Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die Rache eines Sklaven

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Das neunzehnte Jahrhundert hält doch immer noch die schönsten Dinge parat - zumindest literarisch. Der famose französische Zeichner Brüno hat in Zusammenarbeit mit dem famosen französischen Szenaristen Fabien Nury ein Buch des famosen französischen Romanciers Eugène Sue zum Comic gemacht: „Atar Gull". Er ist - na ja, was sonst? - famos.

Wie schön, dass es nun einen Comic nach einer Vorlage von Eugène Sue gibt! Für alle, die nicht wissen, wer das war: Sue hat im Frankreich des neunzehnten Jahrhunderts als erster Autor den Feuilletonroman populär gemacht, also das Erzählen in kurzen Fortsetzungen, die von Zeitungen abgedruckt wurden. Diesem Prinzip folgten ein halbes Jahrhundert später in Amerika die ersten Comics, und ob das jemals passiert wäre, wenn Sue in der alten Welt  nicht so erfolgreich gewesen wäre, darf man bezweifeln.

Allerdings ist sein Roman „Atar Gull“ 1831 entstanden. Sue war da erst siebenundzwanzig und hatte im Vorjahr das große Vermögen seines Vaters geerbt. Davon zehrte er als Schriftsteller, bis seine Karriere als Zeitungsromanautor begann. „Atar Gull“ ist also noch nicht in Fortsetzungen erschienen, aber das Talent zur Abenteuerhandlung merkt man dem Stoff um einen jungen afrikanischen Häuptling, der von europäischen Sklavenhändlern nach Amerika verschleppt wird, bereits an.

Das kommt der Adaption des Buchs durch den französischen Szenaristen Fabien Nury und seinen Landsmann, den Zeichner Brüno, entgegen. Im Vergleich mit Sues Roman ist der Comic „Atar Gull“ eine stark verkürzte Version. Immerhin umfasste sie aber in Frankreich zwei Comicbände, die auf Deutsch nun zu einem zusammengefasst sind, den Volker Zimmermann sehr stilgerecht übersetzt hat – nämlich knapp. Die große Leistung des Comics besteht in der drastischen Reduktion von Dialogen zugunsten von Stimmungen, die das Verhalten der Figuren und ihren jeweiligen Charakter illustrieren (eine Leseprobe ist hier zu finden: https://www.avant-verlag.de/comic/atar_gull_oder_die_geschichte_eines_modellsklaven).

Es ist die erste deutsche Publikation des höchst talentierten Brüno, der in seiner Heimat schon ein rundes Dutzend beachtlicher Comics gezeichnet hat (vor allem „Nemo“, schon dass eine großartige Fortschreibung eines großen Romans aus dem neunzehnten Jahrhundert: „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne, aber dabei handelt es sich nicht um eine Adaption), die großen Stilwillen verraten. Seine flächigen, durch bisweilen monochrome Farbgebung (die hier Laurence Croix besorgt hat) geprägten Bilder knüpfen an die frankobelgischen Abenteuervorläufer seit Hergés „Tim und Struppi“ an: herrliche Küsten, wilde Wogen, Freude am Klischee (die Schwarzen sind alles andere als politisch korrekt gezeichnet, aber die Weißen verhalte sich dafür alles andere als politisch korrekt).

Es wird gemetzelt in diesem Comic, doch auch philosophiert. Letzteres allerdings vor allem wieder ohne Worte. Atar Gull ist nicht, wie man glauben könnte, der gute Wilde, aber im Gegensatz zu den Europäern ein Mann von Gefühl – was in eine wilde, jedoch eiskalte Rache mündet. Dafür ist der Freibeuter Brulart ein Schurke, wie er kaum in einem anderen Buche steht. Und eine hinreißende graphische Hommage an Rasputin aus den „Corto Maltese“-Comics von Hugo Pratt.

Das Lesevergnügen ist enorm, denn so wie Sue erzählt heute keiner mehr. Aber wie gut Nury und Brüno das getroffen haben, lässt dann doch wieder hoffen, dass unsere niederen Gelüste am puren Abenteuer noch zum Zuge kommen können. Hoffentlich machen sie bald etwas ganz eigenes.


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