Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Comicsalon Erlangen, erster Tag

Die wichtigste deutsche Comic-Veranstaltung ist der Erlanger Comicsalon. Alle zwei Jahre findet er statt, jeweils von Fronleichnam bis zum folgenden Sonntag. Der erste Tag stimmt optimistisch, was den Besuch angeht. Und verheißt Streit, was die Preise angeht, die hier verliehen werden sollen.

 

Heute Morgen stieg ich bei Sonne in Frankfurt in den Zug, und heute Abend stieg ich bei Sonne in Leipzig aus dem Zug. Dazwischen war Regen. Und der erste Tage des Erlanger Comicsalons.

Der findet nur alle zwei Jahre statt, ist aber trotzdem die wichtigste Veranstaltung, die es in Deutschland für Comics gibt. Daher die Schlangen, die schon eine Stunde vor Öffnung des Salons im Regen vor dem Erlanger Rathaus ausharren. Normalerweise herrscht im Juni zur Salonzeit gutes Wetter, und im Fernsehen laufen Fußballwelt- oder -europameisterschaft. Diesmal ist alles anders, und das merkt man dem Besuch an. Die Hallen und Gänge füllen sich schneller, als sonst am Fronleichnams-Donnerstag gewohnt. Etliche Gäste werden den üblichen Familienausflug oder Grillnachmittag aufgrund des Wetters verschoben haben.

Der Salon kann den guten Besuch brauchen, denn dass er überhaupt stattfindet, darf man ein kleines Wunder nennen. Auch wenn der Oberbürgermeister von Erlangen in seinem Grußwort versichert, dass die Veranstaltung trotz Sparzwängen „zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt wurde“, hätte die späte Verabschiedung eines in diesem Jahr um zwanzig Prozent gekürzten Kulturetats fast dazu geführt, dass man die Vorbereitung abbrechen musste. Im Februar erst bestand Planungssicherheit – und damit einige Monate später als bisher üblich. Entsprechend hektisch musste dann gehandelt werden, und das bei um ein Fünftel niedrigerem Etat. Und die Stadt rechnet es sich als große Leistung an, dass der Salon überhaupt gehalten werden konnte (das alternierend zum Comic-Ereignis veranstaltete Figurentheaterfestival wurde kurzerhand gestrichen, kann aber im nächsten Jahr durch eine Großspende von Siemens erst einmal weiter stattfinden). Die Prioritäten für den Comic sind also tatsächlich gesetzt. Doch nun will man in Erlangen natürlich auch Erfolge sehen.

Deshalb erweist sich der heutige Starttag mit seinem starken Besuch als segensreich. Gleich hinter der Tür, wenn man nach links zu den Verkaufsständen will, steckt man  kurz nach Beginn des Salons schon in der Masse fest. Links schlängelt sich eine lange Reihe von Besuchern bis zum Stand von Salleck, wo gleich der französische Comicveteran Derib signieren wird; rechts im Gang steht die nächste Schlange, die zum Panini-Stand führt, wo gerade die Glücklichen ausgewürfelt werden, die am Nachmittag eine Signatur des amerikanischen Zeichners Howard Chaykin bekommen werden. Mehr als zwanzig Leute will er in der auf zwei Stunden angesetzten Signieraktion nicht bedienen, und deshalb wird der Fairness halber gewürfelt: Wer einen Einser-Pasch hat, gehört zu den zwanzig Glücklichen. Statistisch betrachtet gelingt das nur bei jedem sechsunddreißigsten Wurf. Entsprechend stabil ist die Schlange, denn jeder, der erfolglos blieb, stellt sich einfach noch einmal an. Und so wird es vier Tage lang weiter gehen, denn Chaykin signiert bis Sonntag immer wieder. Insgesamt werden derart zweiundsiebzig Leser sehr glücklich sein. Und die Gänge zuverlässig verstopft. Aber selbst diese Stockung mitten im Gebäude trägt zum Gefühl bei, dass hier ziemlich viel los ist.

Viel los ist auch in den Comic-Diskussionsforen im Internet, wo der neue Publikumspreis des Salons heftig debattiert wird. Gleich rechts hinter der Tür werden auf großen Wandtafeln die zwanzig Comics vorgestellt, die von der Jury für die verschiedenen Max-und-Moritz-Preise nominiert worden sind. Über die Kategorien und Titel habe ich schon beim letzten Mal geschrieben. Da hatte aber gerade erst die Abstimmung begonnen, nach der nun erstmals ein Publikumspreis vergeben werden soll. Am Freitag Abend, während der Max-und-Moritz-Gala im Markgrafentheater, werden wir sehen, wer gewonnen haben wird. Vor den Preis aber haben die Götter den Streit gesetzt. Denn diverse Comicfreunde regen sich darüber auf, dass sie nur die Wahl zwischen den von der Jury bestimmten Titeln haben. Außerdem hat für Ärger gesorgt, dass unter den zwanzig Comics allein acht des Carlsen Verlags sind, dazu vier von Reprodukt und zwei von Avant, also zwei Häusern für ausgewiesen erzählerisch ambitionierte Comics, keiner dagegen von den Traditionsverlagen Egmont/Ehapa, Panini oder Splitter, die für Massenware im besten Sinne, also kommerziell erfolgreiche Titel stehen.

Bodo Birk, Leiter des Salons, der noch am Morgen kurz vor der Eröffnung dabei zu sehen war, wie er persönlich Tafeln in den Ausstellungsräumen anbrachte, die beim nächtlichen Einsatz des Gesamtteams, der gestern bis fast drei Uhr in der Frühe ging, nicht mehr erledigt werden konnten, ist gelassen: „Den Publikumspreis soll man gar nicht so wichtig nehmen“, erklärt er mir. Wie viele Stimmen bisher abgegeben worden sind, weiß er gar nicht; Wolle Strzyz von der Frankfurter Buchmesse, der den neuen Publikumspreis als Konkurrenz zum Frankfurter Sondermann mit Argusaugen beobachtet, raunt mir zu, dass bis vergangenen Sonntag gerade mal 250 Voten eingetroffen seien. Zum Vergleich: Beim Sondermann stimmen Jahr für Jahr mehr als 30.000 Menschen ab. Man darf gespannt sein, wie viele es am Schluss, sprich morgen, in Erlangen gewesen sein werden.

Die Stimmung am ersten Nachmittag jedenfalls wird in den Hallen immer besser, Johann Ulrich vom Avant Verlag sprecht jetzt schon vom besten Salon, weil er schon zu Beginn richtig gut verkauft habe. Vor der Carlsen-Signiertheke ist das Chaos mittlerweile kaum kleiner als am Eingang zwischen Salleck und Panini. Und allenthalben sind Besucher mit dem auch schon traditionellen Stickeralbum unterwegs, um die auf dem ganzen Salongelände verteilten Aufkleber einzusammeln. Auch für Wolle Strzyz ist es interessanter, sein Album voll zu bekommen, als weiter die Konkurrenz zwischen Erlangen und dem Comic-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse zu pflegen – er verschwindet auf der Jagd nach fehlenden Stickern in der Menschenmasse. Morgen mehr über Erlangen!