Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ich kann mir meine Patchworkfamilie selber nähen

Der Begriff polarisiert: Patchwork ist in aller Munde, obwohl noch nicht in jedem Haushalt. Katharina Greve hat dazu einen Comic gemacht, der mit Lust an der Bosheit das Gute im Menschen beschwört.

„Mehr Inhalt, weniger Chichi!“ So verkündet es Katharina Greves Website (https://www.freizeitdenker.de/freizeitdenken.htm). Und genau so verhält es sich mit ihrem neuen Comic „Patchwork“. Darin passiert so viel, dass man gut und gern auch zehn Bände des gleichen Umfangs (achtzig Seiten) hätte füllen können. Um nur anzudeuten, worum es geht: Die erfolgreiche Biowissenschaftlerin Linda Waldbeck fühlt sich plötzlich als alte Jungfer und stellt nach Frankenstein-Manier aus Laborresten eine Kinderschar für sich zusammen. Die Boulevardpresse stürzt sich auf diese selbstgebastelte Menagerie und zwingt Frau Doktor Waldbeck mit den Ihren zur Flucht in die Pseudonymität (Beckwald). Doch noch immer sind Presse und Waffenindustrie hinter den Waldbeck-Freaks her. Die haben ein neues Domizil gefunden, dass aber unglücklicherweise direkt über der Wohnung eines ausländerfeindlichen Bombenbastlers liegt. Irgendwann gibt es buchstäblich einen großen Knall.

Das mag als Andeutung reichen, es passiert aber noch viel mehr. Auf den letzten sechs Seiten allein versammelt Katharina Greve in einem Epilog noch zahlreichere Skurrilitäten als auf sämtlichen Seiten zuvor. Und allein der Untertitel zu „Patchwork“ ist schon ein veritabler Geniestreich. Er lautet: „Frau Doktor Waldbeck näht sich eine Familie“. So wörtlich hat noch niemand den Begriff Patchwork genommen.

Wieso aber wenig Chichi? Weil Katharina Greve die höchst verwickelte Geschichte auf simpelste Art und Weise ins Bild setzt. Und das ist alles andere als eine simple Lösung. Schon in ihrem hochgelobten (auch von mir) Comic „Ein Mann geht an die Decke“ überzeugte die Beschränkung auf stilisierte, beinahe statische Figuren und auf Schwarzweiß. In „Patchwork“ gibt es zwar Farbe, aber die wird jeweils sehr zurückhaltend und extrem dramaturgisch eingesetzt: Rot zum Beispiel sind auf einem Bild nur Blutflecken, oder auch der Zeitungskopf des Revolverblatts „Blick“ ist es. Am buntesten wird es beim Knalleffekt, ansonsten will der Comic bewusst nicht über seine Grauweiß-Ästhetik hinaus.

Dass der benachbarte Bombenbastler bei aller Abstraktion seiner Gesichtszüge unverkennbare Ähnlichkeit mit Thilo Sarrazin aufweist, ist gewiss kein Zufall. Dass alle Figuren als Klischees ihrer selbst angelegt sind, sicher auch nicht. Gut und Böse sind hier klar verteilt, aber teilweise ganz anders, als man erwarten sollte, und das macht den Comic fast schon bösartig gut. Wie ein solch subversives Werk dem so sehr auf Toleranz und Verständigung bedachten Gütersloher Verlagshaus unterlaufen konnte, ist ein Wunder. Man muss ihm und Katharina Greve dazu gratulieren. Es zeugt von wahrem Mut, eine solche Geschichte zu publizieren, denn der hintergründige Humor ist unter der scheinbaren Gutmenschen-Plakativität fast versteckt.