Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Art Spiegelman kann nicht tanzen

Seit Jahren wartet Art Spiegelmans Comicoper "Drawn to Death" auf ihre Premiere. Nun hat der amerikanische Zeichner immerhin ein Tanzstück ausgestattet und darüber einen hinreißenden Strip in der "New York Times" gezeichnet.

Als ich Art Spiegelman zum ersten Mal in New York besuchte, lag der 11. September 2001 gerade erst ein paar Wochen zurück. Ground Zero dampfte noch, die Südspitze Manhattans war für zivile Fahrzeuge gesperrt, und die Kolonnen der parkenden Räum- und Feuerwehrwagen zogen sich unterhalb von Houston Street ganze Straßen entlang. Spiegelman wohnte nicht weit weg vom Ort des Attentats (wie jeder weiß, der seinen Band „Im Schatten keiner Türme“ kennt), und wir trafen uns in einem Frühstückscafé, dem „Café Café“, wo es gräßlichen Chai Tea zu trinken gab, aber ich war ja nicht zum Genießen nach New York gekommen.

Spiegelman führte mich später in sein Atelier, und dort erzählte er mir von den Eindrücken der letzten Tage, von seinem Haß auf das übrige Amerika, das seine Stadt im Stich lasse, von den Spannungen, die die Bedrohung bis in seine Familie hinein erzeugt habe und schließlich, als ob er sich retten wollte vor all den Schrecken des Spätsommers 2001, von einem Herzensprojekt, an dem er schon seit Jahren arbeite: einer „Three Panel Opera“ namens „Drawn to Death“. Natürlich spielt das Genre auf die „Threepenny Opera“ an, die gute alte „Dreigroschenoper“ von Brecht und Weill. Die Umsetzung in eine Dreipaneloper trägt formal dem Prinzip des Comic-Strips Rechnung, der sich in Zeitungen meist auf drei oder vier Bildern abspielt. Die Handlung aber soll sich um die beiden amerikanischen Heftezeichner Bob Wood und Jack Cole drehen, die beide in den dreißiger Jahren ihre Karrieren begannen und dann in die Mühlen der Comiczensur der Fünfziger gerieten.

Erste öffentliche Proben hatte es schon gegeben, und Spiegelman geriet bei der Erzählung des Stoffs immer mehr in Fahrt. Der 11. September geriet in Vergessenheit, mir wurde Musik von Philipp Johnston vorgespielt, die er zu Spiegelmans Libretto komponiert hatte, und in den Notizbüchern fanden sich Bühnenbildentwürfe. Mein Gegenüber schien darauf zu brennen, eine echte Theaterbühne zu bespielen, und alle paar Jahre traf seither die Einladung zu einer weiteren Vorpremiere von „Drawn to Death“ ein, die sich aber immer wieder lediglich als ein Work in progress (und zwar ein noch nicht allzu weit fortgeschrittenes) entpuppte, das bis heute seine eigentliche Premiere nicht erlebt hat, obwohl angeblich mittlerweile alles fertig ist.

So berührte es mich seltsam, als vergangene Woche eine Nachricht von Art Spiegelman eintraf, die den Link zu einem am 11. Juli in der „New York Times“ publizierten Comic-Strip mit dem Titel „Dancin‘ in the Dark“ aus seiner Feder enthielt (https://www.nytimes.com/interactive/2010/07/11/arts/dance/SPIEGELMANWEB.html), der davon erzählte, wie der Zeichner für ein Bühnenprojekt gewonnen werden konnte. Zuerst dachte ich: Endlich ist es so weit – „Drawn to Death“ erblickt das Licht der Theaterwelt! Doch es handelt sich um ein Tanzstück namens „Hapless Hooligan in ‚Still Moving'“ (auch das natürlich eine Comic-Anspielung auf den uralten Strip „Happy Hooligan“ von Frederick Burr Opper), und Spiegelman wurde wohl vor allem seiner Prominenz als Comictheoretiker wegen für die Ausstattung engagiert, denn von Comics selbst scheinen Michael Tracey und dessen Mitarbeiter von der Tanzcompagnie „Pilobolus“ (eine Pilzsorte) so wenig zu verstehen, daß der durch „Maus“ bekannte Spiegelman im fünften Bild des Strips auf seine klassische Forderung „Keine Mäuse!“  die scheinbar verständnislose Rückfrage „Mäuse? Wieso Mäuse?“ bekommt.

Nun ist das zweifellos nur ein guter Witz, den Spiegelman sich erlaubt, denn welcher potentielle Interessant an seiner Mitarbeit wüsste nicht um den Erfolg von „Maus“? Der Strip „Dancin‘ in the Dark“ ist denn auch ein einziges köstliches Übertreibungskunststück, das aber zugleich aufs Schönste Spiegelmans anhaltende Faszination für die Bühne dokumentiert – auch wenn ihm bewegte Elemente in einem Panel-Arrangement unheimlich zu sein scheinen und das Rauchverbot im Theater ihn verrückt macht (überhaupt dürfte es das erste Mal gewesen sein, daß Spiegelman sich tatsächlich irgendwo das Rauchen verbieten ließ; bislang war seine strikte Bedingung für Auftritte oder Mitwirkungen jeglicher Art, daß er dabei rauchen dürfe). Jedenfalls läuft „Hapless Hooligan in ‚Still Moving'“ nun im New Yorker Joyce Theatre, nachdem es bereits Ende Juni im Dartmouth College seine Premiere erlebt hat. Vielleicht bringt dieses realisierte Projekt auch die alte Idee von „Drawn to Death“ wieder auf einen Weg, der irgendwann zu dessen wirklicher Premiere führt.

Ach ja, ein schöner Satz von Art Spiegelman zu den animierten Bühnenbildern des Tanzstücks ist auch noch überliefert: „Animation is so locked in, it’s as if these six dancers had a seventh dancer, and the seventh dancer is an absolute idiot and can’t, like, adjust his movements to them, so they have to keep trying to keep that moron from looking as stupid as he is. And it’s really hard for them, because it’s so precise.“