Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Christian Petzolds Gespür für Comics

| 1 Lesermeinung

Der Filmregisseur erweist sich als Comicliebhaber. Die neue Filmzeitschrift "Cargo", deren erste Ausgabe gerade erschienen ist, hat Petzold eine eigene Rubrik zum Thema eingerichtet. Zum Auftakt widmet er sich "Hawaiian Getaway" von Adrian Tomine.

Es gibt eine neue Filmzeitschrift, „Cargo“ heißt sie, ist pünktlich zur Berlinale erschienen, und um sich gar nicht groß mit der Frage aufzuhalten, warum das hier erwähnenswert sein soll: Es gibt darin auch eine Comicrubrik, und bestritten wird die von dem Regisseur Christian Petzold. Nun zählt der zu den intelligentesten deutschen Filmemachern („Wolfsburg“!, „Die innere Sicherheit“!!, „Yella“!!!), und somit darf die Kolumne schon für sich einiges Interesse beanspruchen. Aber wie sieht sie nun konkret aus? Was interessiert Petzold an Comics? Und für welche begeistert er sich?

Die letzte Frage zuerst: Zum Auftakt analysiert Petzold eine einzelne Geschichte von Adrian Tomine, „Hawaiian Getaway“. Er findet sie ziemlich gut, und die Art, wie er das begründet, führt zur zweiten Frage. Denn Petzold bewundert an Tomine Comic vor allem dessen Blickwinkel, Anschnitte, Aufsichten, also die Kadrierung seiner Motive. Ein Filmemacher liest einen Comic eben mit den Augen des Filmemachers. Die Inhaltszusammenfassung klingt auch wie die Szenenbeschreibung eines Drehbuchs, geht dann aber in eine Detailanalyse über, die doch zum Wesentlichen gelangt, ehe sie wieder zurückfällt in die eigene Fachsprache und schließlich doch wieder eine erhellende Deutung liefert: „Hillary allein in der Wohnung. Die Wohnung leer, ausgeräumt. Das Sonnenlicht. Ein Stuhl. Die klaren Linien der Holzpaneele. Der Ort des ersten Panels. In Augenhöhe. In einer Totalen. Noch ist Hillary nicht so weit für dieses Bild.“

Petzold interssiert sich also für drei Aspekte: Einstellungen, Szenerie und Motivationen. Kein Interesse zeigt er für Seitenarchitektur; wenn einmal ewähnt wird, daß ein Bild zwei Drittel einer Seite einnimmt, bleibt das unkommentiert. Kein Interesse auch für die spezifische Textgestalt mit Übertiteln, in denen die Gedanken von Hillary zu lesen sind, während es durchaus normale Sprechblasen gibt, aber eben nicht von ihr. „Voice-over“ nennt Petzold das, hübsche Übernahme aus seinem Fachjargon auch hier, aber niemand weiß, ob man diese Stimme hören muß. Im Film, ja, da müßte man das wohl. Im Comic kann sie auch schweigen, wir können sie uns gedacht denken. Lesen lärmt nicht.

Machen wir es besser: Wie also sieht Petzolds Rubrik aus? Zwei Seiten, jeweils mit dreispaltigem Text und zwei Bildblöcken, die einmal zwei Panelreihen, das andere mal eine vollständige Seite aus Tomines Comic wiedergeben. Die Länge des Textes ist ansprechend; man nimmt sich nur selten in Deutschland soviel Raum für eine einzelne Comicrezension. Eine Wertung im klassischen Sinne gibt es nicht, aber man spürt Petzolds Sympathie, sogar Bewunderung, aus jedem Satz, und schon die Tatsache, daß er Tomine wie einen Kollegen analysiert, also als Bild-Erzähler, um es mal abstrakt zu bezeichnen, zeigt, wie ernst er nimmt, was der japanischstämmige Amerikaner in seinen Comics tut. Daß die Wahl eine mäßig originelle ist, tut nichts zur Sache, denn es zählt, wie originell die eigenen Beobchtungen sind, und auch wenn die Analogie zwischen Comic Film nicht ganz so glatt aufgeht, wie das viele Interpreten meinen, weil beide Erzählgattungen sich zwar durchaus in wechselseitiger Beeinflußung, aber eben auch in gegenseitiger Abgrenzung entwickelt haben (zeitlich fast aufs Jahr genau parallel), ist die Präzision von Petzolds Blick im höchsten Maße erhellend. Zumal er seinen Text dramatisiert: durch einzelne knappe Sentenzen, die als eigene Absätze gesetzt wurden, durch Sperrungen der Zitate oder deren Großschreibung. Und durch Generalpausen im Schreiben, die durch abgerückte Textblöcke signalisiert werden. Petzold weiß auch, wie man in Schriftbildern erzählt.

Also eine lesens- und betrachtenswerte, somit beachtenswerte Rubrik. Allerdings mit einem effekthascherischen letzten Satz: „Manchmal muß man ein Jahr warten auf einen neuen Comic von Adrian Tomine.“ Manchmal? Immer. Und meist länger. Es sei denn, man sieht sich seine schönen Illustrationen für den „New Yorker“ an. Die verschweigt Petzold. Wie überhaupt jedes biographische Detail zum Zeichner. Ihm geht es nur um dessen Geschichte. Daß sie aus der Serie „Optic Nerve“ stammt, wann sie erschienen ist oder wo man sie als interessierter Leser finden könnte (im Band „Sommer Blonde“) – kein Wort dazu. Das ist konsequent, soll doch hier das Kunstwerk für sich stehen. Aber für einen Vertreter des Autorenprinzips im Film ist dann doch ein wenig irritierend, daß ihn der Mann dahinter gar nicht kümmert. Und bei Comics ist der Autor mehr als beim Film, weil Tomine mit Ausnahme des Drucks alles besorgt, was sich auf seinen Seiten findet.


1 Lesermeinung

  1. Lieber Andreas, danke für die...
    Lieber Andreas, danke für die ausführliche Auseinandersetzung. Die Sache mit den bibliografischen Hinweisen geht auf unsere Kappe: Die haben wir schlicht abzudrucken vergessen, es ist aber wohl zum Glück die einzige Stelle im Heft.
    Aber bist Du sicher, dass „Hawaiian Getaway“ auch in der deutschen „Sommerblond“-Ausgabe drin ist? Ich hatte da kurz nachgesehen und es schien mir – aber bitte korrigiere mich -, dass sie anders zusammengesetzt ist als die englische „Summer Blonde“-Ausgabe. Und dass ausgerechnet „Hawaiian Getaway“ fehlt. Ich hatte das Reprodukt-Buch aber nicht zur Hand und sehr gründlich recherchiert habe ich nicht. Wir liefern das dann natürlich im nächsten Heft nach.
    Ich hoffe ansonsten, dass Dir der Rest des Hefts gefallen hat.
    Herzlich, Ekkehard

Kommentare sind deaktiviert.