Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die Frau, die das zwanzigste Jahrhundert veränderte

Die große historische Biographie ist nicht mehr die Domäne des Sachbuchs. Der Spanier Ángel de la Calle beweist mit "Modotti", dass auch Comics mit ganz langem Atem erzählen können - ohne dabei eine Sekunde langweilig zu sein.

Am 9. Januar 1927 wird in Mexiko-City ein Mann erschossen. An seiner Seite: Tina Modotti. So geht der Comic los, der nicht etwa den Namen des Ermordeten, sondern einfach den seiner Begleiterin  trägt: „Modotti“. Und das zu recht, denn diese Frau führte ein bemerkenswertes Leben. Wusste ich vor der Lektüre etwas über die Dame? Außer dass sie eine berühmte Fotografin war, nicht viel. Nach der Lektüre hatte sich das gründlich geändert.

Dieser Comic ist so gut, dass ich mich vor genau einem Jahr durch das spanische Original gebissen habe. Und das will etwas heißen, denn Spanisch spreche ich nicht. Aber wer hätte schon damit rechnen können, dass die Biographie einer in Italien geborenen Sozialistin, die sich zu großen Teilen in Mexiko abspielt, derart schnell ins Deutsche übersetzt wird? Noch dazu von einem Verlag, der aufgrund seiner politischen Geschichte zwar dazu prädestiniert scheint, aber seit den Zeiten von Gerhard Seyfrieds Freak- und Bullen-Comics nicht mehr als ein Haus aufgefallen war, in dessen Programm man Bildergeschichten erwarten dürfte. Rotbuch heißt der Verlag, und gepriesen sei er für seine Entscheidung, Ángel de la Calles „Modotti“ übersetzen zu lassen.

Vor einem Jahr hatte ich de la Calle, einen 1958 geborenen redseligen Spanier, in Hamburg getroffen. Wer darüber etwas lesen will, der kann meinen damaligen Blog-Eintrag lesen (https://faz-community.faz.net/comic/2010/09/10/achtung-spanische-erzaehlfreude.aspx) . An meiner Einschätzung von „Modotti“ hat sich nämlich nach Erscheinen der deutschen Ausgabe nichts geändert. Nur an meiner Lesegeschwindigkeit.

Dass „Modotti“ sich erzählerisch wie graphisch an Art Spiegelmans „Maus“ orientiert, ist offensichtlich – dieselben groben Linien, dieselbe kleinteilige Seitenarchitektur. Aber ein besseres Vorbild für einen zeitgeschichtlichen Comic kann man sich ja auch nicht denken. Die von Spiegelman propagierte Sachlichkeit entspricht eben dem historiographischen Thema.

Wobei de la Calle durchaus nicht objektiv erzählt. Seine Faszination für die verlorene Sache der Linken in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts ist spürbar, und da sich die Ereignisse eher an der Peripherie der Revolution abspielen (wenn auch die Reise der Titelheldin Tina Modotti  in den dreißiger Jahren bis nach Berlin und Moskau gehen), gibt es beim Lesen einiges zu lernen.

Vor allem aber ist die Geschichte spannend. Und so häufig sind Frauen als Hauptprotagonistinnen von Comics auch noch nicht, als dass man nicht um jede einzelne froh wäre. Dass es kein glückliches Leben gewesen ist, das Tina Modotti geführt hat, macht Ángel de la Calle auch klar. Aber man will es begleiten bis zu ihrem ominösen Tod – der auch erklärt, arum der Band mit dem Tod eines anderen beginnt.