Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Mann namens Held

In einer Berliner Privatwohnung ist eine der klügsten Comicausstellungen der letzten Jahre zu sehen. Matthias Held hat am Erkelenzdamm einen Ausstellungsraum eingerichtet, in dem er zum Debüt vorführt, wie man auch in einer Präsentation mit Bildern eine Erzählung zustande bringt.

Vor zwei Monaten erreichte mich die Frage, ob ich Lust hätte, die erste Ausstellung einer neuen Berliner Galerie, nein: eines privaten Ausstellungsraums mit einer kleinen Rede zu begleiten. Es gehe um die Verbindung von Comics und Kunst. Die interessiert mich, deshalb bat ich um nähere Angaben. Die bekam ich, und in der Liste der Zeichner, deren Arbeiten gezeigt werden sollten, fanden sich mir liebe, wenn auch wenig überraschende Namen wie Raymond Pettibon, Robert Crumb, Gary Panter, Basil Wolverton, Jim Woodring, Bob Camp, Geoff Darrow, Frank Miller, Daniel Clowes, Art Spiegelman oder Mark Beyer. Was mir gefiel, war, daß mindestens noch einmal so viele Namen auftauchten, die mir wenig bis gar nichts sagten. Und eine fastdicke Überraschung kam auch noch: Paul Gauguin. Der Titel des Ganzen war gleichfalls reizvoll: „Journey Into Unknown Worlds – A Post Apocalyptic Tale of Humanity“. Der Ausstellungsraum nennt sich Heldart, auch das fand ich eine lustige Idee, wenn man schon mit Comic-Kunst agiert. Und sogar die Adresse mochte ich: Erkelenzdamm 61. Erkelenz, das ist ein Städtchen nicht allzu weit von meiner Heimatstadt Aachen, und wenn man nach so etwas außerhalb des Rheinlands schon eine Straße benennt (oder gibt es einen berühmten Herrn Erkelenz wie den notorischen Herrn Eschweiler oder auch eine berühmte Frau Erkelenz?), dann muß man da dort eigentlich hin. Doch, ich hatte Lust, zur Eröffnung zu fahren, aber wie sich beim Blick in den Kalender herausstellte, keine Zeit. Und als ich die angegebene Internetseite des Ausstellungsraums anschaute, stieß ich auf den Namen des Mannes, der sie betreibt: Matthias Held. Das war mir des Guten auf einmal zu viel. Wahrscheinlich war doch alles eine Masche, die aus dem bloßen Zufall eines heroischen Nachnamens resultierte.

Aber gestern war ich denn doch, ein paar Tage vor Schluß der Ausstellung, bei Heldart in Kreuzberg und habe Matthias Held getroffen. Diese Begegnung war allerdings erst die zweite Überraschung. Die erste war der Erkelenzdamm, den ich kurzerhand zu einer meiner Berliner Lieblingsstraßen erkoren habe. Wer wissen will, warum, muß selbst hin und ein wenig durch die Umgebung laufen (U-Bahnstation Prinzenstraße oder Cottbusser Tor mit der U1). Modern Graphics, einer der besten deutschen Comicläden, liegt übrigens in Fußentfernung.

Nun aber zu Matthias Held. Der Herr wird Anfang vierzig sein und hatte bis Februar 2010 neunzehn Jahre lang in New York gelebt. Dann wurde es ihm dort endgültig zu teuer (und die Frauen mögen auch ein Problem gewesen sein, wie man heraushört), und er zog nach Berlin und krempelte sein Leben um. Vorher war er als Publizist tätig und sammelte Kunst, wenn es ihm finanziell möglich war, nun hat er seinen privaten Ausstellungsraum in einer schönen karg belassenen Altbauwohnung eingerichtet. Eigene Künstler hat er nicht im Programm, deshalb soll es auch nicht Galerie heißen. Was Held zeigt, stammt aus den Ateliers der Künstler, deren Galerien und der eigenen Sammlung, und der Großteil der Arbeiten ist auch verkäuflich.

Solch ein Konzept ist nicht ganz neu, etwas ähnliches macht in Berlin etwa auch die charmante Juli August mit ihrer 18m-Galerie in der eigenen Wohnung (wo morgen, am 18. Dezember, eine kleine Weihnachtsausstellung eröffnet wird). Aber egal, denn es kommt ja darauf an, was Matthias Held ausstellt und wie er das tut. Die Zeichnungen sind erwartungsgemäß schön, vor allem eine großformatige Wolverton-Zeichnung, Spiegelbergs Ratten-Skizzen oder zwei exzellente Illustrationen von Bob Camp – die eine ganz in der Linientradition von Hal Fosters „Prinz Eisenherz“, die andere ein Musterbeispiel des Stils amerikanischer Soldatencomics, wie ihn vor allem Joe Kubert geprägt hat. Dann einige sehr schöne Pettibons, die auch preislich die Spitze darstellen. Und schließlich einige der mir bislang Unbekannteren: Savage Pencil aus London zum Beispiel, der fast alles mit Feder und Pinsel kann. Oder Rory Hayes, von dem ich noch nie ein Original gesehen hatte, um hier gleich ein richtig sensationelles zu finden, das eine Spontaneität aufweist, die selbst unter anderen Underground-Größen rar ist. Öyvind Fahlström ist mit einer hinreißenden großen Lithographie vertreten, und wer wissen will, was diesen etablierten, leider viel zu früh verstorbenen Künstler posthum in eine Comicausstelung verschlägt, für den hält Matthias Held diverse alte Kataloge in einer listig konstruierten Tischvitrine parat, die beweisen, wie comicgemäß Fahlström gedacht hat. Ach ja, der Gauguin: eine kleine Skizze, „Roche noir“ betitelt (schwarzer Felsen). Das titelgebende Objekt teilt die Komposition in der Mitte, so daß man sofort das Ganze als in drei Panels geteilt sieht. Am Felsen kauert Eva, neben ihr agiert die kindermordende Ondine in wildbrausenden Wellen. Ein sehr schönes Blatt, natürlich unverkäuflich, aber was macht es nun hier?

Das ist die dritte Überraschung. Die Präsentation ist als Comicgeschichte zu verstehen: jede Arbeit ein Panel oder eine neue Seite. Held hat einen roten Faden gefunden, den ihm ein Klassiker der SF-Comicliteratur vorgegeben hat, die Serie „Journey Into Unknown Worlds“, die in den frühen fünfziger Jahren in Amerika bei Atlas erschien. Eine Episode darin erzählte vom Besuch zweier Außerirdischer von unterschiedlichen Planeten auf der durch Krieg weitgehend entvölkerten Erde. Allerdings bekommen sich auch die beiden Aliens dort in die Wolle, und es muß ein irdischer Wissenschaftler dafür sorgen, daß der Blaue Planet wieder auflebt.

Eins zu eins läßt sich dieses Geschehen natürlich nicht an den Wänden in den zwei großen Wohnräumen und dem Flur von Helds Wohnung verfolgen, doch mit diesem Leitfaden kann man an den ausgestellten Arbeiten vorbeigehen und spannende Fortsetzungen entdecken. Daß das Blatt von Hayes ähnlich nervöse Kritzeleien aufweist wie die direkt vorangegangene Skizze von Crumb ist noch banal, aber wie etwa Gauguin zwischen Mike Diana und Jim Woodring paßt, das ist schon famos. Oder das Auftaktblatt von Raymond Pettibon: ein Atompilz. Viele Besucher hätten das zu dick aufgetragen gefunden, erzählt Held. Doch genauso beginnen ja viel amerikanische Comics: mit einer Splashpage, einem Paukenschlag zum Auftakt. Er hat also genau richtig gewählt.

Verwirrung habe das Nebeneinander von Kunst und Comic ausgelöst, vom erzählerischen Konzept der Ausstellung ganz zu schweigen. Held wundert sich, wie viele sich noch darüber wundern können. Das mag die Folge seiner langen Zeit in New York sein, wo man diesbezüglich doch noch etwas weiter ist. Aber er ist zufrieden mit der ersten Ausstellung; bis kommenden Dienstag (21.12.) kann man sie noch besuchen – ein paar Tage immerhin hat er verlängert, weil nun zum Schluß das Interesse wächst. Zu Recht! Es ist eine der geistvollsten Ausstellungen zum Zusammenspiel von Kunst und Comic, weil sie mit Comicprinzipien als Grundlage arbeitet.Das erschüttert alte Gewißheiten. Daß nur englischsprachige Künstler ausgestellt sind – o.k., das mag auch an neunzehn Jahren New York liegen. Dafür gibt es sogar einen kleinen Katalog, der den Parcours nachverfolgt; zehn Euro kostet er.

Und wird es bei Heldart mit Comics weitergehen? Immer wieder mal, sagt Matthias Held. Als nächste Präsentation plant er eine Fotoausstellung, die sich motivisch sinnvoll wieder durch einzelne Comicblätter ergänzen ließe. Man wird sehen. Sechs Ausstellungen pro Jahr will er im Erkelenzdamm machen. Vermutlich werde ich dort häufiger vorbeischauen.