Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Mit Rimbaud durch die Hölle

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Was der frühvollendete französische Dichter in seinen späten Lebensjahren (die gar nicht so spät waren; er war lediglich zweiunddreißig) in Ostafrika so alles getrieben hat, ist nur in Umrissen klar. Ein Comic über eine seiner Reisen aber erzählt mehr.

Arthur Rimbaud – das ist ein Mythos. Weil er sehr jung zum Dichtergenie ausgerufen wurde. Weil ihn sein Freund, Liebhaber und Kollege Verlaine fast erschossen hätte. Und weil er sich mit Mitte zwanzig ans Horn von Afrika absetzte, wo er einen schwungvollen Handel mit allem unterhielt, was Geld brachte: Lebensmittel, Waffen, Sklaven. Als er starb, nach einer Beinamputation 1891, war er gerade einmal sechsunddreißig Jahre alt. Seine Gedichte leben bis heute. Der Mythos tut es auch.

Auf diesem Mythos, vor allem dem der afrikanischen Jahre, gründet der Comic „Chapeau, Herr Rimbaud“. (Was für ein Kalauer! Er ensteht allein dadurch, dass der deutsche Verlag Matthes & Seitz bei seinem Comic-Debüt den bestimmten Artikel des Originaltitels „Le chapeau de Rimbaud“ weggelassen und aus der ganzen Sache einen Ausruf gemacht hat.) 2010 in Frankreich erschienen und von Christian Straboni gezeichnet, der mir zuvor nur durch einen zauberhaft nostalgischen Comic-Strip aufgefallen war, den meine falkenäugige Frau in einem Pariser Comicladen entdeckt und gekauft hatte, kam „Chapeau, Herr Rimbaud“ genau rechtzeitig zum Riesen-Hype um ein neu entdecktes Foto, das angeblich Rimbaud in der jemenitischen Hafenstadt Aden zeigen sollte. Darauf geht auch Straboni in seinem Nachwort kurz ein, aber mittlerweile ist alles wieder obskur, was dieses Foto angeht. Wie wunderbar, dass das einzige, was Straboni dazu zu sagen hat, dies ist: „Auf dem Bild hatte Rimbaud eine kleine Nase, mein Rimbaud hatte eine große Nase. Ich mag keine kleinen Nasen zeichnen.“

Die gemeinsam mit Laurence Maurel verfasste Geschichte, die Marie Luise Knott sehr flüssig ins Deutsche übersetzt hat (und für den Titel kann sie sicher nichts), ist eine Abenteuer-Story, die nicht Rimbaud in den Mittelpunkt stellt, sondern den Korsen Jean Roch Folelli, der in Europa als Mörder und Kommunarde von 1871 gesucht wird und deshalb Zuflucht in Somalia genommen hat. Dort trifft er Rimbaud und schließt sich einer dessen Waffen-Karawanen ins Innere von Äthiopien an.

Das Ganze ist ästhetisch, geographisch und zeitlich nicht weit weg von Hugo Pratts „Corto Maltese“-Comics. Auch Straboni zeichnet schwarzweiß mit dickem Tuschepinselstrich und wählt einen leicht karikaturesken Realismus. Aber warum sollte man sich auch nicht am Besten orientieren, was der Abenteuercomic hervorgebracht hat. Etwas bemüht wird es immer dann, wenn sich das Geschehen um Folelli und Rimbaud im Phantastischen verliert, jedoch am Schluss rundet sich die Geschichte gut, und das Lesevergnügen ist groß. Wer dem Winter wenigstens geistig ins heiße höllische Afrika entfliehen will, der findet hier den richtigen Comic dafür.


1 Lesermeinung

  1. <p>Das hätte Rimbaud...
    Das hätte Rimbaud sicherlich gewundert, aber auch gefreut, dass Er der Protagonist einer Bildergeschichte wird. Er war ein Mensch der Sprache und hat fast nur auf diese geachtet und dafür gelebt, das Bildliche und das Persönliche, das Selbst, waren ihm annähernd zuwider, leider, denn, was hat Er uns dadurch vorenthalten? Da auch ich ein Mensch der Sprache bin, allerdings ohne das Selbst zu verachten, bringe ich Arthur hier, mit Ihrer Erlaubnis, in einen sprachlichen Kontext:

    Das Bewusst-Sein spricht. Das Bewusst-Sein spricht in Worten. Sprache. Welch ein Wunder!? Einfach so entstanden? Ein so mächtiges Werkzeug! Das ist doch eine Frage wert. Seit Wir Menschen sprechen, ist die Entwicklungsgeschwindigkeit sowohl der gesellschaftlichen Verhältnisse, als auch der Technik exponentiell abgehoben. Abgeflogen, oder auch Aufgeflogen! Das Körper kommt dabei kaum mehr mit. Und bremmst. Was verständlich ist. Denn, was versteht das Körper von Sprache? Nun, Es spricht und versteht Sprache, aber wie weit reicht das, in das Körper hinein? Lesen Sie der linken Hand, wahlweise auch dem linken Knie, das Sie auch sind, einmal folgende Zeilen vor:

    „Also ist der Poet wahrhaftig ein Dieb des Feuers. Er ist beladen mit der ganzen Menschheit, sogar mit den Tieren. Er muss, was er erdichtet entdeckt, fühlbar machen, tastbar, hörbar, und wenn das, was er von da unten heraufholt, Form besitzt, so gibt er es als Form; ist es formlos, dann gibt er das Formlose. – Eine Sprache finden – und wenn schliesslich jedes Wort ein Gedanke ist, dann kommt auch die Zeit einer Universalsprache! Man muss schon Akademie-Mitglied sein – mehr tot als ein Fossil -, um ein Wörterbuch zu verfassen, in welcher Sprache auch immer. Wenn Schwächlinge anfangen, über den ersten Buchstaben des Alphabets nachzudenken, können sie ganz schnell dem Wahnsinn verfallen! Diese Sprache wird von der Seele kommen und zur Seele gehen und alles zusammenfassen: Düfte, Töne, Farben und den Gedanken, der dem Gedanken folgt und ihn weiterführt. Der Poet bestimmt dann das Ausmass des Unbekannten, das zu seiner Zeit in der Allseele erwacht: er gäbe mehr – als die Formel seines Gedankens, als die Aufzeichnung seines Weges zum Fortschritt! Indem er das Ungewöhnliche zum Gewöhnlichen macht und alle es aufnehmen in sich, würde er in der Tat zu einem Vervielfacher des Fortschritts!“
    Arthur Rimbaud in einem Brief an Paul Demeny, 15.Mai 1871.

    Hat die Hand diese Gedanken ergriffen, hat sie sie gar begriffen, oder sind nur Regionen im Gehirn damit befeuert worden? Was weiss der Magen von der Welt, (von) ausser was Es isst? HaHa. Was weiss das Auge, von Was es sieht? SoSo. Wo bleibt da das Bewusst-Sein? DaDa! Danke.

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