Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Bonne nuit, Deutschland! Ruhe sanft.

In Berlin trafen sich deutsche und französische Vertreter des Jugendbuchmarkts. Darunter natürlich auch Abgesandte der jeweils wichtigsten Comicverlage. Was man von ihnen jeweils erfuhr, zeigte einen Unterschied, der desillusionierender schwer denkbar ist.

Nehmen wir einfach ein nacktes Zahlenpaar: 4746 zu 440. Das ist das Verhältnis von Neuerscheinungen auf dem französischen Comicmarkt im Jahr 2007 zu deutschen Comic-Neuerscheinungen im Jahr 2008. Man darf wohl vermuten, daß der Markt in Frankreich nicht sofort eingebrochen ist oder daß Deutschland im Jahr zuvor noch viel mehr produziert hätte. Oder ein weiteres Zahlenpaar: 193 Millionen zu 36 Millionen. Das ist das Umsatzvolumen beider Comicmärkte. Beträgt das erste Verhältnis mehr als 10 zu 1, lautet das zweite 5,5 zu 1. Das heißt: Deutsche Comics sind teurer. Denn besser verkauft – das wäre ja eine alternative Erklärung – werden sie nicht. In Frankreich kamen 2008 vierzig Comics heraus, die jeweils in mehr als 100.000 Exemplare verkauft wurden, in Deutschland ist 2008 kein neuer Asterix-Band erschienen, also dürfte es kein einziger Comic über 100.000 Stück geschafft haben (wobei wir allerdings die wöchentliche „Micky Maus” außen vor lassen, denn die zählt als Presse-Vertriebsstück nicht zum Buchmarkt).

Die Zahlen stammen aus den Vorträgen eines deutsch-französischen Verlagstreffens, das in Zusammenarbeit von Französischer Botschaft und der Frankfurter Buchmessegesellschaft vergangene Woche in Berlin stattfand. Es war die zweite Veranstaltung dieser Art, und eigentlich hätten sich nach Vorstellung der französischen Ausrichterin diesmal nur Comicverleger treffen sollen. Doch da wäre das Ungleichgewicht zwischen den beiden Ländern zu groß gewesen, und so nahm man noch Jugendbuchverlage mit dazu, denn da sind beide Länder auf ähnlichem Niveau, zumindest was den Anteil ihrer Produktion am gesamten Buchmarkt angeht. Neunzehn Prozent des Umsatzes mit Büchern in Frankreich entfallen auf Jugendbücher (inklusive Comics), in Deutschland sind es fünfzehn Prozent, wobei der deutsche Markt mit vier Milliarden Euro Jahresumsatz weitaus größer ist als der französische, der unter drei Milliarden liegt. Also ist hierzulande das Jugendbuchgeschäft im Volumen sogar größer.

Dennoch gilt der französische Jugendbuchmarkt als der weitaus kreativere. Es werden mehr als drei Mal so viele Jugendbücher aus dem Französischen ins Deutsche übersetzt als aus dem Deutschen ins Französische. Dieses Verhältnis kann man immerhin noch halbwegs akzeptieren. Wenn man dann aber hört, daß im Jahr 2007 sage und schreibe zwei deutsche Comics ins Französische übersetzt wurden, also nicht einmal ein halbes Promill der Neuerscheinungen aus Deutschland stammte, könnte man das Heulen bekommen. Wie viele französische Comics pro Jahr bei uns übersetzt wurden, wußte auf dem Treffen niemand. Ich würde schätzen, mindestens sechzig, also etwa jeder siebte bis achte.

Somit konnte man auf dem Treffen wieder nur einmal konstatieren, was schon seit einem halben Jahrhundert gilt: Deutschland ist ein Comic-Entwicklungsland. Nicht, daß Masse alles wäre. Aber Masse macht, daß auch ungewöhnliche Dinge entstehen. In der Diskussion zwischen den Verlagsangehörigen beider Länder kam einmal die Frage auf, warum sich in Frankreich mehr Intellektuelle mit Comics beschäftigten als in Deutschland. Weil es generell mehr französische Comicleser gibt. Das macht einmal die Comics interessant für intellektuelle Deutungen, und zum anderen schafft das gute Massengeschäft auch gute Bedingungen für eher elitäre Comics, die dann wieder anspruchsvolle Leser interessieren. Ohne Masse keine Klasse. Es würde somit wenig bringen, jetzt akademische Comic-Ausbildung an deutschen Universitäten zu fördern, denn die erreicht keine großen Leserkreise. Was fehlt, sind attraktive Serien, ein eigenes Profil der einheimischen Zeichner und die breite Lesefreude und verlegerische Innovationsbereitschaft unserer französischen Nachbarn.

Ob das alles seine Ursache in der protestantischen Bilderfeindlichkeit hat, wie der Berliner Verleger Edmund Jacoby vermutete, möchte ich bezweifeln. Wie hätte denn dann die reiche Bildtradition der deutschen Karikaturen und Bilderbögen des neunzehnten Jahrhunderts zustande kommen können. Wilhelm Busch kam doch beinahe aus dem protestantischen Pfarrhaus (naja, er beschloß dort sein Leben, als er schon nicht mehr zeichnete, aber zumindest stammte er aus einer stockreformierten Gegend). Meine These lautet: Gerade weil es eine so große Tradition der satirischen Zeichnung in Deutschland gab, zu der am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die ganze Welt neidvoll aufblickte, tat sich unser Land so schwer mit der Akzeptanz der neuen Form des Comics. Was brauchten denn wir tolle Deutschen eine amerikanische Erfindung, wenn wir doch den „Kladderadatsch” hatten, den „Ulk”, den „Simplicissimus”, die „Lustigen Blätter” oder wie all die berühmten Satireblätter hießen, in denen Zeichner wirkten, die rund um den Erdball bewundert wurden? Und so haben wir die Comic-Entwicklung verpennt, weil wir uns auf den eigenen Lorbeeren ausgeruht haben. Und heute kann man nicht einmal ein reines Comicverleger-Treffen zwischen Frankreich und Deutschland hinbekommen, weil wir uns dann so schämen müssen für die eigene Rückständigkeit.