Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Punk und Comic – passt das? Na klar!

Viel zu selten sieht man heutigen Comics noch an, dass diese Ausdrucksform aus dem Widerstand gegen etablierte Kunst entstanden ist. Deshalb ist die Präsentation des von vier Zeichnern konzipierten Jam-Comics "Doch der tote Vogel lebt" nach Texten des DDR-Punkmusikers Klaus-Peter John im Chemnitzer "weltecho" ein seltenes Glück: HIer sieht man eine Geschichte im Werden, die nichts gemein hat mit dem, was sonst unter Comic verstanden wird.

Am vergangenen Wochenende haben zwei Comic-Ausstellungen eröffnet, die unterschiedlicher gar nicht denkbar sind: eine in Troisdorf im dortigen Bilderbuchmuseum, die sich Winsor McCay widmet (meine Besprechung dazu erschien in der F.A.Z. vom 16. Januar, aber es gibt so viel zu sagen über diese Schau, dass ich in diesem Blog in den nächsten Tagen noch einmal darauf zurückkommen werde); die andere im Kulturzentrum „weltecho“ in Chemnitz. Um diese Ausstellung soll er hier gehen.

Warum sie und nicht gleich McCay? Weil McCay eine etablierte Größe der Comic-Geschichte ist, die in allem das genaue Gegenteil zu derjenigen Zeichnern darstellt, die in Chemnitz präsentiert werden. Und natürlich hat es ein Klassiker mit seiner Eleganz leichter als ein Quartett von vier noch weitgehend unbekannten Künstlern, die ihre Arbeit eher in einer ungebärdigen Punk-Tradition sehen als im makellosen Stil eines so virtuosen Zeichners wie McCay. Aber solche kompromisslosen Arbeiten braucht der Comic eben auch, um sein erzählerisches Potential auszuschöpfen. Und man hat es leider schwer genug, auf sie zu stoßen. Wer also bis zum 10. Februar nach Chemnitz kommt: Auf ins „weltecho“ (https://www.weltecho.eu/). Es lohnt sich!

Wie stößt man aber überhaupt auf so eine Ausstellung? Ganz einfach, man hat einen guten Handwerker, bei dem man seit Jahren Comicbilder rahmen lässt. Meiner heißt Klaus Graf und leitete bis zum letzten Jahr in Leipzig die „Quadriga“, eine Werkstatt, wo alle Museen der Umgebung und die Leipziger Künstler sowieso ihre Arbeiten rahmen lassen. Und als Graf, der seine Ohren überall hat, wo über Kunst gesprochen wird, von Klaus-Peter John, einem ehemaligen Punkmusiker, hörte, dass dessen Liedtexte nun zur Grundlage eines Comics werden sollten, dachte er an diesen seltsamen Kunden, der bei ihm nicht Neo Rauch, sondern Donald Duck rahmen ließ.

So kam also ich in die Wohnung von Marcel Happich, der unter seinem Pseudonym Em Eins einer der vier beteiligten Comiczeichner ist. Und dort sah ich, was von dem Comic, der nach einem John-Zitat den Titel „Doch der tote Vogel lebt“ tragen sollte, schon fertig war. Happich, sein Bruder Riccardo und deren Kollege Daniel Winterscheidt hatten schon etliche Seiten gezeichnet, vom Vierten im Bunde, Julian Rossmeisl aus Kassel, gab es damals noch kaum etwas zu sehen.

Was aber sah ich? Etwas Hocherstaunliches: einen Jam-Comic, der keine Rücksicht auf irgendwelche Bild- oder Erzählkonventionen nahm. Riccardo Happich hatte den ersten Teil übernommen und dabei eher in grobem Cartoon-Stil gearbeitet, mit satten Farbflächen und kleinformatig. Sein Bruder – immerhin ehedem Meisterschäler von Sieghard Gille an der HGB Leipzig – dagegen ist ästhetisch am ehesten jener Punk-Tradition zuzurechnen, in der die Texte von Klaus-Peter John stehen. Dessen Band namens Neu Rot – John war für kurze Zeit nach der Gründung deren Sänger – genießt in der Leipziger Underground-Szene noch heute große Reputation als eine der wenigen Punkgruppen, die in den achtziger Jahren, also noch in der DDR, auftraten und sogar ein auf Kassette vertriebenes Album herausbrachten. Der Zeichner Em Eins nimmt das Ungebärdige dieser Musik auf und gestaltet seine Seiten als explodierende Kompositionen mit drastischen knallbunten Figuren. Und all das in einem deutlich größeren Format als sein Bruder – Rücksicht auf Publizierbarkeit spielt erkennbar keine Rolle bei dieser Zusammenarbeit.

Der Gefälligste, graphisch auch Beste im Quartett ist Daniel Winterscheidt, der in einem fixen Vier-Panel-Seitenraster vor allem in blassen Grautönen zeichnet, und das mit Figuren, die unmittelbar an die geometrischen Körperkonzeptionen der russischen Avantgarde oder George Grosz‘ stammen könnten. Erst die Ausstellung im „weltecho“ zeigt aber, dass jedes einzelne Panel ursprünglich in einem Riesenformat gehalten ist, so dass die Bilder für die Zusammenfügung auf den Seiten extrem verkleinert werden mussten. Im Original kommt die hohe graphische Qualität weitaus besser zum Ausdruck

Erzählt wird in „Doch der tote Vogel lebt“ eine Art Widerstandsgeschichte, die sich in „Betonstadt“ abspielt, einer fiktiven Welt, die so festgefahren in ihren Widersprüchen ist, wie es der Name schon vermuten lässt. Die Texte von John sind im Erstellungsprozess allerdings immer mehr zu bloßen Stichworten geworden, um die nun herumerzählt wird, wobei narrativer Fluss nicht unbedingt ein Ziel der beteiligten Zeichner war.

Für die Ausstellung hat nun auch Julian Rossmeisl einen Part abgeliefert. Von ihm stammt das aktuelle Finale, das die Hauptfiguren, die sich im Laufe des bisherigen Geschehens zusammengefunden haben, in einem Unterseeboot durch die Kanalisation von Betonstadt fahren lässt. Das Ende ist jedoch offen, denn der Comic soll noch weiterentwickelt werden. Als nächste Etappe strebt Em Eins 2013 oder 2014 eine Ausstellung in Leipzig an, für die dann die Comicseiten um plastische Arbeiten mit den Hauptfiguren und sonstige künstlerische Ausweitungen ergänzt werden sollen.

So ist „Doch der tote Vogel lebt“ eher eine Art Aktionskunstwerk denn ein klassischer Comic. Trotzdem suchen die vier Zeichner derzeit nach einer Publikationsmöglichkeit, wobei hier wohl eine Galerie der bessere Partner wäre als ein Comicverlag. „Kaos-Komik“ steht als Genrebezeichnung auf dem Titelblatt der bislang existierenden Seiten. Das trifft es recht gut. Gerade die Verweigerung aller Form- und vor allem Vermarktungsprinzipien macht das Vorhaben von Rossmeisl, Winterscheidt und den beiden Happichs extrem interessant. So sieht Comic aus, wenn man sich an dessen Ursprünge als Bastardkunst- und -erzählform erinnert. In der schönen neuen Graphic-Novel-Welt kann es nicht schaden, daran erinnert zu werden.