Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Das Mädchen aus den Kaminen

Manchmal staunt man, wie lange es dauert, bis bemerkenswerte Comics ins Deutsche übersetzt werden. Doch dann geht alles umso schneller: Von „Koma", der sechsteiligen Serie von Pierre Wazem und Frederik Peters, sollen nun in rascher Folge alle Teile erschienen. Der erste, „Die Stimme der Schlote", macht größte Lust auf mehr.

Der deutsche Wikipedia-Eintrag zum Schweizer Comiczeichner Frederik Peeters hinkt fünf Jahre hinter der Zeit her. Denn dort werden für die von ihm gestaltete Comicserie „Koma” erst vier Folgen aufgelistet (der vierte Band erschien in Frankreich Ende 2006), es sind aber bis zu deren Abschluss im Jahr 2008 insgesamt sechs geworden. Das zeigt, wie wenig Aufmerksamkeit man hierzulande selbst den talentiertesten Nachwuchskünstlern schenkt. Und tatsächlich war bislang auch nur ein Comic des 1974 in Genf geborenen Peeters auf Deutsch erschienen: „Blaue Pillen”, eine stark autobiographisch geprägte Geschichte, auf die der Berliner Reprodukt Verlag das deutschsprachige Publikum auch schon sechs Jahre warten gelassen hatte. Aber besser spät als nie.

Jetzt ist wieder bei Reprodukt der erste Band von „Koma” herausgekommen, und diese von Peeters’ vier Jahre älterem Landsmann Pierre Wazem geschriebene Serie hat gar nichts Autobiographisches. Sie ist vielmehr ein souveränes Stück phantastischer Literatur, denn die Handlung spielt sich in einer aus der Zeit gefallenen dreckigen Industriestadt ab, in der das kleine Mädchen Addidas für ihren Vater, einen Kaminkehrer, die Arbeit in den engsten Schloten übernimmt. Kinderarbeit, Backsteinbauten, Luftverschmutzung, englische Firmennamen, Hire-and-fire-Mentalität – man glaubt sich mitten im Manchester-Kapitalismus des neunzehnten Jahrhunderts. Aber die Straßenreklamen und technischen Einrichtungen sprechen von unserer Gegenwart. Das ist der erste schöne Kunstgriff von „Koma”.

Der zweite ist erzählerischer Art. Addidas wird immer wieder von rätselhaften Ohnmachtsanfällen heimgesucht, in deren Verlauf sie sich in eine Unterwelt hineinträumt, die von ausgebeuteten Wesen bewohnt wird, die stark an die Morlocks aus H.G. Wells’ Roman „Die Zeitmaschine” erinnern. Wazem mischt mit sichtlichem Spaß die Erzählkonventionen durcheinander, und Peeters zeichnet dazu in einem eher lieblich-niedlichen Stil statt des leicht nervösen Strichs von „Blaue Pillen”. Joann Sfar und Lewis Trondheim haben mit ihren gefälligeren Arbeiten klar Pate gestanden für „Koma”, aber das haben sie ja ohnehin für so ziemlich alles, was im französischsprachigen Mainstream-Comic der letzten fünfzehn Jahren passiert ist.

„Die Stimme der Schlote”, wie der erste Band von „Koma” heißt, lebt von seinem Widerspruch von düsterer Stimmung und Kleinmädchen-Kulleraugen sowie dem Ineinanderfließen von trister Wirklichkeit und bedrohlicher Vision. Am Ende des ersten Bandes sind diese beiden Ebenen zusammengekommen, und erfreulicherweise wird man nicht lange darauf warten müssen zu erfahren, wie es weitergeht. Vierteljährlich waren die weiteren Bände von „Koma” bei Reprodukt angekündigt, aber der zweite Band, “Das große Loch”, hat mich schon erreicht – deutlich vor Ablauf der Vierteljahresfrist. Und er setzt die Handlung aufs Vielversprechendste fort, wenn sich auch der Schwerpunkt etwas auf den Vater von Addidas verlagert. Jedenfalls wird das deutsche Versäumnis gegenüber dieser Serie nun schnell aufgeholt.