Comic

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Diese Erzählform vereint das Beste beider Kunstwelten: Wort und Bild. Was man davon lesen und was man besser meiden soll, steht hier.

Die Bomben tragen sie im Kopf

Jean-Pierre Filiu und David B. erzählen die Geschichte des amerikanisch-arabischen Gegensatzes als große Comic-Studie.

Wenn es einen Zeichner gibt, der es versteht, aus Traumbildern, ethnographischen Quellen und Comic-Ästhetik ein unverwechselbar zwingendes Amalgam zu formen, dann ist es der Franzose David B., der eigentlich Pierre-François Beauchard heißt. Schon in seinem Hauptwerk, der „Heiligen Krankheit“ (im Original: „L’Ascension du Haut Mal“), die von 1997 bis 2003 in fünf Bänden erschien und für die deutsche Ausgabe auf zwei Bücher verteilt wurde, hatte David B. eine wahre Bilderflut von orientalischen Motiven benutzt, um die eigenen kindlichen Visionen angesichts der Epilepsie-Erkrankung seines älteren Bruders umzusetzen. Und in späteren Bänden wie den „Chercheurs de trésor“, deren fiktive Handlung ganz im Morgenland angesiedelt war, ließ er seiner Faszination für die reiche ornamentale Bildsprache dieser Region erst recht freien Lauf. Wer wäre also besser dazu geeignet, eine weitere Geschichte umzusetzen die sich dem Nahen Osten widmet?

Und so hat David B. sich gern für ein dreibändiges Projekt namens „Les meilleurs ennemis“ (in der deutschen Ausgebe: „Beste Feinde“) gewinnen lassen, zu dem der französische Orientalist Jean-Pierre Filiu das Szenario geschrieben hat. Das ist allerdings keine fiktive Erzählung, sondern ein Sachbuch und zwar eine Studie zu den Beziehungen wischen den Vereinigten Staaten und dem Nahen Osten. Wer nun meint, da könnte man sich auf die Zeit seit 1948, also seit der Gründung Israels, beschränken, sah sich schon dadurch widerlegt, dass der erste Band, der vor drei Jahren erschien, im Jahr 1783 einsetzte, also bereits zu dem Zeitpunkt, als durch den Friedensschluss zwischen Engländern und Amerikanern die Vereinigten Staaten international handlungsfähig wurden. Auf hundert Seiten führte Filiu seine Studie dann erst einmal bis 1953 fort.

Dieser beim höchst anspruchvollen Futoropolis-Verlag erschienene, von mir geliebte (https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/cartoons/comics-zu-9-11-wenn-amerikas-himmel-zerbricht-11488694-p2.html) Auftaktband ist 2012 auch auf deutsch herausgekommen (bei Avant), und nun ist in beiden Sprachen endlich die Fortsetzung erhältlich, der Mittelband der Trilogie, der den Zeitraum von 1953 bis 1984 abdeckt, also Suezkrise, Sechstagekrieg, Yom-Kippur-Krieg, Islamische Revolution und Libanon-Krieg, um nur die wichtigsten Ereignisse dieser Spanne zu nennen. Dafür sind allemal wieder hundert Seiten notwendig, und es ist bemerkenswert, wie brillant sich die expressive Bildersprache von David B. mit den kühlen Sachschilderungen von Filiu verträgt. Erst die reichen gezeichneten Allegorien machen das Buch richtig einprägsam, denn David B. legt regelrecht optische Leitmotive durchs Geschehen.

Natürlich sind da erst mal die wichtigsten Protagonisten: Nasser, Eisenhauer, Arafat, Begin, Kissinger, Dajan, Reagan und natürlich Khomeini. Mit deren unverkennbaren individuellen Merkmalen spielt David B., wenn er etwa die stechenden Augen des Ajatollahs variiert, Waffen aus den Gesichtszügen diverser Politiker hervorspringen lässt, ihre Körper zu Schlangen deformiert, die sich um die Gegner legen – kurz: Der Zeichner nutzt die assoziativen Elemente von Bildsymbolen und verquickt sie mit den konkreten Ereignissen und Personen zu anschaulichen Geschichtslektionen. Von dieser Historiographik wird man einiges mehr im Kopf behalten als von anderen geschichtswissenschaftlichen Versuchen. Schauen Sie sich einfach mal ein paar Seiten daraus an: https://www.avant-verlag.de/comic/die_besten_feinde_eine_geschichte_der_beziehungen_der.

Wobei Filiu ergänzend ein großes Talent für die knappe Darstellung komplexer Sachverhalte besitzt. Dass Frankreich etwas stärker in dieser fortgesetzten Krisengeschichte vorkommt, als man hierzulande vermuten könnte, ist angesichts des dortigen Lesepublikums verständlich, und so kann man auch akzeptieren, dass etwa die für Deutschland so wichtige Geiselnahme während der Olympischen Spiele von 1972 nicht vorkommt. Dass allerdings die Ermordung Sadats 1981 ausgespart wird, verblüfft schon mehr – handelte es sich bei dem ägyptischen Präsidenten doch um den engsten Verbündeten der Amerikaner im arabischen Raum. Aber vielleicht nimmt Filiu das Ereignis noch im dritten Band etwas verspätet auf, da es von dort eine sehr interessante Ereignislinie bis zum Arabischen Frühling gibt. In das Schlusskapitel des nun publizierten zweiten Buchs, das dem Libanon-Konflikt von 1981 bis 1983 gewidmet ist, hätte es in der Tat nicht gut gepasst.

Vielleicht ist aber selbst ein am Ende auf mehr als dreihundert Seiten anwachsendes Comic-Sachbuch nur bedingt in der Lage, ein solch riesiges Thema abzubilden. Aber dass überhaupt einmal die Vorgeschichte jenes politischen Konflikts, der mit den Attentaten vom 11. September 2001 zum weltweit prägendsten unserer Zeit geworden ist, erzählt wird, ist hocherfreulich. Selbstverständlich bietet der weit zurückgreifende erste Band mehr inhaltliche Überraschungen, aber der zweite hat nun den Vorteil, etliches schon als bekannt voraussetzen zu können, so dass der überbordende Einfallsreichtum der Graphik von David B. nun nicht mehr ablenkt (was im Auftaktband bisweilen der Fall war), sondern neu gewichtet. „Beste Feinde“ bietet ein Konzept, das Schule machen sollte – wenn es auch nur wenige Zeichner vom Kaliber eines David B. gibt. Wenn man diese Vorgeschichte aber zum Beispiel zusammen mit Joe Saccos Comicreportagen über den Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern liest, hat man eine historische Anschaulichkeit, die Ihresgleichen sucht.