Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Schluss mit "Strizz": Das große Volker-Reiche-Interview

| 2 Lesermeinungen

Mit der Folge vom 31. Dezember 2010 beendet Volker Reiche seinen Comic-Strip "Strizz" in der F.A.Z. Es war eine der größten Erfolgsgeschichten des deutschen Comics, und kein anderer Zeichner hat jemals zuvor wie Reiche seinen Zeitungscomic täglich aktuell produziert. Warum nun das Ende erreicht wird und was danach von Volker Reiche zu erwarten ist, steht hier im Gespräch mit dem Zeichner.

Heute, am 31. Dezember 2010, geht eine Ära zu Ende, die Ära „Strizz“ in der F.A.Z.. Und auch die Ära „Strizz“ in der deutschen Comicgeschichte. Denn Volker Reiche hat mit seiner Serie zweifellos Geschichte gemacht. Wie, das erzählt er nun selbst, in einem Gespräch mit mir zum Abschied von „Strizz“. In der heutigen Ausgabe von „Bilder und Zeiten“ kann man eine Kurzfassung dieser Unterhaltung finden, aber sie ist interessant genug, um hier für alle Freunde der Serie und für alle diejenigen, die sich dafür interessieren, wie Comics gemacht werden und wie man über sie denken kann, in vollem Umfang zugänglich gemacht zu werden. Auf Wiedersehen, Volker!

 

Was ist das für ein Gefühl, nach mehr als achteinhalb Jahren „Strizz“ und mehr als 1800 Folgen aufzuhören?

Es ist natürlich ein gemischtes Gefühl. Es ist ein wenig Wehmut dabei, dass man eine Serie beendet, in die man sich während so langer Zeit hineingefunden hat. Es ist merkwürdig, diese Figuren im Stich zu lassen. Und so werden das wohl auch jene Leser empfinden, die mir die Treue gehalten haben. „Muss das denn sein?“, werden sie wohl fragen. „Ein Künstler geht doch nicht in Rente, das ist man lebenslang.“

„Lebenslang“ hat als Begriff ja auch unangenehme Konnotationen.

Aber ich hatte ja auch schon ungnädige Kommentare erhalten, als ich vor genau zwei Jahren von fünf Folgen pro Woche auf die eine samstägliche umgestiegen bin. Aber um auf die erste Frage zurückzukommen: Wie man ja ein paar Seiten vor unserem Gespräch in dieser Beilage lesen kann, habe ich eine Form gefunden, wie ich es beenden kann. Ich stelle mich dar als Begleiter, der achteinhalb Jahre lang über Familie Strizz so eine Art schäbiger Doku-Soap gemacht und immer mal geguckt hat – erst fünfmal die Woche, dann noch einmal -, was die da so reden und tun. Dazu habe ich sogar die Katzen und Hunde im Viertel beobachtet, um zu sehen, wie die auf Politik reagieren. Und es ist, wie ich in dieser letzten Folge mit einem grandiosen Understatement sage: „1800 Seiten, das müsste doch jetzt reichen für einen ersten Eindruck.“

Etwas melancholisch könnte bei der Lektüre der letzten Folge aber die Reaktion der Figuren stimmen. Man hat nicht den Eindruck, dass sie die wahnsinnige Arbeit schätzen, mit denen sie achteinhalb Jahre lang porträtiert wurden. Der Schöpfer dieses Kosmos wird von seinen Kreaturen nicht besonders gut behandelt.

Das war für mich noch einmal eine Gelegenheit, eine meiner Figuren zum Schluss noch einmal besonders vorzustellen: Herrn Strizz eben. Er hat die letzte Folge fast ganz allein zu bestreiten. Man hätte ja auch denken können, ich machte es wie so mancher anderer Comic-Strip-Zeichner, der zum Abschluss noch einmal alle seine fünfzig Figuren auf einem Haufen versammelt. Aber ich dachte mir, der Strizz sollte schon die Ehre haben, die letzte Folge zu bestreiten. Und ich wollte zeigen, wie diese Figuren auch mir gegenüber in diesen achteinhalb Jahren eine Eigenständigkeit gewonnen haben. Sie haben alle einen festen Charakter entwickelt, an dem ich mich, je länger die Serie lief, umso weniger getraut habe, Einschnitte zu machen. Zum Beispiel ist der Strizz ja eine Person, die eine fundierte Halbbildung hat, und seine Art ist es, frei zu assoziieren. Wenn ich also im Comic von der achteinhalbjährigen Arbeit reden, dann sagt er nicht: „Das ist aber ganz schön lang“, sondern „Ach ja, da gibt es doch diesen Film von diesem Fellini.“

Fellinis Namen ergänzt aber erst der Zeichner. Wer der Schlaue ist in diesem Gespräch, ist also klar festgelegt.

Na ja, er verwechselt den Film zuerst auch mit „Dolce Vita“, wird dann auch noch etwas pampig und sagt: „,Acht Frauen‘ fand ich aber besser.“ Das ist eben so die Art, wie er reagiert. Warum sollte er das mir gegenüber anders tun als bei seinem Chef oder einen Freunden? Und als ich auf seine Frage, wie es jetzt bei mir weitergehe, anfange, eifrig zu erzählen, da schaut er einfach weg und sagt: „Herr Reiche, ich muss …“ Er fand es wohl wahnsinnig interessant, mit mir zu plaudern. (lacht)

Und wie geht es weiter?

Ich führe es ja in der letzten Folge vor, indem ich von anderen Comics träume – auf eine Art, wie man es auch nur im Comic machen kann, mit kleinen Traumbläschen. Ich habe darüber nachgedacht, was den Vorteil von Comics gegenüber der Literatur ausmacht. Wenn ich als Prosaschreiber alles das in Buchstaben und Worten ausdrücken wollte, was ich zeichne, würde das unendlich mühsam und hölzern werden. Hier kann ich mich zeigen, wie ich ihm über meine Zukunftsträume berichte, und er schaut einfach schon weg. Man sieht, er hat andere Dinge zu tun. Wenn ich das mit Worten ausdrücken müsste, dann müsste ich schreiben: „Der Junge Mann war desinteressiert, in Gedanken schon ganz woanders“, man müsste die Situation beurteilen, was sonst der Betrachter macht. Das ist sehr schwierig. Ich habe einmal fürs Radio eine „Strizz“-Folge aufgeschrieben, weil man da ja keine Bilder zeigen konnte, also als Erzählung. Dabei ist mir erst einmal aufgefallen, wie lang diese Geschichte wird, wenn man sie nicht als Comic zeichnet, sondern Gehalt und Stimmung des Geschehens in Prosa setzt. Gerade bei einer Figur wie Strizz: Das ist jemand, der Körpersprache benutzt, der seine Hände, seine Arme einsetzt und dann wie ein Italiener redet, mit großer Gestik. Im Bild zeige ich das. In einem bloßen Text müsste ich das beschreiben. Da stünde dann: „Der junge Mann warf seine Arme beim Reden extrem hoch.“ Das wäre dann eine Festlegung. Im Comic überlasse ich es dem Leser zu entscheiden, ob die Gestik übertrieben ist oder zu dieser konkreten Figur passt.

Möchte man aber gerade so etwas als Leser nicht vom Erzähler abgenommen bekommen?

Das ist doch keine Mühe für den Leser. Der denkt darüber nicht nach. Er nimmt das hin und erkennt irgendwie die Stimmung dieser Figur. Nichts dazu wird beschrieben, es wird alles gezeichnet, und während man die Sprechblase liest, rundet sich dazu das Bild ab, weil die ganzen Emotionen nur durch Körpersprache vermittelt werden – es wird alles gezeigt. Das ist ein sehr spezieller Vorteil des Comics gegenüber der Literatur.

Der letzten Folge können wir aber auch entnehmen, dass der bisherige Comiczeichner sich mit dem Gedanken trägt, nunmehr Prosa zu schreiben. Wenn das vergleichsweise so umständlich ist, wie würde dann ein Roman von Volker Reiche geschrieben sein – nach all den Jahrzehnten als zeichnender Erzähler?

Schon bevor ich ernsthaft als Comiczeichner gearbeitet habe, also noch vor „Mecki“, hatte ich einiges an Prosaentwürfen gemacht, Dinge für die Schublade ausprobiert. Das ist schon etwas, was mich reizt. Wenn ich das auf den Comic beziehe, interessiert mich an der Literatur die völlige Abstraktion. Ich habe kleine Zeichen, Häkchen und Striche in den Buchstaben, und damit wächst die ganze Welt. Das ist nun keine Neuigkeit, aber darin liegt der Reiz: Dass ich aus der absoluten Abstraktion der Buchstaben heraus dem Leser die verdammte Pflicht und Schuldigkeit aufbürde, gemäß der Anordnung dieser Zeichen in seinem Kopf diese ganze Welt entstehen zu lassen.

Das gelingt Proust im Fall des Madeleine-Erlebnisses aus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ auch mit Tee.

Ja, aber eben im Roman. Er ist schon abstrakter, aber eben auch etwas weniger naiv als ein Comic. Sosehr ich mit dieser Form des Zeitungscomics auch ernste Themen wie Terror oder Krieg thematisiert habe – wenn man zum Beispiel an Berres denkt mit seinem kriegszerbombten Haus oder an den Vater von Herrn Leo, dessen Nachkriegszeit beschrieben wird, wo er als alter Nazi wieder sehr schnell in den Startlöchern steht, weil Leute, die wie er sich auskennen, von den Alliierten gebraucht wurden -, so kommt man doch zum Schluss, dass man, wenn man einen Tagescomic macht mit mehr oder minder putzigen Figuren, auch bestimmte Erwartungen zu erfüllen hat: dass es lustig sein möge. Und das steht im Empfängerhorizont klar im Vordergrund. Weil ich in jeder „Strizz“-Folge meine E-Mail-Adresse angegeben habe, haben sich im Laufe der Jahre viele tausend Kommentare angesammelt, und ich war lange Zeit sehr verblüfft, wie sehr sich diese Mitteilungen auf die Eigenschaften der Personen bezogen, fast nie dagegen auf die Situationen. Selbst wenn ich manchmal gedacht habe, ich wäre sehr hart mit Schröder umgegangen, hätte ziemlich an Westerwelle herumgemäkelt oder ein Schweinchen genommen und gesagt: Das ist jetzt Quickie-Kurti-Beck (falls sich außerhalb von Rheinland-Pfalz noch jemand an den erinnern kann), wurden solche Dinge konsequent ignoriert. Dagegen kamen viele Anregungen zur Weiterentwicklung des privaten Geschehens, vor allem im Hinblick auf engere familiäre Bindungen. Bevor Irmi und Strizz heirateten, wurden der jungen Braut bessere Ehepartner vorgeschlagen, der gestandene Herr Leo etwa, der Altersunterschied falle heutzutage gar nicht mehr ins Gewicht. Ältere Spanplattenproduzenten könnten durchaus eine jüngere Frau heiraten, zumal, wenn sie auch noch Künstlerin ist. Derartige Fragen haben für meine Leser eine große Rolle gespielt. Wenn ein Moralschriftsteller oder auch ein Journalist seine Kommentare abgibt, dann packt er sie nicht in eine solche Rahmenerzählung ein, und deshalb geht man da auch auf die Dinge selbst ein.

Das war also eine Verlusterfahrung.

Ich bildete mir ein, der Kerninhalt meines Comics sei Politik und wie der Bürger darauf reagiert. War aber nicht so. Kerninhalte sind die Familienkonstellation, wer ist nett, wer ist gemein, wer kann dichten. Bein Herrn Paul etwa, dem heimlichen oder besser unheimliche Helden der meisten Leser, war es denen reichlich egal, ob der während der Bundespräsidentenwahl auch Bundespräsident innerhalb der Friedrichstraße werden wollte. Es ging darum, ob es nicht zu weit ginge, wenn er dem Tassilo mit der Kralle durchs Fell fährt.

Aber es ist doch das beste Zeichen für einen Fortsetzungscomics, wenn die Leser sich dermaßen mit den Figuren identifizieren. Es ist doch gerade das klassische Prinzip des Comic-Strips, einen beschränkten Kosmos vorzuführen. War der Plan für „Strizz“ zu Beginn ein anderer?

Nein, natürlich nicht. Trotzdem bin ich überrascht, dass meine Vorstellung, einen dezidiert politischen Comic zu zeichnen, in dem nicht der einzelne Politiker analysiert und kritisiert wird, wie es ein Satiriker machen würde, sondern eine Familie gezeigt wird, die etwas im Fernsehen sieht oder in der Zeitung liest und darauf reagiert, nicht als solche wahrgenommen wird. Meine Figuren kommentieren, was sie beobachten und das durchaus streitig: Mal sagt dieser das und jener etwas anderes. Das schätze ich, weil meine Leser dann nicht leicht sagen können: Aha, der Herr Reiche sieht das jetzt so. Stattdessen kritisiert der Dackel Müller vielleicht die Banker, und Herr Paul wiederum findet deren Verhalten ganz gut, weil aus der Eurokrise vielleicht mal eine Katzgourmet-Währung entstehen könnte.

Und welche der Figuren ist am ehesten Volker Reiche?

Es geht nicht um meine politische Meinung. Mich interessieren die unterschiedlichen Herangehensweisen. Da kann man sagen, die eine Figur stehe mir näher als eine andere. Wenn der Dackel Müller versucht, erst einmal zu bedenken, was er aus Zeitung oder Fernsehen erfährt, und es abzuwägen, dann entspricht das eher meinen Vorstellungen als die Strategie von Herrn Paul, aus allem, was er hört, sofort egomanisch-egozentrisch jenen Teil herauszunehmen, der ihm passt. Wenn der im Haushalt seines Herrchens hört, es gibt Krieg, Afghanistan-Krieg, dann geht er sofort raus, sucht sich seine drei Vögelchen, bildet eine Truppe und schleift die – im Ton eines amerikanischen Drill-Sergeants. Ich glaube, dass ich mit dieser Art meinen Freunden doch heftig auf die Nerven ginge.

Die intelligenten Tiere sind ja eine Besonderheit von „Strizz“. Die Comicgeschichte kennt so etwas, aber die geteilte Welt in normale Menschen und nicht nur mitdenkende, sondern vor allem miteinander interagierende Tiere ist außer im Falle der „Peanuts“ unbekannt – und da ist die Tierwelt eine eher versponnene, während Herr Paul und Co. mit demselben Ernst debattieren wie etwa Strizz. War das ursprünglich so geplant?

Tiere und Menschen in „Strizz“ bedeutet zunächst Folgendes: Die Distanz sprechender Tiere, zu dem was sie sagen, ist größer als bei den Menschen, weil sie sofort als komische Figuren erkennbar sind. Einem munter plaudernden Hund in seiner Hütte lässt man mehr durchgehen. Wenn ich die Tiere habe agieren lassen, war es deshalb einfacher. Bei den Menschen muss man mehr auf Stimmigkeit achten. Das wurde mir allerdings von den Lesern auch gedankt. Die Leute lieben zwar den Herrn Paul, aber wiedergefunden haben sie sich in den Menschen von „Strizz“. Zumal ich im Gegensatz zu den meisten jüngeren Comiczeichnern als schon etwas gereifter Herr auch verschiedene Altersgruppen von Personen auftreten lasse. Das war von Beginn an geplant. Wichtig ist wieder die Glaubhaftigkeit. Herr Leo, die Großmutter oder Frau Gerhardt sind nicht mehr die Allerjüngsten, und so dürfen sie sich auch nicht benehmen. Sie müssten jederzeit in einer Fernsehserie auftreten können – na ja, in einer früheren zumindest, wie der „Familie Hesselbach“. Normale Verhältnisse eben. Das entspricht eher meinem Alter. Mir ist es sympathischer, wenn es sich bei Herrn Leos Firma um eine kleine Spanplattenfabrik handelt und nicht um einen Riesenkonzern, auch wen ich weiß, dass deren Wirkung auf unsere Leben im Guten wie im Bösen bedeutsamer ist.

Auf den ersten Entwürfen, die im Januar 2002, vier Monate vor dem Start von „Strizz“, für die F.A.Z. entstanden sind, findet sich ein ganz kleine Gruppe: Strizz, Herr Leo, Irmi, eine Sekretärin, die anfangs nicht umgesetzt worden ist, aus der aber später wohl die Idee zu Frau Gerhardt entstand, Rafael sowie nur zwei Tiere, Müller und Herr Paul, letzterer noch unendlich viel dicker als er dann werden sollte. Das war ein winziges Ensemble. Ergaben sich die weiteren Figuren aus Zufall oder ließ der Künstler nur nicht direkt alle Ideen nach außen?

Es ist zunächst mal den 1800 Folgen geschuldet, dass sich da einiges entwickelt. Für bestimmte Situationen ist neues Personal ganz gut. Das ist die eine Sache, die jeder Fortsetzungsromanautor auch so machen würde. Eine andere ist, dass manche Figuren vom Publikum auch geradezu angefordert wurden. Nehmen wir nur die alten Spielzeuge von Rafael. Am Anfang waren das Dino, ein männlicher Saurier, Driver, ein männlicher Blechautofahrer, die Herren Teddy und Krock, das Krokodil, und dann wurde mir von einem Mädchen geschrieben, dass es so traurig sei, dass keine weiblichen Stofftiere vertreten sind. Deshalb habe ich die Giraffe Leonie eingeführt, die auch nach der jungen Leserin benannt wurde. Und zur selben Zeit hatten mir die Sekretärinnen des F.A.Z.-Feuilletons mitteilen lassen, dass sie meine Serie ja sehr schätzten, aber sie doch etwas einseitig männlich fänden. Da bin ich in mich gegangen, und so wurde die Rolle von Irmi immer größer, und Clara kam als Freundin von Rafael dazu. Gut so: Die ganzen weiblich-männlichen Spannungen zwischen Strizz und Irmi, Rafael und Clara oder dem Chef und Frau Gerhardt sind natürlich ein wundervolles Thema für einen Comiczeichner.

Auch da haben die „Peanuts“ von Charles Schulz einen ähnlichen Verlauf genommen, indem dort in gewissen Abständen immer wieder neue Figuren ergänzt wurden, aber eine andere Comicserie, die auch ihren Platz im Pantheon des „Strizz“-Zeichners hat, nämlich „Calvin und Hobbes“ von Bill Watterson, hat sich zehn Jahre lang auf nur vier Hauptfiguren gestützt: Vater, Mutter, deren kleinen Sohn und dessen Stofftiger. Es geht also doch auf Dauer auch mit winzigem Personal.

Interessant ist, dass „Strizz“ von Beginn an einer formale Vorentscheidung unterworfen war, die mich überrascht hatte, obwohl ich ja den Vorläufer im Feuilleton kannte, Steven Applebys „Normales Leben“. Auf dessen Formatvorgaben war auch „Strizz“ festgelegt, und da wurde mir klar gesagt, es wäre doch schön, einen zweireihigen Strip zu bekommen, denn genug Platz habe man ja. Also war da nicht an das klassische Drei- oder Vier-Panel-Format amerikanischer Tagesstreifen à la „Peanuts“ zu denken. Ich konnte in zwölf Panels erzählen, und das entspricht dem üblichen Inhalt einer ganzen Albumseite. Dieser ungewöhnlich große Umfang ließ aber auch nicht die übliche Erzählweise von Comic-Strips zu, die ja auf einen Gag hinauslaufen – der bisweilen auch auf einem deprimierten Ton ausklingen kann. Gerade Schulz hat das ja zur großen Kunst entwickelt. Wenn man aber zwölf Bilder hat, dann muss man zwangsweise anfangen zu erzählen. Elf Bilder lang einen sprachlichen Schlussgag vorzubereiten, ist unmöglich, das wäre ein breitgetretener Strip. Es musste also täglich eine richtige Geschichte her und eine entsprechende Erzählstruktur: mit Anfang, Mittelteil und Ende. Und das Ende muss nichts besonders Knalliges sein, sondern es verträgt auch ein einfaches Ausblenden – was ausgesprochen reizvoll sein kann. Ich erzähle also eine Geschichte und schaue, wann sie ihr mehr oder minder plausibles Ende erreicht, damit der Leser sich nicht fragt: Wie geht es jetzt weiter?, sondern zufrieden murmeln kann: „Aha, wieder mal einen Blick getan in diese merkwürdige Welt von Strizz und seinen Leuten.“

Und wann fiel die Entscheidung, jeweils tagesaktuell zu produzieren, also so gut wie nie Folgen vorzuzeichnen? Das ist meines Wissens der einzige Fall in der Comicgeschichte, dass jemand seine Folgen wirklich erst an dem Tag anfertigt, an dem sie dann auch gedruckt werden.

Ich hatte den festen Willen, mich politisch zu äußern, auch von meinen Vorbildern her wie Gary Trudeau mit seinem Comic-Strip „Doonesbury“. Jeden Tag in Zeitungen und ins Fernsehen zu schauen, um zu sehen, was um mich herum weltpolitisch los ist, das interessiert mich. Und dann ist es nur konsequent, auch im Comic die Frage zu beantworten: Was beschäftigt mich? Was ist heute los? Was macht Schäfer-Gümbel, oder, um einen etwas bekannteren Namen zu nennen, wie streitet sich Stoiber mit Merkel. Ja, das ist lange her, aber so lange ist „Strizz“ eben gelaufen. Herrliche Sache, wenn ich im Internet auf Faz.net oder Spiegel.online eine Eilmeldung sehe und noch genug Zeit habe, das Ereignis in die am kommenden Tag erscheinende Folge einzubauen. Im politischen Teil der F.A.Z. wird es ja auf jeden Fall aufgenommen werden und im Feuilleton nicht selten auch. Schön also, wen ich dann mit meinen Hündchen und Kätzchen als weitere Stimme noch dazukommen.

Das wurde dann ja auch durchaus von den Lesern als zusätzlicher Kommentar wahrgenommen.

Ja, aber das liegt an der Form, die meine Sache hatte. Ein Journalist sollte sich, wenn er eine Eilmeldung liest, zu einer bestimmten Einschätzung durchringen. Darum geht es in „Strizz“ gerade nicht. Jede Figur sieht da das Ereignis aus ihrer Perspektive. Wenn es etwa heißt: Das Rentenalter wird von 65 auf 67 erhöht, dann hat das eine andere Bedeutung aus der Sicht des Angestellten als aus der des Chefs. Also kann ich mit der politischen Meldung spielen und spekulieren, wie der einzelne Bürger auf solche Neuigkeiten reagiert.

Aber die Fäden im Spiel zieht doch noch der Zeichner?

Klar. „Strizz“ ist eben doch nicht, wie vom mir in der heutigen letzten Folge behauptet, eine Doku-Soap, sondern die Serie ist Reiches Traum, wie die Welt sein könnte. Eine Welt, in der sich das ganze Jahr lang die Eltern und die Kinder und sogar noch die Stofftiere Gedanken machen, was politisch passiert, und dann darüber reden, diskutieren und Wort finden für Politik. Und das ist in Wirklichkeit ja gar nicht der Fall. Man muss nur eine echte Doku-Soap aus dem Prekariat anschauen, dann sieht man, dass die Beteiligten durchaus nicht über Politik sprechen. Vier Prozent FDP oder achtzehn, das ist denen herzlich egal. Wenn ich es ganz geschwollen ausdrücken wollte, würde ich „Strizz“ als Schule der Demokratie bezeichnen. Eine demokratische Idylle: Die Personen gehen rücksichtsvoll miteinander um. Selbst der rücksichtslose Herr Paul handelt ja nie so, dass man sagen könnte, jetzt wird er gemeingefährlich. Seine Freunde, die Hunde und Katzen und Vögel, behalten ihn in ihrem Kreis, als Egomanen, mit dem man aber reden kann. Das ist meine Hauptthese in mehr als acht Jahren „Strizz“: Die Leute wollen nicht spielen, sie wollen reden. Reden, reden, reden. Das ist die Essenz unserer westlichen Demokratie: den Dingen auf den Grund gehen. Und dann unser Licht leuchten lassen. Rafael etwa fragt sich, was eine christliche Wertegemeinschaft denn ist. Die wird von Leuten wie Angela Merkel ja nur kurz und kommentarlos beschworen, und prompt machen sich meine „Strizz“-Figuren über Wochen und Monaten tiefe Gedanken, was denn damit verbunden sein kann: Wie stehe ich da? Was ist Weihnachten? Was ist Ostern? Wie betrifft uns das alles? Das sind doch traumhafte Bedingungen. Ich hoffe nur, dass es auch wirklich so etwas gibt. Muss es aber ja, sonst hätten wir ja in Deutschland  nicht seit mehr als sechzig Jahren eine Demokratie. Ein streitiger Diskurs, der aber nicht auf die Vernichtung des Gegners hinausläuft, das ist die Essenz unserer Demokratie. Und insofern war „Strizz“ Schule der Demokratie von Beginn an.

Wenn man sich die frühen Reiche-Underground-Comics aus den siebziger Jahren anschaut, „In Biblis ist die Hölle los“ zum Beispiel, dann reden die Figuren auch da schon die ganze Zeit, aber sie tun es alle aus einer festen linken Überzeugung heraus. Oder „Willi Wiedehopf“, dessen Titelheld ein Egozentriker wie Herr Paul ist, aber keinen ihm in seiner Wortgewalt gewachsenen Gegenpart hat. Dagegen bietet „Strizz“ reflektiertes Reden aus multiperspektivischer Sicht. Warum nicht schon früher so?

Man bekommt ja nicht alle fünf Minuten angeboten, eine Comicserie für die F.A.Z. zu machen.

Aber eine gute Idee kann man auch in anderer Form veröffentlichen.

Aber es ist ein Unterschied, ob man mit einem Comic in einer so wichtigen Tageszeitung abgedruckt wird. Und dann noch verbunden mit der Möglichkeit, genau so etwas zu machen: politisch kommentieren.

Und wo bleiben die Feinde der Demokratie in „Strizz“? Die gibt es ja nun einmal im wahren Leben. Doch ernsthafte Herausforderungen existieren in der idealtypischen Diskurswelt von „Strizz“ nicht. Niemand verweigert sich dem Gespräch. Ist das nicht ein Nachteil der Serie?

Wenn ich es kritisch sehen will, muss ich sagen, „Strizz“ ist eine harmonistische oder zumindest harmonische Idylle. Ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich das ändern sollte. Aber es entspricht meinem Charakter: Ich bin ein freundlicher Mensch. Das ist die eine Sache. Die andere ist: Ich liebe die Figuren, die ich da zeichne. Deshalb bin ich kaum in der Lage, sie richtig bösartig agieren zu lassen. In Joann Sfars großartigem Comic „Die Katze des Rabbiners“ gibt es einen Kater, der einen Papagei umbringt. Und der Papagei ist wirklich tot, Feierabend. Bei so etwas würde sich meine Feder sträuben: Herr Paul bringt keine Tiere um. Insofern ist „Strizz“ ein wenig realistischer Blick auf die Welt. Das war mir klar, und der andere Blick hat mir gefehlt, ohne dass ich es hätte ändern können. Denn natürlich glaube ich nicht, dass alles wunderbar ist, wenn wir nur miteinander reden. Angeber und Wichtigtuer haben leider meist keinen guten Kern. Wohin man auch blickt, sieht man, dass es unendlich viele Bösewichter gibt: Mörder, Vergewaltiger, Mädchenhändler, Päderasten. Wir wissen doch, dass in dem Moment, in dem wir hier so schön friedlich beim Wein zusammensitzen, überall auf der Welt gemordet und gefoltert wird. Überall ist die Hölle los. Aber mit diesen Dingen würde ich den so freundlich angelegten Comic „Strizz“ überspannen. Es gibt zwar Formen, wie man auch damit umgehen kann: wenn Rafael etwa in den Fernsehnachrichten einen Kriegsschauplatz im Irak sieht und dann meint, bei sich zu Hause abgerissene Beine herumliegen zu sehen, oder Omi fragt, ob sie nachsehen könne, dass sich niemand unter seinem Bett versteckt. So kann man über diese Dinge im Comic erzählen, aber weil die Figuren alle niedlich aussehen, muss ich aufpassen, wie weit ich gehen kann, ohne den Comic zu zerreißen.

Ein Zwiespalt also?

In Jonathan Franzens Roman „Freiheit“ tritt ein Rockmusiker auf, der irgendwann sagt: Völlig egal, welchen Musiker man sich ansieht, selbst Dylan, wir produzieren immer nur Kaugummi, irgend etwas für die Leute zum Kurzverbrauch. Darin steckt eine kleine Wahrheit. Auch „Strizz“ dient dem Kurzverbrauch, die einzelne Folge wird in sechzig Sekunden gelesen – aus die Maus. Man liest das nicht zweimal. Insofern stelle ich Kaugummi her, ein Unterhaltungsprodukt. Aber das ist, wenn überhaupt, nur die halbe oder eine Viertelwahrheit. Wenn Bob Dylan ein Lied schreibt wie „The Times They Are A-Changin'“, das Millionen Jugendliche auf der ganzen Welt berührt, dann wird ein bestimmtes Gefühl, eine bestimmte Sehnsucht nach politischer Beteiligung artikuliert. Und dann hat ein politisches Subjekt gesprochen, das weit mehr will, als bloß mit Kaugummi etwas Geld zu verdienen. Und so ist es – hoffe ich zumindest, und Leser haben es mir wiederholt bestätigt – auch mit „Strizz“. Manche finden darin etwas, dass sie sonst nicht gelesen haben, und dann ist es egal, ob die Sache in einer oder zwei Minuten am Frühstückstisch gelesen wird- für diesen Augenblick haben sie bemerkt, dass in einer Familie ein Onkel mit seinem Neffen ernsthaft über Politik reden kann. Der Gegensatz zwischen dem Großen und dem Kleinen wird dadurch aufgehoben, dass der Kleine gute Argumente hat und der Große untergebuttert würde, wenn er nicht reagierte. Und der Leser merkt, dass er daran teilnimmt, wie es in der Fantasy-Literatur heißt, „das Licht zu stärken“.

„Die gute Seite der Macht“…

Genau. Und die dunkle Seite der Macht wird in dem Augenblick etwas zurückgedrängt, wenn man „Strizz“ liest.

Wenn der Anspruch so hoch ist, warum geht es dann mit „Strizz“ nicht weiter? Geht es nun hinüber auf die dunkle Seite der Macht?

Es wäre sicher verlockend, Comics über die dunkle Seite der Macht zu schreiben. Das glaube ich wirklich. Und es gibt viele Beispiele, dass das auch gelingen kann. Aber gerade in diesem Aspekt halte ich die Möglichkeiten der Literatur für größer. Was ich mir aber gut vorstellen könnte, wäre, einen Roman und gleichzeitig eine Comicversion davon zu veröffentlichen. Das wäre ein hochinteressantes Experiment.

Also nicht in einem einzigen Buch?

Nicht miteinander in einem Buch verbunden. Ob das ein Verleger spannend finden würde, ist eine ganz andere Frage.

Und eine letzte Frage an den politischen Beobachter hinter „Strizz“: Die Serie begann mit einer Folge, in der „Projekt 18″ der FDP kommentiert wurde. Jetzt hört der Strip auf in einem Moment, wo vielleicht von der FDP bald „Projekt 5″ ausgerufen werden muss. Werden da nicht bisweilen die Finger jucken? Oder wird beim Beobachter Volker Reiche die Neugier nachlassen?

Hm, angesichts meiner Begeisterung für „Strizz“ eine berechtigte Frage. Mit dem gern zitierten Bild vom Haus, das viele Zimmer hat, kann ich meinen Abschied von „Strizz“ vielleicht am besten erläutern. Die Serie ist bei mir kein Haus, sondern ein großes Wohnzimmer, in das ich nach und nach immer mehr Menschen und Tiere einlade, um sie zu beobachten und mir Geschichten erzählen zu lassen. Ich kann da als Gastgeber nicht meckern, meine Gäste sind von Herrn Strizz bis zu Herrn Paul meines Erachtens faszinierende Persönlichkeiten. Aber achteinhalb Jahre mit denselben Leuten im Wohnzimmer? Da mag ihr Geplauder noch so anregend bleiben – irgendwann stelle ich fest, dass ich die Bande in- und auswendig kenne. Und irgendwann fängt der charmanteste Spanplattenverkäufer an, sich zu wiederholen. Und da sind diese Türen im Wohnzimmer! Wohin mögen die führen? Du kennst Blaubarts Frau: Türen zu unbekannten Räumen sind letztlich unwiderstehlich. Nicht für jeden, es gibt auch den nie erlahmenden Über- und Dauergastgeber, der sich auch nach Jahrzehnten noch mit Begeisterung merkt, was seine Gäste erzählen. Gerade unter Comicautoren. Carl Barks, der 6500 Donald-Duck-Seiten zeichnete, George Herriman, der jahrzehntelang „Krazy Kat“ treu blieb und Charles Schulz, der bis zu seinem Tod von den „Peanuts“ erzählte, um nur einige meiner Comic-Hausgötter zu nennen.  Aber bei mir sind’s doch die Türen. Hinter der ersten piepsen Farbtuben mit den feinsten Stimmchen: „Wir sind die besten Künstlerpigmente!“, und im Hintergrund steht mein Kunsthändler und ruft: „Maler, male! Wir haben viel vor!“ Hinter der zweiten wartet Die Große Form , der große Roman, gleich, ob gezeichnet oder geschrieben. Hinter der dritten – nichts. Dolce far niente? Nö, doch nicht mein Ding. Hinter der vierten vielleicht das Rauschen des Meeres und der Schlagerheld meiner Jugend, Freddy Quinn, der vom Fernweh singt. Allerdings nicht ganz so einfach zu realisieren, da unsere Katze Paulinchen der häusliche Typ ist und wenig von Katzenpensionen hält. Hinter der nächsten Tür eine riesige Bibliothek – nicht gerade schale Genüsse.

Genug gute Gründe aufzuhören jedenfalls.

Na ja, alles nicht neu, jeder Rentner überlegt sich diese Dinge, aber spannend ist es gewiss. Erzähler jedoch werde ich sicher bleiben, bis ich die Radieschen von unten sehe.

 

 

 


2 Lesermeinungen

  1. Hallo Herr Platthaus,...
    Hallo Herr Platthaus, vielleicht ist mein erster Kommentar zu ihrem Blog „zwischen den Jahren“ verlorengegangen – daher hier nocheinmal: Auch Berkeley Breathed’s „Bloom County“ (1980-89) lebte von einer „Welt [geteilt] in normale Menschen und nicht nur mitdenkende, sondern vor allem miteinander interagierende Tiere,“ also dass ist nicht nur ausser „im Falle der „Peanuts“ unbekannt,“ wie Sie schreiben. Auf ein gutes Neues Jahr!

  2. Auch in "Bloom County" von...
    Auch in „Bloom County“ von Berkeley Breathed (1980-89) gibt es eine „geteilte Welt in normale Menschen und … miteinander interagierende Tiere,“ also nicht nur in „Strizz“ und „Peanuts,“ wie hier von Herrn Platthaus inkorrekt behauptet. – Ansonsten Volker Reiche vielen herzlichen Dank – und manche seiner Strips wurden schon mehr als einmal von dem gleichenden Lesenden genossen!!

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