Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Ein Auge auf „Auge“

In der Berliner Comicszene ist ei eine Institution, vor allem jedoch hinter den Kulissen. Jetzt hat Peter „Auge“ Lorenz endlich wieder ein eigenes Buch gemacht.

Der Hinweis auf die Ausstellung kommt zu spät, doch ohne sie hätte ich nicht gewusst, dass Peter „Auge“ Lorenz wieder mal einen neuen Comic veröffentlicht hat. Aber der Reihe nach. Das Internationale Literaturfestival in Berlin hat sich in diesem Jahr verstärkt dem Comic gewidmet (und wurde dafür auch eigens vom Senat der Stadt gefördert). Es gab einen „Graphic-Novel-Tag“, etliche Auftritte von Zeichnern und sogar eine Ausstellung unter dem Titel „Comics aus Berlin – Bilder einer Stadt“, die von Jens Meinrenken kuratiert wurde und während der Festivaldauer das Gebäude der Festspiele schmückte. Das ist nun schon wieder einige Wochen her.

Schade, dass die Laufzeit nicht länger war, denn es wurde einiges an Mühe in die Präsentation gesteckt. Sie sah gut aus (vor allem Tim Dinters eigens angefertigte Wandarbeit), bot allerdings vor allem die schon bekannten Größen des hauptstädtischen Comiclebens wie Ulli Lust, Mawil, Flix, Kai Pfeiffer, Atak, Henning Wagenbreth, Aisha Franz, Reinhard Kleist, Fil und sogar Anke Feuchtenberger, obwohl sie Berlin schon vor mehr als anderthalb Jahrzehnten Adieu gesagt hat. Aber eben auch Peter „Auge“ Lorenz, der mir als Herz der Comicbibliothek Renate und einiger Sammelpublikationen in den neunziger Jahren noch ein Begriff war, den ich aber längst aus dem, ja, es muss sein, Auge verloren hatte.

Nun war in der Ausstellung von einem neuen Band die Rede: „Das Land, das es nicht gibt“, und ich habe ihn sofort gekauft. Ein „Projektblog“ dazu gibt es im Netz: https://augelorenz.blogspot.de/. Erschienen ist das Buch im Eigenverlag Jaja, und darin ist derselbe ungebärdige Stil zu finden, der Lorenz schon vor zwanzig Jahren auszeichnete – eine Bildgestaltung, die von vehementer Zeichnerfreude zeugt und sich nicht groß um Akademisches schert, ganz besonders nicht im Kernstück des neuen Geschichtenbandes, der langen Comicerzählung „18 Monate bei der Asche“, die nur dürftig verkleidet über Lorenz‘ Zeit (1982/83) bei der Nationalen Volksarmee berichtet.

Diese 25 Seiten umfassende Erinnerung entstand als ein 24-Stunden-Comic, musste also binnen eines Tages fertig werden. Entsprechend rauh ist sie gestaltet, aber das tut dem Thema gut. Es gibt zugleich das Motto fürs ganze Heft vor: „Die Militär-Ausgabe“ heißt es, was vermuten lässt, dass Lorenz mit dem Gedanken spielt, noch weitere gesammelte DDR-Reminiszenzen folgen zu lassen. Das soll er bitte tun.

Denn was er aus seiner Kinder-, Jugend- und Jungen-Erwachsenen-Zeitberichtet, ist ohne jede Nostalgie (mit Ausnahme einer ganzseitigen Zeichnung mit der Erinnerung des 1963 geborenen Berliners ans Trümmergrundstück des Gendarmenmarkts, auf dem man damals noch spielen konnte), dafür aber mit viel Ironie beobachtet, und die eigenen Rollen sind weiß Gott nicht die rühmlichsten. Für Westleser gibt es ein Glossar, das etwa spezifisch ostdeutsche Termini wie zum Beispiel „Asche“ fürs Militär erläutert, wobei man das nicht gebraucht hätte, denn selbst abseitigere Benennungen werden aus dem Kontext klar.

Bemerkenswert ist auch die Farbgebung. Der rasch gezeichnete 24-Stunden-Comic ist nur grob braun laviert, die beiden ersten Kapitel dagegen kann man fast schon aufwendig  nennen, wobei eine Kindheitsepisode im munter-flächigem  Kunterbunt gehalten ist, während die Erzählung des Versuchs, als Jugendliche in ein Restaurant zu kommen, das Westtouristen vorbehalten war, viel subtiler, „erwachsener“ koloriert ist. So wird der Reifeprozess der Protagonisten auch im Zeichenstil abgebildet. Eine schöne Idee. Und eine erfreuliche Wiederkehr von Peter „Auge“ Lorenz.

Übrigens: Es gibt auch eine kleine Publikation des Literaturfestivals zu seiner Ausstellung. Nicht viel Text steckt drin, denn man will dreisprachig sein, aber ein schönes knappes Kompendium zu den Stars der Berliner Comicszene ist der kleine Band allemal.