Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wer kennt die Rolling Stones? Hier kommt das Purple Orchestra!

| 1 Lesermeinung

Was Hollywood im Kino ruiniert hat, blüht im Comic munter weiter: „The League of Extraordinary Gentlemen" von Alan Moore und Kevin O'Neill geht auf seine nächste Zeitreise: diesmal mitten ins wilde London der späten sechziger Jahre.

Alan Moore ist der beste Comic-Autor unserer Zeit. Klar: René Goscinny, Carl Barks, Charles Schulz oder George Herriman sind tot. Wer sollte ihm also Konkurrenz machen? Aber was Moore auszeichnet, das ist, im besten Sinne postmodern zu erzählen. Wollen Sie einmal richtig verblüfft werden von dem, was in einem Comic geschieht? Dann lohnt ein Blick in nahezu jeden Comic, den Moore in den vergangenen dreißig Jahren geschrieben hat: von „V wie Vendetta“ über das Meisterwerk „Watchmen“ bis hin zu „Promethea“.

Wenn Sie aber das Allerneueste von Moore lesen wollen, müssen Sie paradoxerweise zu einer seiner betagtesten Serien greifen: „The League of Extraordinary Gentlemen“. Die erscheint seit 1999, und diese zwölf Jahre Laufzeit machen sie zur langlebigsten Arbeiten des notorisch schnell gelangweilten Moore. Leider wurde dieser Stoff 2003 auch ins Kino gebracht, und obwohl Sean Connery mitspielte (und etliche Stars neben ihm auftraten), darf man von einer der beiden missglücktesten Comic-Verfilmungen überhaupt sprechen – die andere Kinokatastrophe ist „The Spirit“ von Frank Miller. Moore fand damit nur bestätigt, was er immer schon gesagt hatte („Meine Geschichten sind als Comics konzipiert, man kann sie nicht zu etwas anderem machen, ohne dass es schiefgeht“), und schrieb einfach weiter an den Abenteuern seiner seltsamen Agententruppe, die er aus lauter legendären Figuren der Literaturgeschichte zusammengestellt hat.

Anführer und als einzige seither immer dabei sind Allan Quatermain aus Henry Rider Haggards Ende des neunzehnten Jahrhunderts publizierten Bestsellern, die das britische koloniale Sendungsbewusstsein literarisch bedienten, und Mina Murray, die Moore von einer Nebenfigur in Bram Stokers „Dracula“ zur großen Heldin von „The League of Extraordinary Gentlemen“ aufgebaut hat. Durch einen Schluck aus der Quelle der Ewigen Jugend sind beide mittlerweile unsterblich geworden, während ihre anfänglichen Mitstreiter Kapitän Nemo, Dr. Jeckyll und der Unsichtbare (nach H.G. Wells) alle das Zeitliche segnen mussten. Dafür bekommen die beiden später Verstärkung durch einen weiteren Ewigjungen (oder auch eine Ewigjunge): Orlando, aus dem Roman von Virginia Woolf. Ihm/ihr gehört der beste Satz im neuen Buch „Century: 1969″, das jetzt erschienen ist. Vor einem Buchladen in London sagt er/sie: „Frankly, I bloody hate Bloomsbury.“

Das ist typischer Humor von Alan Moore – boshaft, etwas dreist, aber immer anspielungsreich. Seine Reminiszenzen an die Hoch- wie Alltagskultur waren nie zahlreicher als in „The League of Extraordinary Gentlemen“. Vor allem natürlich, weil seine nun unsterblichen Helden zu allen beliebigen Zeitpunkten im zwanzigsten Jahrhundert eingesetzt werden können. Bislang waren sie 1950 im Einsatz, wurden dann im Jahr 1910 (dem Auftakt zur nun fortgesetzten Reihe „Century“) gesichtet und tauchen nun eben 1969 auf.

Warum da? Weil damals der Rolling-Stones-Gitarrist Brian Jones tot in seinem Pool gefunden wurde und die Band wenig später das berühmte Gedenkkonzert im Hyde Park spielte. Moore erzählt nun seine Alternativversion des Geschehens, in der die Stones als Purple Orchestra auftreten, Brian Jones auf den Namen eines gewissen Basil Thomas hört, der in seinem Pool ermordet wird, und Mick Jagger als Leadsänger namens Terner auf dem Hyde-Park-Konzert (übrigens ist der Park bei Moore nach Jeckylls Alter Ego Mr Hyde benannt) eine neu getextete Fassung von „Sympathy fort the Devil“ zum Besten gibt. Ach ja, dieRivalität zu den Beatles gibt es auch, allerdings tragen die auch einen anderen Namen… Viel Spaß beim Suchen.

Viel Spaß wird aber generell auf diesem popkulturellen Spielplatz geboten, und doch zündet Moores neuer Band nicht wirklich, denn alles das, was in den früheren Jahrzehnten wirklich fremd war, nämlich die ironische Variation, wirkt 1969 schon sehr vertraut. Deshalb fehlt der neuen Folge die Reibung am gängigen Mythos seiner Handlungszeit. Das Ganze wäre besser gleich in der Punk-Ära des Jahres 1977 angesiedelt worden, wo der Band immerhin endet.

Unverändert grandios sind Kevin O’Neills Zeichnungen, für die sich die Anschaffung des Comics allein schon lohnt. Aber Moore selbst scheint der Sache langsam müde zu werden. Er sollte den Stoff um seine Unsterblichen fortan ruhen lassen, damit sie tatsächlich als Comicfiguren unsterblich werden können.


1 Lesermeinung

  1. Ich fand den "The League of...
    Ich fand den „The League of Extraordinary Gentlemen“-Film beim ersten Anschauen verwirrend, ja: verstörend: was ist denn das?
    Beim zweiten Mal hab ich ihn genossen.
    Danke für den Comic-Hinweis, ich kannte tatsächlich nur den Film. Jenseits der alten Comics (bis in die 60er Jahre) bin ich nicht sehr informiert und interessiert.
    Dieser Alan Moore ist ja ein recht haariger Typ; ich empfehle mal einen Besuch bei Google.

Kommentare sind deaktiviert.