Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Art Spiegelman unter Beschuss

Nur wenige Hundert Meter von seinem Haus stand das World Trade Center. Zehn Jahre nach den Attentaten vom 11. September, erscheint endlich ein Meisterwerk der Comicgeschichte auch in Deutschland als Buch: Art Spiegelman hat in "Im Schatten keiner Türme" seine eigenen Erinnerungen an den Tag des Schreckens aufgezeichnet und ergänzt sie um eine extrem subjektive politische Deutung der Ereignisse.

Als ich im Oktober 2001 nach New York kam, rauchte Ground Zero immer noch. Und ein paar Straßen weiter wartete Art Spiegelman in einem Café, in dem es gräßlichen Chai Tea gab,  auf mich: unrasiert, binnen kurzem scheinbar alt geworden, hektisch. Er stand auch Wochen nach den Attentaten vom 11. September unverändert unter Schock, was niemanden verwundern wird, wenn man weiß, dass Spiegelman New York für den einzigen Ort hält, an dem es sich zu leben lohnt, und seine Tochter damals in eine Downtown-Schulen ging, die den Eltern zunächst keine Auskunft darüber geben wollte, wie es um ihre Kinder stand. Die Ereignisse nahmen Spiegelman dermaßen mit, dass selbst seine Ehe darunter litt. Als ich ihn traf, schlief er schon seit Tagen im Atelier, weil seine Frau den verstörten Zeichner nicht ertrug.

Das alles erzählte Spiegelman mir damals, und obwohl gerade erst sein berühmtes Titelbild für den „New Yorker“ erschienen war, das die Türme des World Trade Center in glänzendem Schwarz vor einem matten schwarzen Hintergrund zeigte, sprach er auch davon, dass er mit dieser Geschichte als Zeichner noch längst nicht fertig sei. Es bilde sich bereits eine Geschichte in seinem Kopf, und natürlich müsse er darin erzählen, wie er den 11. September 2001 erlebt hatte. Würde das der große Wurf nach seinem Welterfolg mit „Maus“ werden?

Es dauerte aber noch lange, bis er sich daran machte, und den Ausschlag dafür gab erst die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“, die dann während der  Jahre 2002 und 2003 Spiegelmans Geschichte in zehn ganzseitigen Fortsetzungen abdruckte, die in immer größeren Abständen fertig wurden. Ein Albtraum für alle Beteiligten, doch Spiegelman brütete endlos über jedem Detail seiner riesigen Kompositionen, mit denen er die Tradition der Comic-Sonntagsseiten wiederbelebte. So mischte er auch zahlreiche alte Comicfiguren ins Geschehen, die Katzenjammer Kids etwa oder Happy Hooligan. Spiegelman konfrontierte sie mit sich selbst als geradezu paranoidem Deuter des Geschehens vom 11. September. Die Serie hieß „Im Schatten keiner Türme“, und in den Vereinigten Staaten wagte sich kein großes Blatt an diese zornige und kompromisslos subjektive Geschichte. Zumal Spiegelman auch seine eigene Messlatte an die politischen Reaktionen auf die Attentate legte.

Umso mehr Aufsehen erregte dann 2004 die Zusammenfassung in einem großen Buch, das die zehn Folgen jeweils als Doppelseiten auf starkem Karton (wie in einem Kleinkinderbuch) widergab und noch um einige Beispiele historischer Vorbilder für die gewählte Form ergänzte. Doch dieses Buch wiederum erschien dann nicht in Deutschland. Bis jetzt. Denn was der Verlag S. Fischer, der die Rechte bereits erworben hatte, nicht riskierte, leistet verdienstvollerweise das kleine Schweizer Haus Atrium. Und so haben wir nun endlich die Sammelausgabe eines Comics, der zeigt, wie sich in einem Tag die Welt verändert hat, und ein Stück dazu selbst beiträgt, indem er erzählt, was sich in einem einzigen Familie an diesem Tag verändert hat. Beschreiben hat bei diesem Comic keinen Sinn, man muss „Im Schatten keiner Türme“ lesen.

 

https://www.atrium-verlag.com/index.php?id=38&tx_fsvsgbooks_pi1[titel]=Im%20Schatten%20keiner%20Türme&tx_fsvsgbooks_pi1[isbn]=3-85535-710-2&tx_fsvsgbooks_pi1[link]=detail&cHash=bd23445abc