Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

„Traumnovelle" als Albtraum-Graphic-Novel

Bei der Büchergilde wird die Konfrontation von Literatur und Comicvorlage konsequent gewagt: In den Graphic Novels des Hauses wird den gezeichneten Versionen der komplette Ursprungstext angehängt. Den Auftakt machte E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi", nun ist Arthur Schnitzlers „Traumnovelle" dran.

Bei der Büchergilde, deren Eigenpublikationen seit einigen Jahren auch außerhalb des Buchclubs erhältlich sind, nimmt man den Begriff „Graphic Novel“ überwörtlich. Zwei Comics hat man in den letzten Monaten publiziert, beide nennen sich Graphic Novel, und beide beruhen nicht auf Romanen , sondern dezidiert auf Novellen. Die erste geht auf E.T.A. Hoffmanns „Fräulein von Scuderi“ aus dem Jahr 1819 zurück und wurde von dem Berliner Gestaltungsduo Drushba Pankow alias Alexandra Kardinar und Volker Schlecht gezeichnet. Die zweite wählt Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ von 1929 und ist von Jakob Hinrichs umgesetzt.

Diese bisherige Beschränkung auf Novellen ist aber kein Ergebnis eines linguistischen Missverständnisses der englischen Bezeichnung „novel“, sondern dadurch zu erklären, dass in den Graphic Novels der Büchergilde neben der Adaption immer auch der ganze Ausgangstext abgedruckt wird. Und da wären Romane wohl doch etwas zu lang. Das ist jedenfalls der Grund, warum der Suhrkamp Verlag, der genau diese Idee auch vor ein paar Jahren hatte, davon wieder Abstand genommen hat: Warum sollte man sich auf vergleichsweise kurze literarische Vorlagen beschränken?

Und was nützt die unmittelbare Zusammenstellung überhaupt? Klar, sie gestattet den direkten Vergleich. Suhrkamp dachte seinerzeit an einen massenhaften Absatz in Schulen fürs Unterrichtsprogramm. Das war aber wohl eine eitle Hoffnung: Die Deutschlehrerin möchte ich sehen, die ihren Schülern über Comic-Versionen den Zugang zur Literatur eröffnete. Und die geradezu irre Idee, den Schnitzler-Text auch noch grün zu drucken, dürfte jeden praktischen Gebrauch ohnehin verhindern.

Im Falle von Jacob Hinrichs „Traumnovellen“-Umsetzung kann man aber sehr schön vergleichen, was Vor- und Nachteile der gemeinsamen Publikation von Erzählung und Comic sind. Vorteil: Durch die Beigabe des Textes kann man – Unkenntnis der Vorlage vorausgesetzt, aber das tut die Büchergilde ja – leichter die selbst bisweilen traumverlorene Umsetzung verstehen. Denn Hinrichs, mit allen Wassern gewaschener und ofenkundig in das Werk von Blexbolex verliebter Illustrator, erzählt metaphorisch und elliptisch, setzt also um und lässt aus, führt seine Figuren im Zickzack über die Seiten und nimmt damit ein bestimmendes Element von Schnitzlers Novelle kongenial auf: die Verunsicherung. Nur dass Bilder eben viel mehr verunsichern als ein ach so ordentlich gesetzter Text (ansehen kann man sich das auf https://www.buechergilde.de/detailansicht/items/traumnovelle_165481.html; beim Anklicken des Buchtitels kann man Beispielseiten sehen).

Nachteil: Schnitzlers Buch ist eben doch besser als das, was Hinrichs daraus macht. Weil wir uns bei der Lektüre etwas dazudenken können, während der Zeichner gerade durch seine Lust am Symbolischen und Strukturellen alles allzu bildhaft vor uns stellt. Es ist keine Frage, dass wir hier Abgründe einer gutbürgerlichen Existenz vor uns haben, aber Schnitzler macht sie nicht derart explizit. Zumal Hinrichs das Geschehen in die Gegenwart überträgt. Das ist nicht schlimm, denn seine fast ausschließlich im Profil agierenden Personen sind piktogrammatisch verfremdet. Das ist auch nicht schlecht, denn Schnitzlers Buch ist unvermindert aktuell, wie zu fürchten steht. Aber dadurch sind die Dinge, die bei Schnitzler in Andeutungen schockierten, weil sie vom Wien des frühen zwanzigsten Jahrhunderts erzählen, nahezu belanglos geworden, weil heute im europäischen Überall von Hinrichs‘ Comic doch noch ganz andere Exzesse bekannt sind als ein bisschen S/M. Nicht einmal für „Shades of Grey“ dürfte diese Graphic Novel ein Ersatz sein.