Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Kombiniere, Nick Knatterton und Häuptling Waputa haben einiges gemeinsam

Das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zeigt eine Ausstellung zum Leben von Manfred Schmidt, dem Autor und Zeichner der Detektivsatire „Nick Knatterton“. Nicht ganz rein zufällig erscheint zu Ausstellungsbeginn ein neues Buch über die berühmteste deutsche Comicserie der fünfziger Jahre. Das ostdeutsche Gegenstück zu „Nick Knatterton“ heißt „Waputa, die Geierkralle“, eine Wildwest-Satire, die Herbert Reschke 1954 erfand, um den deutsch-deutschen Konflikt aus Sicht der DDR-Führung ironisch zu kommentieren.

Wären wir Nick Knatterton, würden wir wie folgt kombinieren: Da erscheint ein Buch namens „Oh, Nick Knatterton“, und gleichzeitig eröffnet im Hannoveraner Wilhelm-Busch-Museum eine Ausstellung zum hundertsten Geburtstag der Knatterton-Zeichners Manfred Schmidt. Schön. Das wird dann wohl der Katalog sein. Ist das Buch aber nicht.

Und mehr als das: Es wurde im Busch-Museum zunächst nicht einmal verkauft. Das schien uns seltsam. Wie man von einer Seite hört, hätte das Buch die Begleitpublikation zur Ausstellung werden sollen, und wenn man liest, dass darin ein ganzes Kapitel der 1998 durchgeführten ersten „Knatterton“-Ausstellung im Wilhelm-Busch-Museum gewidmet ist, glaubt man es auch. (Denn was könnte sonst der Grund für dieses wenig informative Kapitel sein, außer dass der damalige Kurator Eckart Sackmann nun auch der Autor des neuen Buchs ist?) Aber die andere Seite streitet das ab.

Nun mag man bezweifeln, dass ein zwar sehr schönes, aber mit 128 Seiten im Querformat auch recht dünnes Buch für fast vierzig Euro viele Käufer finden wird (oder als Katalog gefunden hätte, aber dann wäre es wohl billiger geworden). Gut, es ist auf tausend Exemplare limitiert, aber der Preis ist ziemlich happig.

Zumal der Inhalt zu nicht unerheblichem Teil dem Text entspricht, den Sackmann schon 1998 in seinem Vorläuferwerk „Kombiniere…“ zu Nick Knatterton geschrieben hat. Einiges ist erweitert, manches korrigiert woren, doch das, was ganz neu dazugekommen ist, ist belanglos. So etwa ein längerer Text über die kroatischen Ausgaben von „Nick Knatterton“. Dagegen gibt es nur beiläufige Erwähnungen der niederländischen und türkischen Versionen der Serie, die jeweils zensiert wurden. In Holland durfte „Nick Knatterton“ nicht so freizügig sein wie in Deutschland, in der Türkei musste er angeblich drallere Frauen bieten. Zur niederländischen Praxis gibt es ein paar Bildbeispiele, zur türkischen kein einziges (außer einem unveränderten Titelbild). Man darf wohl vermuten, dass es sich bei der Geschichte vom aufgesexten türkischen „Knatterton“ um eine Legende handelt, die Manfred Schmidt selbst in die Welt gesetzt hat. Das hätte man aber gern überprüft gesehen und gelesen – wenn es schon für Blicke in kroatische Hefte reicht.

Höchst verdienstvoll dagegen ist der Abdruck des ersten Knatterton-Fortsetzungscomics, der von Dezember 1950 bis Juni 1951 in der Illustrierten „Quick“ lief. „Der Schuss in den künstlichen Hinterkopf“ wurde zwar häufig nachgedruckt, aber nie in der ursprünglichen Fassung, die Manfred Schmidts Qualitätsempfinden nicht mehr entsprach, als er 1952 eine Buchausgabe vorbereitete. Deshalb zeichnete er die ersten Folgen komplett neu, und auch wenn sich inhaltlich dabei nichts geändert hat, ist ein Vergleich der beiden Versionen aus comicästhetischen Aspekten sehr aussagekräftig. Hier sieht man, wie aus dem Cartoonisten Schmidt langsam – und wieder Willen – der Comiczeichner wurde.

Leider fehlen vier weitere Seiten, die gleichfalls seit dem Erstabdruck in der „Quick“ nie wieder erschienen sind: vier Episoden aus einem Knatterton-Abenteuer von 1957, in dem Franz Josef Strauß veralbert wurde (was den diversen Buchverlagen, die Knatterton-Ausgaben bis heute publiziert haben, wohl zu heikel war). Die Originale dazu sind im Besitz des Busch-Museums und werden in der Ausstellung gezeigt. Wäre „Oh, Nick Knatterton“ ein Katalog, so hätten sie wohl Aufnahme gefunden. Schade.

So bleibt der neue Band ein Buch allein für Fans der Serie (einen Eindruck von Inhalt bekommt man hier: https://www.comicplus.de/knatterton.html). Mehr als tausend solcher Liebhaber wird es davon allemal geben (die Besucherzahlen der Ausstellung zeigen das), aber wie sollen sie auf den Band stoßen, wenn er nicht im Museum zum Verkauf steht? Aber sie werden ja auch nicht arg viel verpassen. Immerhin ist ein Verweis auf die 1954/55 in der DDR publizierte Comicreihe „Waputa, die Geierkralle“ im Buch zu finden. Diese Serie von Herbert Reschke bediente sich skrupellos bei den Erzählinnovationen von Manfred Schmidt. Das kann man jetzt in einem schönen Nachdruck dieses Comics als Buch überprüfen. Und bei „Waputa“ ist man schon mit fünfzehn Euro dabei.

 Wie kam es zu dieser Serie? 1953, im Zuge der Deutung des Arbeiteraufstands vom 17. Juni, erkannte die politische Führung der DDR, dass man den Kampf um die ideologische Deutungshoheit auf einem Feld verlor, an das man gar nicht gedacht hatte: den Comics. Aus Westdeutschland wurden trotz Verbot munter Micky-Maus- und andere Comic-Hefte eingeschmuggelt und zu begehrter Tausch- und Bückware unter Jugendlichen, die den Nationalsozialismus nicht mehr bewusst erlebt hatten und also doch die ideale Generation für den Aufbau des Kommunismus sein mussten. Aber sie lasen die Bildergeschichte des  imperialistischen Klassenfeinds. Was tun?

Damals war man in Ost-Berlin noch zu Kompromissen bereit und ermunterte die Schaffung eigener Comic-Produkte, die dann aber dem sozialistischen Geist zu entsprechen hatten. Das berühmteste Resultat dieser kurzen Lockerungsphase war das „Mosaik“ von Hannes Hegen, das eine jahrzehntelange Erfolgs-, aber auch Auseinandersetzungsgeschichte mit der Staatsführung vor sich hatte. Auch die Zeitschriften staatlicher Jugendorganisationen, so „Frösi“ und „Atze“, brachten fortan Comics. Und es gab eine Serie, die nur eine kurze Zeit erschien, dafür aber im Erwachsenenheft „Das Magazin“. Ihr Name war „Waputa, die Geierkralle“.

Dass in der DDR große Indianerbegeisterung herrschte, ist bekannt. Die wurde auch staatlich akzeptiert, denn in den von den „Rothäuten“ bekämpften Weißen konnte man nur zu leicht eine Entsprechung zur aktuellen amerikanischen Gesellschaft sehen. Also nutzte der 1914 geborene Zeichner Herbert Reschke diese doppelt günstige Ausgangslage und schuf für „Das Magazin“ einen Indianercomic.

Sein Vorbild dafür war erkennbar „Nick Knatterton“ von Manfred Schmidt (das Netz bietet leider nur eine Beispielfolge für „Waputa“: https://www.ddr-comics.de/magazin.htm). Das passte gut, denn Schmidt stand der Bundesrepublik politisch skeptisch gegenüber und erwog öfters einen Umzug in die DDR (was er glücklicherweise aber nie tat). Entsprechend ironisch war sein Detektivcomic aufgezogen, und vor allem wurde darin ja hinter leicht durchschaubaren Masken oder Namen über Bonner Politiker gespottet.

In „Waputa“ findet das seine direkte Fortsetzung, wobei Reschke so geschickt war, als Gegenspieler für seinen großen Häuptling Waputa und dessen weißen Blutsbruder Old Schweißfoot (der im Laufe des Geschehens noch zweimal den Namen wechseln sollte) nicht Weiße, sondern den vom intriganten Häuptling Conny „der Alte Skunks“ angeführten Indianerstamm der Bonnatschen einzuführen. Denn „Waputa“ soll in witziger Form den deutsch-deutschen Konflikt thematisieren, wobei nur auf der Gegenseite erkennbare Persönlichkeiten auftauchen (vor allem der SPD-Parteivorsitzende Erich Ollenhauer, aber auch Erich Mende von der FDP und weitere Größen der westdeutschen Politik). Den eigenen Genossen wollte Reschke einen Auftritt in seinem Comic auch als Helden nicht zumuten.

Natürlich ist alles ein großes Intrigenspiel, in dem der ehrliche Waputa und sein weißer Bruder immer wieder auf hinterhältigste Art betrogen werden, aber ebenso selbstverständlich triumphier am Ende die Rote Sache: Die Einheit der Stämme wird wiederhergestellt, und der große weiße Jäger in Washington, der auf den Namen Meck Carci-nôm hört (das Wortspielniveau ist kläglich), hat ebenso das Nachsehen wie der böse Häuptling Conny. Im Gegensatz zum „Mosaik“ hat sich Reschke den westlichen Comics formal nicht allzu sehr angenähert. Sprechblasen gibt es in „Waputa“ nicht, alle Dialoge oder Beschreibungen sind als Texte unten in die Panels gesetzt. Trotzdem überlebte „Waputa“ mit seinen monatlich doppelseitigen Episoden nur ein Jahr lang.

Die Leser jedoch haben die Serie ofenkundig geschätzt, denn für das Jahr 1956 wurde eine Fortsetzung begonnen, die nun allerdings gar keinen Comic-Charakter mehr besaß, sondern in ganzseitigen Einzelillustrationen erzählte. Nach drei Folgen war zum Ärger von Reschke aber schon wieder Schluss.

Erfeulicherweise hat der auf den Nachdruck von DDR-Comics spezialisierte Dresdner Holzhof Verlag „Waputa“ nun komplett im Großformat neu herausgegeben, und es gibt dazu noch Skizzenseiten und Materialien – und zuguterletzt eine weitere „Waputa“-Geschichte, die Reschke 1969 zeichnete. In der DDR bekam sie aber kaum jemand zu Gesicht, denn damit wurde das vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund herausgegebene Magazin „Wir“ bestückt, das nur an Gewerkschaftler in der Bundesrepublik ausgeliefert wurde. In den zwölf erschienenen Folgen, die bis nach der Bundestagswahl im Herbst 1969 publiziert wurden, zeigte sich „Waputa“ viel moderner. Plötzlich gibt es Sprechblasen, und Reschke arbeitete sogar Fotos in seine Bilder ein (darunter die Sächsische Schweiz als Hintergrund im Wilden Westen, denn in der dortigen Felsenbühne von Rathen wurden und werden populäre Karl-May-Spektakel aufgeführt).

Und in dieser zweiten Episode von „Waputa, die Geierkralle“ wird dann auch weitaus offener ironisiert und kritisiert als anderthalb Jahrzehnte zuvor. Wehner, Kiesinger, Brandt und Strauß sind auf Indianergegenseite die Protagonisten, und als am Schluss der von der DDR erwünschte Sieg der sozialliberalen Koalition in der Bundestagswahl errungen und die NPD aus dem Parlament gehalten werden konnte, ist sogar so etwas wie Frieden im Wilden Comicwesten eingezogen. Doch Waputa ergreift noch einmal das Wort und predigt: „Warten wir erst die Taten unserer neuen Häuptlinge ab.“

Herbert Reschke blieben dazu nur noch fünf Jahre, er starb, nur sechzig Jahre alt, 1974. Sein „Waputa“ sollte kein weiteres Mal zum Einsatz kommen. Dabei war diese Bildergeschichte (Comic durfte in der DDR nichts heißen) mit dem Zweiteinsatz von 1969 das Modernste und Comicnächste, was der Sozialismus hervorgebracht hat. Vielleicht bekamen es darum nur die Gesinnungsgenossen im Westen zu Gesicht. Nun können auch die ostdeutschen Liebhaber der Serie ihr letztes Abenteuer studieren.