbeit jetzt endlich seinen Comicband „Alpha“ publiziert hat. Auf 340 Seiten erzählt Harder die Geschichte der Evolution vom Urknall bis zum Auftauchen des Menschen, und was er für optische Lösungen dabei gefunden hat, ist unglaublich. Das Buch ist ein Bildkompendium, das von wissenschaftlichen Darstellungen bis zu populären Ansichten alles verwendet, was der Mensch sich hat einfallen lassen, um sein Dasein zu erklären.

Natürlich fehlen auch die religiösen Motive nicht, wenn auch Harder süffisant anmerkte, dass der Zeitraum, den die Kreationisten für die Schöpfung ansetzen, gerade einmal ausgereicht hätte, um seine letzte Seite zu füllen. Sieben Millionen Jahre, so hat der Zeichner ausgerechnet, vergehen zwischen jedem seiner zweitausend Bilder. Natürlich nur im Schnitt, weil bisweilen auch Geschichten über mehrere Bilder hinweg erzählt werden und allein schon der Urknall als Ereignis von unvorstellbarer Kürze etliche Doppelseiten braucht, um dargestellt zu werden.

Es ist zweifellos das ambitionierteste Buch, das auf dem ganzen Comicfestival von Angoulême zu finden ist, und deshalb ist es schade, dass der Saal mit dem schönen Namen „Hermetische Garage“ (nach dem berühmten Comic von Moebius) nicht aus allen Nähten platzte. Für ausländische Zeichner ohne ganz großen Namen haben die französischen Besucher kein wirkliches Interesse. Andererseits hat es nur ein französischer Verlag, Actes Sud/L’an 2, gewagt, „Alpha“ zu veröffentlichen; deutsche oder amerikanische Häuser winkten bislang ab: zu ungewöhnlich, zu umfangreich. Doch es gibt für solche Vorhaben keinen besseren Markt als Frankreich, weil hier der Comic ernst genug genommen wird, um eine gezeichnete Evolutionsgeschichte nicht gleich als Unfug abzutun. Und nachdem der kiloschwere Band nun da ist, sollten auch bislang skeptische Verleger die unglaubliche Leistung würdigen können, die der achtunddreißigjährige Harder damit vollbracht hat.

Weshalb aber, um an den Anfang zurückzukommen, erwies sich der frühe Beginn doch noch als glückliche Fügung? Weil mich kurz nach dem einstündigen Gespräch eine Magenverstimmung für nahezu den ganzen Rest des Tages außer Gefecht setzte. Sie erwischte mich in der ungewöhnlichsten Ausstellung, die Angoulême in diesem Jahr zu bieten hat. Ungewöhnlich, weil sie gar nicht zum Festivalprogramm gehört, und auch heute bereits zu Ende geht. Das Musée d’Angoulême, ein reizendes Provinzmuseum im alten Bischofspalast, zeigt Zeichnungen von Chaval, dem großen französischen Illustrator der fünfziger und sechziger Jahre. Entliehen aus Bordeaux, woher Chaval, der sich 1968 das Leben nahm, stammte, kann man hier einen Querschnitt durch die ganze Karriere betrachten, inklusive einiger Arbeiten für die Kollaborationsblätter unter deutscher Besatzung, die Chaval nach dem Krieg ein dreijähriges Arbeitsverbot einbrachten.

Danach aber habe ich nur noch mein Hotelzimmer gesehen, wenn man von einem kurzen Abstecher absieht, den ich nachmittags zu einem Gespräch mit Baru machte. Einen meiner Lieblingszeichner konnte ich mir denn doch nicht entgehen lassen, und immerhin tröstete die auch dort relativ geringe Zuhörerzahl über die bescheidene Resonanz bei Harder hinweg (während die Zelte mit den Verlagsständen überquollen vor Besuchermassen). Baru, der Comicchronist der französischen Arbeiterklasse, ist in diesem Jahr mit seinem Band „Pauvres Zhéros“ im Wettbewerb vertreten, doch er hat in den letzten fünfundzwanzig Jahren ohnehin schon alle Preise gewonnen, die Angoulême zu bieten hat. Der neue Band ist nach längerer Zeit wieder einmal auf Grundlage eines fremden Textes entstanden, eines Romans von Pierre Pelot, und Baru erläuterte eindrucksvoll die Prinzipien seiner Umarbeitung, denn „Literatur ist kein Comic und umgekehrt“. Diesen Mut zur Abgrenzung wünsche ich mir häufiger.

Nun denn, heute geht es wieder besser, und ich dürfte mehr Zeit aufs Festival verwenden können als gestern. Den Ausrichtern sei dennoch geraten, in acht Jahren einen besseren Termin für Jens Harder zu finden. Dann wird nämlich „Beta“ fertig sein, der zweite Teil seines Evolutionscomics, der sich der Menschheitsgeschichte widmet. Da gibt es soviel mehr Material, daß Harder mit doppeltem Umfang rechnet, also dürfte die Arbeit daran auch doppelt soviel Zeit in Anspruch nehmen. Und ein dritter Band, „Gamma“, ist auch noch geplant, aber das ist in jeder Hinsicht Zukunftsmusik.


1 Lesermeinung

  1. <p>Jaja, der Harder. Es tut...
    Jaja, der Harder. Es tut mir ja auch immer wieder in der Seele weh, wenn ich in der Ecke eines deutschen Comicladens noch Restexemplare von seinem „Electricite Marseille“ sehe. Das Ding zeigt schon so viel von seinem Können, ist inzwischen acht Jahre alt, hat eine Auflage von nur 400 Exemplaren, und nicht einmal die wurden hierzulande komplett verkauft. Ist „Alpha“ denn wieder „textfrei“? Oder muss ich auf eine deutsche bzw. englischsprachige Ausgabe warten?

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