Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Maharadscha kommt nach Stuttgart: Der 32. D.O.N.A.L.D.-Kongreß

Wenn sich die Donaldisten zu ihrem Jahrestreffen versammeln, darf man neueste Erkenntnisse zu Entenhausen erwarten. Aber manchmal trügt diese Erwartung, und es ereignen sich andere Dinge.

Zum Kongreßbeginn fuhr der Maharadscha von Zasterabad ein, entstieg vor dem Naturkundemuseum am Löwentor seiner weißen Limousine und ließ von seinen Bediensteten ein paar Rupien unters jubelnde Volk werfen. Erstaunlicherweise zeigte deren Prägung europäische Herrscherprofile. Zasterabad scheint doch nicht über das nationale Selbstbewußtsein zu verfügen, das sein vollschlanker Potentat in Stuttgart demonstrierte. Dennoch: Zum ersten Mal wurde ein Kongreß der D.O.N.A.L.D. durch einen regierenden Monarchen beehrt, und der benahm sich souveräner als die gleichzeitig in Straßburg beratenden Kollegen.

Nicht nur des Maharadschas wegen wird dieser Kongreß in die Geschichte eingehen. Es dürfte auch der bestbesuchte gewesen sein; der Vortragssal des Naturkundemuseums platzte aus allen Nähten. Jetzt hätte den Massen nur noch ein anspruchsvolles wissenschaftliches Programm geboten werden müssen, doch ach: Daran haperte es. Seit einigen Jahren hat sich unter Donaldisten für die Welt von Entenhausen die Bezeichnung Stella anatium – Stern der Enten – eingebürgert. Wer am vergangenen Samstag den 32. Kongreß der D.O.N.A.L.D. besucht hat, der dürfte sich eher auf Stella anarchium versetzt gefühlt haben. Und das kam so.

Im Vorfeld war es die größte Sorge der Organisatoren, daß der Ablaufplan nicht eingehalten werden würde. So wurde jedem Vortragenden eingeschärft, nur ja nicht die ihm eingeräumte Zeitspanne zu überschreiten, wobei sich Viola Dioszeghy-Krauß offenbar frühzeitig 85 Minuten gesichert hatte – für einen Beitrag, der unter dem Titel „Ein langer, langweiliger wissenschaftlicher Vortrag, fast völlig ohne pompöse Phänomene, irrwitzige Ideen und fast ohne jegliches Infotainment” ins Programm kam und nicht einmal alle diese Ankündigungen einlöste: Er war größtenteils nicht langweilig und auch bei weitem nicht so umfangreich wie angekündigt. Doch die Zeit war nun einmal verplant.

Dafür wurde ein Referent wie Patrick Bahners auf eine lächerliche Dreiviertelstunde beschränkt – der mit Abstand kürzeste Vortrag, den dieser Virtuose und Veteran des Donaldismus seit Jahrzehnten gehalten hat. Und Gangolf Seitz, dem man in umgekehrter Reihenfolge dieselben Lobesworte wie Bahners zusprechen muß, wurde erst gar nicht als Redner zugelassen. Da aber nicht nur Viola Dioszeghy-Krauß die ihr zugestandene Frist unterschritt, sondern dies auch die Referenten Frank Werner, Reinhard Cziske, Peter Jacobsen und PaTrick Martin taten, die alle vor der Pause eingeteilt waren, stand der Kongreß plötzlich mit immensem Vorsprung vor seinem Zeitplan da – ein Vorsprung, in dem man lässig einen normalen Bahners-Vortrag oder vier normale Seitz-Beiträge unterbekommen hätte.

Und das hätte der Sache gutgetan, denn der Auftakt war von seltener Schlichtheit. Wenn ich in meinem Blog vom vergangenen Donnerstag dem Kongreß attestiert hatte, er werde mit Sicherheit belehren und mit etwas Glück auch amüsieren, muß ich mich nun korrigieren: Die Veranstaltung hat durchaus amüsiert, aber kaum belehrt. War es immerhin noch interessant zu sehen, wie Frank Werner den empirischen Donaldismus, der seit Michael Machatschkes großer wissenschaftlicher Zeit vor mehr als zwanzig Jahren vergessen schien, wiederbelebte, indem er eine Affenplastik aus Messing der Winterkälte aussetzte, um zu sehen, ob unter diesen Bedingungen tatsächlich die Ohren der Figur abspringen, wie es im Entenhausener Stadtpark geschieht, so zeugte das Thema, auf das der Vortrag plötzlich hinsteuerte von wenig wissenschaftlichem Ehrgeiz. Werner untersuchte die Herkunft der englischen Redewendung „balls of a brass monkey” und was Carl Barks und Erika Fuchs in ihrer Berichterstattung aus Entenhausen daraus gemacht haben. Durch die philologische Spurensuche begab sich der Referent aber in die Bereiche des äußeren Donaldismus, also einer Betrachtung über die Entstehungsbedingungen des Werks von Barks und Fuchs. Gemeinhin gibt sich ein D.O.N.A.L.D.-Kongreß mit derlei Fragestellungen nicht ab; dafür gibt es schließlich Comic-Historiker.

Reinhard Cziske und Peter Jacobsen hatten zwar mit „Liebe in Entenhausen” und „Qunatenmechanische Quellenforschung” spannende Themen zu bieten, aber ihre Ausführungen erschöpften sich in der Aneinanderreihung von mehr oder minder skurrilen Bildern aus Entenhausen. Der eine, Cziske, zog daraus gar keine eigene Erkenntnis aus seiner rein deskriptiven Aneinanderreihung, der andere, Jacobsen, erarbeitete dagegen eine Erklärung, die jede weitere Forschung überflüssig machen würde. Denn er siedelte Entenhausen im Übergang von Quantenwelt zum Makrobereich der empirischen Welt an, um dort die Existenz von Quantenphänomenen behaupten zu können, wodurch alles möglich werde, was wir an scheinbaren Unmöglichkeiten aus Entenhausen kennen. Wie das im Einzelfall ermöglicht würde, damit hielt sich Jacobson allerdings nicht auf. Er postulierte zudem die Existenz unzähliger Paralleluniversen, in denen alles Denkbare möglich sei, also auch Entenhausen. Na toll, etwas anderes als letzteres behauptet der Donaldismus ja gar nicht, aber er braucht dafür nicht die vollständige Beliebigkeit der Prallaleluniversen. Hier wurde Wissenschaft in kleinster Münze ausgezahlt.

PaTrick Martin knüpfte daran nahtlos an, indem er einen Vortrag wiederholte, den er bereits vor Geotechnikern gehalten hatte: überraschenderweise über Geotechnik in Entenhausen. Daß er diesem Laienpublikum nicht allzu viel zumuten durfte, war klar, aber in Stuttgart hatten sich Donaldisten versammelt. Da hätte es ruhig mehr als reine Phänomenologie werden dürfen. Zumindest aber so etwas, wie Dioszeghy-Krauß es danach vorführte, als sie sich bemühte, die Ergebnisse der spektakulärsten donaldistischen Forschungsarbeit der letzten Jahre, der im vergangenen Jahr in Bielefeld von Martin Söllig vorgestellten Analyse der Drillinge Tick, Trick und Track, zu widerlegen. Einige gute Argumente gegen das Einheitswesen, das Söllig in den Neffen erkennen will, brachte die Vortragende vor, doch schließlich erschöpfte sich ihre materialreiche Präsentation in psychologischen Kriterien, während sie etwa den Beleg für ihre Behauptung, Tick sei der Erstgeborene der Drillinge, kurzerhand schuldig blieb. Für eine Psychologin ist anscheinend klar, daß derjenige, der sich benimmt wie ein Erstgeborener, auch einer sein muß.

Das ist der Kardinalfehler donaldistischer Forschung: Erkenntnisse anderer Disziplinen einfach auf Entenhausen zu übertragen, die Welt der Ducks also mit unseren Maßstäben zu messen. Selten wurde dieser Fehler häufiger gemacht als in Stuttgart, wo PaTrick Martin nach der Pause auch noch ein paar aufgewärmte Überlegungen zu Planetologie und Exobiologie Entenhausens vorbrachte, die darin gipfelten, daß er behauptete, die Bewohner der dortigen Venus seinen alle mehrere Meter groß und menschenähnlich, weil es einen Barks-Bericht gibt, in dem ausschließlich solche Venusianer gezeigt werden. Martin übersah dabei, daß im gleichen Bericht auch ein riesiger Erdenbewohner zusammen mit den Ducks auftritt, und warum sollte es also auf der Venus nicht auch kleinere Lebewesen geben, die nicht wie Menschen aussehen? Zumal in einem anderen Bericht ein Außerirdischer namens Muchkale auftritt, der tatsächlich klein und menschenunähnlich ist, aber behauptet, von der Venus zu stammen. Martin hält ihn einfach für einen Lügner. So macht man sich Forschung bequem.

Der äußere Donaldismus sollte noch ein weiteres Mal zu Ehren kommen, und das ausgerechnet durch Patrick Bahners, einen der kompromißlosesten donaldistischen Forscher. Er stellte den Briefwechsel vor, den Carl Barks und der amerikanische Comiczeichner Russell Myers (der durch seinen Strip „Broom Hilda” bekannt ist) von 1970 bis 1983 führten. Daraus ist einiges über die Arbeitsweisen und Einstellungen von Barks zu lernen, nichts aber über Entenhausen. Aber darauf kam es Bahners diesmal auch nicht an. Gerade in der Überfülle biographischen Materials, das die diversen Barks-Werkausgaben im letzten Vierteljahrhundert ausgebreitet haben, ist die von Bahners aufgespürte Korrespondenz, die er noch durch aktuelle Auskünfte von Myers über seine Freundschaft mit Barks ergänzt hat, ein Juwel, weil hier wirklich einmal künstlerische Aspekte zur Sprache kommen, die in den üblichen Fanbriefen und Interviews ausgeblendet blieben.

Stefan Jordan und Wilfried Tost widmeten sich in ihren Beiträgen astronomischen Phänomenen – einer tat es außerdonaldistisch und einer innerdonaldistisch. Jordan stellte dem Kongreß den im Asteroidengürtel angesiedelten Kleinplaneten 2730 Barks vor, der vor mehr als zwanzig Jahren nach Carl Barks benannt worden ist. Über dessen Zusammensetzung, Aussehen und Bahnverlauf weiß man bislang nur wenig Konkretes. Der Heidelberger Astronom Jordan jedoch trug dieses Wenige zusammen und verband es mit einigen Beobachtungen zur Entenhausener Kosmologie.

Tost dagegen nahm sich der Schilderung einer Entenhausener Satellitenbahn an und rekonstruierte sie mit modernster Computersimulation. Dabei kam ein Verlauf heraus, der zwar nicht den Schilderungen der deutschen (und damit kanonischen) Version der Geschichte „Die schwimmende Insel” (WDC 226) entspricht, aber immerhin dem amerikanischen Text. Kein donaldistisch befriedigendes Ergebnis, aber immerhin einmal etwas Greifbares. Wobei die naive Gleichsetzung der Welt von Entenhausen mit der unseren erneut frohe Urstände feierte. Immerhin aber wissen wir dank Tost nun auch, daß die Datenübetragsrate Entenhausener Satelliten einem Vielfachen dessen entspricht, was unsere avanciertesten Techniken ermöglichen.

So ergeben sich manchmal aus Seitenüberlegungen zum eigentlichen Sujet überraschende Ergebnisse. So war es auch bei der den wissenschaftlichen Teil abschließenden Fingerübung von Martin Söllig, der eigentlich die Größe von Entenhausener Bohnen mit hiesigen Exemplaren vergleichen wollte und dabei auf inkommensurable Größenmaßstäbe in Entenhausen stieß. Eine Lösung für dieses Problem hatte er nicht parat, aber immerhin eine kluge Frage gestellt. Das war mehr, als die meisten Vortragenden an diesem Tag zu leisten vermochten.

Schließlich wurde natürlich die vorgegebene Zeit doch kräftig überzogen, und der Vereinsteil mußte wieder einmal unter größter Hetze absolviert werden. Es gibt ein neues Ehrenmitglied der D.O.N.A.L.D., Jürgen Wollina, der völlig zu Recht für seinen epochemachenden Stadtplan von Entenhausen mit dieser höchsten Anerkennung der Organisation geehrt wurde. Außerdem wurden PaTrick Martin zur Ehrenpräsidente und Torsten Gerber zum Ehrenpräsiderpel erhoben. Da die Gunst des Volkes wankelmütig ist, wählte die Versammlung sofort nach diesen rauschenden Ehrungen Bernd Krauß als Vertreter des Ehrenmitgliedsausschusses ab und bestimmte die Gemeinschaft der Ehrenpräsidenten zum neuen EMA. Wie dabei mit den drei existierenden Ehrenpräsiderpeln zu verfahren sein wird, muß sich noch erweisen.

Zur neuen Präsidente der D.O.N.A.L.D. wurde Gerhard Severin aus Schwarzenbach, dem ehemaligen Wohnort von Erika Fuchs, gewählt. Der Donaldismus kehrt also in sein altes Zentrum zurück, wo in Bälde auch ein Erika-Fuchs-Museum entstehen wird, wie der Schwarzenbacher Bürgermeister Alexander Eberl dem Kongreß erläuterte. Der Stadtrat hat bereits den Weg dazu geebnet, ein schönes Haus ist gefunden, jetzt müsse noch Gelder eingetrieben und Umbauten getätigt werden. Gefördert wird dieses Projekt vom Club der Milliardäre, einem eigens für das Museum gegründeten Förderverein, über dessen Wirken man sich auf der D.O.N.A.L.D.-Homepage donald.org informieren kann.

Der nächste Kongreß wird im kommenden April in Braunschweig stattfinden. Etwas mehr wissenschaftliches Niveau könnte er vertragen.