Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Comicsalon Erlangen, der dritte Tag

Ein kürzerer Tag als gewünscht, dank empfindlich gestörter Anreise. Aber dafür ein wunderbares Bild der Uneinigkeit über den Ablauf der Preisträger-Gala vom Freitag Abend. Und zwei Richtigstellungen. Und eine Diskussion.Und eine bemerkenswert konsequente Kontrolleurin. Und noch viel mehr vom dritten Tag des Erlanger Comicsalons.

Meine Heldin des Tages ist nicht Ulli Lust, mit der ich am Nachmittag nach ihrer Lesung aus dem am Vorabend mit dem Publikums-Max-und-Moritz-Preis geehrten Comic „Der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ ein kurzes öffentliches Gespräch führte. Warum bloß nicht, wo Ulli Lust doch gelöst wie selten war nach dem Triumph und in ihrer einstündigen Lesung mit intensiver Bildbegleitung klargemacht hatte, was für ein großes Werk dieser Band ist (denn kaum zehn Prozent des Ganzen wurden hier vorgestellt)? Sie ist es deshalb nicht, weil eine andere Frau in Erlangen noch konsequenter agierte: die Einlaßkontrolle an der Salongalerie.

Dorthin war ich um 16.45 Uhr nach dem Termin mit Ulli Lust geeilt, um einem weiteren großen Gewinner der Preisgala vom Donnerstag meine Reverenz zu erweisen: Jens Harder, dessen „Alpha“ zur besten deutschen Eigenproduktion gewählt worden war. Die Ausstellung zu diesem Album findet in der Salongalerie statt, und obwohl ich sie gestern kurz erwähnte, habe ich verschwiegen, wie schön sie ist – auch wenn sie in den Kelleräumen angesiedelt wurde, was an dem strahlenden Samstagnachmittag ein echtes Opfer für die Besucher bedeutete. Der Carlsen Verlag, der zu Ehren Harders hier um 17 Uhr einen  kleinen Empfang ausrichten wollte, hatte ein Einsehen und verlegte das Ganze ins sonnendurchflutete Erdgeschoß zwischen die Zeichnungen von Nicolas Mahler und Pascal Rabaté. Doch vor die Feier hatten die Götter die Mühen des Einlasses gesetzt.

Ich bin aber auch selbst schuld: Meinen Dauerausweis fürs Festival hatte ich nicht bei mir. Also wäre ein voller Salon-Tageseintritt fällig geworden, denn in der Salongalerie gibt es keine eigenen Eintrittskarten zu kleinerem Preis. Das indes wußte ich nicht. Ich glaubte vielmehr, man könne für die hiesige Schau gar keine Eintrittskarten erwerben, und bot deshalb an, eine Spende abzugeben. Das wiederum deutete die Dame am Einmlaß offenbar als einen Bestechungsversuch. Ehe das wechselseitige Missverständnis aufgeklärt werden konnte, stand indes Jens Harder neben mir in der Tür. Wir kennen uns mittlerweile recht lange, und das Gespräch wurde deshalb auch sofort intensiv. Die Höflichkeit der Dame an der Tür erlaubte es ihr nun nicht, den ausstellenden Künstler zu unterbrechen, und so war ich mit ihm binnen Null Komma Nichts drinnen – ohne bezahlt zu haben. Was mir beim Verlassen der Galerie später bitter vorgeworfen wurde, und selten habe ich ein schlechteres Gewissen gehabt. Denn hier wurde ja vorbildlich pflichtgetreu gehandelt (zumal in finanziell knappen Zeiten). Erlangen kann stolz auf seine Zerberussinnen sein.

Und Erlangen kann stolz sein auf zwei Ausstellungen, denen ich gestern übel nachgeredet habe: die „Mecki“-Schau im Kunstmuseum und die Klassiker des amerikanischen Zeitungstrips in der Heinrich-Lades-Halle. Es freut einen ja, daß die Veranstalter tatsächlich Zeit gefunden haben, in all dem Trubel um sie herum noch meine Blogs zu lesen, aber man wird dennoch ungern bei Fehlern erwischt. Tatsache scheint jedenfalls zu sein, daß entgegen meinen Eindrücken die beiden Erlanger Präsentationen gegenüber ihren vorherigen Stationen nicht verkleinert worden sind. Oder wenigstens nur sehr geringfügig, wie Martin Jurgeit, Kurator der „Mecki“-Schau, immerhin zugesteht. Während Salonchef Bodo Birk Stein und Bein schwört, daß die Comic-Strip-Ausstellung kein bißchen verkleinert werden mußte – und auch keine Notlösung angesichts der Planungsunsicherheiten dieses Jahres gewesen sei, denn man habe sich diese Schau schon im vergangenen Jahr gesichert und sogar vom Leihgeber Alexander Braun ausbedungen, daß seine Wanderausstellung zuvor nicht in Süddeutschland gezeigt werden dürfe. Erlangen will auch in Notzeiten exklusiv sein. Auch darauf kann es stolz sein.

Kann Erlangen aber auch stolz auf die Max-und-Moritz-Gala vom Vortag sein? Die Meinungen der dort Anwesenden über die von Hella von Sinnen und Denis Scheck moderierte Veranstaltung gehen auseinander. Hendrik Dorgathen, Professor für Illustration in Kassel und einer der besten deutschen Comiczeichner, konnte seine Begeisterung kaum bremsen, als er mir seine Eindrücke schilderte. Sehr kurzweilig seien die zwei Stunden gewesen, Hella von Sinnen sei blendend vorbereitet gewesen und schlagfertig wie noch niemand vor ihr. Marc Degens, mein guter Freund, der gerade aus drei Jahren Armenien zurück nach Deutschland gekommen ist, klang schon leicht skeptischer: Die zweieinhalb Stunden wären zwar unterhaltsam gewesen, aber Hella von Sinne habe doch recht konfus gewirkt. Jens Harder wiederum ist durch die Freude über seine Auszeichnung nicht das kritische Auge getrübt worden: Die drei Stunden der Gala seien doch recht zäh gewesen. Und Nicolas Mahler, mit dem Hauptpreis als bester deutschsprachiger Comiczeichner geehrt, meinte, daß es nach den vier Stunden, die er habe warten müssen, bis er endlich als letzter Preisträger im Markgrafentheater an die Reihen gekommen sei, doch überfällig gewesen sei, daß endlich mal jemand die Sache beende. Daher seine heute in Erlangen oft und erfreut wiedergegebene kurze Dankesadresse zur großen Ehrung: „Nun macht aber mal Schluß hier!“

Einen früheren Schluß hätte ich mir auch am Morgen bei der Anreise nach Erlangen gewünscht. Da die A9 zwischen Münchberg und Gefrees nach zwei Unfällen gesperrt wurde, standen wir zwei Stunden im schönsten Frühlingssonnenschein. Das ermöglichte mir die komplette Lektüre der neuesten, gerade zum Salon herausgekommenen Ausgabe des Comicmagazins „Reddition“, das sich diesmal ganz dem Werk von Jacques Tardi widmet. Acht Euro kann man schlechterdings nicht besser anlegen (oder im Falle der eigens für Erlangen aufgelegten limitierten Hardcoverausgabe fünfzehn Euro), denn Volker Hamann und seine Autoren haben überwiegend hervorragende Arbeit geleistet. Dennoch hätte ich mir lieber gewünscht, zwei Stunden mehr Salonzeit an diesem Samstag zu haben als zwei packende Lektürestunden, denn kaum angekommen, stand schon eine Diskussionsrunde mit Ralf König, Flix und dem Kollegen Lars von Törne („Tagesspigel“) zur neuen Stärke von Zeitungscomics in Deutschland an. Und danach hieß es, binnen einer Viertelstunde quer durch die Stadt zum „Theater in der Garage“ zu kommen, wo Ulli Lust ihre Lesung abhielt. Und dann durch den Schloßgarten zur Salongalerie. Und danach … war der Samstag auch schon wieder fast vorbei.

Naja, fast. Den vom Erfolg und der Hitze sichtbar ausgelaugten Nicolas Mahler traf man gegen 18 Uhr zurück im Festivalherzen in trauter Runde an einem winzigen Tisch, wo die wunderschönen Hefte seines Mahlermuseums auslagen. Mahler war zu recht von Bewunderern umlagert. Zehn Meter weiter, in der dunkelsten Ecke des ganzen Salons, saß dagegen zeitgleich an einem nahezu verwaisten Tisch der große Marc-Antoine Mathieu, der für seinen deutschen Verlag Reprodukt zum Signieren aus Frankreich gekommen war und ersichtlich Spaß an seiner Nebenrolle im Obskuren hatte. Doch auch für ihn war keine Zeit mehr, denn um 19 Uhr gehen hier bereits die Türen zu. Die Menschenmasse, die sich ungeachtet des Prachttages hierher begeben hat, strömt hinaus in die Gassen der Universitätsstadt und besiedelt Cafés und Restaurants. Neidvoll trete ich die Rückfahrt nach Frankfurt an, um diesen Blog noch schreiben zu können. Erlangen war wunderschön in diesem Jahr. Morgen folgt als Kehraus noch eine Nachlese zu einer Ausstellung, die sich den Blogs von Comiczeichnern widmet. Last, but certainly not least.