Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Können Eskimos Comics zeichnen?

Diese Frage wird von der zwölften Ausgabe der österreischischen Anthologie "Tonto Comics" beantwortet. Warum diese Nummer allerdings "Nordpol" betitelt ist, das bleibt noch ein Rätsel. Eine der schönsten gegenwärtigen Comicpublikationen ist sie aber allemal.

Oben auf der alles umhüllenden Pappklappe steht  „Nordpol“, unten „Tonto Comics Nr. 12″, und drinnen stecken gleich zwei Hefte, deren Umschläge sich zu einem großen Titelblatt ergänzen, das eine wundertätige Frau in naturreicher Umgebung zeigt, während die Pappklappe selbst wiederum von einem bürgerlichen Interieur geziert wird. Was also sollen wir glauben? Nach Nordpol sieht hier gar nichts aus, und es geht auch in der ganzen Publikation (oder besser gesagt: in beiden Heften) nie darum. Warum also heißt die zwölfte Ausgabe der österreichischen Anthologie „Tonto Comics“ ausgerechnet „Nordpol“?

Edda Strobl und Helmut Kaplan, eine1962 geborene Künstlerin und ihr fünf Jahre jüngerer Kollege, haben „Tonto Comics“ vor elf Jahren begründet, weil sie mit Bildender Kunst und Musik allein nicht alles erzählen konnten, was sie wollten. Der Comic bot ihnen weitere Möglichkeiten dazu, und die haben die beiden Grazer dann auch weidlich genutzt. Auch in der zwölften Ausgabe stammen mehr als zwei Drittel der insgesamt achtzig Seiten vom Gründungsduo, wobei Strobl als Haupterzählerin auftritt: Im zentralen Stück der neuen Tonto-Ausgabe geht es um eine Reise, die zwei Freundinnen Anfang 1991 nach Nordamerika geführt hat. Und dieser Comic, den Strobl mit Kaplan zusammen gezeichnet hat, heißt „Nordpol“. Da er noch nicht abgeschlossen ist, mag es sein, dass es die beiden jungen Frauen in  „Tonto 13″, dessen Publikation schon bald bevorstehen soll, tatsächlich noch dorthin verschlägt.

Man könnte nun viel über das formale Raffinement von Strobls und Kaplans „Nordpol“ sagen – wie sie etwa in einem Teil von Seite zu Seite die Zahl der Panels steigern oder woanders das Stimmgewirr einer Party ins Bild setzen. Man könnte auch die Erzählweise und den Zeichenstil rühmen, die in ihrer jeweiligen Berufung auf die autobiographische Undergroundtradition des Comics verstehen lassen, warum Ulli Lust, die mit ihrem erstaunlich ähnlichen Comic „Das ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens“ international große Beachtung fand, eine Bewunderin von Edda Strobl ist (an „Tonto“ hat Lust auch schon mitgemacht). Aber man muss es selbst lesen. Und wem diese Geschichte zu introspektiv ist, der halte sich an das Drittel mit Gastbeiträgen, darunter Michaela Konrad mit einer fulminanten Picasso-Parodie oder die lakonischen Strips von Alootook Ipellie, des angeblich einzigen Eskimos, der Comics zeichnet. Am Nordpol tut er das allerdings auch nicht; er lebt in Ottawa. Und wem das alles zu dubios ist, der erfreue sich einfach an der wunderschönen Ausstattung dieser Ausgabe, in die einiges an buchgestalterischer Phantasie eingegangen ist.

 

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