Comic

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Nicht nur bei der Bahn wird gestreikt

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So ruiniert sich ein Verlag sein Imaga: L'Association, der erste Verlag, dem es als selbständige Gründung von Zeichnern gelungen ist, sich auf dem französischen Comicmarkt nicht nur zu behaupten, sondern dort Schule zu machen, wird von seinen Angestellten bestreikt. Plötzlich steht jean Christoph Menu, der Verlagschef, wie ein Ausbeuter da.

Wenn die Bahn streikt, merken das alle, und sei es nur, daß die Autostraßen voller werden. Wenn der wichtigste französische Comicverlag der letzten zwanzig Jahre bestreikt wird, merkt es kaum jemand. Auf dem Comicfestival von Angoulême konnte deshalb der Stand von L’Association zunächst gar nicht öffnen. Seitdem sind sechs Wochen vergangen, aber die Lage hat sich nicht entspannt.

Hintergrund ist die im Dezember 2010 angekündigte Streichung von drei oder vier Stellen. Genau will sich der Verlagschef Jean Christophe Menu, selbst ein bekannter Comiczeichner und vor mittlerweile zwei Jahrzehnten gemeinsam mit Kollegen wie Lewis Trondheim, David B. oder Killoffer Gründer von L’Association, auf die Zahl nicht festlegen – was einiges heißen will, denn es gibt überhaupt nur sieben Angestellte bei L’Association. Als Begründung nennt Menu die schlechte Ertragslage. Das ist bei L’Association nichts Neues; der Verlag schrammte in den ersten zehn Jahren seines Bestehens immer nur knapp an der Pleite vorbei, ehe der Riesenverkaufserfolg von Marjane Satrapis „Persepolis“ viel Geld in die Kassen spülte. Fortan schöpfte Menu aus dem Vollen: Es wurden noch mehr Titel als zuvor schon verlegt, in größeren und aufwendigen Formaten, und neben die Neuerscheinungen der jungen, sich ständig ausweitenden Zeichnerschar um die Gründer von L’Association traten auch Klassikernachdrucke. Alles wäre mutmaßlich sogar gut gegangen, wenn Menu, der als wenig kompromissbereiter Mensch gilt, sich nicht mit den meisten Zeichnern verkracht hätte, die den Laden durch ihre bekanntheit finanziell am Laufen hielten. Lewis Trondheim, David B., Joann Sfar und Emanuel Guibert haben die Association mittlerweile offiziell verlassen.

Marjane Satrapis Dauerseller kaschierten etliche Jahre, daß nichts kommerziell Erfolgreiches aus dem Association-Programm nachkam. Aber dann entdeckte die Comiczeichnerin den Film für sich und fällt seitdem als sichere Lieferantin von Bestsellern aus. Pech, denn verdienstvoll sind die bislang querfinanzierten Publikationen des Hauses nach wie vor. Auch werden immer noch Talente in großer Zahl aufgetan, denn der Name „Association“ ist unverändert ein Nimbus. Aber von Zeichnern eigenverwaltete Verlage gibt es mittlerweile in Frankreich einige, und die großen Publikationshäuser haben in den letzten Jahren Imprints eingerichtet, in denen Leute wie Sfar oder Trondheim ihren Leidenschaften frönen können. Die Exklusivität von L’Association als der einzige Ort, wo Zeichner sich nach Lust und Laune verwirklichen konnten, ist weg.

Also mag der von Menu angestrebte Sparkurs durchaus konsequent sein. Entlassungen passen jedoch nicht zum Image des Hauses. Was dagegen dazu paßt: Die drei oder vier Mitarbeiter, die ihren Job behalten hätten, erklärten sich mit den von Ebtlassung bedrohten Kollegen solidarisch. Seit dem 10. Januar wird gestreikt, und in Angoulême merkten es dann endlich auch die Insider. Menu steht seitdem wie ein Ausbeuter da, obwohl er nicht mehr ist als ein Egozentriker. Schon hat sich eine Solidaritätsgruppe gebildet, die sich darum kümmert, daß die Streikenden einen Ausgleich für ihr seit Januar ausfallendes Gehalt bekommen. Zahlreiche Zeichner beteiligen sich mit zur Verfügung gestellten Originalarbeiten an einer Solidaritätsauktion, auf der täglich im Internet ein neues Objekt angeboten wird (https://www.soutienasso.fr/). Der Erlös für die angebotenen Arbeiten kommt in voller Höhe den sieben Streikenden zugute. Bislang waren immerhin schon so große Namen wie Riad Sattouf, Èmile Bravo und natürlich David B. und Trondheim als Spender von Originalen vertreten.

Daß in Frankreich viel zu viele Comics erscheinen – selbst für diesen im Verhältnis zu Deutschland schier unersättlichen und vor allem neugierigen Markt -, ist schon lange angemahnt worden. Daß es ausgerechnet L’Association als ersten größeren Verlag treffen würde, war auch keine Überraschung – zu wagemutig ist Menus Publikationspolitik, die alles Geld sofort wieder in neue Projekte steckt. Aber daß daraus ein Arbeitskampf entstand, der nebenbei auch das Image des Verlags zu ruinieren droht, das war nicht abzusehen. Menu hätte man zugetraut, mit fliegenden Fahnen unterzugehen, nicht aber, das stolze Schiff in letzter Sekunde noch in ein Rettungsboot umbauen zu wollen, um sich selbst irgendwie an Land zu bringen. So sieht es derzeit leider aus. 


1 Lesermeinung

  1. Die GDL und die Bahn spielen...
    Die GDL und die Bahn spielen für die Öffentlichkeit doch nur eine Charade.
    Wer hat den mehr Interesse als die Bahn selber, dass die Löhne für alle Wettbewerber auf das gleiche Niveau gehoben werden.
    Die Bahn kann Ihre Monopolstellung weiter stabilisieren und die privaten Wettbewerber verlieren wieder den Boden, den sie gerade durch mehr Qualität und Service gegenüber der Bahn gewonnen haben.
    Zudem sichert sich der Staat den Mehrerlös aus der Bahn AG.
    Die privaten Wettbewerber der Bahn und die Verbraucher sind die Verlierer.

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