Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Verbrechen auf dem Meer

Comics müssen nicht immer Sprechblasen enthalten. David Schraven erzählt „Die wahre Geschichte vom Untergang der Alexander Kielland" wie ein Bilderbuch, und Vincent Burmeister zeichnet das Geschehen dazu passend in großen Tableaus auf. Heraus kommt eine Fiktion über eine der großen Technikkatastrophen der jüngeren Geschichte.

Der Titel ist ein böses Spiel. „Die wahre Geschichte vom Untergang der Alexander Kielland“ will dieser Comic erzählen, und wer sich noch daran erinnert, was die Alexander Kielland war, nämlich eine norwegische Ölförderplattform, die 1980 in einem Unwetter versank, der dürfte nun neugierig werden. 123 Menschen sind damals ertrunken, und wie immer nach solchen Katastrophen wurde die Sinnhaftigkeit der Ölförderung in der Nordsee grundsätzlich in Frage gestellt. Wie sollte man der Naturgewalten Herr werden?

David Schraven, Reporter im Dienst der WAZ-Mediengruppe, arbeitet gerade gemeinsam mit dem jungen Hamburger Zeichner Vincent Burmeister an einem Reportagecomic über Afghanistan. Das kennen wir von „Der Photograph“, den Emmanuel Guibert nach dem Bericht eines Angehörigen von „Ärzte ohne Grenzen“ und einer zugehörigen Fotodokumentation gezeichnet hat (Edition Moderne, sehr empfehlenswert!). Aber ganz generell findet der Reportage-Sachcomic gerade große Beachtung. Umso besser, dass mit dem in Bottrop lebenden Schraven ein erfahrener Reporter als Szenarist auftreten wird.

Doch nun scheint ihn auch einmal ein Ausflug ins Feld der Fiktion gereizt zu haben, denn noch vor Fertigstellung des Afghanistan-Comics hat er gemeinsam mit Burmeister jene „Wahre Geschichte vom Untergang“ verfasst, die eben keine wahre Geschichte ist. Sondern die fiktive Schilderung einer möglichen Ursache für das Unglück – ein ganz kleines Geschehen, das allerdings für die Beteiligten eine durchaus große Sache ist.

Man müsste darüber nicht viel mehr Worte verlieren, als dass Schraven spannend erzählt und Burmeister die Gewalt der See zu zeichnen versteht. Sie haben ein Querformat gewählt, auf dem die Weite des Meeres besonders gut zur Geltung kommt, und manchmal bietet Burmeister Panoramaansichten, die dann besonders großartig wirken. Aber wirklich bemerkenswert sind zwei Dinge: Dass zwei Deutsche ein solches Genrestück herausbringen, und dass mit dem Carlsen Verlag der namhafteste deutsche Comicverlag den Band verlegt.

Das ist gewagt, denn wer das Buch aufschlägt, wird schnell sehen, dass hier gängige Erwartungen an einen Comic souverän missachtet werden. Es gibt nur (knapp gehaltene) Texte in Kästen, keine Sprechblasen. Also wirkt das ganze viel eher wie ein Bilderbuch als wie ein Comic, auch wenn meist mit mehreren Bildern pro Seite erzählt wird. Die sind aber regelmäßig monochrom gehalten, so dass doch ein übergeordneter Zusammenhang suggeriert wird, der auch eher zum Bilderbuch hinführt. Leicht wird es dieser Band nicht haben.

Und das ist schade, denn derart professionelle Comics entstehen in Deutschland nur wenige. Auch der realistische Stil, der sich an frankobelgischen Zeichnern wie zum Beispiel William Vance orientiert, ist ungewöhnlich für die hiesige Comic-Kultur. Es ist aber ein Zeichen dafür, dass sie immer lebendiger wird, wenn solche Projekte plötzlich möglich sind.