Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Blutch for President! Angoulême, der letzte Eintrag

Zum guten Schluß wurden in Angoulême die Preise des Festivals vergeben. Der große Gewinner ist der französische Comiczeichner Blutch. Doch auch sein Kollege Winshluss kommt reich dekoriert nach Hause. Die ungewöhnlichsten Pseudonyme also trugen die Lorbeeren davon.

Die unangenehme Überraschung, aus einem sonnigen, zumindest tagsüber fast schon vorfrühlinghaften Angoulême in ein nahe am Gefrierpunkt befindliches Frankfurt zurückzukehren, wurde gemildert durch die höchst erfreuliche Überraschung, daß der Gewinner des Grand Prix des Comicfestivals in diesem Jahr Blutch heißt – und also im nächsten Jahr die Präsidentschaft über die Veranstaltung innehaben wird. Das muß zwar, wie der aktuelle Jahrgang bewies, nicht allzu viel heißen, denn die diesjährigen Präsidenten Dupuy & Berberian waren viel zu rücksichtsvoll und distinguiert, um dem Ganzen ihren Stempel aufzudrücken, aber mit dem einundvierzigjährigen Blutch ist wieder ein Vertreter der „Nouvelle bande dessinée“ ausgezeichnet worden, nach Lewis Trondheim 2006 und eben Dupuy & Berberian 2008 bereits der dritte in vier Jahren. Das ist ein Bekenntnis des Festivals zum anspruchsvollen Comic, allerdings auch wieder ein Bekenntnis einer auf den französischen Sprachraum konzentrierten Wahrnehmung (um es gebührend höflich auszudrücken).

Blutch indes erfüllt mit seinen Comics zweifellos allerhöchste Ansprüche, auch wenn ihn außerhalb Frankreichs kaum jemand kennt. Der gebürtige Straßburger, der mit wahrem Namen Christian Hincker heißt, hat sogar das seltene Kunststück geschafft, im Jahr des Grand Prix auch noch einen Preis für eines der besten Alben zu gewinnen: Ausgezeichnet wurde diesmal nämlich auch sein Comic „Le petit Christian 2″, die Fortsetzung einer 1993 begonnenen autobiographischen Kindheitsschilderung. Beide Bände sind bei L’Association erschienen, dem wichtigsten unabhängigen Verlag der neunziger Jahre in Frankreich, wobei die sonstigen Hauptwerke Blutchs, seine fünfteilige Heftserie „Mitchum“, die historische Erzählung „Peplum“ und seine beiden Bände „La Beauté“ und „La Volupté“, bei wechselnden Verlagen wie Cornelius oder Futoropolis erschienen sind, die das ganze Spektrum avancierter Comics abdecken. So gesehen muß man den Preis als Anerkennung für eine auch individuell unabhängige Produktionsweise von Comics sehen, wie Blutch sie vorbildlich betreibt.

Das gilt gewiß auch für den Fauve d’or des festivals, den Hauptpreis für einen einzelnen Comic. Er geht in diesem Jahr an den Zeichner Winshluss für dessen freie Fortschreibung der Geschichte von Pinocchio, erschienen bei Requins Marteaux, einem weiteren für die letzten anderthalb Jahrzehnte  stilprägenden Kleinverlag. Winshluss ist einem größeren Publikum bekannt durch seine Co-Regie bei der Verfilmung von Marjane Satrapis Erfolgscomic „Persepolis“. Allerdings dürften das nur die wenigsten wissen, denn der Zeichner firmierte dabei unter seinem wahren Namen Vincent Paronnaud. Der weltweite Erfolg dieses Animationsfilms im vergangenen Jahr sorgte für Paronnauds finanzielle Unabhängigkeit, und so ist aus „Pinocchio“ ein fast zweihundert Seiten umfassendes Großwerk geworden, in dem Winshluss all seine Einflüsse, die derzeit vor allem amerikanische Zeichner wie Robert Crumb und Tony Millionaire erkennen lassen, verarbeiten konnte. Dieser Mann kann fast alles, und dass er in Angoulême auch eine der schönsten Ausstellungen, nämlich die zu seinem eigenen Werk, kuratiert hat, wird die Wahl zum besten Album nicht unbeeinflußt gelassen haben.

Die anderen preisgekrönten Alben sind ex aequo als Essentiels d’Angoulême gewürdigt worden, also gleichberechtigt; neben Blutchs „Petit Christian“ sind dies noch Etienne Davodeaus „Lulu femme nue“, Blanchins und Perrissins „Martha Jane Cannary“, Emile Bravos Spirou-Sonderband „Le journal d’un ingénu“ und die französische Übersetzung von Posy Simmonds „Tamara Drewe“. Als beste Neuentdeckung wurde „La goût de chlore“ von Bastien Vivès prämiert, als beste Neu-Edition eines bedeutenden älteren Comics Mizuki Shigerus „Opération mort“. Gewiß ein Zufall auch hier, daß Mizuki Gegenstand einer eigenen Ausstellung bei diesem Festival war.