Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Alles zum deutschen Comicgeschehen

Der Interessenverband Comic, kurz Icom, existiert mittlerweile mehr als dreißig Jahre. Deutlich weniger hat das von ihm herausgegebene „Comic! Jahrbuch" auf dem Buckel. Und es verjüngt sich personell und thematisch auf erfreuliche Weise.

Das neue Jahr mag für manche am 15. Februar beginnen. Zum Beispiel hat heute Art Spiegelman Geburtstag, und von dem dürfen wir in diesem Jahr etwas erwarten. Und noch mehr wird passieren. Wer aber glaubte, mit dem großformatigen Softcover-Band „Comic! – Jahrbuch 2012″ bekäme er vor allem eine Vorausschau auf die wichtigen Comic-Ereignisse dieses Jahres in Deutschland (als da wären: Erlanger Comicsalon, Spiegelman-Ausstellung im Kölner Museum Ludwig und die bereits wandernde Winsor-McCay-Schau, um nur die Allerwichtigsten zu nennen) geboten, der irrt. Das vom Interessenverband Comic (Icom) herausgegebene Jahrbuch entstand im Jahr 2000 als Nachfolger des Fachmagazins „Comic!“, das 1996 eingestellt werden musste, und des damals sporadisch erschienenen „Icom-Handbuchs“. Das Jahrbuch soll zwar durchaus praktischen Nutzen haben, was Kontakt- und Terminpflege betrifft, doch erfreulicherweise liegt sein Schwerpunkt bei Aufsätzen über aktuelle Fragen. Die können comicästhetischer, -historischer oder -biographischer Art sein.

Ein wenig leidet die ambitionierte Publikation, die in Deutschland nichts Vergleichbares hat, an ihrem Erscheinungsbild. Da sich im Icom vor allem Comicschaffende organisiert haben, wird auch die Gestaltung von den Mitgliedern übernommen, was vor allem zu Titelbildern führt, die dem Inhalt  wenig angemessen sind. Aber natürlich soll und darf das Jahrbuch auch ein Schaufenster für den Icom selbst und seine Mitglieder sein.

Wer sich vom eher kind- als kunstgerechten Umschlag des aktuellen Bandes für 2012 nicht abschrecken lässt, bekommt ein breites Spektrum an Artikeln geboten, die von spezifisch ostdeutschen bis zu Netz-Comics kaum ein Genre oder eine Verbreitungsform auslassen. Es gibt ein Interview mit dem Leipziger Comiczeichner Schwarwel, der Lesern dieses Blogs kein Unbekannter ist, eine Rückschau auf das Stuttgarter Trickfilmfestival als das größte seine Art in Deutschland und einen ausführlichen Artikel zur Lage der Comic-Übersetzer.

Letzteres ist ein heißes Eisen, denn so schlecht wie Comicverlage zahlt kaum noch jemand für Übersetzungen. Viel zu selten wird die Leistung gewürdigt., die darin besteht, als Übersetzer auf einem festgelegten Raum einen ebenso festgelegten Text unterzubringen. Da im Deutschen alles länger wird als in den meisten anderen Sprachen, nimmt man als Romanverleger einfach ein paar Buchseiten hinzu, wenn die Übersetzung ausufert. Das ist im Comic nicht möglich.

Die Beschäftigung mit solchen Fragen steckt noch in den Kinderschuhen. Immerhin wird im kommenden November das Europäische Übersetzerkolleg in Straelen einen ersten Workshop für Comicübersetzer anbieten, den ich selbst als Moderator zusammen mit dem Comickritiker und -übersetzer Stefan Pannor leiten werde. Mal sehen, was sich dort an Fragen ergibt. Wer aber schon einmal kundig in die Materie eingeführt werden möchte, ist mit Waldemar Keslers Beitrag im „Comic! Jahrbuch 2012″ gut bedient.

Die internationale Entwicklung gerät durch die traditionellen Marktüberblicke zu den Vereinigten Staaten und Frankreich in den Blick, diesmal kommen als Besonderheit noch die Niederlande dazu. Solche thematische Abwechslungen sorgen dafür, dass das Jahrbuch nicht in einem festen Korsett erstarrt. Und seit der Comicjournalist Klaus Schikowski dem langjährigen Herausgeber Burkhard Ihme redaktionell unter die Arme greift, ist auch der Mitarbeiterstamm deutlich jünger geworden. Das gängige Manko, dass zu wenig Frauen über Comics schreiben, ist allerdings auch wieder drastisch sichtbar – nur das von Nana Wallraff geführte Schwarwel-Gespräch stellt eine Ausnahme dar. Aber wer bin ich, dass ich darüber Klage führen dürfte? Es ist ja nicht so, dass Frauen bewusst aus den Foren für Comicberichterstattung ferngehalten würden. Die Lektüre des „Jahrbuchs 2012″ zeigt jedenfalls wieder einmal, dass man auch bei größtem Interesse nur einen winzigen Ausschnitt aus der Fülle von interessanten Comic-Entwicklungen wahrnehmen wird. Für die resultierenden Defizite bietet die Berichterstattung des Icom eine gute Korrektur.