Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wie Lucky Luke in den Wilden Westen kam

Wer im 89. Band einer Comicserie noch einmal ganz von vorn anfangen will, braucht eine gute Idee. Der Franzose Achdé, der seit einigen Jahren die Geschichten von Lucky Luke zeichnet, greift auf einen alten Trick zurück: Er führt uns die Kindheit seines Helden vor. Was sehr gut anfängt, hat dann aber einen entscheidenden Haken.

Gesehen haben wir das in den letzten Jahren schon häufiger: Wenn ein Comic-Held richtig erfolgreich ist, erzählen seine Schöpfer gern von den Jugendstreichen der Figur. Das war so bei den Disney Babys, mit denen alles losging, oder beim kleinen Spirou, bei den Jugenderlebnissen von Asterix und Obelix, beim kleinen Gaston, und vermutlich gibt es auch längst Spider-Man-Kid oder Batbaby. Zumal ja eh bei den Superhelden diese Masche erfunden wurde: Robin the Boy-Wonder und Batgirl lassen grüßen, Captain Marvel hatte sogar eine ganze Familie samt Nachwuchs an der Backe. Aber diese Figuren durften bisweilen durchaus ernst genommen werden.

Dagegen dienen die neueren verjüngten Helden und deren eher harmlose Späße vor allem der Erzeugung von Klamauk. Damit will man sich zwei Zielgruppe erschließen, die meist außen vor bleiben, wenn es sich um anspruchsvolle Comic-Kost handelt: kleine Kinder und große Quatschköpfe. Für die erste Gruppe sollte eigentlich nur das Beste gerade gut genug sein, aber das Kindchenschema verfängt leider eben auch bei Kindern selbst. Und alberne Erwachsenen haben allemal ihr Vergnügen an kindischer Lektüre.

Nun kommt ein neuer süßer Fratz mit hohen Popularitätswerten dazu: Lucky Kid. So hieß in seinen jungen Jahren Lucky Luke, der berühmte Westerheld, den der belgische Zeichner Morris mehr als fünfzig Jahre lang gezeichnet und der grandiose Szenarist René Goscinny immerhin zwanzig Jahre lang geschrieben hat. In der Tat wusste man bislang so gut wie nichts über die Herkunft des einsamsten aller Comic-Helden, der jedes Abenteuer mit dem Abgesang von „I’m a poor lonesome cowboy and a long way from home“ beendet. Aber warum ist der Mann denn überhaupt so allein und so weit weg von zu Hause?

Das erzählt in Band 89 der Dauerserie um Lucky Luke der Zeichner Achdé, der nach dem Tod von Morris im Jahr 2001 zu dessen einzigem legitimen Nachfolger herangereift ist. Auf der ersten Seite von „Lucky Kid“ findet der gleichsam einsame Cowboy Sam einen ausgebrannten Planwagen, und nicht weit entfernt liegt in der Prärie ein Säugling. Der wird mit nach Nothing Gulch, einem der wiederkehrenden Handlungsorte von „Lucky Luke“, genommen und vom dortigen zögerlichen Sheriff Elias und der resoluten Bardame Madame Martha aufgezogen. Auf diese Weise also kam Lucky Luke in den Wilden Westen. Und weil Achdé offen lässt, was mit den Eltern geschehen ist und wer den Planwagen angegriffen hat, darf man sich wohl für die Zukunft noch auf einige Überraschungen freuen.

So abgegriffen das Kindchenschema auch ist, die ersten sechs Seiten von „Lucky Kid“ sind wunderbar – witzig, elegant gezeichnet und vor allem pointenstark, weil die drei neuen Figuren Martha, Elias und Sam ein skurriles Trio bilden. Nur leider hört dann die Einleitung auf, und danach erzählt Achdé nur noch in einseitigen Gagsequenzen aus der Kindheit von Lucky Luke, die auch nur das zu bieten hat, was schon den kleinen Spirou oder Gaston oder Asterix langweilig machte: Irgendwann kann man das Gefrotzel unter Kindern nicht mehr ertragen, weil die Handlungsoptionen notgedrungen beschränkt sind. Wo die Erwachsenen Diktatoren bekämpfen, Verlagschefs zur Weißglut bringen oder Römer verprügeln, bleibt ihnen als Kindern nur die Wahl zwischen Schule und Spielen. Beides ist schnell ausgereizt.

Das ist bei „Lucky Kid“ nicht anders, zumal Pointen nicht Achdés starke Seite sind. Er ist ein Erzähler. Deshalb steht am Ende jeder Seite auch noch eine mehr oder minder alberne Wissensfrage, auf dass endgültig nur selbst kindische Gemüter angesprochen werden. Zudem kann ein Wortwitz wie die Verwechslung von „bisou“ (Kuss) mit „bison“ (Büffel) nicht so einfach aus dem Französischen ins Deutsche gerettet werden. Dass der Übersetzer Klaus Jöken dann auf „Schokoladen-Trüffel“ und „Büffel“ verfällt, ist grässlich, selbst wenn es die einzige plausible Lösung gewesen wäre.

Aber die ersten sechs Seiten machen durchaus Lust auf mehr. Aber eben auf mehr Auserzähltes, auf einen längeren Atem, auf witzige Erwachsene. Die sind letztlich auch für Kinder lustiger, weil sie sich ihnen dann überlegen fühlen. Die Albernheiten der Wildwest-Kinder aus „Lucky Kid“ setzen aber nur die Kindheit selbst herab.