Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wunderwerk – nicht mehr und nicht weniger

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Der Höhepunkt kommt früh in diesem Jahr: Man kann sich kaum vorstellen, dass es eine schönere Comic-Ausstellung geben wird als die, die jetzt in Troisdorf über Winsor McCay zu sehen ist. Und dann nach Hannover, Erlangen, Basel, Backnang wandert - und dann ist schon 2013, und die Schau wird in Dortmund noch einmal den Vogel abschießen.

Wenn Sie als Comic-Interessierter in diesem, Jahr nur eine einzige Ausstellung besuchen wollen, dann gilt es, eine schwere Entscheidung zu treffen: Winsor McCay oder Art Spiegelman? Das Werk des Letzteren wird von Ende Januar an in Angoulême (Centre Nationale de la Bande Dessinée), im Frühjahr im Pariser Centre Pompidou und im Herbst im Kölner Museum Ludwig ausgestellt, und natürlich wird das jeweils großartig, denn einen klügeren Comiczeichner als Spiegelman gibt es nicht. Das Werk von Winsor McCay wird an Orten gezeigt, die weniger eindrucksvoll klingen: dem Bilderbuchmuseum Burg Wissem in Troisdorf (gerade eröffnet), dem Wilhelm-Busch-Museum in Hannover (von März an), auf dem Comicsalon in Erlangen (7. bis 10. Juni), im Cartoonmuseum Basel (von Mitte Juni an), im Graphik-Kabinett Backnang (Herbst) und im Museum für Kunst- und Kulturgeschichte Dortmund (Frühjahr 2013). Und doch wird sich die Spiegelman-Schau anstrengen müssen, um gegen diese Konkurrenz zu bestehen.

Denn bei McCay (1869 bis 1934) handelt es sich um einen Zeichner, der dem Comic noch mehr geschenkt hat als Spiegelman, vor allem seine Anerkennung als ernstzunehmende Erzählform. Eher noch als sein höchst opulentes Meisterwerk „Little Nemo in Slumberland“ muss man diesbezüglich McCays Serie „Dreams of a Rarebit Fiend“ nennen – wenn es darum geht zu zeigen, was den Comic auszeichnet und einmalig macht. In dieser Serie steckt alles drin, was man mit Bildern tun kann, und nur George Herrimans „Krazy Kat“ hat die Freiheit der Phantasie mehr in Anspruch genommen als McCay in seiner seit 1904 laufenden Reihe, die am Ende auf knapp unter tausend Episoden kam (die genaue Zahl kennt keiner, denn nicht nur ist etliches an Originalzeichnungen verlorengegangen, sondern vor allem viele Zeitungen, in denen die Comicstrips damals erschienen, sind gar nicht mehr erhalten).

„Dreams of a Rarebit Fiend“ hat wie „Little Nemo“ einen wiederkehrenden Erzählrahmen: Am Schluss wacht jemand auf, und das ganze vorher in den tollsten Bildkompositionen und Linienfeuerwerken entfaltete Geschehen erweist sich als Traum. Darum ist auch alles möglich auf diesen Seiten, und McCay hat keine Skrupel, Menschen dabei zu zeigen, wie sie sich Kugeln in den Kopf jagen oder bei Unfällen zerstückelt werden – es ist ja nur ein Traum.

Nun hat die Psychoanalyse und nach ihr die Kulturtheorie längst postuliert, dass Träume denkbar ernst zu nehmen sind. Ich glaube kein Wort davon, aber dass sie grandioses Spielmaterial für Künstler sind, daran glaube ich fest. Nein, besser noch: Ich weiß es, und dieses Wissen vertieft die McCay-Ausstellung.

Aber das macht sie noch gar nicht besonders, denn die meisten Comic-Beispiele, die in Troisdorf (oder später in den anderen Museen) zu sehen sind, kennt man, wenn man ein Faible für historische Comics hat. Wem das bisher fehlte, dem steht eine Überraschung bevor, und nachher wird er es haben. Und für uns, die wir glauben, schon alles zu kennen, hat Alexander Braun als Kurator und mehr noch als Katalogautor eine Fülle an Begleitmaterial zusammengetragen, das es erstmals anschaulich ermöglicht, McCay als faszinierendes Zeitphänomen zu betrachten – nicht nur ästhetisch, sondern ganz praktisch. Man bekommt Bilder gezeigt, die ihn inspiriert haben, aber auch die Druckprozesse, die erst die Reproduktion seiner raffinierten Zeichnungen ermöglichten. Man sieht die Folgen, die McCays Wirken hatte, und den politischen Cartoonisten, der im Dienst seines späteren Verlegers William Randolph Hearst einen Kampf für den Fortschritt ausfechtet. Allerdings merkt man auch, dass McCay selbst daran gar nicht geglaubt hat.

Profitiert jedoch hat er vom Fortschritt. Drucktechnisch sowieso, aber auch zum Beispiel durch Eadweard Muybridges Phasenfotografien, die Bewegungsabläufe in Sekundenbruchteile aufspalteten. Etliche dieser Sequenzen übernahm McCay für seine Zerdehnungen der Zeit. Für die des Raums nahm er dagegen die Welt des Vaudeville, der Zerrspiegel und Illusionisten, zur Vorlage. Heraus kam ein Panoptikum des frühen amerikanischen zwanzigsten Jahrhunderts, das ausgerechnet in Troisdorf und sonstiger Provinz (sorry, aber so ist es) seinen Widerhall findet. Da muss man hin, am besten an jedem Ort, wo die Schau Halt macht, einmal. Denn es wird sein wie bei McCay: Scheinbar ist alles festgefügt. Doch gerade in der Statik steckt das größte Bewegungspotential.


1 Lesermeinung

  1. Toller Artikel! sehr...
    Toller Artikel! sehr interessant!!!
    nur der Satz: „einen klügeren Comiczeichner als Spiegelman gibt es nicht“ stört mich etwas. Ich halte Spiegelman für sehr gut, aber man kann den Kult auch übertreiben. Letztlichhat er nur einen einzigen richtig guten Comic gemacht, der rest ist nicht gerade aufregend. Und auch Maus hat wenn man von Klugheit redet nicht nur durchdachte Elemente, sondern besteht auch aus Bauchentscheidungen.
    Ich würde mir wünschen wenn man bei Spiegelman in der Fachpresse mal wieder auf den Boden kommen würde.
    Ihn als klüger als Alan Moore, Robert Crumb, Harvey Kurtzman, Joe Sacco etc. zu bezeichnen halte ich für unklug.
    Aber sonst wie immer toll, ich werd mir McCay in Erlangen ansehen!
    G.S.

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