Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kann man ein Konzert zeichnen?

Zu Ehren von Georges Brassens hat Joann Sfar, der Tausendsassa des französischen Comics und einer der größten Bewunderer des Chansoniers, ein Konzert organisiert, zu dem er selbst spontan zeichnet.

Machen wir es einmal anders als üblich. Nehmen Sie sich hundert Minuten Zeit und gehen Sie auf https://www.citedelamusiquelive.fr/Genre/chanson.html. Dort finden Sie den Mitschnitt eines Konzerts, und um dieses Konzert geht es in diesem Blog. Das Konzert hat viel mit Comics zu tun, und ich war nicht nur im Saal dabei, sondern ich habe auch eine dezidierte Meinung dazu. Aber die sollten Sie erst lesen, wenn Sie sich selbst ein Urteil gebildet haben. Sofern Sie eben hundert Minuten Zeit haben (und davon können Sie die ersten acht ersten Minuten des Mitschnitts vernachlässigen, denn erst dann geht das eigentliche Konzert los).

Wobei die ersten acht Minuten wiederum zeigen, was das Konzert, das am 16. März in der Pariser Cité de la musique stattfand, für den Comic interessant machen wird. Man sieht nämlich bereits (eher schlecht als recht) eine Hand, die etwas zeichnet, und diese Hand gehört Joann Sfar. Regelmäßigen Lesern muß ich nicht erklären, wer das ist. Der mittlerweile fast vierzigjährige französische Zeichner gehört zu meinen absoluten Favoriten. Er kann fast alles, und er versteht von allem was. Unter anderem auch von Musik. Er liebt zum Beispiel Georges Brassens, und das zeugt von gutem Geschmack. Und weil er Brassens so liebt, hat Sfar selbst die Rolle des 1981 gestorbenen Chansonniers übernommen, als er ihn 2010 in seinem Spielfilm „Gainsbourg – Vie héroique“ auftreten ließ. Und weil er das so überzeugend tat, hat ihm die Cité de la musique, das staatliche französische Zentrum für Musik den Vorschlag gemacht, die große Ausstellung zum neunzigsten Geburtstag von Brassens zu kuratieren. Und weil Sfar alles, was er anpackt, toll macht (auch wenn ich keine Ahnung hat, wo er die Zeit dazu hernimmt), ist auch die gerade eröffnete Brassens-Ausstellung großartig geworden. Und der Katalog enthält einen umfangreichen Comic von Sfar über Brassens und zahllose Zeichnungen. Aber darum soll es hier gar nicht gehen.

 

Sondern um das Konzert, das zum Start der Ausstellung veranstaltet wurde: „Brassens aujourd’hui“ lautete sein Titel – Brassens heute. Und organisiert hat es niemand anderer als Sfar, der auch selbst teilnahm: als Zeichner eben, der zu den Klängen der eingeladenen Musiker live auf der Bühne zeichnete, was über eine Videokamera auf eine riesige Leinwand über die Interpreten projiziert wurde. Und einmal sang er auch, eine Strophe aus „Le roi“, einem Brassens-Chanson von 1972, recht spät also. Das Lied bietet den Vorteil, daß in jeder Strophe zwei Verszeilen wiederholt werden, ehe dann der Refrain einsetzt: „Mais il y a peu de chances qu’on / Détrône le roi des cons“ (Aber es gibt kaum Aussichten, daß man / den König der Trottel entthront). Das eignet sich natürlich grandios für einen Wechselgesang zwischen den Gesangssolisten und den anderen Musikern, und so ist das Lied denn auch das Finale des Konzerts, zu dem alle, die Chansonniers Bertrand Belin, Thomas Fersen und JP Nataf, die siebenlöpfige Amsterdam Klezmer Band, die Gitarristen Thibault Frisoni und Daniel Béjà sowie Martin Gamet am Kontrabass, zusammen auftreten. Auch Sfar verläßt schließlich sein Zeichenbrett und krächzt seinen Part (singen kann er nicht), und Olivier Daviaud tritt noch hinzu, der Komponist, der nicht nur zu den unveröffentlichten frühen Brassens-Texten neue Melodien geschrieben hat, sondern auch den ganzen Abend dramaturgisch betreut hat. Und das Publikum feiert die Truppe.

Alles gut also? Keineswegs. Wer wie ich eine Woche zuvor die Amsterdam KLezmer Band mit ihrem eigenen Repertoire gehört hat, weiß, was diese Musiker wirklich können. Und sie zeigen es auch in Paris, denn die Zugabe bestreiten sie mit einem eigenen Lied, denn offenbar hat niemand daran gedacht, daß man dem Publikum noch etwas bieten könnte, wenn es sich schon unter seinem Niveau so amüsiert. Hilflos wirkt die Reaktion auf den Beifall, als wäre damit wirklich nicht zu rechnen gewesen. Vielleicht wussten Daviaud und seine Musiker ja auch, daß es nicht berühmt war, was sie da geboten hatten.

Und Joann Sfar? Na klar, zeichnen kann er. Aber das Prinzip des Abends, das projizierte spontane Zeichnen zur Musik auf der Bühne, kennt man längst vom Comicfestival in Angoulême, wo dieses Rezept seit Jahren umgesetzt wird. Und auch dort kommt elten etwas wirklich Gutes dabei heraus, weil die Zeichner ebenso wenig spontan dabei sind (sie kennen die Abfolge des Abends ebenso gut wie Brassens‘ treuer Kontrabassist Pierre Henri, der sich die Liedabfolge eines Konzerts auf einem Zettel notierte, den er auf die Rückseite seines Instruments klebte) wie natürlich. Sie bemühen sich vielmehr um besonderen Einfallsreichtum, was im Regelfall – und auch hier wieder bei Sfar – zur völligen Überladung der Zeichnungen führt. Kaum hat Sfar eine seiner hinreißenden Körperumrisslinien getuscht, muß er Flächen aquarellieren oder ein halbes Dutzend Gesichter drumherum zeichnen – wobei es faszinierend ist, wie er immer bei den Augen anfängt, wenn er Figuren zeichnet.

Manchmal fängt er die Musiker auf der Bühne in Skizzen ein, aber auch da will er zuviel und verwirft deshalb gerade die reizvollsten Momentaufnahmen wiieder. Kann man ein Konzert zeichnen? Auf diese Weise leider nicht. Und so geht man nach hundert Minuten desillusioniert von dannen. Den man hat ja vorher die Ausstellung gesehen, in der die Lieder von Brassens verzaubert haben, als wären sie gerade erst geschrieben worden. Brassens‘ Gegenwärtigkeit  – die muß man nicht beweisen. Wer’s versucht, fällt im Vergleich schnell durch. Und wer sehen möchte, was Sfar mit der Figur Brassens macht, der kaufe sich den Katalog zur Schau in der Cité de la musique. Darin stecken ein ganzer Comic über den Sänger und Hunderte von Zeichnungen, die man auch in der Ausstellung findet.