Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Eine Muslima als Marvels neue Superheldin

Kaum eine andere Comicserie wurde in Amerika je schon vorab derart neugierig erwartet wie „Ms. Marvel“. Nun ist das erste Heft da, und wir können sehen, wie eine junge muslimische Frau zur Heldin wird.

Das war typisch. Typisch Marvel und typisch Comicjournalismus. Als im vergangenen Dezember die Ankündigung gemacht wurde, dass 2014 im Rahmen einer der üblichen Komplettüberarbeitungen des Programms bei Marvel eine neue Heftserie namens „Ms. Marvel“ erscheinen sollte, deren Heldin eine junge amerikanische Muslima sei, überschlugen sich die Vorabberichte, ohne dass irgend etwas bekannt gewesen wäre, was über die spärlichen Angaben des Verlags hinausgegangen wäre. Nun ist das erste Heft da, und es wird wenig darüber gesagt. Dabei wäre es die Sache wert.

Wobei man sagen muss, dass es sogar schon  im Januar eine Schnupperprobe gab, die gänzlich unbeachtet blieb: In der Anthologie „Point One“, mit der all die schönen neuen Serien begrüßt wurden, fand sich auch die achtseitige Geschichte „Garden State of Mind“, mit der das junge Kreativ-Team, das „Ms. Marvel“ gestaltet, sich vorstellte: die Szenaristin G. Willow Wilson, die in ihren Zwanzigern einige Jahre in Ägypten gelebt hat, der kanadische Zeichner Adrian Alphona und dessen Landsmann Ian Herring, der für die Kolorierung verantwortlich ist. Gemeinsam haben sie eine Superheldin erdacht, die ein heutiges Teenager-Publikum faszinieren soll, das Wert auf die Beachtung von Gender-, Religions- und Gesellschaftsfragen legt  (Leseproben gibt es nicht, aber einen Blick auf die Variant-Cover der ersten Nummer: https://marvel.com/comics/issue/49089/ms_marvel_2014_1).

„Ich bin eine gestaltwechselnde, maskentragende, sechzehnjährige Super-Muslima aus Jersey City.“ So stellte sich Kamala Khan bei ihrem Kurz-Debüt vor. Zuvor konnte man ihr fünf Seiten dabei zusehen, wie sie sich dank ihrer Superkräften nach Belieben einschrumpfte oder auswuchs, um eine Schlacht auf einer Mülldeponie gegen ein mechanische Monster zu bestehen. Dabei wurde unter anderem ein Auto geworfen – seit dem Titelbild zum ersten Superman-Heft, 1938, eine geradezu ikonische Handlung in diesem Genre. Kamala alias Ms. Marvel will etwas werden im Geschäft der maskierten Retter und der bunten Heftchen.

Aber natürlich ist es vor allem der kulturelle Hintergrund, der die Serie interessant macht, und wenn Kamalas Mutter, die nach pakistanischer Sitte Ammi von ihrer Tochter genannt wird, mitten in der Müllschlacht anruft, um daran zu erinnern, dass die junge Frau gerade auf der Hochzeit eines Cousins vermisst wird, ist eine Humorebene markiert, die wichtig fürs ganze Geschehen ist: der Zusammenprall eines aufgeklärten, aber immer noch traditionell grundierten muslimischen Familienlebens in Amerika und der neuen Superheldenverpflichtung. Im ersten Heft der neuen Serie wird die Erwartung vor allem des Vaters, dass Kamala sich unterzuordnen habe, mittels einer ausgiebigen Essensszene verdeutlicht, bei der auch Abu-Jaan, der zumindest fundamentalistisch angehauchte ältere Bruder, eingeführt wird.

Es ist also einiges an privatem Konfliktpotential da, wie es für Marvel-Helden ja üblich ist. Doch darüber hinaus muss Kamala sich auch noch in der Schule behaupten, wo sie dank ihrer Religionszugehörigkeit und fremden Herkunft das Ziel manchen Spotts ist. Das wird ausgiebig im ersten Heft erzählt, wobei mit dem fleißigen Mitschüler Bruno, der in einem Kiosk namens „Circle Q“ jobbt, zugleich der wichtigste Gefährte von Ms. Marvel vorgestellt wird, der in „Garden State of Mind“ schon einen Kurzauftritt hatte, in dessen Rahmen man erfahren konnte, dass er um die Geheimidentität seiner Schuldfreundin weiß.

Alles vertraute Muster im  Marvel-Universum seit „Spider-Man“, doch G. Willow Wilson gibt sich redlich Mühe, die Probleme einer jungen Muslima in Amerika noch tiefer als üblich im Alltag zu verankern. Große Politik ist eben weniger wichtig als die nächste Umgebung, und im Spagat zwischen lebensfroher Jugendszene und geregeltem Zuhause wird Kamala mindestens so viel Geschicklichkeit beweisen müssen wie als bildschöne Heldin. Ihr Vorbild für letzteres Rollenbild ist übrigens Carol Danvers, die frühere Ms. Marvel, die der Verlag 2012 zu Captain Marvel befördern ließ – als erste Frau an führender Stelle im Comic-Universum. Ihr Auftritt im ersten Heft der Nachfolgerin ist von Adrian Alphona als eine Vision im Moment des Erwerbs von Kamalas neuen Superkräften gezeichnet, für die er sich des Vorbilds von Botticellis Venus und Raffaels Sixtinischer Madonna bedient hat. Weibliche Archetypen sind eines der ästhetischen Mittel, die diesen Comic prägen werden. Ein weiteres sind die bunten Farben, die Ian Herring benutzt. Sie lassen Orient und Jugendzeit gleichermaßen assoziieren und proklamieren ihre Vereinbarkeit miteinander.

Für die Rolle einer muslimischen Tochter aber hat Kamala kein Rollenvorbild, obwohl die Mutter eine starke Persönlichkeit ist, die aber doch dem Vater Yusuf untergeordnet bleibt. Hier wird der wichtigste Knoten geschürt, den es fortan regelmäßig zu lösen geben dürfte. Fünf Hefte wird die Ursprungserzählung „Metamorphosis“ umfassen; das erste ist nun als Auftakt der Serie erschienen.  Es findet sein Zwischenfinale in jenen Teilen von Jersey City, die in „Garden State of Mind“ mit dem Müllplatz wiederaufgenommen wurden, einer Scherbengegend, in der es auch eine soziale Trümmerlandschaft gibt. Das verspricht zusätzliche Spannung, denn der ungewöhnlich unspektakuläre Schauplatz dürfte einen genaueren Blick auf das heutige Amerika gestatten, wenn G. Willow Wilson ihn zu riskieren gewillt ist. Und diesen Anschein macht „Ms. Marvel“.

Zumal mit Sana Amanat eine Herausgeberin für die Serie verantwortlich zeichnet, die den kulturellen Hintergrund von Kamala Khan aus eigener Erfahrung kennt. Deren Mutter, Hamida Amanat, schrieb zum Start von „Ms. Marvel“ eine E-Mail, den ihre Tochter im Heft abdrucken lässt und beantwortet: „Danke, Mama. Ich bin so froh, dass Du endlich verstehst, wie ich mein Geld verdiene.“ Da scheint auch ein ähnlicher Konflikt bestanden zu haben wie im Hause Khan.