Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Adolf Hitlers Mörder

Wer hätte das gedacht: Hitler ist erschossen worden. Allerdings erst hundertzehn Jahre später, als man gedacht hätte. Und doch auch noch gerade rechtzeitig. Wie das sein kann, erzählt der norwegische Comiczeichner Jason.

Der Mörder hat lange auf sein Opfer gewartet, sechzig Jahre lang. Als er es ermordet, ist es aber schon seit mehr als hundert Jahren tot. Oder gilt als verstorben – Genaues weiß man nicht. Klingt das kompliziert? Dann wird es nicht eben leichter gemacht durch die Tatsache, dass der Ermordete Adolf Hitler war.

Im Jahr 1938, vor den schlimmsten Nazi-Exzessen, taucht ein Fremder in der Berliner Reichskanzlei auf. Und von diesem Tage an ist Hitler verschwunden. Was geschehen ist, erzählt Jason in seinem schlanken Comicband „Ich habe Adolf Hitler getötet“. Jason ist übrigens selbst ein geheimnisvoller Mensch. Der 1965 geborene Norweger, der mit bürgerlichem Namen John Arne Saeteroy heißt, ist schon seit dreißig Jahren im Comicgeschäft, wurde aber erst in den späten neunziger Jahren einem internationalen Publikum bekannt. „Ich habe Adolf Hitler getötet“ erschien deshalb 2006 in Frankreich, dem europäischen Land, wo anspruchsvolle Comic das größte Publikum finden. Es ist bezeichnend, dass selbst dieser Band sechs Jahre brauchte, bis er ins Deutsche übersetzt wurde.

Es mag ein spezifisches Hitler-Problem geben, dass deutsche Comicverleger über den historischen Abscheu hinaus daran hindert, die großen Arbeiten dazu herauszubringen. Nach den Prügeln, die Friedemann Bedürftigs und Dieter Kalenbachs zweibändige Hitler-Biographie in Bildern in den achtziger Jahren bezogen hatte, mag man das verstehen. Aber warum die hiesige Publikation von „Maus“ Jahre brauchte, warum Osamu Tezukas „Adolf“-Manga in deutscher Übersetzung Jahrzehnte auf sich warten ließ oder Shigeru Mizukis „Gekika Hittura“ (eine weitere, aber diesmal wirklich gute gezeichnete Hitler-Biographie) bislang gar nicht in Deutschland erschienen ist, das versteht niemand, der diese Bücher gelesen hat.

In Jasons Fall ist alles noch rätselhafter, weil Hitler nur der plakative Aufhänger für eine Zeitreisegeschichte ist. Mehr darf man eigentlich gar nicht verraten, wenn denn überhaupt noch Überraschung etwas zählen soll. Immerhin nimmt schon der Titel des Comics einen nicht unwesentlichen Handlungsaspekt vorweg.

Man sollte sich auch nicht länger bei der Plausibilität von Zeitreisen und der durch sie ausgelösten historischen Veränderungen aufhalten. Nähme man Jasons Geschichte für wahr, könnte sie sich nicht ereignet haben, weil ihr Ergebnis ihre Voraussetzung obsolet macht. Das ist das gängige Dilemma aller Zeitreise-Histörchen, und dazu trägt der Comic nichts Neues bei.

Was aber hier im Gegensatz zu den anderen Geschichten von Jason exzellent funktioniert, ist sein Zeichenstil. Seine Figuren sind in Ligne-claire-Stil gehaltene anthropomorphe Tiere _ Jason vermischt also in gewisser Weise Hergé mit Disney. Das sieht normalerweise ziemlich gefällig aus, hat aber keinerlei narrative Konsequenzen, weshalb mir diese Zeichnungen immer eher Ausdruck einer Marotte zu sein schienen. In „Ich habe Adolf Hitler getötet“ ergibt die Stilisierung aber Sinn, weil jede Annäherung an die Wirklichkeit des Nationalsozialismus angesichts der munteren Handlung frivol gewirkt hätte. Und Hitlerbart und -strähne auf einem Hundegesicht machen die Bedrohung, die von dieser Figur ausgeht, deutlicher als eine realistische grafische Umsetzung.

Das strenge Seitenraster von vier Reihen mit je zwei gleichgroßen Panels wird nur ganz am Schluss einmal durchbrochen, und selbst das ist kein Knalleffekt, sondern nur das Zeichen, dass nunmehr etwas Neues beginnt. Möge das auch für Jason gelten, nachdem sein Stil nun das ihm kongeniale Thema gefunden hat.