Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die besten Comics des Jahres 2011

| 1 Lesermeinung

Das abgelaufene Jahr hat etliche herausragende Comics hervorgebracht. Die zwanzig, die mir spontan als die besten in Erinnerung geblieben sind, kommen hier in der Reihenfolge meines Grads an Begeisterung geordnet.

  1. Manu Larcenet: „Blast“ 2 – ein Comic wie ein Faustschlag, grandios gezeichnet, kompromißlos erzählt, aber bislang ist nicht einmal der erste Band auf Deutsch erschienen.
  2. Nicolas Mahler: „Alte Meister“ – Egoismus muss erlaubt sein: An der Produktion dieses Bandes anch dem Roman von Thomas Bernhard war ich beratend beteiligt. Wäre das nicht der Fall gewesen, hätte ich ihn zu meinem allerliebsten des Jahres erklärt (ein bißchen Bescheidenheit muss auch sein).
  3. Jean-Patrick Manchette & Jacques Tardi: „Ô dingos, ô châteaux“ – der französische Krimiautor Manchette ist schon lange tot, aber seinen ultrabrutalen Geschichten haucht Tardi neues Leben ein. Nach „Nestor Burma“ hat der Altmeister damit endlich wieder ein neues Krimi-Serienprojekt, denn dieser Band ist schon seine dritte Manchette-Adaption – und alle sind gut. Auf die deutsche Publikation werden wir wohl noch ein paar Monate warten müssen.
  4. David B., Charles Berberian, Jean-Louis Capron, Jean-Yves Duhoo, Killoffer, Mokeit, Joann Sfar, Stanislas, Lewis Trondheim: „Quoi!“ – das einseitig ultimative Wort zur Geschichte des französischen Verlags L’Association, ohne den der moderne Comic anders aussähe. Leider hatten sich die Gründer über die Jahre zerstritten, und im vergangenen April wurde der langjährige Leiter Jean-Christophe Menu von seinen ehemaligen Mitstreitern gestürzt. Nun erscheint als einer der ersten Bände unter neuer Leitung die Sicht der Umstürzler (natürlich als Comic). Das ist hochspannend, wenn auch subjektiv. Und mal sehen, wann Menu seine Version zeichnet. Auf Deutsch leider niemals zu erwarten.
  5. Volker Reiche: „Strizz – Das achte und das neunte Jahr“ – ein Prachtband mit einem Vorwort von mir (um es gesagt zu haben). Meines Wissens nach leider schon vergriffen, denn es gab nur 444 Exemplare.
  6. Frank King: „Walt and Skeezix – The Daily Strips 1929 Through 1930″ – endlich der fünfte Band der Gesamtausgabe jener wunderbaren Serie „Gasoline Alley“, die leider im Nachdruck aus rechtlichen Gründen nicht den alten Titel tragen darf. Beigegeben ist eine DVD mit Privatfilmen, die der Zeichner Frank King in den zwanziger Jahren gedreht hat. Da sieht man all die Vorbilder zu seinen Figuren. In Deutschland wird man den Band nicht sehen.
  7. Alan Moore & Jacen Burrows: „Neonomicon“ – eine Paraphrase auf Lovecraft, aber mit hoffnungsfrohem Ende. Das man das bei allem Horror dieses Comics noch erleben darf! Dürfte kaum auf Deutsch erscheinen (aber schon werde ich von einem aufmerksamen Leser widerlegt: ist schon auf Deutsch erschienen).
  8. Daniel Clowes: „Mister Wonderful“ – ein formales Meisterstück, denn was Clowes aus dem extremen Querformat der Original-Zeitungsveröffentlichung herausholt, ist unglaublich gut. Die deutsche Übersetzung steht noch aus.
  9. Jiro Taniguchi: „Der Himmel ist blau, die Erde weiß“ – die ruhigste Literaturadaption, die ich kenne. Und elegant ist sie sowieso, wie alles von Taniguchi.
  10. Guy Delisle: „Chroniques de Jérusalem“ – zu diesem Erlebnisbericht über ein Jahr in Israel sehr bald mehr an dieser Stelle. Die deutsche Übersetzung ist für März angekündigt.
  11. Sarah Glidden: „Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger“ – die peferkte Ergänzung von Delisles Buch, denn hier bekommt man die pro-israelische Sicht geboten. Und ein toller Comic ist der autobiographische Band ohnehin.
  12. Seth: „The G.N.B. Double C“ – wieder ein skurriles Machwerk im typischen Retrostil von Seth, diesmal über eine Interessenvereinigung kanadischer Cartoonisten (die es natürlich nie gegeben hat). Der Band dürfte mit einigem Abstand übersetzt werden.
  13. Blutch: „Pour en finir avec le cinéma“ – in kurzen Episoden erzählt der elsässische Tausendsassa Blutch seine persönliche Geschichte des Kinos, und in der Tat: Er macht bisweilen kurzen Prozess mit dessen Helden. Wird mit einiger Sicherheit nie auf Deutsch herauskommen.
  14. Frank Miller: „Holy Terror“ – gezeichnet, als wäre ein Gott involviert, erzählt, als hätte ein Teufel Miller geritten. Aber ein Band, an dem man nicht vorbeikommt. Sollte bald auf Deutsch erscheinen. 
  15. Antonio Lapone & Régis Hautière: „Accords sensibles“ – der Stil berührt mein Herz für die Novelle Ligne claire, die ich in den achtziger Jahren lieben lernte. Hier wird ein zauberhaftes Musikerporträt gezeichnet, das wir gleichwohl nie auf Deutsch lesen werden.
  16. Abel Lanzac & Christophe Blain: „Quai d’Orsay“ 2 – jedes Wort ist überflüssig: Wer den ersten Band kennt, weiß, was der unglaubliche Blain aus den Vorlagen seines unter Pseudonym schreibenden Szenaristen (der tatsächlich im französischen Außenministerium gearbeitet hat) zu machen versteht. Leider wohl als Thema zu französisch, als dass es über die Sprachgrenze käme.
  17. James Sturm: „Markttag“ – so lapidar wie nur möglich, so gut wie nur denkbar.
  18. Enki Bilal: „Julia & Roem“ – er kann es einfach. Was hier aus Shakespeare in der typischen Endzeitstimmung der Comics von Bilal wird, ist großartig.
  19. Schwarwel: „Seelenfresser – Band 1: Liebe“ – die deutsche Überraschung des Jahres. Ein Genrecomic aus dem – weitgefasst betrachtet – Gothic-Bereich, aber erzählerisch gut und sehr konsequent gezeichnet.
  20. Mamoru Hosoda & Iqura Sugimoto: „Summer Wars“ – nur eine Filmadaption  als Manga, aber was für ein Film. Und ehrlich gesagt: Was für ein Manga!

 

Fehlt was? Klar, denn das war nur das, was mir bei kurzem Nachdenken einfiel. Aber das ist ja auch ein Kriterium. David Mazzucchellis herrlicher „Asterios Polyp“ blieb unberücksichtigt, wei ich das Original schon 2009 las. Und eine weitere Publikation, die man hier erwarten könnte, ist kein Comic, sondern ein Sachbuch über einen Comic. Der Titel lautet „Meta Maus“, der Autor ist Art Spiegelman, und die Lektüre ist der größte Gewinn, den man sich denken kann.

Ein schönes neues Jahr allen Lesern!


1 Lesermeinung

  1. <p>eine kurze...
    eine kurze Internetrecherche ergab, dass Neonomicon bereits auf Deutsch bei Panini zu bekommen ist.

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