Comic

Comic

Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Roboterwagemut in ferner Galaxis

Sebastian Stamm ist eigentlich Computerspiel-Entwickler. Den Spaß an aufwendig simulierten Welten merkt man seinem Comicdebüt „Lescheks Flug“ an.

Vor wenigen Wochen habe ich hier mit Jan Bauers „Der salzige Fluss“ das Comicdebüt eines Trickfilmers vorgestellt. Jetzt kommt ein Spieleentwickler dran: Sebastian Stamm aus Kassel, der mit „Tiny & Big“ für Aufsehen gesorgt hat. Aus diesem Computerspiel übernimmt er graphisch einiges für „Lescheks Flug“, seinen ersten Comic.

Allein schon Leschek, die Hauptfigur: Der kleine Roboter könnte optisch direkt aus dem Spiel stammen. Allerdings auch nur optisch. Erzählerisch entwickelt Stamm eine ganz eigene  Welt, die Planetenstadt Neulins, in der Leschek einen deprimierenden Job in einer Spielzeugfabrik innehat. Aus dem tristen Trott heraus träumt er sich in die Abenteuer der Figuren, die er herstellt, und als ihm ein durch mechanisches Versagen verendeter Arbeitskollege ein Raumschiff vermacht, sieht er endlich seine Chance zum Aus- und Aufbruch. Der Haken: Das geerbte Gefährt braucht immens viel Treibstoff, und Leschek hat kein Geld. Und es gibt für dieses Modell nur noch Piloten-Lernprogramme für Menschen, und Leschek ist eben ein Roboter.

Den Science-Fiction-Dekors, die Sebastian Stamm entwirft, sieht man den Einfluss seines Kasseler Hochschullehrers Hendrik Dorgathen an, und das ist kein Nachteil. Neulins erscheint als schmutzige Dystopie, wie sie durch die „Alien“-Filme im Genre verankert wurde, doch gleichzeitig hat Stamm ein sicheres Auge für sympathische Figurengestaltung. Leschek etwa weist alle Merkmale eines niedlichen Roboters auf, und der Mensch, den der Androide schließlich als Partner für seinen Flugfluchtplan findet, ist ein Träumer wie er, aber als junger Mann gerade erst der behüteten Kindheit entwachsen, ein Luke Skywalker im Kleinformat. Beider Nemesis sind die Kontrollroboter aus Lescheks Fabrik, die den gutmütigen Arbeiter schikanieren und seinen Plan vereiteln wollen.

Verriete man nun zu viel von dem, was Stamm in „Lescheks Flug“ erzählt, nähme man manchen Slapstick- oder Dramatik-Effekt vorweg, der an die besten Beispiele humoristischer Science-Fiction erinnert und deshalb besser selbst erlesen wird. Das Tempo dieses Comics ist anfangs gemächlich, ganz so, als käme man wie der deprimierte Roboter kaum vom Fleck, doch dann wird es immer actionreicher, und am Ende wünschte man sich dringend eine Fortsetzung, denn die beiden Hauptfiguren sind einem ans Herz gewachsen.

Gezeichnet ist das alles in relativ kleinem Format, dafür aber durchgehend farbig, in dunklen Farbtönen, wie sie Moebius in die Science-Fiction eingeführt hat. Und mit einer Detailfülle, die neben der eigentlichen Handlung noch ganz andere Geschichten erzählt, denn der dritte wichtige Akteur ist die Welt von Neulins selbst, deren Ästhetik und Sozialstruktur höchst subtil im Hintergrund porträtiert werden. Da merkt man Stamm noch einmal den erfahrenen Spieleentwickler an, dem an geschlossenen Universen gelegen ist. Ansehen kann man es unter https://www.the-stamm.com/wordpress/?p=480.

Dass „Lescheks Flug“ beim Kasseler Kleinverlag Rotopolpress herauskommt, hat seinen Grund nicht nur in persönlicher Bekanntschaft. Die Freude an anspruchsvollen Genrecomics prägt das Programm dieses noch jungen Verlags. Und Stamm rekurriert mit seinen Zeichnungen ganz klar auf den „Schwermetall“-Stil der siebziger Jahre. Da er ihr als Erzähler aber alles Metaphysische austreibt, ist sein Comic ein wunderbar unbeschwertes Lesevergnügen.