Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Comicsalon Erlangen, zweiter Tag

Der Comicsalon in Erlangen ist in vollem Gange, und je schöner es draußen wird, desto mehr faszinieren die Ausstellungen drinnen. In diesem Jahr hat es finanziell und zeitlich nicht für spektakuläre internationale Präsentationen gereicht, aber die einzelnen Schauen bieten große Überraschungen.

Man mag es ja für irre halten, angesichts des nun doch prächtigen Wetters, aber meine Empfehlung für den Erlanger Comicsalon lautet: in die Ausstellungen gehen! In die zu Jens Harders Album „Alpha“ (ein großartiger Sachcomic zur Evolution) sowieso, selbst wenn der Band oder der Zeichner heute Abend nicht zu den Preisträgern bei der Max-und-Moritz-Gala zählen sollten (Jury, sei gewarnt!). Denn Harders Bildstrategie bietet reine Augenlust, und man lernt auch eine für den Salon neue Örtlichkeit kennen: die sogenannte Salon-Galerie, die an der südlichen Seite des Schlossgartens in einer früheren Buchhandlung ihr temporäres Domizil gefunden hat (Universitätsstr. 16). Zugegeben, die faszinierenden Räumlichkeiten des früheren Siemens-Werks, die der Salon 2008 nutzen durfte, werden von mir wohl zeitlebens vermisst werden, aber hier hat man wenigstens wieder Platz, um neben dem eigentlichen Salongelände in Rathaus und Heinrich-Lades-Halle einen starken Nebenschauplatz zu etablieren, wo nicht nur die „Alpha“-Schau, sondern auch der unvergleichliche Nicolas Mahler mit seinem „Mahlermuseum“, eine kleine Werkschau des französischen Zeichners Pascal Rabaté (mit „Bäche und Flüsse“ auch unter den Nominierten um die Max-und-Moritz-Preise) und die Arbeiten der Absolventen des Erlanger Comic-Zeichner-Seminars von 2009 untergebracht sind. Viel zu schauen, und auf dem Weg zur Salon-Galerie kommt man in die Sonne. Oder man geht danach nach nebenan in den Schlosspark.

Zwischen Galerie und Rathaus liegt noch das Kunstmuseum. Dort sind traditionell auch Satellitenausstellungen des Salons zu sehen, diesmal eine verkleinerte Version der kürzlich in Hannover gezeigten „Mecki“-Schau und etwas, das ich mir fast erspart hätte, weil der Titel „Künstlerische Comics und Cartoons“ so abschreckend klang. Dann wäre mir aber etwas entgangen. Nicht die Arbeiten des Illustrators Kevin Coyne, die man aus den unterschiedlichsten popkulturellen Zusammenhängen kennt (inklusive seiner Musik), ach nicht Heike Pillemann, die etwas zu sehr von Tomi Ungerer inspiriert wurde, als dass man sich an ihren Collagen freuen könnte, aber da gibt es auch noch einen Raum, in dem insgesamt fünfzig Comic-Strips gerahmt hängen – als langes doppelreihiges Band rund um den Raum. Jeder Strip besteht aus drei Bildern, der Text steht meist darunter und bietet eine Beschreibung dessen, was man sieht, und das, was man sieht, erinnert an eine Mischung aus Lewis Trondheim und Moebius. Doch der Zeichner heißt Wolfgang Herzer, lebt in Weiden in der Oberpfalz als Kunstlehrer und hat 1996 dadurch zum Comiczeichnen gefunden, dass er eine Hausordnung für seine Kinder illustrierte. Daraus entstand die Phantasiewelt Everywen, in der die Titelhelden, die „Lückenknüllerkids“ agieren. Das wirkt so ungewöhnlich und witzig, dass man kaum aus dem Raum rauskommt, ehe man die ganze Geschichte „Der verschwundene Hase“ (vierzig Folgen) gelesen und bedauert hat, dass von der zweiten Serie „Unter dem Wandervulkan“ nur die ersten von insgesamt 92 Episoden ausgestellt sind. Aber Jubeltrubel: Am Ausgang gibt es für fünf Euro eine hektographiertes Heft, in der sich der gesamte „Wandervulkan“ findet. Wäre Wolfgang Herzer nicht Jahrgang 1948, ich würde ihn für jeden Nachwuchspreis vorschlagen.

Die größte Ansammlung ans Ausstellungen hat natürlich die Heinrich-Lades-Halle zu bieten. Und so wenig mich bisher die Erzählweise des Worpsweder Schriftstellers Peer Meter als Comic-Szenarist begeistert hat (weder sein vor zwei Jahrzehnten erschienener „Hamann“ noch der brandneue Band „Gift“, den die wunderbare Barbara Yelin illustriert hat), so geglückt ist die Ausstellung, die sich seinem bemerkenswerten Zyklus von gleich sechs neuen Comics widmet, die, beginnend mit „Gift“, im Laufe der nächsten zwölf Monate erscheinen sollen. Toll ist diese Präsentation, weil sie in die Kulisse eines Ateliers, eines „Shops“, wie die klassischen Comic-Werkstätten genannt wurden, wo große Gruppen von Zeichnern und Autoren zusammenarbeiteten, gesetzt wird. Im vorderen Raum steht der Schreibtisch von Peer Meter, übersät mit Recherchematerial, plus einem Bildschirm, auf dem der Szenarist Auskunft zu seiner Arbeitsweise und der Kooperation mit seinen sechs verschiedenen Zeichnern (Bemerkenswerterweise fünf Frauen und nur einem Mann) gibt. Dahinter folgt der große Arbeitsraum, in dem sechs Schreibtische für die sechs Zeichner stehen, auf jedem wieder ein Bildschirm, auf dem nun die Künstler ihre Eindrücke von der Zusammenarbeit wiedergeben. Dadurch entsteht ein sich ständig überlagerndes Gemurmel im Raum, wie in einem echten Studio, und die Wände sind beklebt mit zahlreichen Bildquellen, Ausrissen aus Zeitungen und Akten oder E-Mail-Ausdrucken aus den Korrespondenzen zwischen Szenarist und Zeichnern. Dann folgen noch sechs Kabinette, in denen jeweils die einzelnen Comics mit Originalseiten oder manchmal auch deren Reproduktionen vorgestellt werden – fertig ist ein höchst vergnüglicher und interessanter Parcours. Der seit dem Beginn des Salons vor einem Vierteljahrhundert als Ausstatter der Ausstellungen tätige Franzose Didier Moulin hat wieder ganze Arbeit geleistet.

Das gilt auch für die anschließende Westerncomics-Ausstellung, für die er ein Pueblo auf die Bühne der Lades-Halle gesetzt hat, in dessen heißflimmernden orangegelben Gängen und Räumen die großen Klassiker des realistischen Westerns frankobelgischer Provenienz zu sehen sind: Jijé und Jean Giraud, Hermann und Derib, Michel Blanc-Dumont und Francois Boucq, sowie mit Gilles Mezzomo und Patrick Prugne zwei jüngere Vertreter des Genres. Scahde zwar, dass de humoristische Seite des Themas fehlt (und damit Morris genauso wie Christophe Blain, um nur die beiden besten zu nennen), aber das ist die einzige Ausstellung, die in diesem Jahr der Sparsamkeit einen internationalen Touch hat.

Obwohl es auf der Galerie der Lades-Halle noch eine kleine Präsentation von in Deutschland noch unveröffentlichten Arbeiten Milo Manaras gibt (die allerdings verstehen lassen, warum sie hier unveröffentlicht blieben) und direkt darunter eine kleine, aber schöne Schau zur Geschichte des amerikanischen Comic-Strips, die aber in weitaus größerer Form vor Jahren schon duch Deutschland getourt ist. Das ist also Zweit- beziehungsweise Resteverwertung, die wohl eher aus der Not geboren sein dürfte.

Ein Tip aber doch noch, auch wenn es draußen eher immer schöner wird: Im ersten Stock des Rathauses werden neuere deutsche Zeitungscomics ausgestellt. Natürlich sind mit Volker reiche, Ralf König, Flix und Kat Menschik gute F.A.Z.-Bekannte dabei, aber auch die Arbeiten für den Berliner „Tagesspiegel“, der Flix, Mawil, Tim Dinter und Arne Bellstorf beschäftigt, sind höchst beeindruckend. Toms „Touché“ aus der taz ist ohnehin der Klassiker des neueren deutschen Strips, und in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ finden mit Ralf Ruthe und Hansi Kiefersauer zwei Zeichner ziemlich unterschiedlichen Alters zu überzeugender Zusammenarbeit. Ergänzend stellt der Bulls Pressedienst noch seine Erfolgsserien „Hägar“ und „Garfield“, sowie den wunderschönen Strip „Lio“ von Mark Tatulli vor, der wie die Serien von König und Menschik für die Max-und-Moritz-Preise nominiert ist. Und dann gibt es noch eine kleine Ausstellung weiter hinten, die für Netznutzer ganz besonders interessant ist. Aber zu der in einer späteren Folge der Berichterstattung aus Erlangen. Jetzt lockt die Sonne.