Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Superparlamentspräsident: Rußland braucht Helden, und der Comic hat sie

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Was deutsche Zeichner können, ist auch für russische Kollegen kein Problem: Für Spott auf Politiker sind Comics gut geeignet. In Moskau kursiert ein Internet-Comic, der den Parlamentsvorsitzenden Boris Gryslow aufs Korn nimmt. Aber wie kann man ihn ohne russische Sprachkenntnisse lesen? Da erweist sich die Form als Vorteil.

Miss Tschörmänie? Vielleicht sollte Angela Merkel doch nicht zufrieden sein mit dem vor zwei Wochen erschienenen Comic, der ihre Taten – ja, was denn? Preist? Verherrlicht? Würdigt? Verspottet? Von all dem ein bißchen, und komisch ist die Geschichte manchmal auch. Aber heroisch ist sie nicht. Bleibt denn für eine Politikerin als Comicfigur wirklich nur ein dem Frauenklischee entsprechendes Heldinnendasein, während die Männer sofort zu Supermännern verklärt werden? Man möchte es fast glauben, wenn man sieht, wie Russlands Parlamentsvorsitzender Boris Gryslow, ein enger Vertrauter des ehemaligen Präsidenten und jetzigen Ministerpräsidenten Wladimir Putin, in einem Internet-Comic dargestellt wird. Sehen kann man das unter https://www.gryzlovman.com/episode1/2.html.

Hingewiesen hat mich darauf unsere russische Kulturkorrespondentin Kerstin Holm. Der Haken: Ich kann kein Russisch. Aber das macht die Sache für mich umso interessanter, denn dem Comic wird ja gerne nachgesagt, daß er durch seine Bildsprache international viel leichter verständlich sei als ein geschriebener Text. Was sehen wir also im Internet-Comic, und – spannender noch – was verstehen wir davon?

Zunächst einmal schon soviel, daß die Urheber des Comics unter dem Tarnnamen „Unknown Team“ figurieren. Das ist aber auch das einzige, was nicht in Kyrillisch und auf Russisch geschrieben ist. Immerhin weist das Pseudonym darauf hin, daß wir es mit einer Satire zu tun bekommen werden, denn warum sollte ein Herrn Gryslow verherrlichender Comic unter dem Autorennamen „Unknown Team“ erscheinen? Zumal auch die Wahl des Comics selbst als Form darauf hinweist, denn wenn es eines in Russland sehr selten gibt, sind es Comics. Davon konnte ich mich erst kürzlich in Armenien überzeugen, wo es gleich gar keine einheimischen Comics gibt, aber dafür ein Großangebot an russischsprachigen Büchern, so daß man damit hätte rechnen können, irgendwo einer entsprechenden Produktion zu begegnen. Zwar erscheinen westliche Erfolge wie „Asterix“ oder die gängigen Disney-Serien auf Russisch, aber gerade deshalb werden sie auch als Fremdkörper, als Ausdruck westlichen Lebensstil wahrgenommen (und bisweilen geschätzt). Also ist ein Comic über einen russischen Politiker immer auch als Blick von außen gekennzeichnet – und damit mit einem höheren Grad an Objektivität versehen (zumindest in den Augen kritischer Geister).

Der Zeichenstil der Geschichte orientiert sich denn auch an gängiger amerikanischer Massenware: intensive Farben in gefällig monochromer Abstimmung aufeinander, flächige Darstellungen, markante Figuren mit kantigen Körperformen – Superheldenästhetik eben. Gryslow tritt zu Beginn am Rednerpult der Duma auf, in tadellos strammer Haltung und eleganter Kleidung. Dann verläßt er das Parlament und schreitet zu seinem westlichen Sportwagen. Sein Chauffeur fragt den „Boss“, wo es hingehe (soviel Kyrillisch kann man sich dann doch erschließen), und Gryslow gibt Anweisung, ihn nach Hause zu fahren. Doch schon bald wird der Wagen durch eine aus dem Straßenpflaster schießende Flammensäule gestoppt, und zum ersten Mal wird dabei das bislang einheitliche Bildformat in zwei Panels aufgespalten, dessen rechtes den Parlamentsvorsitzenden als Naheinstellung mit verbissener Miene im Widerschein des Feuers zeigt.

Schon sammeln sich die braven Bürger Moskaus mit schreckgeweiteten Augen am Straßenrand, als ein kleiner Junge gen Himmel weist. Seine Gestik entspricht dabei genau den bekannten Szenen bei Auftritten von Superman, und so wird denn auch Gryslow, der auf mirakulöse Weise aus dem Fond seines Wagens ins Superheldenkostüm und ans Firmament gelangt ist, im Folgenden inszeniert – besonders in jener Szene, als er vor der Feuersäule niederschwebt, vom roten Umhang umwabert, ganz auf jene Art, wie die Zeichner der achtziger und neunziger Jahre, von Curt Swan bis Alex Ross, den amerikanischen Mann aus Stahl gezeichnet haben und wie wir ihn auch aus der neueren Superman-Verfilmung von Bryan Singer kennen.

Schon ist Superparlamentspräsident im Untergrund, um dort die defekte Pipeline abzudrehen, die als Ursache für das Flammeninfeno herhalten muß. Dabei trifft er auf einen Superschurken in Maulwurfsgestalt, der direkt aus dem Pixar-Trickfilm „The Incredibles“ entstiegen sein könnte, nur daß er ersichtlich böse ist, grenzenlos böse. Dennoch ist der Kampf schnell beendet, der Maulwurf beerdigt und die Leitung verschlossen, wobei sich das Unglück anhand eines hinterlassenen kleinen Zeichens als Sabotage erweist.

In Episode 2, die man dann auch noch studieren kann, wird die Geheimorganisation hinter dem Zeichen als ausländische Verschwörung gegen Rußland entlarvt – schön symbolisiert im Union Jack als Ärmelaufnäher eines maskierten Verbrechers und durch den Verweis in der Sprechblase auf 1812, als Napoleon Moskau einnahm. Der Maulwurf hat den Kampf aus Folge 1 überlebt und ist wieder mit von der Partie bei der Vorbereitung neuer Schurkenstreiche. Natürlich steht Supergryslow aber auch beim zweiten Versuch den unsäglichen Zielen der Verschwörer entgegen und erledigt bei einem Überfall im Supermarkt diesmal gleich zwei Gegner, ehe er wieder, wie schon in der ersten Folge, mit seinem Chauffeur ins Abendrot hineinfährt: Rußland ist sicher unter diesem Übermenschen.

Der Comic ist konventionell, aber professionell gezeichnet, wenig abwechslungsreich in Szene gesetzt, aber voller Verweise auf die Sehgewohnheiten der Superheldenkultur. Man kann nicht behaupten, daß es spannend zuginge im Kampf um die Bewahrung von Ruhe und  Ordnung in Moskau, aber das kann man im Falle von Metropolis oder Gotham City ja auch nicht wirklich sagen. Trotzdem wünscht man sich denn doch, daß wir Angela Merkel auch einmal als Wonder Woman oder wenigstens Supergirl in Aktion sehen dürften. Der stahlharte Blick von Boris Gryslow macht denn doch einiges her. Ob ich allerdings den Comic überhaupt richtig „gelesen“ habe? Vielleicht kann es mir jemand sagen, der des Russischen mächtig ist.


1 Lesermeinung

  1. <p>Es ist unklar, wer den...
    Es ist unklar, wer den Comic zeichnete. Die Sprache ist etwas holzern und ich erkenne das gewisse Etwas nicht, um diese Produktion zur Satire zählen zu können.
    Laut Nachrichten war Gryzlow überrascht, als man ihm diesen Comic präsentierte. (http://www.vesti.ru/doc.html) Interessant war seine Bemerkung: „Ich habe diesen Comic natürlich gelesen, aber da ich annehme, die Geschichte habe etwas mit Batman zu tun, muss ich zugeben, den Film fand ich spannender“.
    Die Internet-Gemeinde kann anscheinend auch keine Satire daran finden („Ist es Auftragsarbeit oder waren es irgendwelche Altruisten?“ bis hin zu „Irrealer Unsinn ist es“). Allgemein kommen die russischen Blogger zu der Auffassung, es sei weder Auftragsarbeit, noch Satire – es ist eine seltsame postmoderne Erscheinung in russischer Kultur: man kann es am besten mit dem Begriff „Internet-Phänomen“ beschreiben.
    In den sowjetischen Zensurzeiten pflegte man, die symbolische Metaebene der Sprache zu entwickeln. Nun scheint die Zensur (sowjetischer Ausmassen) nicht mehr vorhanden zu sein – und die Metasprache schlägt ihre eigenen Wege.
    Als ein Beispiel kann ich vladimir.vladimirovich.ru nennen – es ist eine Sammlung der absurden Erzählungen über einen Charakter namens Vladimir Vladimirovic™ Putin. Dabei sind diese Erzählungen weder politische Satire, noch Lobhuldigung von Putin. Es hat mit ehemaligen Präsidenten nichts zu tun. Es hat sich vollständig von der historischen Figur abgelöst, es ist das Ding für sich.
    Man hat bereits den möglichen Autor gefunden, genauer gesagt: eine mögliche 19-jährige Autorin mit dem Pseudonym „Zashtopik“. (http://www.vz.ru/…/300235.html) Wie es aussieht, ist es ein Versuch gewesen, ein „Internet-Phänomen“ zu erzeugen (auch wenn das nur selten absichtlich gelingt).

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