Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Neustart für ein Meisterwerk

Das ist selten: Nach fünfzehn Jahren kommt ein amerikanischer Comic noch einmal neu in Deutschland heraus. Hat man vor anderthalb Jahrzehnten nicht erklnnt, was man an ihm hatte? "Stuck Rubber Baby" von Howard Cruse bietet jedenfalls einiges.

Es soll wirklich schon fünfzehn Jahre her sein, dass ich diesen Comic gelesen habe? Nennen wir es ruhig banal, dass ich mir diese Frage stelle – und somit genau das Gleiche frage wie Andreas Knigge, der Mann, der dafür gesorgt hat, dass ich „Stuck Rubber Baby“ überhaupt zu Gesicht bekommen habe.  Nicht, weil er ihn gezeichnet hätte, o nein, aber Knigge ist einer der wichtigsten Vermittler von Comics in Deutschland: durch seine Bücher, die von ihm mitbegründete Fachzeitschrift „Comixene“ und auch durch seine Zeit als Leiter der Comicabteilung des Carlsen Verlags. In diese Phase fiel 1996 die Publikation von „Stuck Rubber Baby“. Damals trug der Band den unangemessen poetischen, aber ironisch gemeinten Titel „Am Rande des Himmels“.

Geschrieben und gezeichnet hat diese Geschichte Howard Cruse, ein 1944 im amerikanischen Bundesstaat Alabama geborener und dort, im konservativen Süden, auch aufgewachsener Homosexueller. Was er in „Stuck Rubber Baby“ über die sechziger Jahre in Alabama erzählt, ist kaum zu glauben. Kann es dort wirklich derart rassistisch und homophob zugegangen sein? Auf 210 graphisch überbordenden Seiten schildert Cruse diese Jahre der Bürgerrechtsbewegung und wie deren Protagonisten im fiktiven Städtchen Clayfield zusammengeknüppelt und geschmäht werden. Doch ihren Zusammenhalt kann das nicht brechen, und die schönsten Passagen von „Stuck Rubber Baby“ sind der Liebe und der Musik gewidmet. Bei beiden finden die Gesinnungsgenossen von Toland Polk, dem Alter Ego von Cruse im Comic, ihre Zuflucht.

Dass Cruse bis 1995 brauchte, um die drei Jahrzehnte zurückliegenden Ereignisse aufzuzeichnen, zeigt, wie wichtig ihm die Sache war. Und wenn man sich seinen Zeichenstil ansieht, der in strengem Schwarzweiß, aber einer an Robert Crumb geschulten Akribie eine Plastizität erreicht, die vor allem durch unendliche Variation von Schraffuren erzeugt wird, dann ahnt man auch, wie viel Zeit in diese Bilder geflossen sein muss.

Dass es dann nur ein Jahr dauerte, bis der Band auch auf Deutsch erschien, während Frankreich in diesem Fall deutlich länger warten musste, ist allein Knigge zu verdanken, der den Comic auch gleich selbst übersetzte. Doch viel Aufmerksamkeit fand „Stuck Rubber Baby“ damals nicht. Gut, es reichte, um die kleine Auflage nach ein paar Jahren auszuverkaufen, aber was man da für ein erzählerisch wegweisendes Werk bekommen hatte, erkannten nur wenige.

Deshalb ist es ein Segen, dass der Verlag Cross Cult den Comic nun noch einmal auf Deutsch herausgibt, nur ganz unwesentlich kleiner als die Carlsen-Ausgabe, dafür gebunden, auf besserem Papier gedruckt, unter dem Originaltitel publiziert, mit einem Glossar versehen und auch noch ergänzt um ein Vorwort der Zeichnerin Alison Bechdel, die eine der prominentesten homosexuellen Comic-Künstlerinnen ist, und ein Nachwort von Knigge, in dem er berichtet, wie er damals auf Cruse gestoßen war und was dessen Buch nicht nur für ihn bedeutet, sondern für die ganze Kunstform Comic.

Die Übersetzung ist gleich geblieben, leider aber wurde das alte Handlettering von Michael Hau durch eine hässliche Computer-Typographie ersetzt. Das ist der einzige Wermutstropfen in einem prachtvollen Buch, das einen Meilenstein wieder zugänglich macht – übrigens beinahe zum selben Preis wie die deutsche Erstausgabe von 1996. Und da rede noch jemand über die Euro-Krise. Die wahren Probleme – das lehrt der Band – sehen eh anders aus.