Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Wortlos durchs ganze Leben

Marion Fayolle nimmt eine große Tradition wieder auf: die stumme Bildergeschichte. Ihr Band „L’homme en pièces“ erschließt zugleich graphisch ganz neues Terrain.

Den Tipp verdanke ich Hanns Zischler. Von Zeit zu Zeit lässt er mich an seiner Begeisterung für Comics teilhaben, und im Regelfall bestelle ich blind, was er empfiehlt. So auch dieses Buch: „L’Homme en pièces“, einen französischen Band, aber das muss niemanden stören, denn es gibt außer den Episodenüberschriften kein Wort darin. Marion Fayolle erzählt nämlich ohne Texte.

Ist das dann überhaupt noch ein Comic? Berechtigte Frage, denn es gibt auch keine Bildrahmen, sondern die Darstellungen sind frei nebeneinander auf der Seite angeordnet. Andererseits wird dadurch die Abfolge und damit das Bewegungselement, das ein Charakteristikum des Comics ist, noch intensiviert. Also sage ich ja: Das ist ein Comic. Ein sehr guter sogar.

Übersetzt hieße der Band „Der Mensch in Stücken“. Genau das passiert in den kurzen Kapiteln, die bisweilen nur eine Seite, manchmal gar nur ein Bild umfassen: Menschen zerfallen darauf, nicht wie Zombies, sondern ganz selbstverständlich, als wären sie Puppen, und sie agieren dann mit den abgelösten Gliedern wie mit Werkzeugen. Oder einzelne Figuren werden von anderen wie Seifenblasen auseinander gepustet (und platzen natürlich auch). Es ist ein Papiertheater der Grausamkeiten, das hier inszeniert wird.

Zugleich aber sind die Erzählungen von Marion Fayolle auch sehr lustig – in jener erhellenden Komik, die zwar das Lachen im Halse stecken lässt, aber ein umso größeres intellektuelles Amüsement erzeugt. Auch das klingt wieder viel umständlicher, als es ist. Ich kann also nur weiterempfehlen, was mir selbst empfohlen wurde: Die Lektüre lohnt sich.

Oder sagen wir besser: das Anschauen. Die gerade einmal fünfundzwanzigjährige Fayolle (über deren Arbeit man sich unter https://www.michellagarde.fr/auteur/3/marion-fayolle.html informieren kann) benutzt eine leicht statische Figurengestaltung, die noch einmal mehr die Assoziation zum Papiertheater weckt. Und dann koloriert sie das Ganze, als ob es sich um recht grob gehaltene Holzschnitte handelte. Das ist ein Verweis auf die Vorbilder, die Bilderbögen des neunzehnten Jahrhunderts, auf spätere Meister wie Frans Masereel oder Lynd Ward oder – um ganz junge zu nennen – das französische Duo Ruppert/Mulot (die mir auch von Hanns Zischler nahegelegt wurden; wundersam, dass der Mann mit der schönen Stimme so sehr das Stumme protegiert).

Doch was man in „L’Homme en pièces“ erzählt bekommt, muss einen Schauspieler einfach begeistern. Hier werden auf theatralische Weise ohne jedes Dekor archetypische Situationen dargestellt. Aus diesem Band lernt man fürs Leben, was das Leben ist. Es ist Stückwerk, und wir alle sind verzweifelt bemüht, zumindest ein bisschen davon zusammenzuhalten.