Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Goliath ganz groß

Der Mann des Tages heißt Goliath. In gleich zwei Comics tritt der Philister mit dem schlechten Ruf auf und erweist sich sowohl bei Ralf König wie bei Tom Gauld als sehr angenehmer Herr.

Der Zufall schreibt immer noch die besten Geschichten. Obwohl das unfair ist, denn die beiden Geschichten, die den Zufall erst ans Werk setzten, sind selbst schon sehr gut. Beide Male geht es um Goliath, den biblischen Riesen, der von David mit der Schleuder getötet wurde. Der schottische Cartoonist Tom Gauld, geboren 1976 und bislang vor allem für Londoner Zeitungen tätig, hat sich den gigantischen Krieger für seine erste lange Comic-Erzählung ausgesucht: „Goliath“ (publiziert bei Reprodukt) zeigt auf neunzig Seiten das Geschehen, das wir aus dem 1. Buch Samuel kennen, konsequent aus der anderen Sicht, der der Philister (https://www.reprodukt.com/leseprobe.php?id=9783943143263&page=2).

Und dann ist da Ralf König, der in seinem gerade beim Männerschwarm Verlag (Königs Entdecker und publizistische Heimat seit dreißig Jahren) erschienenen Band „Götterspeise“ eine  sechsseitige Kurzgeschichte und das Titelbild auf den Kampf von David gegen Goliath verwendet. Hier ist alles etwas klassischer, wenn es um den Blickwinkel geht: Wir nehmen einmal mehr Davids Perspektive ein. Sonst aber ist alles anders: Der splitternackte schmächtige Knabe verfällt sofort dem großen brustbehaarten Gegner (https://www.maennerschwarm.de/Verlag/htdocs/goetterspeise.html), und Gottes Befehl, trotzdem den Kampf aufzunehmen, befolgt David zwar treu, doch der philosophisch beschlagene Philister zerstört den Gottesglauben mit dem Satz „Gott ist tot“. Das bricht den Bann, Israeliten und Philister schließen Frieden, alles ist reine Liebe (oder in streng christlicher Betrachtung denkbar unreine).

Königs Bibel-Parodien, die mit „Prototyp“ und „Archetyp“ aus der F.A.Z. bekannt sind und mit „Antityp“ und jüngst „Elftausend Jungfrauen“ ihre Fortsetzung fanden, sind höchst komisch (und in „Götterspeise“ gibt es noch mehr davon). Gaulds „Goliath“ dagegen ist eher witzig; Schenkelklopfen strebt er nicht an. Seine simplen Bilder, die nur eine bronzene Zusatzfarbe aufweisen – was auf dem leicht gelblich getönten Papier herrlich antik aussieht -, stimmen melancholisch, weil sie das Warten Goliaths zeigen, der auf Geheiß seines Königs die Israeliten herausfordert. Aber niemand nimmt die Herausforderung an, und Goliath, ein sanfter Riese, ist darüber sehr glücklich.

Schließlich aber kommt es, wie es kommen muss. Keine Rede von reiner Liebe; David kommt, sieht und siegt. Als Leser werden wir den sensiblen Goliath vermissen.

Übersetzt wurde Gaulds Buch übrigens von Nicolas Mahler, der mit „Alte Meister“ nach Thomas Bernhard selbst eine meisterhafte Literaturadaption gezeichnet hat. Ihn muss der lakonische Humor des Schotten, aber auch dessen Einfühlung in den vermeintlichen Berserker Goliath begeistert haben. Und so setzt er mit knapper Sprache noch einen deutschen Glanzpunkt obendrauf. Burlesk oder besinnlich – Goliaths Comic-Comeback in diesem Herbst ist beachtlich.